Ernst-Reuter-Platz

Der Ernst-Reuter-Platz in Charlottenburg gehört sicher nicht zu den schönen Orten der Stadt. Trotz seiner extrem breiten Gehwege ist er sehr fußgängerfeindlich, was vor allem an seiner Größe liegt und daran, dass er wie für den Autoverkehr geschaffen ist. Man braucht mindestens fünf Minuten, wenn man ihn unter Beachtung aller Ampeln zu Fuß umrunden möchte. Und die Ampeln und Autos zu beachten ist hier schwer empfehlenswert, falls man auf seine Gesundheit Wert legt. Die gerade am Straßenrondell oft desorientierten Autofahrer nehmen auch mal aus Versehen eine rote Ampel nicht wahr und bremsen dann in letzter Sekunde, um kurz vor (und manchmal auch hinter) dem Fußgängerüberweg zum Stehen zu kommen.
Die großzügige Weite des Ernst-Reuter-Platzes hat eher was von sowjetischer Stadtplanung, nicht aber von urbaner Weitläufigkeit. Der Blick, dem in alle Himmelsrichtungen keine Grenzen gezogen werden, schaut in uninteressante Straßenzüge, nur in Richtung Zoo bleibt er am Gebäude des Renaissance-Theaters hängen, und am Steinplatz, am alten Kino. Ansonsten ist der Platz nur ein Knotenpunkt der längsten Ost-West-Magistrale Berlins, die vom weiten Westen in den fernen Osten führt.
Anders sieht es aus, wenn man den Ernst-Reuter-Platz an einem späten Sommerabend aus einiger Entfernung betrachtet: Die von Scheinwerfern beleuchteten Fontänen geben ihm plötzlich etwas Weltstädtisches, fast möchte man sich im Inneren des Platzes auf eine Bank setzen und etwas ausruhen. Das wäre aber nicht wirklich empfehlenswert, denn der Lärm, der einem von allen Seiten entgegenschlägt, macht jede Rast zur Qual. Um das Platzinnere zu erreichen gibt es nur den Weg durch den Tunnel und den nutzt man am besten auch, wenn man auf die andere Seite des Areals möchte.

Ursprünglich war der Platz eine Station auf der Verbindung zwischen dem Berliner Stadtschloss und dem außerhalb gelegenen Schloss Charlottenburg. Die spätere Charlottenburger Chaussee (heute Straße des 17. Juni) war damals im 18. Jahrhundert ein Sandweg. Dort wo sich heute der Platz befindet, macht der Weg einen Knick, daher nannte man die Stelle auch “Umschweif”. Etwa ab 1830 wurde der Ort offiziell “Am Knie” genannt, dann nur noch “Knie”.
Während der Gründerjahre, als sich Berlin und die umliegenden Gemeinden wie Charlottenburg zur Millionenstadt entwickelte, nahm der Verkehr auf dieser wichtigen Verbindungsstraße dramatisch zu. Mittlerweile führten sechs Straßen unmittelbar auf den Platz. Mit dem Bau des unterirdischen U-Bahnhofes gab es eine Umgestaltung, es wurde eine Mittelinsel angelegt. Hier standen fortan Verkehrspolizisten, die vor allem mit dem Aufkommen der Kraftfahrzeuge nach dem Ersten Weltkrieg immer mehr zu tun hatten.

Zu Beginn des Zweiten Weltkriegs war das “Knie” zugebaut, markant war vor allem das 8-stöckige Rundhaus an der Hardenbergstraße Ecke Kurfürstenallee (heute auf dem Gelände der TU). Allerdings bot der Platz kaum zum Verweilen ein, es gab nur wenige Restaurants, Kneipen oder Läden. Schon damals war hier vor allem Bürokratie und Gewerbe angesiedelt. Das Ende des historischen Platzes kam am 1. Mai 1945, als sich die Wehrmacht eine Artillerieduell mit der 219. sowjetischen Panzerbrigade lieferte. Fast alle Gebäude waren danach abrissreif, die Gegend rund um den Platz ein Trümmerfeld.
Das änderte sich erst 1953, als der West-Berliner Senat den Wiederaufbau forcierte und damit gepaart eine Neugestaltung der Stadt. Hohe Häuser mit freien Flächen dazwischen, sowie helles und luftiges Wohnen, das war nun der neue Geist. Unter dem Titel “Hauptstadt Berlin” wurde ein internationaler Wettbewerb ausgeschrieben, er umfasste das Gebiet vom Knie bis zum Alexanderplatz – ungeachtet der Tatsache, dass der östliche Teil davon mittlerweile in einem anderen und zudem feindlichen Staat lag. Ergebnis dieses Wettbewerbs war unter anderen das heutige Hansaviertel, sowie auch der neue Ernst-Reuter-Platz mit seinen nun 180 Metern Durchmesser. Wären die Pläne von Le Corbusier verwirklicht worden, wäre der Platz heute nach New Yorker Vorbild mit teils 65-stöckigen Hochhäusern zugebaut. Das Ergebnis war dann etwas moderater und damals durchaus modern: Das Telefunken-Hochhaus, das Eternit-Haus oder das Institut für Bergbau am Rand des TU-Geländes vermittelten zu ihrer Zeit den Übergang in eine neue Epoche. Das Wirtschaftswunder schlug sich hier architektonisch nieder, man baute jetzt modern, hoch, offen, hell. Und natürlich immer in Konkurrenz zum östlichen Nachbarn, der gerade die Stalinallee hochgezogen hatte. Und so wurde das Knie am 1. Oktober 1953 in Ernst-Reuter-Platz umbenannt, nach dem zwei Tage zuvor gestorbenen Bürgermeister von West-Berlin. Ernst Reuter stand wie kaum ein anderer Politiker für den Willen der West-Berliner Bevölkerung, sich nicht von der DDR einnehmen zu lassen. Nur wenige Monate nach dem Aufstand am 17. Juni war die Benennung dieses Platzes ein politisches Signal.

Das Unwegsame des Platzes und die optische Kälte sollte ab 1960 durch das Anlegen des Wasserbeckens mit dem Brunnen behoben werden. Aber wirklich geklappt hat es nicht. Als der Springbrunnen 1993 aus finanziellen Gründen abgestellt wurde, protestierte Edzard Reuter, der Sohn des ersten Regierenden Bürgermeisters, und drohte an, dem Platz den Namen seines Vaters entziehen zu lassen. Er kritisierte den gedankenlosen Umgang mit dem Platz und dem damit verbundenen Namen und erreichte schließlich, dass eine Diskussion darüber in Gang kam. Zeitweise war dann tatsächlich die Umbenennung in “Europaplatz” im Gespräch, doch schließlich raffte sich der Senat auf und sanierte den Platz, das Wasserbecken und die Fontänen, die dann 1998 wieder in Betrieb gingen. Das Gesamtbild des Areals wurde jedoch nicht wesentlich verändert. Und so ist der Platz auch heute noch, was er schon vor über hundert Jahren war: Eine Verbindung mehrere großer Straßen. Aber kein Ort, den man gerne besucht.

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2 Kommentare zu Ernst-Reuter-Platz

  1. “denn der Lärm, der einem von allen Seiten entgegenschlägt, macht jede Rast zur Qual”

    stimmt ja gar nicht. der platz ist überraschend ruhig für den verkehr, der um ihn herumrast. mal selbst draufgewesen, autor?

  2. Ja, mehrmals, deshalb kann ich die überraschende Ruhe auch nicht bestätigen.

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