Unsichtbare Risse

Ich kam in den Raum in einem Hinterhaus im Schöneberg. Zehn, zwölf Menschen saßen darin, die Stühle an den Seiten aufgestellt, in der Mitte ein Tisch. Es war ein schwarz-weißes Foto, das darauf stand, schon einige Jahre alt, und zeigte eine ernst blickende Frau.
Ein paar der dunkelhäutigen Männer und Frauen sprachen leise miteinander, als ich rein kam nickten sie mir zu. Ich kannte sie fast alle und viele ihrer Geschichten. Und doch waren sie mir fremd in ersten Moment, denn trotz ihrer schlimmen Erlebnisse hatte ich die meisten von ihnen bisher stark, hoffnungsfroh, oft fröhlich erlebt. Auch in diesem Raum hatten wir erst vor Kurzem eine Hochzeitfeier, sie ging bis zum Sonnenaufgang, als die Polizei zum zweiten Mal Ruhe anmahnte. Diesmal aber war es so ganz anders.

Die meisten Gäste waren Landsleute mit ähnlichem Schicksal. Alle hatten bunte Kleidung angelegt, aber die Gesichter waren nicht bunt. Manchen sah ich an, dass sie mit den Gedanken bei der eigenen Familie waren, voll Sorgen. Man kommt zusammen, wenn es wieder jemanden getroffen hat, und man sieht doch nicht nur die anderen, sondern auch die eigenen Eltern, Geschwister, Freunde in der Heimat.

Kamal und Leela1, die eigentlich studieren wollten, aber wie die anderen ihr Land verlassen mussten, hatten jetzt ihre Mutter verloren. Die Armee hatte ihr Haus bombardiert, sie hatte keine Chance. Es war noch nicht lange her, der Anruf kam erst vor ein paar Stunden. Und nun saßen sie beide da, der Bruder versuchte die weinende Schwester zu trösten, konnte aber seine Tränen selber nicht halten. Ich ging zu den beiden, umarmte sie und brachte kein Wort heraus. Dann weinte auch ich los, weil ich meine lieben Freunde in ihrer Verzweiflung nicht helfen konnte.

Sie machten sich Vorwürfe, weil sie weggegangen waren. Dabei war Kamal schon längst auf den Listen des Geheimdienstes, nur mit falschen Papiere hatte er sein Land verlassen können. Es gab keine andere Möglichkeit mehr, aber was zählten jetzt schon solche Fakten. Jetzt saßen da zwei verzweifelte Menschen mitte Zwanzig, die nicht nur ihre Heimat verloren hatten, sondern auch noch den liebsten Menschen dort. Die nicht wussten, wie es nun weiter gehen soll.

Ich blieb zwei oder drei Stunden. Leela erzählte irgendwann, wie ihre Mutter sie immer wieder bestärkt hatte, sich als Mädchen und junge Frau nicht unterkriegen zu lassen. Wie sie dafür von Nachbarn angefeindet wurde. Und doch hart blieb und damit ein großes Vorbild für ihre Kinder war. Wir aßen Kekse und tranken Tee, hörten nun auch Geschichten von anderen, sprachen über die ungewisse Zukunft. Als ich ging, hatte ich das Gefühl, selbst einen Verwandten verloren zu haben.

Auf der Fahrt nach Hause, durch die Berliner Wirklichkeit, nahm ich sie wieder wahr, die sonst nicht gesehen werden, weil wir durch sie hindurch schauen. Die Menschen sind kaum existent im Bewusstsein der meisten Deutschen, dabei leben sie mitten unter uns. Wir sehen sie nur als “die Ausländer”, manchmal als Bedrohung, seltener als Opfer. Dabei sind sie oft nicht nur Opfer von Rassismus in unserem Land, sondern kamen schon geschunden und gejagt hier an. Sie sind diejenigen, die es wenigstens bis hier her geschafft haben und damit schon eine Minderheit. Was sie in ihrer Heimat erlebt haben, ob Krieg, Folter, Hunger, Unterdrückung, das wissen wir nicht. Und es interessiert uns auch nicht, oft nicht mal, wenn wir sie durch die Schule oder den Betrieb persönlich kennen. Sie sind unsichtbar, höchstens interessant als Staffage beim Karneval der Kulturen. Aber das Leid der Erinnerung und der Trennung, das nehmen wir nicht wahr. Dabei gibt es kaum Flüchtlinge, die keine Risse in der Seele haben.

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  1. Namen geändert []

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2 Kommentare zu Unsichtbare Risse

  1. Lieber Aro, deine einfühlsamen Worte machen mir deutlich, dass auch ich sehr oft über Menschen hinwegsehe, die scheinbar nicht dazu gehören. Ausländer, Obdachlose oder Punks stellen in unerer Gesellschaft tatsächlich lediglich Störenfriede dar. Auch ich bin erziehungbedingt geprägt auf westliche Zivilisation, Leistung und Ordnung.

    Obwohl auch ich in der Pubertät zum Rebellen geworden bin, fällt es mir sehr schwer in der heutigen Zeit Energie aufzubringen für unsere damaligen Träume und gegen die herrschenden Vorurteile in der Bevölkerung anzukämpfen. Dazu sind meine Lebenserfahrungen einfach zu negativ. Aber ich tue was ich kann.

    Übrigens: Die kleine “Campinggruppe” neben dem Fußweg vom Zoo zum Schleusenkrug, ist seit gestern endgültig “entsorgt” worden. Der Anblick von Obdachlosen war den Spaziergängern offensichtlich nicht mehr zuzumuten. In dieser kleinen, friedlichen Gemeinschaft gab es eine Art of “Chef” der auf die Sauberkeit an diesem Platz sorgte und auch sonst wurde man ich keiner Weise belästigt.

    Nun müssen sich diese Menschen einen Platz suchen, wo sie nicht gesehen werden…

    Der Gegensatz an dieser Stelle wird mir auf meinen Rundfahrten sehr fehlen, um ein reales Bild unserer Stadt zu zeigen.

  2. Mein lieber,
    ich danke Dir für Deine Fürsorge Anderen gegenüber die Trost und Hilfe brauchen. Ich bin stolz auf Dich.
    Michaels Beitrag gefällt mir gut. Nur die Aktion nicht, die mal wieder unnütz geschehen ist.

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