Daten von Polizei weitergegeben?

Auf einem Weblog aus Sachsen-Anhalt ist eine Liste aufgetaucht, die angeblich die Daten von 10 Personen aus der Rigaer Straße 94 und ihre Besucher enthält. Diese Daten wurden von der Polizei in der vergangenen Zeit bei Kontrollen in und am Haus aufgenommen. Da das Weblog von Rechtsextremen betrieben wird, ist zu vermuten, dass es sich um eine gezielte Aktion gegen Linke handelt, denn das ehemals besetzte Haus in der Rigaer Straße gilt als ein Zentrum der linksradikalen Szene Friedrichshains. Hier kam es in den vergangenen zwei Jahren immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Bewohnern und Unterstützern auf der einen und der Polizei auf der anderen Seite. Beide Parteien beschimpfen und bedrohen sich seit Langem und es blieb nicht nur bei verbalen Auseinandersetzungen. Während Polizeikräfte rücksichtslos das Gedäude stürmten und zahlreiche Einrichtungsgegenstände zerstörten, riefen die Bewohner ihrerseits zu gewalttätigen Aktionen auf, die auch regelmäßig erfolgten. Diese trafen aber in erster Linie nicht die Polizei, sondern private Autobesitzer, deren Fahrzeuge nachts abgefackelt wurden, obwohl sie mit dem Streit überhaupt nichts zu tun haben.

Dass nun auf einer rechtsextremen Website Namen und Meldeadressen von Leuten aus der Rigaer Straße auftauchen, wundert nicht. Auch von der Antifa werden seit vielen Jahren persönliche Daten von Neonazis veröffentlicht, beide Seiten nehmen es mit dem Datenschutz nicht so genau. Bedenklich ist aber, dass die aktuell veröffentlichten Daten vermutlich aus Polizeikreisen stammen. Und auch wenn erst 10 von angeblich 73 vorhandenen Datensätzen veröffentlicht wurden, dazu noch teilweise unkenntlich gemacht, ist dies schon ein Hinweis dafür, dass es bei der Polizei jemanden gibt, der Rechtsextremisten mit den Daten der kontrollierten Personen versorgt.

Es wäre nicht das erste Mal, dass sich Berliner Polizisten zum Rechtsextremismus bekennen. Einer ihrer Kameraden war sogar mal Vorsitzender der rechtsradikalen „Republikaner“. Erst kürzlich wurde bekannt, dass es Ermittlungen gegen drei Polizeibeamte gibt, die wegen rechtsextremer Sprüche aufgefallen sind. Im vergangenen Herbst wurde ein Berliner Beamter auf einem Pegidamarsch mit rechtsextremen Plakat fotografiert. Und wer mal das brutale Vorgehen einzelner Polizisten gegen Protestierer bei Bärgida-Demos beobachtet hat, kann sich des Eindrucks nicht erwähnen, dass sich die Beamten als Prügeltruppe der Faschisten verstehen. Damit will ich nicht sagen, dass die Mehrheit der Berliner Polizisten rechtsextrem ist, aber bei solchen Gelegenheiten merkt man doch schnell, wem die Sympathien vieler Beamter gehören.

Deshalb würde es mich nicht wundern, wenn persönliche Daten von vermeindlichen oder tatsächlichen Linken an die Neonazis durchgereicht werden.




Die Schlacht am Nolli

Wenn heute ein US-Präsident Berlin besucht, gibt es dagegen in der Regel nur wenige und zumeist friedliche Proteste. Das war mal anders. Als 1982 bekannt wurde, dass Ronald Reagan im Rahmen einer NATO-Tagung West-Berlin besuchen würde, entstand schnell eine breite Protestbewegung dagegen. Aufgrund der massiven atomaren Aufrüstung der USA und ihrer Unterstützung konterrevolutionärer Gruppen in Nicaragua ging die Ablehnung durch das gesamte linke, alternative und fortschrittliche Spektrum. Gewerkschaften, Parteien, Friedensgruppen bis hin zur Hausbesetzerbewegung wollten alle am 11. Juni demonstrieren, dem Tag von Reagans Aufenthalt in der halben Stadt. Es war auch klar, dass es von einigen Gruppen zu gewalttätigen Auseinandersetzungen kommen würde, was die meisten jedoch ablehnten. Und so wurde nach vielen Gesprächen beschlossen, zwei Demonstrationen zu veranstalten: Eine sehr breite am Vortag des Besuchs und eine direkt am 11. Juni, während Reagans Anwesenheit in Berlin.
Die Demo am 10.6.1982 wurde viel größer als erwartet, ungefähr 80.000 Menschen nahmen daran teil, zeitgleich gab es eine viermal so große Demo in der damaligen Regierungshauptstadt Bonn. Dies zeigte, dass es sehr viele Menschen gab, die gegen die Kalte-Kriegs-Politik der US-Regierung auf die Straße gehen. Zwar kam es auch hier zu Konfrontationen mit der Polizei, aber das hielt sich in Grenzen und eskalierte nicht.

Anders jedoch am nächsten Tag: Schon am Morgen hatte die Polizei den Nollendorfplatz abgesperrt, da die geplante Demonstration vom Gericht verboten worden war. Stoßstange an Stoßstange standen die Mannschaftswagen, quer über die Straße waren bis auf 2 Meter Höhe mehrere Rollen Stacheldraht übereinander ausgerollt. Als vielleicht 4.000 Menschen auf dem Platz waren, wurden sie eingekesselt. Die Polizei wollte sie einzeln kontrollieren und machten dazu an zwei Stellen die Sperre auf. Dort kam es natürlich zu Konfrontationen, die sich immer mehr ausweitete. Vom Innern des Kessels flogen massiv Steine auf die Polizei, die sich aber nicht hinein traute, um die Angriffe zu beenden. Und auch von außen wurden die Beamten angegriffen. Die Demonstranten brachen schließlich durch, so dass die Polizisten in ihre Mannschaftswagen sprangen. Mehrere dieser „Wannen“ fuhren dann in die Menge hinein, und machten Jagd auf kleine Grüppchen. Die Beamten sprangen dann raus, prügelten kurz auf jeden ein, den sie erwischen konnten und fuhren sofort weiter.

Um die Polizei zu stoppen, wurde ein Einrichtungsgeschäft geplündert und aus den Möbeln Barrikaden gebaut, die angezündet wurden. Einer der Mannschaftswagen blieb im eigenen Polizei-Stacheldraht hängen und wurde von den Leuten umgeworfen. Den Polizisten gelang es noch, mit ihren Waffen zu fliehen, aber das Fahrzeug wurde angezündet und brannte völlig aus.

Rund sechs Stunden lang tobten die Kämpfe, die sich vom Nollendorf- bis zum Winterfeldplatz und die umliegenden Straßen ausbreiteten. Es war eine der längsten und brutalsten Straßenschlachten der 1980er Jahre in West-Berlin und die größte öffentliche Aktion unter dem Selbstverständnis als Autonome. Am Ende gab es Dutzende Verletzte auf beiden Seiten sowie mehr als hundert Festnahmen.

Zwar gelang es den Demonstranten nicht, die Gegend zu verlassen und eine Demonstration in Richtung Schloss Charlottenburg durchzuführen, wo Reagan eine Rede hielt. Doch der Massenprotest vom Vortag und die schweren Krawalle an diesem Freitag sorgten weltweit für ein breites Echo. Die Aussage war, dass die Außenpolitik der USA es in der Bundesrepublik von vielen abgelehnt wurde.

Innerhalb West-Berlins führten die Krawalle dazu, dass es schwere Vorwürfe der bürgerlichen Parteien gegen die Alternative Liste (heute Grüne) gab, da diese die Demo angemeldet hatten, nach dem Verbot aber nicht absagten. Die Autonomen gerieten in der linken und Hausbesetzerszene ebenfalls unter Druck, weil solche Krawalle Sympathien in der Bevölkerung kosteten.

 




Autonome Kristallnacht

Extremisten zündeln gerne, das weiß man nicht erst seit dem 9. November 1938. Damals waren es jüdische Geschäfte, die Opfer der Angriffe wurden, heute sind es Türken und andere Zugezogene, aber auch der Rest der Bevölkerung.
Mehr als zehn Fahrzeuge wurden in der vergangenen Nacht von Linksextremen abgefackelt, die ihren Erfolg in einem Bekennerschreiben feiern. Darunter waren zwei Autos, die eindeutig türkischen Besitzern zuzuordnen waren, sowie Privat- und Firmenfahrzeuge. Zudem sind eine Reihe daneben stehender PKWs beschädigt oder zerstört worden. In einem Fall schlugen die Flammen eine Hausfassade hoch und bedrohten die Mieter.
Andere Bewohner sind Mitte der Woche ganz direkt Opfer eines Rollkomandos geworden: An der Adalbertstraße wurden ihnen Steine in die Fenster geworfen, offenbar weil die Zugezogenen vertrieben werden sollen. Auch hier wurde auf der Straße Feuer gelegt.
Überhaupt gefallen sich die Täter in der Zerstörung. Im August legten sie zum wiederholten Male Feuer an einem Kabelschacht der S-Bahn, so dass mehrere Linien tagelang ausfielen. Zehntausende Fahrgäste wurden durch diesen Anschag gezwungen, Umwege zu fahren oder kamen zu spät zur Arbeit.
Was die Idioten mit ihrem Terror bezwecken, ist völlig unklar. Offenbar wollen sie nur Angst schüren, ähnlich wie Rocker, Nazis, Hooligans und solche Leute.




Traurige Blüten

Zu fast sechs Jahren Haft hat das Landgericht Berlin vorgestern den 29-jährigen Maik D. verurteilt. Er hatte zugegeben, im Neureichen-Viertel rund um den Kollwitzplatz in zehn Hausfluren Kinderwagen angezündet zu haben. In den Medien wurde er gleich als “Schwabenhasser” tituliert, die üblichen Hetzblätter stellten ihn in bekannter Weise an den Pranger. Die RBB-Boulevard-Abendschau verhöhnte ihn und zog den dummen Vergleich, dass Maik D. ja genauso fleißig gewesen wäre, wie man es den Schwaben nachsagt – weil er mehrere Jobs machen musste, um überhaupt finanziell überleben zu können.

Auch bei André H., der im Herbst verhaftet wurde, weil er Dutzende von Autos angezündet haben soll, zerrissen sich die Gossenmedien von Bild bis Abendschau das Maul. Reporter erschlichen sich bei Bekannten mit Lügen das Vertrauen, um an Informationen und Fotos zu kommen. Bei Freunden von ihm fotografierten sie heimlich die Wohnung und stellten gegenüber Nachbarn die Freunde als Komplizen hin. Der schwer kranken Mutter sowie der behinderten Schwester des Mannes wurde aufgelauert, es waren die bekannten ekelhaften Vorgehensweisen, die nicht selten zur Folge hatten, dass sich Betroffene das Leben nahmen. Die Hetzer freut’s, denn das gibt eine weitere Schlagzeile.
Wer aber Maik D. und André H. sind, wieso sie das taten, das wird nicht wirklich thematisiert. Sie sind sicher nicht “irre”, wie das mehrmals formuliert wurde, auch wenn die Taten andere Menschen gefährdeten, und deshalb nicht zu akzeptieren sind. Aber von beiden ist bekannt, dass sie sehr arm und an der Ausweglosigkeit ihrer Lage verzweifelt sind. Es ist ja nicht ungewöhnlich, dass Menschen um sich treten, wenn sie in die Enge getrieben werden. Ich glaube, dass es bei den Brandstiftern André H. und Maik D. genauso ist. Das entschuldigt die Taten nicht, aber es erklärt sie. Andere Menschen unternehmen nichts, sondern lassen sich mit Schnaps volllaufen oder hängen sich auf. Verzweiflung, Hilflosigkeit und Vereinzelung treibt manchmal traurige Blüten.

Völlig anders sieht es bei den Tätern aus Friedrichshain aus: Was sie tun, ist reiner Terror und zwar nicht mehr nur gegen die Polizei und Hausbesitzer, sondern auch gegen die ganz normale Bevölkerung. Seit der Räumung des Hauses Liebigstr. 14 werden die neuen Bewohner, aber auch Nachbarn aus den umliegenden Häusern, terrorisiert. Ihnen werden Autos abgefackelt und die Fenster eingeworfen, wenn sie z.B. der Polizei Informationen gegeben haben. Dass dabei in den Wohnungen auch Kinder durch Steine oder Scherben verletzt werden können, ist ihnen offenbar egal. Damit wollen die Autonomen erreichen, dass die Nachbarn eingeschüchtert werden. In einem Schreiben der “AntiYuppieFront” raten sie allen, die die Polizei rufen, “schnell den Wohnort zu wechseln. Wer in den Akten der Polizei auftaucht, kann den Umzugswagen rufen!” Schon einige bekamen “Geschenke in Form von Müll, Kot, Metall- und Glasprojektilen, Ziegelsteinen, Pflastersteinen.” Es ist eine Bedrohung wie durch die Mafia.

Am vergangenen Wochenende zeigten diese Leute, dass sie es Ernst meinen. Am Rande einer Demonstration wurden z.B. ungeschützte Polizisten, die zur Verkehrsregelung eingesetzt waren, mit Eisenstangen zusammengeschlagen. Auch der Beamte, der mit der Demo-Anmelderin den Kontakt hielt, wurde zum Opfer dieser Gewalt.
Maik D. und André H. zündeten aus Frust über eine Entwicklung, die die Stadt immer kälter werden lässt, weil sie Menschen ausgrenzt, die kaum das Geld zum Leben haben. Die Autonomen jedoch nutzen diese Gentrifizierung, indem sie jeden einschüchtern, der nicht ihrer Meinung ist. Man kennt das aus Neonazi-, Rocker- und anderen Fundamentalistenkreisen, egal ob unter politischem oder religiösem Vorwand.
Sie verteidigen mit purer Gewalt ihre Pfründe, ihnen geht es nicht um besser Lebensbedingungen, sondern darum, im Kiez die Kontrolle zu haben. Politische Gruppen, Stadtteil-Initiativen, die dieses Vorgehen kritisieren, werden als Handlanger des Staates diffamiert.

Natürlich ist die Entwicklung wie im Prenzlauer Berg oder Kreuzberg für die Betroffenen schlimm, Zehntausende wurden in den vergangenen 15 bis 20 Jahren vertrieben, weil die Mieten ins Unbezahlbare gestiegen sind oder die Häuser luxussaniert und in Eigentumswohnungen umgewandelt wurden. Dass viele Menschen dadurch verzweifeln und teilweise in ihrer Hilflosigkeit einen falschen Weg wählen, ist leider die Realität. Ich glaube jedoch nicht, dass die Gewalt gegen Zugereiste oder Nachbarn, die sich selbst durch die Verhältnisse kämpfen müssen, gerechtfertigt ist. Sie wird stattdessen das Gegenteil bewirken und den Law-and-Order-Politikern in die Hände spielen. Vielleicht ist das ja genau das, was sie Autonomen wollen.




Sie sagen: “Wir trauern”

Heute habe ich ein Plakat gesehen, frisch geklebt, von irgendeiner Autonomengruppe: “Wir trauern um … , von den Bullen ermordet.” Den Namen kenne ich nicht, der Hintergrund ist mir auch nicht bekannt, ich glaube es ging dabei um einen Getöteten in Griechenland. Es ist auch das gute Recht, wenn jemand trauert, weil er einen Menschen verloren hat, den er geliebt, gemocht oder wenigstens gekannt hat. Auch ich kenne dieses Gefühl, habe schon ein paar Freunde verloren, durch Drogen, Alkohol, Selbsttötung. Einen durch Mord, Silvio, der damals zu meinem Umfeld gehörte und für den seit 20 Jahren immer im November ein Gedenkmarsch durch Friedrichshain stattfindet.

Ich nehme nicht daran teil. Nicht, weil ich ihm nicht gedenken will oder nicht an seinen Tod durch Neonazis erinnern möchte. Aber wenn ich diese Demonstrationen sehe, dann kann ich nicht mehr trauern. Es sind immer die gleichen Bilder. Leute, die von Trauer sprechen, aber nur Aggressivität ausstrahlen. Sie schreien Parolen, anstatt zu schweigen. Sie pöbeln Passanten und Polizisten an, und wissen dabei nicht, dass Silvio ein sehr ruhiger und zurückhaltender Mensch war. Aber es wäre ihnen wohl auch egal, denn sein Tod interessiert sie in Wirklichkeit gar nicht. Sie funktionalisieren ihn, sie nutzen ihn als Waffe in ihrem Kampf gegen die Gesellschaft. Der Tod von Silvio wird genauso benutzt wie der des Jungen in Genua, der in Griechenland oder der erschossenen Frau in Frankfurt im vergangenen Jahr.

Nein, sie trauern nicht. Sie akzeptieren nicht mal die Trauer der Angehörigen und Freunde, die um Gewaltfreiheit gebeten haben und um einen ruhigen Marsch.
Trauer ist das nicht. Es ist Hass. Sie sollten dieses Wort nicht nutzen, es ist unglaubwürdig. Und es schlägt auf diejenigen ein, die wirklich um den Menschen trauern.




Linksfaschos schlagen zu

Gleich zweimal gab es innerhalb weniger Stunden Anschläge von linken Extremisten. Auf einer Demonstration gegen den Sozialabbau in Mitte wurde aus einem “Antikapitalistischen Block” heraus ein Sprengkörper mitten in eine Gruppe Polizisten geworfen. Es gab 15 Opfer, zwei von ihnen liegen mit schweren Verletzungen im Krankenhaus. Die Splitter des Sprengkörpers haben sich durch deren Schutzkleidung in die Körper der Polizisten gebohrt. Auf dem Video ist die Wucht der Explosion gut zu sehen, es handelt sich dabei nicht um Feuerwerkskörper, sondern vermutlich um eine selbstgebaute Bombe.

Nur wenige Stunden später drangen Autonome in das einstige Künstlerhaus Bethanien ein, das seit letzter Woche leer steht. Seit 2008 arbeiteten sie systematisch daran, die Künstler von dort zu vertreiben, um das Haus selber zu besetzen. Einen Seitenflügel des Komplexes besetzten sie bereits seit zwei Jahren, vom grünen Bürgermeister Franz Schulz geduldet. Von dort gab es immer wieder Angriffe gegen die Künstler im Haupthaus.
Nach mehr als 30 Jahren gaben die eigentlichen Nutzer des Hauses schließlich auf und zogen in ein Fabrikgebäude in der Kottbusser Straße. Gestern nun drangen linke Autonome in das verlassene Gebäude ein und zertrümmerten die Einrichtung, die nicht mitgenommen wurde. Damit wollen sie offenbar ihren Anspruch geltend machen, selber zu entscheiden, wer dort leben oder arbeiten darf und wer nicht.

Diese Aktionen beweisen einmal mehr den Charakter der Links-Autonomen, die in Berlin immer massiver Gewalt einsetzen, um ihre Ziele zu erreichen. Grüne und Linkspartei haben sich bis heute nicht von diesem extremistischen Vorgehen distanziert, das sich in keiner Weise mehr von dem der Neonazis unterscheidet.




Mein Christian Klar

Ich bin kein Sympathisant der Roten Armee Fraktion, war es auch nie, und ich bin auch Christian Klar nie persönlich begegnet. Trotzdem verbindet mich mit ihm etwas. Etwas auch im Sinne von “wenig”, aber nicht von “nichts”. Als ich heute von seiner vorzeitigen Entlassung aus dem Gefängnis hörte, nach etwas über 26 Jahren, berührte es mich schon. Unbestimmt.
Klar saß wegen der Morde von 1977. “Buback, Ponto, Schleyer – der nächste ist ein Bayer”, sang ich als Jugendlicher, dem damaligen Ministerpräsidenten Franz-Josef Strauß in herzlicher Ablehnung verbunden, aber ansonsten ohne politischen Hintergrund. Die Anschläge der RAF faszinierten mich und einige meiner Freunde, nicht wegen der politischen Absicht, sondern einfach nur aufgrund der perfekten Dramaturgie. Der Staat war plötzlich hilflos, die auf allen Straßen präsente Polizei machte sich immer lächerlicher, weil sie nichts auf die Reihe bekam. Nur die paar verwegenen Gestalten, die “Baader-Meinhof-Bande”, führte die Regierung an der Nase herum. Sie waren für mich wie Robin Hoods, unfassbar für den Verstand und die Polizei. Trotz des riesigen Aufgebots an Sicherheitskräften mordeten sie weiter. Faszinierend waren auch die vorgeführten Fernsehaufnahmen nach den Selbstmorden von Stammheim: Selbst hier, im sichersten Gefängnis Deutschlands, konnten die Terroristen Waffen reinschmuggeln, sie konnten sich mit selbstgebauten elektronischen Geräten miteinander verständigen. Für uns Jungs war das einfach spannend, den Ernst der ganzen Sache erkannten wir gar nicht. Auch ich war diffus gegen den Staat, er stand für mich für viel Negatives. Kontrolle, Vorschriften, Gefängnisse, ich war ja gerade in der Phase flügge zu werden, mein Leben selber zu organisieren, mit erster eigener Wohnung, eigener erblühender Sexualität, mit eigener Selbstherrlichkeit. Da passte es gut, dass es irgendwo eine Gruppe gab, die “das System” bekämpfte. Ulrike Meinhofs Bild, das traurig nach unten blickende Gesicht und ihr Tod ein Jahr zuvor, hatten mich gerührt. Für mich war sie damals die, die das Buch “Bambule” geschrieben hatte, in dem es um das Aufbegehren von Mädchen in einem Erziehungsheim ging. Die Revolte aus dem Buch gab es wirklich, und in meinem Bezirk, in Kreuzberg, hatten Leute schon vor längerer Zeit das Rauchhaus besetzt und das Tommihaus, um jugendlichen Ausreißern ein Zuhause zu geben. Auch ich begehrte auf, wollte meine Grenzen durchbrechen, überall spürte ich Spießigkeit. Und wer sich dagegen wandte, hatte automatisch meine Sympathie.
In mein Zimmer hängte ich das berühmte Foto von Che Guevara auf, ich besuchte Ulrike Meinhofs Grab in Mariendorf, und ich tauchte in die Schwulenszene ein, weil ich dachte, dass das ja alles zusammengehört. Und während ich tagsüber meine Lehre in einem Kaufhaus absolvierte, klaute ich zum Feierabend im selben Gebäude kistenweise Langspielplatten, um sie in unserem Jugendclub zu verscherbeln. Einbrüche in Autos und Supermärkte folgten, es ging nicht nur um das Geld, sondern auch um das Ausbrechen aus dem geregelten, vorgeschriebenen Leben. Bei unseren Aktionen fühlten wir uns wie ein Teil der RAF, handelten in ihrem Geiste. So kam es uns vor. Und so fanden wir das klasse und uns gefährlich. Es war eine kindlich-jugendliche Spielerei, bis Anfang der 80er Jahre.

Im Frühsommer 1980 fand wie jedes Jahr die Militärparade der West-Alliierten auf der Straße des 17. Juni statt. Meine Mam, die damals Abteilungsleiterin in einer Bank war, kopierte mir in der Firma Flugblätter, die ich vorher gezeichnet hatte. “Anarchistische Revolution des Volkes” stand da, mit großer schwarzer Fahne (sehr praktisch, weil es ja nur Schwarz-weiß-Kopien gab). Dazu ein Text, der von einer Ermordung Ulrike Meinhofs und den Stammheim-Gefangenen sprach. Mit einem Stapel dieser Flugblätter stand ich am S-Bahnhof, ich kam nicht mal dazu, ein einziges zu verteilen. Schon saß ich in der Wanne, die Polizisten um mich herum machten sich über den Text lustig und fragten, ob ich das wirklich glaubte. Es war mir peinlich, gleichzeitig aber hatte ich einen riesigen Hass. Kurz überlegte ich sogar, ob ich einen Ausbruchsversuch starten sollte, so heroisch kam ich mir vor.
Mein damaliger Hass war nicht ganz unbegründet: Eine Woche zuvor war ich im Wendland geräumt worden. Im Widerstandsdorf, das zur Verhinderung des Atomendlagers Gorleben errichtet worden war, hatte ich schon einige Tage gelebt. Eines Morgens dann ging es los. Erst kamen die Hubschrauber, fünf, zehn, sie flogen direkt über die Hütten, mancher nur wenige Meter darüber. Und dann sahen wir die Fußtruppen. Tausende weiße Helme bildeten in der Ferne einen riesigen Kessel, während sie über die Felder auf uns zu kamen. Wir waren ein- bis zweitausend Menschen, friedlich, sehr viele Kinder, sehr viele alte Menschen, Bauern und Hausfrauen aus der Umgebung. Das erste Mal in meinem Leben habe ich damals diese Mischung aus Angst und Hass erlebt. Der 4. Juni 1980 war für mich der Punkt, an dem ich zum Staatsfeind wurde. Was vorher war, war unbewusst nur Spielerei. Aber als die Polizei am Dorf angekommen war, rollten sie mit ihren Baggern und Panzern all unsere Hütten und Zelte nieder. Wären noch Menschen drin gewesen, sie hätten das nicht überlebt. Einen unserer beiden Türme, ca. 15 Meter hoch, konnten sie nicht erstürmen. Also stießen sie ihn einfach um, mit den Leuten, die oben waren. So viel Geschrei, Hassgebrüll aus tiefster Überzeugung, so viel verzweifelte Menschen habe ich vorher nie gesehen.
Mit dieser Erfahrung solidarisierte ich mich nun in Berlin mit einer Toten, die es sich wohl verboten hätte, als Anarchistin bezeichnet zu werden. Spätestens an diesem Tag wurde ich wohl auch beim polizeilichen Staatsschutz erfasst.

Nahtlos ging es weiter, die Hausbesetzerbewegung hatte schon begonnen und hier lernte ich langsam, dass es viele verschiedene Fraktionen gab im Kampf gegen den Staat, das System, das Kapital. Und auch, dass viele der Gruppen regelrecht verfeindet waren, weil die anderen die falsche Ideologie hatten, oder zu viel oder zu wenig gewaltbereit waren. “Konsequenz” war der Begriff, auf den ich immer wieder stieß und er hatte etwas Negatives. Konsequent waren z.B. die “Genossen”, die im Mai das Amerikahaus in Berlin besetzt und mit Molotowcocktails verteidigt hatten. 13 von ihnen kamen aus einem besetzten Haus in Kreuzberg, Luckauer Straße. Ich wohnte nur 100 Meter weiter, sah die Polizei, die die restlichen Bewohner abführte, zusammenschlug und über die Dächer jagte. Die Amerikahaus-Besetzer waren RAF-Sympathisanten, Unterstützer, aber sie hatten in der Besetzerszene ihren Platz. Zwar war die Mehrheit gegen sie, doch Solidarität war selbstverständlich und es gab ja viele Fraktionen, warum also nicht auch sie. Ich hatte mich gerade in einen jungen Mann aus diesem Haus verliebt, der jedoch nicht zu den RAF-Sympies gehörte und so lernte ich dort einige Leute kennen, die immer “konspi, konspi” waren. Es durfte ja nicht mit Leuten von “außen” (also wie mich) über politische Dinge gesprochen werden, alles war konspirativ, geheim. Bei manchen konnte ich mir vorstellen, dass sie nicht mal sagten, wenn sie aufs Klo gingen. Einer ihrer wichtigsten Leute wurde nach der Wende als Stasispitzel bekannt, mehrere andere als welche vom Verfassungsschutz. Aber hauptsache konspi.
Mein wichtigster Eindruck dieser Szene war, dass sie extrem arrogant waren. Wer nicht dazu gehörte war schon allein deshalb “verdächtig”. Als mir mal jemand sympathisch war und er plötzlich nicht mehr auftauchte, machte ich den Fehler, nachzufragen. Sofort wurde ich angeschrien, wieso ich hier herumspitzele, ob ich vom Verfassungsschutz wäre. Das halbe Haus lief zusammen und umringte mich, man warf mir die absurdestens Dinge vor. Allein meine Art wäre ja schon immer verdächtig gewesen, meine Fragen, meine regelmäßigen Besuche usw. Schließlich durfte ich dann gehen, wurde also nicht gekreuzigt, Glück gehabt. Dieses Erlebnis, aber auch zahlreiche andere in der selben Richtung, machten mir diese Leute sehr unsympathisch. Von außen wurden sie “Anti-Imps” genannt, weil sie den “anti-imperialistischen Kampf” führten, wie in all ihren Pamphleten stand. Genauso wie von ihren Vorbildern, der RAF, kamen auch von den Anti-Imps öfter mehrseitige Flugblätter, sogenannte Erklärungen, die in völlig unverständlichem Deutsch geschrieben waren. Die Texte entsprachen ihrem überheblichen Auftreten bei persönlichen Begegnungen, mir und wohl den meisten anderen waren sie zutiefst unangenehm. Trotzdem ging von ihnen gleichzeitig eine Faszination aus, weil sie eben zum Umfeld der RAF gehörten. Die Militanz der Terroristen war weiterhin interessant, zumal auch wir uns auf der Straße und bei Räumungen mit der Polizei prügelten. Die RAF war aber weiter gegangen, in den Untergrund, das war eine Entscheidung, die mir Respekt abverlangte. Wer für seine politische Überzeugung einen solchen Schritt ging, musste ein besonderer Mensch sein. Dass diese Leute großes Leid bei den Hinterbliebenen ihrer Opfer geschaffen haben, wollte ich damals nicht sehen. Für mich waren sie offensive Kämpfer. Und die Anti-Imps waren Idioten, die sich der RAF anbiederten.

Mittlerweile gab es Fotos von Christian Klar, als er mit zwei weiteren Mitgliedern einen Hubschrauber mietete. Darauf sah man einen jungen, gutaussehenden Mann, der Selbstbewusstsein ausstrahlte. Bilder können einem etwas vorgaukeln, man kann so viel hinein interpretieren, dass es schon peinlich ist. Man denke an das Foto von Che Guevara, mit seinem “wilden” Blick, das heute sogar schon in Kudamm-Läden verkauft wird. Oder das von Ulrike Meinhof, das in den 80er Jahren in vielen Wohngemeinschaften hing. Für mich waren diese Bilder von Christian Klar wichtig. Auf ihnen sah ich einen Revolutionär, der für die gute Sache kämpfte, ohne Gnade, auch ohne Rücksicht auf die eigene Freiheit oder das eigene Leben. Zu diesem Zeitpunkt waren ja schon mehrere RAF-Mitglieder getötet worden, meist beim Versuch, sich der Verhaftung zu entziehen. Klar war ein Vorbild, aber seine RAF und vor allem deren Unterstützer nicht.
Trotzdem lernte ich in den folgenden Jahren immer wieder einige von ihnen näher kennen. Bei Christian Klars Verhaftung Ende 1982 war ich gerade in Karlsruhe. Mit zwei Freunden, die auch um die 20 Jahre alt waren, wohnte ich in einer Wohnung gegenüber des Bundesgerichtshofs, in der vorher angeblich Terroristen gelebt haben. Beide Freunde waren damals RAF-Sympathisanten, was später auch zum Bruch zwischen uns führte. In dieser Zeit aber lebten wir als Kommune im Dachgeschoss, mit bestem Blick auf den BGH. Das hatte auch die Polizei mitgekriegt und am Tage von Christian Klars Verhaftung wurde unsere Wohnung gestürmt. Vorn die Tür aufgebrochen, von oben durch das Dachfenster, bevor wir irgendwas kapierten schauten wir alle in die Mündungen von Maschinenpistolen. Dann die Durchsuchung, eher Razzia, also Zerstörung, übelste Beschimpfungen, Drohungen, Schläge. Aber sie fanden nichts, was einen Haftbefehl gerechtfertigt hätte. Danach fanden wir nichts, was nicht zerstört worden wäre. Selbst die Kacheln waren aus den Wänden herausgeschlagen. Und noch am gleichen Tag kam die Kündigung durch den Vermieter.

Damals sah ich mich als jemand, der im Widerstand steht. Hausbesetzungen waren nur eine Sache. Ich kämpfte mit gegen die Startbahn West am Frankfurter Flughafen, gegen Atomlager, sprühte Parolen an Bundeswehrkasernen, schmiss Steine gegen Polizisten, Straßenschlachten kamen immer wieder vor. Berlin, Hamburg, Freiburg, Zürich, Kopenhagen, gegen Nazis, Spekulanten, Soldaten, Atomenergie, Bullen, unsere Feindbilder waren vielfältig und sie waren überall. Aber es gab immer eine Grenze: Niemals wollte ich einen Menschen töten. Und auch in den Untergrund würde ich nicht gehen, jedenfalls nicht freiwillig. Auch mit der Kommunismus-Propaganda der RAF wollte ich nichts zu tun haben, ich sah mich eher als Anarchist, der Parteien und Führerprinzip ablehnt. Für Kadergruppen war ich sowieso viel zu chaotisch und undiszipliniert. Trotzdem gab es eine Verbindung im Geiste. Die Texte der RAF erzählten von Solidarität mit den Unterdrückten in der Dritten Welt. Vom Hunger und der rassistischen Ausbeutung. Von Kämpfen, die wir unterstützen müssten. Sie appellierten an meinen Gerechtigkeitssinn, mit Erfolg, denn natürlich wollte ich gegen all das etwas tun. Aber eben nicht in dieser Art und in einer solchen Organisation.

Durch einen anarchistischen Freund landete ich Mitte der Achtziger in Frankfurt am Main. Sein Bruder war mit einer Friseurin zusammen, die in Kontakt stand mit Gefangenen aus der RAF. Sie hatte einen eigenen Salon in Mainz, früher waren Helmut Kohl und Heiner Geißler regelmäßige Kunden gewesen, doch die Polizei hatte sie gedrängt, sich einen anderen Friseursalon zu suchen. Aus Sicherheitsgründen. Sie war befreundet mit der Mutter von Gudrun Ensslin, einer derjenigen, die sich 1977 in Stammheim umgebracht hatten. Die Mutter lud uns zu Tee und Gebäck ein, es war sehr persönlich und dann erzählte sie, was sie so macht. Dass sie ja immer Humanistin war und ihre Tochter in diesem Sinne erzogen hatte. Dass Gudrun ein guter Mensch gewesen und geblieben war, auch als sie schon in der RAF kämpfte. Sie sprach mit großer Zärtlichkeit über die RAF-Leute, auch über diejenigen, die zu diesem Zeitpunkt im Untergrund waren. Beide unterhielten sich über einzelne Gefangene und es war so, als hätten sie auch zu einigen der aktiven Leute Kontakt. Als die Friseurin meine Meinung über Christian Klar hörte, musste sie lachen. Aber sie sagte, dass ich gar nicht so falsch läge, das wäre alles Auslegungssache. Mit den Anti-Imps hätte ich solche Gespräche niemals führen können, sie aber zeigte mir, dass es dort auch menschlichere Wesen gab, als nur die kalten Krieger, die ich aus Berlin kannte.

Eine Zeitlang hatte ich überlegt, selber mit Christian Klar in Verbindung zu treten, ihm einen Brief ins Gefängnis zu schreiben, um herauszufinden, wie er so ist. Doch dann kam 1985 ein Anschlag der RAF, der mein Verhältnis zu ihr endgültig klärte. In Wiesbaden hatten die Terroristen einen 20-jährigen US-Soldaten ermordet, nur um an seinen Ausweis zu kommen. Nicht nur mich widerte diese Aktion an, die an Menschenverachtung kaum zu übertreffen war. Alle Beteuerungen, für eine solidarische Gesellschaft zu kämpfen, die Phrasen von Menschlichkeit und Kollektivität, sie klangen nur noch zynisch. Wenn man bis dahin die Verlogenheit dieser Leute nicht begriffen hatte, jetzt war sie nicht mehr zu übersehen. In diesen Wochen klärte sich vieles, die RAF-Sympathisanten waren in der autonomen Szene unten durch, der Bruch ging auch durch viele Beziehungen. Und zahlreiche Unterstützer wandten sich danach von den Anti-Imps ab.

Viele Jahre hörte ich nichts mehr von Christian Klar, bis ich 2001 das Interview sah. Im Gespräch mit Günter Gaus schockte er mich mit seinen Äußerungen zum Thema Schuldbewusstsein und Reuegefühle:
“In dem politischen Raum, vor dem Hintergrund von unserem Kampf sind das keine Begriffe.”
Frage: “Aber es könnten persönlich doch Begriffe sein, die Bedeutung haben, wegen der Opfer?”
“Ich überlasse der anderen Seite ihre Gefühle und respektiere die Gefühle, aber ich mache sie mir nicht zu eigen.”

Mein Bild von ihm war zerbrochen. Menschlichkeit ohne Gefühle? Eine bessere Gesellschaft durch massenhaften Mord? Nicht mal Zweifel? Nach fast 20 Jahren Gefängnis war er offenbar noch immer im selben Denken gefangen, dass ihn in den 70ern zum Mörder gemacht hat. Ich war froh, ihn damals nicht angeschrieben zu  haben. Denn das, wofür ich stand und weswegen ich im Kleinen Widerstand geleistet hatte, wollte ich nun nicht mehr im Zusammenhang mit ihm oder der RAF sehen. Endgültig nicht.

ANDI 80




Die Schlacht um die Mainzer Straße

Die Bilder, die Mitte November 1990 weltweit in den Fernsehern zu sehen waren, erinnerten mehr an Krieg, an Bürgerkrieg. Und dabei war es nicht mal das, es war stattdessen der verzweifelte Versuch einige hundert Autonomer, ihr besetztes Terrain zu verteidigen. Und das schafften sie auch – für kurze Zeit und mit viel Gewalt.

Begonnen hatte es kurz nach der Wende in der DDR. Auch im Stadtviertel Friedrichshain gab es etliche leerstehende Wohnungen, oder wie in der Mainzer Straße sogar halb leere Straßenzüge. Und es gab junge Menschen, die nicht mehr bei den Eltern leben wollten, sondern in einer eigenen Bude. Nach der Öffnung der Grenze kamen auch Linksradikale aus West-Berlin zuhauf nach Friedrichshain, um hier ihre Politik fortzuführen, die bereits in Kreuzberg gescheitert war: Den Staat mit Gewalt herauszufordern und rechtsfreie Räume militant zu erkämpfen. Zu diesen Leuten gehörte auch ich.

Die Gewalt (wir nannten das heroisierend “Militanz”) gehörte zum politischen Konzept, egal ob man sie selbst anwandte oder nur verteidigte, sie war selbstverständlich und wurde nicht in Frage gestellt. Wer dies tat, stellte sich außerhalb “unserer Reihen”. Diese Reihen waren damals gerade mit dem “Kampf gegen den Faschismus” beschäftigt. Tatsächlich gab es in West-Berlin nicht so viel Aktivitäten von Neonazis, das änderte sich aber nach der Maueröffnung. Rechtsradikale Hooligans und Skinheads aus Ost-Berlin trafen auf organisierte Neonazis aus dem Westen, man vermischte sich, und trotz vieler Streits und Konflikte etablierten sich die Westnazis im Ostteil der Stadt. Sie arrangierten sich und profitierten voneinander. Zentrum der organisierten Neonazis wurde Lichtenberg, während wir West-“Antifas” uns auf Friedrichshain konzentrierten – also direkt nebenan.

Viele Ost-Berliner Linke hatten keine Lust auf diese Konfrontation, sie versuchten im Prenzlauer Berg eigene Strukturen aufzubauen, auch wenn sie sich natürlich ebenfalls rechter Gewalt ausgesetzt sahen und sich auch dagegen wehrten.

In Friedrichshain entstand aber eine offensive autonome Struktur, die sich hauptsächlich auf die Mainzer Straße konzentrierte. Hier wurden im Frühjahr 1990 elf leerstehende Wohnhäuser besetzt, ein ganzer Straßenzug, davon acht Häuser auf einer Seite, die alle in einer Reihe standen und miteinander verbunden waren. Es waren nicht auschließlich Autonome aus dem Westen in den Häusern, aber sie hatten das Sagen.

http://www.youtube.com/watch?v=CG73aJ2jDzY

Als ich im Sommer ’90 ebenfalls in der Mainzer Straße landete, hatten sich die Strukturen dort bereits gefestigt. Es gab Einkaufsgemeinschaften, Aufgabenteilung bei der Vorbereitung einer Verteidigung der Straße, Plenen, Kneipen usw. In “unserem” Haus lebten vor allem jüngere Leute aus einer Antifagruppe, die ebenfalls militant war, daneben aber auch andere Taktiken ausprobierte. So haben wir sogenannte “Faschokids” in der Umgebung besucht und versuchten mit ihnen zu reden, anstatt sie zusammenzuschlagen. Die Jugendlichen in der Gegend waren politisch stark polarisiert, es gehörte zum guten Ton, sich den Linken oder Rechten anzuschließen – die meisten landeten rechts. Da wir es falsch fanden sie einfach zu schlagen, versuchten wir eben, mit ihnen ins Gespräch zu kommen, oft mit Erfolg. So schafften wir es, dass einige der “Jungfaschos” plötzlich in der Mainzer Straße auftauchten, um z.B. in unserem Haus zu arbeiten. Bei den Bewohnern der anderen Häuser waren sie dagegen nicht so gern gesehen, da sie die 14- bis 16-Jährigen als “Nazi-Spitzel” ansahen. Ihnen passte es nicht, dass hier einige Leute eine antifaschistische Arbeit ohne Konfrontation aufzogen.

Aber es gab auch andere Begegnungen mit Rechtsradikalen in unserer Straße: Mehrmals zogen kleine Gruppen von ihnen nachts in die Mainzer Straße, um wahllos jeden zusammenzuschlagen, den sie in die Finger bekamen. Auch tagsüber gab es mehrmals Überfälle, bis zu 200 Nazis versuchten dabei, die Straße zu stürmen. In der Regel wurden diese Angriffe abgewehrt, doch es gab immer auf beiden Seiten Verletzte. Zum Schutz vor den Naziüberfällen, aber auch vor einem eventuellen “Besuch” der Polizei in den Häusern, wurde eine Verteidigungsstruktur aufgebaut. Wenn nun Rechte – wie es öfter vorgekommen ist – mit Autos durch die Straße rasten und aus den Fenstern auf die Häuser schossen (teilweise scharf, meist aber mit Pyromunition), dann konnten Hakenkrallen auf die Straße gezogen werden, die alle Reifen der Autos sofort zerstörten, so dass sie nicht mehr flüchten konnten.

Front der besetzten Häuser

In den Häusern wurden zudem zahlreiche Molotow-Cocktails gebunkert, Sportkatapulte mit Stahlgeschossen (Muttern) lagen an den Fenstern bereit, die Dächer wurden gesichert. Der Polizeifunk wurde ständig abgehört, nachts fuhren Patrouillen durch die Straßen und beobachteten die Polizeiwachen und rechten Treffpunkte. Vor allem das Haus in der Lichtenberger Weitling- Ecke Lückstraße war Ziel der Observation, da dies vom Bezirk den organisierten Neonazis zur Verfügung gestellt worden war. Es war sozusagen das rechte Gegenstück zur Mainzer Straße.

Im Herbst eskalierten die Zusammenstöße zwischen Links- und Rechtsextremisten immer mehr, Neonazis entführten eine Autonome, die Linksradikalen versuchten das Haus in der Weitlingstraße zu stürmen, auf dem Alexanderplatz wurde ein 18-jähriger Rechter bei einer größeren Auseinandersetzung getötet. Der rot-grüne Senat unter Walter Momper ging kaum konsequent gegen die Extremisten vor, aus der Polizeiführung kam deshalb immer schärfere Kritik.

Anfang November 1990 zeichnete sich ab, dass Polizeipräsident Schertz die Situation beenden wollte. Er nannte die Häuser in der Mainzer Straße das Zentrum der Gewalt, wenngleich es zu diesem Zeitpunkt in Friedrichshain, Lichtenberg und dem Prenzlauer Berg noch ca. 40 weitere besetzte Häuser gab. Mit seiner Einschätzung hatte er recht, denn in der Mainzer lebten wohl diejenigen, die am wenigsten an einer einvernehmlichen Lösung mit dem Senat interessiert waren, für die meisten waren die Häuser nur Mittel im “Klassenkampf”. In unserem Haus hatten wir allerdings andere Gedanken, wir sahen es nicht als Trutzburg an, aus der heraus die feindliche Welt draußen bekämpft wird. Doch solch eine Position wurde in der Straße schon als “versöhnlerisch” gebrandmarkt und kategorisch abgelehnt.

Als am Morgen des 12. November dann die Nachricht kam, dass in Lichtenberg und Prenzlauer Berg gerade zwei Häuser von der Polizei geräumt würden, witterten viele in der Mainzer Straße einen Trick der Polizei: Nicht zu Unrecht spekulierten wir darauf, dass die Polizei möglichst viele Unterstützer aus unserer Straße zu den Hausräumungen locken wolle, um dann in Ruhe in der Mainzer Straße zuschlagen zu können.

Stattdessen aber gab es eine Reaktion vor der eigenen Haustür: Die Mainzer Straße wurde an beiden Enden blockiert, Baucontainer und quergestellte PKWs waren die ersten Barrikaden. Dann ging ein Protestzug in die Frankfurter Allee, der dort einige zerstörte Schaufensterscheiben sowie ebenfalls Barrikaden hinterließ. Nun war klar, dass es zu einer Konfrontation kommen würde und die ließ nicht auf sich warten: Gegen 12 Uhr mittags rückte die Polizei mit Wasserwerfern, Räumpanzern und einige hundert Mann an, um die Mainzer Straße zu stürmen. Sie waren aber nicht auf die heftige Gegenwehr gefasst: Aus etlichen Fenstern wurde mit Katapulten geschossen, ein Steinhagel prasselte auf sie nieder, die Beamten mussten zurückgezogen werden, schon zu diesem Zeitpunkt gab es mehrere Verletzte, vor allem auf Seiten der Polizei.

Es war völlig klar, dass es nun einen besser koordinierten Angriff geben würde, deshalb wurden bundesweit Antifagruppen und Autonome alarmiert, damit sie sofort nach Berlin kommen. Die Mainzer Straße war ja mittlerweile bundesweit ein Begriff und ein Symbol des militanten Kampfes, so dass in den folgenden Stunden tatsächlich Dutzende Unterstützer aus allen Teilen Deutschlands zu uns stießen.

Während die Polizei sich sammelte und ebenfalls Unterstützung aus anderen Bundesländern anforderte, wurde die Straße vollends dicht gemacht. Durch die vielen Baustellen in der unmittelbaren Umgebung war sofort viel Material zum Barrikadenbau vorhanden. In der Mainzer Straße selbst stand ein Schaufelradbagger, der aufgebrochen wurde. Damit wurden nun an beiden Enden quer zur Straße Gräben ausgehoben, um ein Durchbrechen der Polizeipanzer zu verhindern. Zwischendurch gab es immer wieder mal Konfrontationen am Rande, meist mit der Polizei, aber auch mit empörten Bürgern sowie mit Rechtsradikalen, die in völliger Verkennung der Lage meinten, “die Linken” wären bereits geschlagen und am Ende. Das Gegenteil stimmte: Uns war klar, dass es nun zur Entscheidung kommen würde, aber wir wollten unsere Häuser nicht kampflos aufgeben, auch wenn wir nicht daran glaubten, sie erfolgreich verteidigen zu können. Doch die folgenden Stunden bewiesen erstmal das Gegenteil.

Angriff auf die Mainzer Straße

Immer und immer wieder versuchte die Polizei in die Straße einzudringen. Teilweise mit massivem Tränengaseinsatz von drei Seiten (die Scharnweberstraße führte noch auf die Mainzer Straße), mit Rammen die auf Bagger geschweißt waren und natürlich mit ihren Panzern. Sie schossen hilflos mit ihren Wasserwerfern über die Barrikaden, aber sie schafften es einfach nicht durchzubrechen. Zwischendurch gab es immer wieder Ausbrüche von Gruppen aus der unserer Straße, die mit Steinen und Molotow-Cocktails auf die Polizei losgingen. Als die Boxhagener Straße, die die Mainzer südlich begrenzt, einmal gerade polizeifrei war, versuchte ein Straßenbahnfahrer noch schnell seinen Zug in Sicherheit zu bringen. Aber einige Leute stürmten hinein und die Fahrgäste flüchteten. Sofort war ein Schweißgerät zur Stelle und es wurde versucht, die Straßenbahn an die Schienen festzuschweißen, als vorgelagerte Barrikade gegen die Polizei. Die hatte das Vorhaben aber spitzgekriegt und sich dann massiv auf die Leute am Zug konzentriert, Wasserwerfer, Tränengas, das übliche Repertoire. So platzte dieser Plan.

Nachts um 3 Uhr zog sich die Polizei endgültig zurück, sie hatte es in 15 Stunden Kampf nicht geschafft, die Straße zu stürmen, ganz zu schweigen davon, die Häuser zu räumen.

Am nächsten Tag herrschten in der Öffentlichkeit zwei Meinungen vor: Die einen forderten, uns rauszuprügeln und alle einzusperren; die anderen sahen es differenzierter und meinten, wir führten einen berechtigten Kampf zum Erhalt der Häuser. Wie naiv, denn darum ging es auf unserer Seite leider kaum jemandem. Die meisten wollten die Konfrontation. Und wir aus unserem Haus konnten dem nun auch nicht mehr entgegensteuern.

Der 13. November war davon geprägt, dass politische Kreise zu vermitteln versuchten. Vor allem Funktionäre der Alternativen Liste (heute Die Grünen), die immerhin mit in der Regierung saßen, wollten sowohl die Polizei, als auch die militanten Hausbesetzer von einer weiteren Eskalation abhalten. Polizeipräsident Schertz log öffentlich, dass eine Räumung der Häuser in der Mainzer Straße nicht vorgesehen wäre. Doch uns war klar, dass dies nur der Verschleierung diente, zumal wir von Sympathisanten aus mehreren Bundesländern hörten, dass weitere Polizeieinheiten zur Unterstützung auf dem Weg nach Berlin wären. Auch wir mobilisierten weiter bundesweit, aber das Ergebnis war entmutigend: Vielleicht 200 Unterstützer waren bis zum nächsten Morgen angekommen.

Wir nutzten den Tag, um weiter an den Barrikaden zu bauen. Dazwischen wurden einige wichtige Dinge aus den Häusern weggebracht, auf der Straße gab es zahlreiche Interviewfragen, in den Häusern bastelte man wieder Mollies. Alles wartete auf die große Schlacht und es war klar, dass sie am nächsten Morgen beginnen würde. Noch einmal setzten wir uns zusammen und berieten, wie wir uns verhalten würden. Da unser Haus ganz am Anfang der Straße stand, zudem noch etwas abgelegen von der Straßenfront und nach hinten völlig offen, war klar, dass wir es nicht verteidigen würden. Einige von uns wollten deshalb in andere Häuser, wir anderen blieben zur Verteidigung draußen. Wir wussten, dass es der letzte Abend in unserem Haus sein würde.

Die Erstürmung der Straße

Morgens gegen fünf Uhr gab es plötzlich Feueralarm: In einem der nicht besetzten, aber bewohnten Häusern mitten in der Mainzer Straße war im Keller ein Brand ausgebrochen. Wir haben nie rausgekriegt, wie das passierte, aber die Vermutung, dass das dazu dienen sollte, die Barrikaden für die Feuerwehr zu öffnen, ist nicht von der Hand zu weisen. Wenn es so war, dann haben diejenigen bewusst den Tod von unschuldigen Menschen in Kauf genommen. Während die Feuerwehr alarmiert wurde (und dann noch überzeugt wurde, dass sie die Schläuche von außerhalb in die Mainzer Straße bringen musste), rannte ich mit einigen anderen in den völlig verqualmten Treppenflur. Gasmasken gehörten damals wegen des Tränengases zu unserer Standardausrüstung, doch wie man sich im Qualm bewegt, haben wir nicht gewusst. Zu dritt sind wir mit Feuerlöschern in den Keller gestiegen, ohne uns irgendwie orientieren zu können. Wir wollten den Brand unten bekämpfen, während andere bereits die Bewohner über einen Balkon im ersten Stock und eine lange Leiter evakuierten. Doch wir mussten unser Vorhaben aufgeben, durch den dichten Qualm war die Sicht praktisch Null. Die Feuerwehr löschte den Brand innerhalb weniger Minuten, danach musste sie die Straße sofort wieder verlassen.

Kurz danach stand ich mit einigen Freunden müde vor der Barrikade an der Frankfurter Allee. Wir waren ausgelaugt, aber auch wütend und nervös. Noch war kein Polizist in Sicht. Gegen 6.30 Uhr kam dann die Nachricht, dass hunderte Mannschaftswagen aus allen Richtungen unterwegs wären, über uns tauchten die ersten Hubschrauber auf. Plötzlich ging alles sehr schnell. Ein Sondereinsatzkommando hatte sich durch die U-Bahn oder angrenzende Häuser geschlichen, sie standen plötzlich vor uns, unser Widerstand wurde sofort niedergeprügelt. Blutend, teilweise mit gebrochenen Knochen, ließen sie uns liegen und versuchten die Barrikade zu zerstören. Mein Freund Toni, der auf der Barrikade stand, wurde kurz danach durch einen Schuss ins Bein verletzt.

Mehrere hundert Polizisten stürmten sofort hintendran, sie zogen uns weg, wer konnte, flüchtete. Ich selber konnte noch einen Schwerverletzten wegziehen und brachte ihn zwei Blocks weiter, wo ihn ein Krankenwagen aufnahm. Der Weg zurück war versperrt, aber er öffnete mir doch die Augen: Insgesamt 3.000 Polizisten stürmten gegen die Straße. Auch auf den Dächern sah ich die ersten SEK’ler, sie versuchten die Häuser von oben zu öffnen. Mir wurde schlagartig deutlich, was unser Vorgehen doch für ein Wahnsinn war. Wir hatten ja keine Chance.

Diese Schlacht um die Straße dauerte etwa 2 Stunden. Die Luft war voll Tränengas und fliegenden Steinen, aus den Häusern flog alles, was beweglich war, heraus. Selbst Balken, Gehwegplatten und Gullydeckel wurden auf die Beamten heruntergeworfen, ihr Tod wurde einfach in Kauf genommen. Hunderte Liter Benzin wurden entzündet, Stahlgeschosse auf die Polizei geschossen. Auf einem Dach kam es zum direkten Kampf zwischen Polizisten und Hausbesetzern, glücklicherweise stürzte niemand herunter.

Es hatte im Vorfeld die Absprache gegeben, dass die Verteidigung der Häuser beendet wird, wenn die Polizei die gesamte Straße unter Kontrolle hat. Die Besetzer sollten dann versuchen, über die Höfe und den Friedhof zu flüchten.

Als es gegen 9 Uhr soweit war, kam die Rache der Polizei: Diejenigen, die nicht mehr rausgekommen sind, wurden zusammengeschlagen und teilweise wie im Blutrausch misshandelt. In einem Haus zwangen die Polizisten jemanden, aus dem 2. Stock in den Hof zu springen, andere wurden bis zu einer Stunde in ihrem Blut liegengelassen, bevor sie ins Krankenhaus kamen.

Die Räumung der Mainzer Straße war ein Symbol, so wie es zuvor ein 3/4 Jahr lang ihre Besetzung war. Polizei und Innensenat setzten sich durch, die rot-grüne Koalition zerbrach daran, weitere Hausbesetzungen wurden danach nicht mehr toleriert. In der Folgezeit gab es gegen einige der etwa 150 Festgenommenen Verurteilungen wegen Landfriedensbruch, mehrere Menschen (auf beiden Seiten) werden als Folge der Gewalt ihr Leben lang behindert sein. Mir haben diese Erfahrungen deutlich gemacht, dass Gewalt in der politischen Auseinandersetzung nicht das richtige Mittel sein kann. Sie erzeugt nur Gegengewalt und Verhärtung der Fronten, aber keine Verständigung. Aber ohne Verständigung gibt es keine wirkliche Lösung von Problemen. Das gilt übrigens nicht nur für die Autonomen, sondern für alle Beteiligten.




Mein Besetzersommer 1980

Am 10. Oktober 1980 lag schon in der Luft, dass bald etwas passieren würde. Schon seit einem Jahr wurden hier in Kreuzberg immer wieder mal leerstehende Wohnhäuser besetzt. Die ehemalige Feuerwache in der Reichenberger Straße war für uns wohnungslose Jugendliche ein neuen Obdach – bis wir geräumt wurden.
Anfang Juni machte ich dann meine erste richtige Besetzung mit: Montagmorgen, Adalbertstr. 6, am Kottbusser Tor neben dem riesigen “Neuen Kreuzberger Zentrum”. Im Schutze der Nacht brachen wir von hinten ein Fenster auf, es wurde Material und Werkzeug reingebracht, dann versuchten wir die Zugänge im Erdgeschoss so gut es geht zu verbarrikadieren. Am Morgen dann das “Coming Out”, Transparente wurden herausgehängt: “Instandbesetzt”. Sofort waren mehrere Polizeiwagen zu Stelle, sie wollten wissen, wann wir denn in das Haus gegangen sind. Aus der Erfahrung wussten wir, dass Neubesetzungen sofort wieder geräumt werden. Deshalb behaupteten wir, dass wir schon das ganze Wochenende hier wären. Sie nahmen es zur Kenntnis, machten ein paar Fotos und zogen wieder ab.
Bisher hatten wir erst drei Wohnungen geöffnet, und als wir uns dran machen, in der zweiten Etage eine Tür aufzubrechen, wurde sie von innen geöffnet! Unser Schreck war groß, schließlich waren wir davon ausgegangen, dass das Haus leer wäre. Stattdessen aber stand uns ein altes Ehepaar gegenüber. Im Gegensatz zu uns waren sie nicht überrascht, hatten sie schließlich schon die ganze Nacht den Krach im Haus gehört. Nach ein paar Tagen hatten wir uns dann aneinander gewöhnt. Und bald hörten dann auch sie auf, Miete zu zahlen…

In den nächsten Monaten folgten noch zwei Häuser in der Oranienstraße, erst in der 45, dann Nr. 44. Die “O. 45” war von irgendeiner Fachschaft der Freien Universität aufgemacht und besetzt worden. Ich bin zufällig dazugekommen, hatte aber mit den Leuten nichts zu tun. Auf dem täglichen Plenum wurde jeder Pups diskutiert, wer wo wann was wie machen soll, ob sich alle auch 150%ig an die Absprachen gehalten haben usw. Die Angst der bisher behüteten Bürgerkindchen vor dem Chaos lag lähmend über dem Haus. Außer mir war noch ein weiterer obdachloser Straßenjunge eingezogen, wir beide mussten ständig darüber lachen, wie sich die Studenten benahmen. Und wie sie sprachen, denn einige von ihnen hatten einen schwäbischen Dialekt vom Feinsten. Selbst wenn man wollte – man konnte es nicht ernst nehmen.
So waren wir beide auch schnell im Zentrum der Kritik und Anfeindungen. Obwohl wir nicht weniger am Haus arbeiteten als die anderen, wurde uns ständig vorgeworfen, faul zu sein und nicht mitzuhelfen. Es war wie früher beim Vater, Individualität, eigene Bedürfnisse und Vorstellungen wurden unterdrückt.
Als dann ein paar Hippies und Kleinkriminelle die Nummer 44 besetzten, sind wir einfach ein Haus weiter gezogen und haben dort im Vorderhaus die 4. Etage übernommen. Hier konnten wir einigermaßen so leben, wie wir es wollten. Wir rissen die vermoderten Dielen aus dem Boden, nahmen den Schotter raus und dichteten den Boden mit Plastikplanen ab. Im Park klauten wir zentnerweise Erde und dann wurden wir zu Kleingärtnern: Im ehemaligen Wohnzimmer einer Familie wuchsen jetzt Kartoffeln und Hanfpflanzen…

Währenddessen entwickelte sich eine Hausbesetzerszene. Die Vielfältigkeit, also auch Unterschiedlichkeit, der Gruppen machte eine Zusammenarbeit schwierig. Es gab die politischen Häuser, die Flippies, die Studies. Manche Häuser wurden heimlich besetzt, man wollte nicht auffallen – andere hängten Transparente raus und malten die Fassade an, damit es jeder sehen kann.
Es war klar, dass man irgendwann mit Räumungen rechnen musste. Mittlerweile waren etwa 15 Häuser besetzt und manchmal war auch schon eine Besetzung verhindert worden. Also rafften sich die Leute aus den Häusern zusammen und gründeten einen “Besetzerrat”. Er wollte die Außenvertretung der Besetzerszene sein, was sich aber in der Zukunft als fast unmöglich erwies, weil die Ansprüche der Leute zu unterschiedlich waren: Während die einen vor allem kostenlosen Wohnraum wollten und ansonsten ihre Ruhe, sahen andere die Besetzungen als politisches Mittel gegen den Staat, sie prägten den Begriff “Häuserkampf”. Die größte Gruppe aber sollten dann die “Instandbesetzer” werden, denen es vor allem darum ging, den Abriss der Gründerzeithäuser zu verhindern. In dieser Zeit gab es in Berlin trotz zigtausend Wohnungssuchender hunderte von leerstehenden Häusern, meist aus der Zeit um 1870-1910. Nach dem Willen der Eigentümer sollten die Häuser verrotten, damit sie dann eine Abrissgenehmigung bekommen und teure Neubauten errichten könnten. Wenn man bedenkt, dass im Frühjahr 1981 in Berlin 200 Häuser besetzt waren, bekommt man einen Eindruck vom Ausmaß des damaligen Leerstands.

Der Besetzerrat beschloss im Spätsommer 1980 eine Offensive. Man wollte sich nicht mehr verstecken und heimlich besetzen, sondern eine Bewegung schaffen, offensiv auftreten und aus der Illegalität herauskommen. Es entstand die Parole “Lieber instandbesetzen als kaputtbesitzen”, damit war man moralisch auf der richtigen Seite. Und tatsächlich solidarisierten sich viele Berliner Bürger mit dem Besetzern, zumindest solange diese nicht allzu militant auftraten. Jedem Mieter in Berlin war ja die Situation auf dem Wohnungsmarkt bekannt, wer eine neue Bleibe suchte, brauchte sehr viel Glück und meist auch Bestechungsgeld. Dadurch hatten wir damals eine gute politische Ausgangssituation.
Als Teil der Offensive wurde für den 10.10.1980 eine Demo durch Kreuzberg angemeldet. Sie wurde gleich “Großdemonstration” genannt, wir wollten möglichst ein paar tausend Leute zusammen kriegen. Die Demo durch den Kreuzberger Kiez endete am achteckigen Heinrichplatz auf der Oranienstraße. Schon ein paar Tage vorher hatte mich eine Besetzerin gefragt, ob ich mich einer Gruppe anschießen möchte, die ein Zentrum der Besetzerszene errichten wollte. Wir kannten uns schon einige Monate und sie wusste, dass ich zwar kein Politmacker war, aber durchaus Lust hatte, auch nach außen zu arbeiten. Nach einigen Planungen öffneten wir in der Nacht zum 10. Oktober 1980 das Haus Oranienstraße 198, ein großes Gebäude, das innen durch eine Wendeltreppe erschlossen war. Es stand direkt am Heinrichplatz, im Erdgeschoss befand sich noch einige Monate vorher eine große Alkohol-Abfüllstation namens “Heinrich-Eck”.
Die Demonstration war größer als erhofft, etwa 5000 Sympathisanten waren durch die Straßen gezogen und standen nun auf dem Heinrichplatz, um die Abschlusskundgebung zu hören. Das war unser Moment. Wir öffneten die Fenster, auf der ganzen breiten Front des großen Hauses wurden Transparente aufgehängt, plötzlich erhob sich das Gebäude wie aus einem Schlaf. Der Jubel auf der Straße war unglaublich, zum ersten Mal erlebte ich sowas wie eine Bewegung. Wir waren plötzlich nicht mehr nur ein paar Leute, sondern Tausende. Die vielen Menschen unten wurden sofort von der Polizei angegriffen, die unser Haus stürmen wollte. Doch wir wurden verteidigt und verteidigten uns auch von oben. Schließlich zog sich die Polizei zurück, erstmals wurde eine Neubesetzung nicht mehr verhindert, wir hatten unsere Besetzung erfolgreich verteidigt.

Statt einer Party gab es dann aber viel Arbeit. Ein so großes Haus abzusichern und überhaupt wieder bewohnbar zu machen, ist schwer. Zumal wir nicht nur die Polizei gegen uns hatten: Als ein direkt angrenzendes Haus abgerissen wurde, schlugen die Arbeiter mit der Abrissbirne auch ein paarmal in unseren Seitenflügel und zerstörten die Außenwand sowie eine halbe Etage. Erst als wir Alarm gaben und mit zig Leuten auf die Baustelle stürmten, beendeten sie die Aktion.
Ein paar Wochen später nahmen wir die Kneipe wieder in Betrieb, jetzt unter dem Namen “Besetzer-Eck” und sie entwickelte sich bis hinein in die aufblühende Besetzerbewegung 1981 zu einem Zentrum.
Am 12.12.1980 wurde im Fraenkelufer eine Häuserräumung militant verhindert, eine stundenlange Straßenschlacht am Kottbusser Tor folgte, am Tag danach eine Scherbennacht am Kudamm. Danach verhängte der Senat erstmal einen Räumungsstopp. In den kommenden Monaten gab es fast täglich neue Besetzungen. An eine vier Meter hohe Wand des Besetzer-Ecks wurden die Adressen der besetzen Wohnhäuser und Gewerbebetriebe geschrieben. Im März 1981 wurde die 200. Besetzung eingetragen. Erst später wurde uns klar, dass dies der Höhepunkt der Bewegung war.

ANDI 80




Großereignisse

Das war diesmal eine Woche der Großveranstaltungen. Eine Million Menschen standen am Rande der Marathonstrecke, um den etwa 40.000 Läufern zuzujubeln. Schon am Tag vorher war die City dicht, als die Skater die gleiche Strecke fuhren.
130.000 Teilnehmer hatte der Sternmarsch der Klinikangestellten, die am Freitag gegen die Gesundheitspolitik der Regierung demonstrierten. Und offenbar gegen die Nerven der Autofahrer und sonstigen Verkehrsteilnehmer, denn die haben an diesem Tag schwer gelitten.

Mehrere Zehntausend haben sich stattdessen auf dem Messegelände schicke E-Loks und ganze Züge angeschaut, auch die neue Berliner Straßenbahn war bei der Innotrans zu Gast.
Nur 25.187 Menschen nahmen dagegen am Bürgerentscheid in Mitte teil. Hier sollte gegen die Parkraumbewirtschaftung nördlich der Torstraße protestiert werden, doch es kamen nicht mal genügend Bürger zur Abstimmung. Das lag sicher daran, dass es nur um ein relativ kleines Gebiet ging, die Mindestteilnehmerzahl jedoch im gesamten Bezirk inklusive Wedding und Tiergarten zusammenkommen müsste. Und dass die Parkzonen schon seit einigen Monaten in Betrieb sind. Und am Marathon. Und am schönen Wetter. Und vielleicht daran, dass es die Nicht-Autofahrer überhaupt nicht interessiert. Damit wäre auch dieser Bürgerentscheid gestorben.

Gestorben ist auch der bekannteste Tierpfleger des Universums, der Retter und Mutterersatz des Eisbären Knut, Thomas Dörflein. Sein früher Tod hat eine Welle von Beileidsbekundungen ausgelöst, Blumenteppiche vor dem Zoo und dem Bärengehege, weinende Knut-Fans, Tausende von Briefen und E-Mails an den Zoo. Dessen Direktor weigerte sich standhaft, für den Verstorbenen ein Kondolenzbuch auszulegen, erst als der Druck der Öffentlichkeit zu groß wurde, gab er nach. Tja, mit Tieren kennt er sich offenbar besser aus, als mit Menschen.

Ob das mit den Tieren bei der CDU genauso ist, weiß man nicht, aber mit den Menschen kann man dort auch nicht richtig umgehen, das haben ja die letzten Wochen gezeigt. Nun ist man erstmal dabei, den Scherbenhaufen zusammenzukehren. Frank Henkel wurde Nachfolger von Friedbert Pflüger als Fraktionsvorsitzender, dessen Zukunft sowohl in Berlin auch in seiner Partei ist recht ungewiss ist. Henkel sprach im Abgeordnetenhaus vor halbleeren Reihen, was einen Eindruck davon vermittelt, was z.B. der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit von seinen politischen Konkurrenten und von Anstand hält. Wowereit verließ den Saal kurz vor Henkels Auftritt.
Da es der CDU im kommenden Jahr auch an einem Parteivorsitzenden mangeln wird, hat sie schon mal eine Findungskommission eingesetzt, die nun auf die Suche gehen soll. Bleibt nur zu hoffen, dass sie sich nicht wieder in Hannover umschaut.
Währenddessen blamiert sie sich wieder in Reinickendorf: Hier will man keine Ausstellung darüber, dass es im vergangenen Jahr mehr als 300 Übergriffe auf Homosexuelle gab. Die Fotos der Opfer sollen zum Nachdenken anregen, doch das CDU-regierte Bezirksamt in Gestalt der Kulturstadträtin Katrin Schultze-Behrendt weigert sich, “aus Jugendschutzgründen”, sie im Foyer des Rathauses ausstellen zu lassen. Kinder und Jugendliche könnten von den Verletzungen verstört werden, deshalb bot man einen Raum an, der nur über verwinkelte Gänge zu erreichen wäre. Die Veranstalter haben die Ausstellungen unter diesen Umständen abgesagt.

Abgesagt wurden auch die Verhandlungen mit den Besetzern des Künstlerhauses Bethanien, nachdem diese sich geweigert haben, einen Mietpreis von 3,38 Euro pro Quadratmeter zu akzeptieren. Offenbar wünschen die Damen und Herren Autonomen eine Sonderbehandlung in der Form, nach drei Jahren Besetzung weiterhin kostenlos wohnen zu dürfen. Nun fällt dem Bezirksamt seine wohlwollende Haltung der letzten Jahre auf die Füße, denn weil es die Besetzung so lange geduldet hat, wird nun eine Räumung kaum durchsetzbar sein. Selber schuld, lieber grüner Bezirksbürgermeister.

Ach ja, grün wird es auch in Tempelhof demnächst, wenn der Flughafen erstmal geschlossen ist. Jetzt wurde allerdings bekannt gegeben, dass es schon zwei Tage danach weitergeht: Das Hauptgebäude wird vorläufig für Veranstaltungen genutzt, es gibt Führungen, Shows und Konzerte. Und auch für die Hangars gibt es teilweise schon eine Nachfolgenutzung. Möglicherweise muss aber der ganze Komplex noch saniert werden, das wird nochmal richtig teuer.
Saniert wurde auch der älteste Friedhof innerhalb der alten Berliner Stadtmauern, in der Großen Hamburger Straße. Das hier vorgelagerte Altenheim nutzten die Nazis als Sammellager für Juden vor deren Deportierung, es wurde im Krieg zerstört. Jetzt nach der Sanierung des Areals wurde das Heim in seinen Umrissen wieder sichtbar gemacht.

Unsichtbar dagegen sind die Super-Mega-Mussmangesehenhaben-Promis Brad Pitt und Angelina Jolie. Sie haben während der Dreharbeiten zum neuen Kinofilm “Inglorious Bastards” von Quentin Tarantino eine Riesenvilla am Wannsee gemietet, was zahlreichen Pararazzi vor dem Haus und gegenüber auf der anderen Seite des Sees massig Arbeit sichert. Ein Hauch von Hollywood in Berlin…




Brandstifter

BrandstifterSchon die Nazis spielten damals gerne mit dem Feuer. Ob Fackelaufmärsche oder Bücherverbrennung, Reichstagsbrand oder die Vernichtung von Millionen KZ-Opfern, Feuer spielte bei ihnen immer eine wichtige Rolle. Und wie in so vielen Bereichen eifern auch die heutigen Extremisten ihren Vorgängern nach. Während die Neonazis Flüchtlingsheime abfackeln, konzentrieren sich die Links-Autonomen auf Autos und Büros. In den vergangenen Monaten sind in Berlin über 100 Pkws angezündet worden, in der Nacht zu gestern allein 14 Stück.
Die Vorwände zum Zündeln variieren, manchmal ist die falsche Werbung am Auto, oder es ist die falsche Marke, manchmal ist aber auch das egal: Bei einer improvisierten Pressekonferenz erklärten die Herren Brandstifter am Mittwoch ganz offen, dass sie auch das Anzünden von Autos unbeteiligter Personen als legitim ansehen. Dies wäre eine Reaktion von Menschen, “die der Polizeigewalt hilflos gegenüberstehen”. Gemeint ist die Räumung eines besetzten Hauses in Mitte, das als “Trutzburg gegen Kapital und Globalisierung” gedacht war.
Website der Autonomen Antifa FreiburgNicht nur in den Methoden, sondern auch in der Wortwahl unterscheiden sich die Autonomen praktisch nicht mehr von den Neonazis. Zwar distanzieren sie sich gegenseitig voneinander, aber das tun verfeindete Rockergruppen auch. Tatsache ist, dass die Linksautonomen jegliche moralische Legitimität verloren haben. Ihnen geht es weder um die Bekämpfung eines undemokratischen Missstands, um die Erhaltung von Wohnraum oder einem menschlichen Wohnumfeld, noch um irgend ein anderes ethisch akzeptables Anliegen. Sie kämpfen gegen Andersdenkende und gegen die Polizei, gegen alles was nicht ist wie sie. Dabei gehört die Zerstörung fremden Eigentums genauso zu ihrer Praxis wie das Verletzen und manchmal sogar Töten ihrer Gegner. Das Schlimme daran ist, dass das selbst von vielen ihrer sehr jungen Mitläufern toleriert wird, die aus Abenteuerlust mitmachen und nicht merken, dass sie damit nach und nach jeglichen Respekt vor fremdem Leben und Eigentum verlieren. Und wenn sie dann als Reaktion festgenommen oder bei Krawallen von der Polizei verprügelt werden, glauben sie den Mist vom bösen faschistischen Staat erst recht. Dass die Links-Autonomen selbst dabei den Faschisten sehr nahe sind, wollen sie in ihrem Freund-Feind-Denken nicht begreifen. Dies alles ist leider keine Theorie, sondern lange selbst erlebte Praxis. 15 Jahre gehörte ich selbst zu den Brandstiftern, bis ich endlich begriffen hatte, dass dieser Weg falsch ist.




Unschuldig verfolgte Bürger

Es waren zwei Königskinder

Die hatten einander so lieb

Sie konnten zusammen nicht kommen

Das Wasser war viel zu tief

In Hamburg gab es gestern Doppelkrawall: Die NPD wollte demonstrieren, die Linken wollten das nicht und demonstrierten dagegen. Die Polizei stand dazwischen. Über tausend Autonome griffen die Polizei an, auch mehrere hundert Nazis warfen mit Flaschen und Steinen. Es gab mehrere dutzend Verletzte auf allen Seiten, einige hundert Festnahmen, zahlreiche ausgebrannte Autos, eingeworfene Scheiben. Und das alles nur, weil die Polizei verhindern wollte, dass Nazis und Autonome zusammentreffen.
Frage: Warum eigentlich? Wenn sich doch beide unbedingt prügeln wollen, wieso lässt man sie nicht einfach? Und die Polizei sammelt dann nur noch die Reste ein. Man könnte ihnen ein Gelände zur Verfügung stellen, auf dem nicht viel kaputt gehen kann und fertig. Aber nein, die grünen Spielverderber provozieren die armen Bürger, die nun laut schreien, dass ihnen das Versammlungsrecht genommen wurde. Ach ja, man hats nicht leicht als einfacher Extremist.




Rote SA marschiert

In der vergangenen Woche begann in Moabit der Prozess gegen einen Mann aus der Antifaszene. Neonazis behaupten, ihn nach einem Überfall wiedererkannt zu haben, bei dem zwei Rechtsextremisten in Lichtenberg verletzt wurden. Dass der Mann an dem Überfall beteiligt war, darf bezweifelt werden; dass es solche Angriffe gibt, ist eine Tatsache. Da steht auf einer Seite eine seit 20 Jahren organisierte Neonazi-Szene, die bei jeder Gelegenheit gegen Ausländer, Linke und andere Feindbilder vorgeht, die Gewalt kennt dabei keine Grenzen, Verletzte sind die Regel, aber auch Todesopfer sind zu beklagen. Denen gegenüber steht eine nicht weniger schlecht organisierte Autonome Antifa, die ebenfalls jede Möglichkeit nutzt, Rechtsradikale anzugreifen. Auch hier pflastern Verletzte und Leichen den Weg.
Doch noch immer haben die Linken in der Öffentlichkeit einen Stein im Brett, vor allem Medien und linke Politiker wollen nicht sehen, dass es sich bei der Antifa eben nicht nur um eine Gruppe handelt, die sich oder andere verteidigt. Spätestens seit Anfang der 90er Jahre gibt es autonome Schlägergruppen, die wortwörtlich ohne Rücksicht auf Verluste agiert: Zahllose Überfälle auf vermeintlich Rechte oder Rechtsextremisten gehen auf ihr Konto, am Alexanderplatz wurde ein 18-jähriger Junge totgeschlagen, am Kottbusser Damm ein rechter Politiker von hinten erstochen. Alles im Namen des Antifaschismus, des angeblichen Wehrens gegen Intoleranz und Gewalt. Es geht hier nicht um den Widerstand bei einer Aktion von Neonazis, in diesem Fälle halte ich auch militante Gegenwehr für berechtigt. Aber wer einfach nur Andersdenkende angreift und verletzt, eben weil sie anders sind als man selber, dann gibt es keinen Unterschied mehr zu den prügelnden Faschisten. Sie neue SA gibt es nicht nur auf der rechten Seite, sondern genauso auf der linken. Das hat sich erst in der vergangenen Nacht wieder gezeigt.
Heute morgen gegen vier Uhr saßen fünf vermutlich Rechtsradikale in einem Fast-Food-Restaurant in der Frankfurter Allee. Als ein Mann hineinkam und sie als Faschisten beschimpfte, reagierten sie nicht. Ich nehme an, sie hätten ihn locker verprügeln können. Stattdessen veschwand er wieder, um kurz danach mit einer Gruppe schwarz gekleideter und vermummter Männer zurückzukommen. Sie griffen die Gruppe sofort an und schlugen so hart auf sie ein, dass die Feuerwehr sie alle ins Krankenhaus bringen musste. Die Angreifer verschwanden unerkannt.
Man fragt sich, warum diese Form der Gewalt und Intoleranz von rechts nicht akzeptiert wird, bei den Linken aber schon. Mir drängt sich der Eindruck auf, dass es hier eine Art linker Selektion gibt, gute und schlechter Täter, gute und schlechte Opfer. Man kennt das auch vom Umgang mit gewalttätigen Ausländerbanden, die man nicht benennen darf, ohne in den Verdacht des Rassismus’ zu geraten.
Aber ich lehne diese Form der Unterscheidung ab. Für mich sind linksextreme Gewalttäter genauso Verbrecher wie die Neonazi-Schläger.




“Schlagt sie tot!”

… oder wie soll man die Bilder verstehen? Tausend Verletzte, je zur Hälfte Polizisten und Demonstranten: Gewalttäter werfen Steine aus kurzer Entfernung auf einen unbehelmten Beamten, ein Polizeiwagen mit Insassen wird massiv mit Knüppeln und Steinen bombardiert, fünf Polizisten prügeln auf einen am Boden liegenden Menschen ein, ein Beamter hat einen offenen Oberarmbruch usw. “Schlagt sie tot!” hört man in einer Filmaufnahmen aus den Reihen der Autonomen. Die Randale auf der Anti-G8-Demo gestern in Rostock zeigen vor allem eines: Die Autonomen wollen nicht demonstrieren, sondern missbrauchen die Massen der Protestierenden für ihren Klassenkampf als trojanisches Pferd. Und so mancher Polizist fällt in die Gewaltorgie mit ein und weiß nicht, wann Schluss sein muss.
Wenn sich selbst die Demo-Veranstalter von den Randalierern distanzieren, dann kommt das Argument nicht mehr zum Zuge, dass die Krawalle nur eine Reaktion auf die Polizeigewalt sind. Offenbar ist das Gegenteil der Fall: Am Ende der Großdemo begannen Autonome massiv mit der Zerstörung von Autos, Telefonzellen, rissen Bürgersteige auf und bewarfen sogar Feuerwehrwagen mit Steinen. Auch mehrere Demonstranten, die beschwichtigen wollten, wurden vom Steinhagel verletzt.
Die Autonomen sind damit moralisch endgültig im Abseits. Sie diskreditieren den Protest gegen den G8-Gipfel, sie nehmen die bloße Anwesenheit der Polizei als Vorwand zum Randalieren und stellen sich damit auf eine Linie mit Hooligans. Die Gewaltgeilheit, die man ansonsten nur von Neonazis kennt, sucht sich jede Gelegenheit zur Befriedigung, leiden müssen darunter diejenigen, deren politischer Protest gegen die Globalisierungspolitik verhindert wird. Man wundert sich schon gar nicht mehr, dass die Autonomen mit den gleichen Methoden und Argumenten auftreten, wie die NPD.

Für eine bessere Welt? Lachhaft! Diese Menschenverachtung, dieses selbstverständliche Verletzen von Personen ist mit keinerlei Argumenten zu rechtfertigen. Man kann nur hoffen, dass diese Leute niemals an die Macht kommen.




Brennende Autos

Durchaus ernst gemeint ist angeblich das Internetangebot “Brennende Autos” des Online-Reiseführers Trips by Tips aus Kreuzberg. Und gerade dort sind sie auch auf die Idee zu einer Website gekommen, eine Karte zu erstellen, wo in Berlin in letzter Zeit am meisten Autos ausgezündet wurden.

Mehr als 50 Brandanschläge gab es bereits seit in diesem Frühjahr, manche bestimmt politisch motiviert, wenn man sich die Besitzer oder Marken der Fahrzeuge betrachtet. Andere werden vielleicht auch nur aus Freude an der Zerstörung abgefackelt. brennende-autos.de sieht sich jedenfalls nicht als politisch, “weder in die eine noch in die andere Richtung”.
Nach einem Blick auf die Karte kann man schon sagen: In Kreuzberg und Friedrichshain sind Autos momentan am gefährdetsten, dicht gefolgt von Mitte und Prenzlauer Berg. Am besten stellt man sein Fahrzeug in Köpenick oder Hellersdorf ab – dort gab es bisher überhaupt keinen Anschlag. Ansonsten helfen vielleicht auch die angebotenen Links auf der Website weiter: Zu Kfz-Versicherungen, Autoverleih und einer Feuerlöscherfirma…




Teller Bunte Knete

Internet. Ich cruise durch das Web wie früher durch die Straßen von Kreuzberg, als 14-Jähriger mit meinem Fahrrad, als 19-Jähriger nachts Plakate klebend, das war mein Stadtteil, hier kannte ich alles und jeden. Und ich hörte eine Musik, die mir seitdem all die Jahre im Ohr blieb. Und plötzlich, fast 30 Jahre später, lese ich es, irgendwo auf einer Website, die eigentlich gar nichts damit zu tun hat: “Teller Bunte Knete”.

Ich weiß nicht, was andere damit verbinden, vielleicht nicht mal Musik. Aber ich denke und fühle dabei wieder etwas, und es tut ziemlich weh. Diese zärtliche aber radikale Musik, diese Texte von Freiheit, Natur, Menschlichkeit – auf einmal ist es alles wieder da. Wir haben damals in Kreuzberg Häuser besetzt und sie verteidigt. Mit Steinen und mit Argumenten. Weil sie uns ein kleines bisschen das gaben, wofür auch “T.B.K.” stand: Selbstbestimmung, ohne Reglementierung leben, mit Kindern und Tieren und Pflanzen und mit einem solidarischen und gleichberechtigtem Umgang, ein eigenes Zuhause. So vieles, was sich aufgeschrieben kitschig anhört, und doch war es damals das, wofür ich leben wollte und manchmal auch gekämpft habe. Wir waren nicht die “Chaoten”, als die man uns hingestellt hat, höchstens in den Köpfen der Spießer. Nein, ich war einer, der frei sein wollte und der sein Leben entsprechend organisiert hat, mit vielen anderen zusammen. Wir haben uns auch woanders umgeschaut: Das besetzte Zentrum in Freiburg, Christiania und Ungdomhuset in Kopenhagen, Hippies im Wendland. Teller Bunte Knete sind mir überall begegnet, es war ein herrliches Gefühl, nicht allein zu sein.

Und nun? Etabliert, immer noch wenig Geld, Wohnung, Job. Wenig ist von der Kollektivität geblieben. Naja, kleine WG, aber das ist nicht dasselbe wie mit 20, 30 Menschen in einem Haus. Oder in einer Burg wie die in Lutter/Niedersachsen. Die Zeit von T.B.K. ist so lange her, aus vielen von uns sind die Menschen geworden, die wir nie sein wollten. Ich auch? Wenigstens bin ich heute weder ein Rechtsextremist, noch Grünen-/SPD-/PDS-Politiker, Sozialarbeiter oder Alkoholiker. Neugierig und anderen gegenüber offen bin ich noch immer. Aber ich bin auch gesetzt. So sehr, dass ich fast heulen muss, wenn ich diese Lieder nun höre und all die Gefühle und Gedanken wieder hochkommen. Vielleicht sollte ich Berlin verlassen, aufs Land ziehen, in ein Tipi und einen Stamm gründen. Oder eine Kommune in nem märkischen Dorf.

Teller Bunte Knete gab es schon nicht mehr, als ich sie das erste Mal gehört habe. Im Internet habe ich nur eine einzige Seite über sie gefunden. CDs gibts auch nicht. Bei eBay habe ich eine Schallplatte von ihnen entdeckt und sie mir von meinem Bruder auf CD brennen lassen, mit allem Knistern. Ich könnte sie die ganze Nacht hören. Und dann meinen Rucksack packen, mich aufs Fahrrad setzen und einfach losfahren.

“Wir müssen uns selbst befreien, alle Menschen müssen Menschen sein”

“Wir gehen auf langen Wegen und wer will geht der Sonne entgegen”

“Diese Zusammenarbeit, in Verbindung mit genügend Toleranz untereinander und Respekt voreinander, war in der Anfangszeit eine der großen Stärken der Gruppe und ließ letztendlich wohl so etwas wie Magie entstehen.” (Zitat aus der Geschichte von T.B.K.)




Autonome zünden Fahnen an

Dass viele Links-Autonome noch immer auf dem Tripp “Deutschland verrecke” sind, muss man hinnehmen, es fällt unter Meinungsfreiheit. Etwas anderes ist es, wenn sie losziehen und anderen Menschen mit Gewalt ihre Meinung aufzwingen wollen. Nicht dass dies neu wäre, im Moment treibt dieses Vorgehen aber absurde Blüten.

In Friedrichshain störten sich die linksradikalen Damen und Herren dermaßen an den schwarz-rot-goldenen Flaggen, dass sie loszogen und sie zerstörten. Bei einem Lokal wurde eine außen angebrachte Flagge herausgerissen und Steine in das Schaufenster geworfen. Als das Personal herauskam, wurde es ebenfalls mit Steinen beworfen und teilweise verletzt. An anderer Stelle wurden deutsche Fahnen an Autos angezündet.
Die Polizei vermutet die Täter in einem Wohnprojekt in der Rigaer Straße.




Gleiches Recht für alle. Oder nicht?

Täglich werden in Berlin Wohnungen zwangsgeräumt, weil ihre Bewohner die Miete nicht mehr zahlen können. Meist ist das ein schlimmer Höhepunkt auf ihrem Weg nach unten. Danach folgt oft die Obdachlosigkeit, manchmal ein Platz im Wohnheim. Viele dieser Menschen sind unverschuldet in diese Lage geraten, aber egal ob selbst schuld oder nicht – sie sind fast immer allein.
Anders ist es bei den rund 60 Bewohnern der Yorckstraße 59 in Kreuzberg: Sie hatten seit 1988 einen Mietvertrag, der ihnen eine Miete zusicherte, die weit unter der ortsüblichen lag. Dabei sind viele von ihnen nicht mal arm. Und sie sind nicht allein: Als das Haus verkauft wurde und der neue Eigentümer die Miete von 2,39 Euro pro Quadratmeter verdoppeln wollte, mobilisierten die Bewohner ihre Freunde und Genossen.

Zwar liegt die nun verlangte Miete noch immer im unteren normalen Bereich, aber den dort lebenden Autonomen war das trotzdem zu viel. Sie nutzten ihre Möglichkeiten und machten Dampf. Hunderte von Kreuzberger Linken gingen auf die Straße, sie demonstrierten, besetzten Straßen und Parteibüros, plünderten in der SPD-Zentrale, alles natürlich für die “gute Sache”. Die Verwaltung von Friedrichshain-Kreuzberg knickte ein, “sozialdemokratische” und “alternative” Lokalpolitiker ließen sich einlullen, vermittelten zwischen Bewohnern und Besitzer, machten Angebote. Alles umsonst. Der neue Hauseigentümer beharrte auf seine Mietforderung, die Mieter auf ihr privilegierte Recht auf Billigwohnen. Die Fronten waren verhärtet und die Autonomen besannen sich ihrer guten Zeiten: Gab es in Kreuzberg vor 25 Jahren nicht auch mal einen Häuserkampf…?
Also wurden nicht nur Plakate geklebt, Demos veranstaltet und Parteibüros besetzt, sondern auch militante Aktionen gestartet. Plötzlich flogen Steine, gegen den Hauseigentümer, gegen Autohäuser (was haben die eigentlich damit zu tun), gegen die SPD (Sozialfaschisten?) und einige andere mehr. Wer keine Argumente hat, der kommt eben mit Gewalt. Als das nicht reichte, flogen Brandsätze. Der Hausbesitzer wurde in seinem Büro angegriffen, es gab wochenlangen Psychoterror gegen ihn, Wände wurden beschmiert, Scheiben eingeworfen, Autos angezündet.
Trotz dieses Gewalt gab es immer noch Politiker, die den Bewohnern entgegen kamen. Zum Schluss wurde ihnen der Kauf eines ehemaligen Krankenhauses in Friedrichshain angeboten, aber auch das lehnten sie ab.
Man muss sich mal vorstellen, es wären nicht Links-, sondern Rechtsextremisten gewesen, die diese Methoden angewandt hätten. Ein Aufschrei würde durch die Stadt gehen, zu Recht würden alle Hebel in Bewegung gesetzt, dass der Terror gestoppt wird. Aber offenbar gibt es unter dem rot-roten Senat unterschiedliches Recht.
Dass in Zukunft verarmten Menschen, die aus ihrer Wohnung zwangsgeräumt werden sollen, gleich billige Ersatzunterkünfte angeboten werden, ist wohl leider nicht zu erwarten. Vielleicht müssen sie auch erstmal Scheiben einwerfen und zu Gewalttätern werden, bevor mal ihnen entgegenkommt…