Ein Stadtteil voller Widerstandskämpfer

Es ist ein Stadtviertel, das mit Armut in Verbindung gebracht wird, auch wenn er das schicke „Charlottenburg“ im Namen trägt. Aber Charlottenburg-Nord ist ganz anders als die Gegend um den Kurfürstendamm. Es hat nicht mal einen eigenen Namen und eingepfercht zwischen Flughafen Tegel und Gewerbegebiet, durchschnitten von der Stadtautobahn leben hier viele Menschen, die sich woanders keine Wohnung mehr leisten können. Der Stadtteil, bestehend aus der Siedlung Charlottenburg-Nord und der Paul-Hertz-Siedlung, wurde von 1956 bis 1961 anstelle großflächiger Kleingartenanlagen errichtet.

Ganz am östlichen Ende liegt das alte Gefängnis Plötzensee. Dort befand sich während der Nazizeit auch die Hinrichtungsstätte. Fast 2.900 Nazigegner starben hier, erst durch das Handbeil, dann durch die Guillotine oder den Galgen. Mitglieder der kommunistischen „Roten Kapelle“, des christlichen „Kreisauer Kreises“, Verschwörer des Stauffenberg-Attentats vom 20. Juli 1944 sowie viele andere Antifaschistischen wurden dort ermordet.

Zehn Jahre nach dem Ende der NS-Diktatur entstand das Wohnviertel Charlottenburg-Nord, beidseitig des südlichen Kurt-Schumacher-Damms. Zum Gedenken an die ermordeten Widerstandskämpfer wurden die meisten Straßen dort nach ihnen benannt. Darunter so bekannte wie der Domprobst Bernhard Lichtenberg, der schon 1930 von Goebbels bedroht wurde. Später protestierte er öffentlich gegen das Novemberpogrom, die Euthanasie und immer wieder gegen die Judenverfolgung. Er starb 1942 auf dem Transport ins Konzentrationslager Dachau.

Oder Ernst Heilmann, bis 1933 SPD-Fraktionsvorsitzender im preußischen Landtag, 1940 in Buchenwald ermordet.
Oder Friedrich Olbricht, der am 20. Juli 1944 zusammen mit Claus Schenk Graf von Stauffenberg erschossen wurde.
Aber auch weniger bekannten Widerstandskämpfern wurde gedacht, wie der Zeitungsausträgerin Emmy Zehden, der Sekretärin Maria Terwiel und dem Maschinenbauer Joseph Wiersich. Die Gerichtsreferendarin Elisabeth Gloeden versteckte einen der Hitler-Attentäter um Stauffenberg und wurde dafür im November 1944 hingerichtet.

Der zentrale Platz in Charlottenburg-Nord erhielt zwar auch den Namen eines Widerstandkämpfers, allerdings hatte den Faschismus überlebt. 1961 wurde der Siemensplatz nach Jakob Kaiser benannt. Dieser war Jahrzehntelang als Gewerkschaftler und Politiker aktiv, hatte während der Nazizeit enge Kontakte zum Widerstand und unterstützte das Stauffenberg-Attentat. Danach konnte er bis zur Befreiung untertauchen.

Ob den Leuten in Charlottenburg-Nord wohl bewusst ist, dass sie in einem Wohnviertel leben, dessen Straßen und Wege nach tapferen Widerständlern benannt sind? Eigentlich sollten Straßennamen ja an die Geschichte der Menschen erinnern, deren Namen sie tragen. Die paar Taxi-Fahrgäste, die ich in den vergangenen Jahren dorthin hatte, wussten allesamt leider nichts davon, nach wem die Straßen dort benannt sind. Und obwohl es im Heilmannring einen Gedenkstein für den Bau der Siedlung gibt, wird auf ihm mit keinem Wort darauf hingewiesen, auf wen die Straßennamen hinweisen.

Hier eine Übersicht über diejenigen, an die die Straßen dort erinnern:

  • Gustav Dahrendorf, Mitglied des Kreisauer Kreises, überlebte Gestapohaft, KZ und das Zuchthaus Brandenburg.
  • Alfred Delp, katholischer Theologe, in Plötzensee hingerichtet am 2.2.1945.
  • Elisabeth Gloeden, am 30.11.1944 hingerichtet.
  • Carl Friedrich Goerdeler, Jurist, in Plötzensee hingerichtet am 2.2.1945, auf persönlichen Befehl Hitlers enthauptet.
  • Nikolaus Groß, Gewerkschaftsführer, in Plötzensee hingerichtet am 23.1.1945.
  • Hans Habermann, Buchhändler, hatte Kontakt zu Widerstandsgruppen, nahm sich in Gestapohaft an 30.10.1944 das Leben.
  • Hans-Bernd Haeften, Diplomat, in Plötzensee hingerichtet am 15.8.1944.
  • Werner Haeften, Militär, am 20.7.1944 nach dem Hitler-Attentat zusammen mit Stauffenberg erschossen.
  • Nikolaus von Halem, Jurist, unterstützte Beppo Römer bei dessen Versuch eines Attentats auf Hitler, hingerichtet am 9.10.1944 im Zuchthaus Brandenburg.
  • Ernst Heilmann, Politiker, 3.4.1940 in Buchenwald ermordet.
  • Cäsar von Hofacker, Jurist, gehörte zum Kreis um Stauffenberg, in Plötzensee hingerichtet am 20.12.1944.
  • Richard Hüttig, Arbeiter, Leiter der kommunistischen Häuserschutzstaffel im Charlottenburger “Zille-Kiez”, die wegen wiederholter Überfälle der Faschisten zur Abwehr gegründet worden war. In Plötzensee hingerichtet am 14.6.1934.
  • Jakob Kaiser, Buchbinder und Politiker.
  • Johanna Kirchner, Journalistin, arbeitete in der Illegalität für die SPD, in Plötzensee hingerichtet am 9.6.1944.
  • Friedrich Karl Klausing, Militär, gehörte zum Kreis um Stauffenberg, in Plötzensee hingerichtet am 8.8.1944.
  • Bernhard Letterhaus, Gewerkschaftsfunktionär, gehörte zum Kreis um Stauffenberg, in Plötzensee hingerichtet am 13.11.1944.
  • Franz Leuninger, Gewerkschaftsfunktionär, gehörte zum Kreis um Stauffenberg, in Plötzensee hingerichtet am 1.3.1945.
  • Bernhard Lichtenberg, Domprobst, starb 1942 auf dem Transport ins KZ Dachau.
  • Friedrich Olbricht, Militär, am 20.7.1944 nach dem Hitler-Attentat zusammen mit Stauffenberg erschossen.
  • Hermann Popitz, Jurist und Politiker, gehörte zum Kreis um Stauffenberg, in Plötzensee hingerichtet am 2.2.1945.
  • Adolf Reichwein, Pädagoge, hatte Kontakt zu Widerstandsgruppe um Anton Saefkow, in Plötzensee hingerichtet am 20.10.1944.
  • Ernst Schneppenhorst, Politiker, wegen des Hitler-Attentats am 24.4.1945 von der SS erschossen.
  • Ludwig Schwamb, Jurist, Mitglied des Kreisauer Kreises, in Plötzensee hingerichtet am 23.1.1945.
  • Ulrich von Schwanenfeld, Militär, gehörte zum Kreis um Stauffenberg, in Plötzensee hingerichtet am 8.9.1944.
  • Hellmuth Stieff, Militär, gehörte zum Kreis um Stauffenberg, in Plötzensee hingerichtet am 8.8.1944.
  • Theodor Strünck, Jurist, wegen Beteiligung am Hitler-Attentat verurteilt, am 9.4.1945 erhängt.
  • Richard Teichgräber, Schlosser, starb am 25.2.1945 im KZ Mauthausen.
  • Maria Terwiel, Sekretärin, gehörte zum Kreis der Roten Kapelle, in Plötzensee hingerichtet am 5.8.1943.
  • Oswald Wiersich, Maschinenbauer, hatte Kontakt zu Widerstandskämpfern, in Plötzensee hingerichtet am 1.3.1945.
  • Joseph Wirmer, Jurist, in Plötzensee hingerichtet am 8.9.1944.
  • Emmy Zehden, Zeitungsausträgerin, wegen Beteiligung am Hitler-Attentat verurteilt, in Plötzensee hingerichtet am 9.6.1944.




Ordnungsamt zensiert Künstler

Die Galerie von Wilhelm Peters in der Bleibtreustr. 52 erfreut sich derzeit verstärktem Interesse. Ordnungsamtsmitarbeiter des Bezirksamts Charlottenburg-Wilmersdorf hatten den Künstler aufgefordert, zwei seiner Bilder aus dem Schaufenster zu entfernen, weil diese Pornografie zeigen würden. Angeblich hätten sich Anwohner beschwert.
Tatsächlich sind auf den Bildern Geschlechtsteile zu sehen und auf einem ein Sexakt. Die Vorwürfe der Verbreitung von Pornografie sind allerdings lächerlich, es handelt sich eindeutig um Kunstwerke. Immerhin stellte der Bundestag bereits 1973 fest, dass Bilder nur dann als pornografisch einzustufen sind, wenn sie “zum Ausdruck bringen, dass sie ausschließlich oder überwiegend auf die Erregung eines sexuellen Reizes bei dem Betrachter abzielen”. Bisher wurden aber noch keine onanierenden Männerhorden vor der Galerie gesichtet.

Unklar ist auch, ob das Ordnungsamt überhaupt befugt ist, dem Künstler die Ausstellung dieser Werke zu verbieten. Leider hat er es nicht drauf ankommen lassen, und die sichtbaren Geschlechtsteile auf dem Bildern mit kleinen Zetteln überklebt.
Interessant ist, dass sich vor 40 Jahren genau am selben Ort schon einmal etwas ähnliches abspielte: Damals befand sich in dem Haus der Schwulen-Buchladen Prinz Eisenherz. Er bekam Besuch von der Polizei, weil im Schaufenster Bücher ausgelegt waren, auf denen nackte Männer zu sehen waren. Dies reichte damals schon für eine Strafverfolgung.
Da waren die Römer und Griechen vor 2.500 Jahren bereits weiter, als sie Statuen nackter Männer und Frauen in ihren Städten aufstellten. Und auf tausenden Abbildungen sind sogar Geschlechtsakte zu sehen.Muss man nun damit rechnen, dass das Ordnungsamt demnächst durch die Museen zieht und auch dort die Kunstwerke zensiert?




Dampfer auf dem Savignyplatz

Dass Großbauprojekte manchmal andere Wege nehmen als geplant, weiß man nicht erst seit dem BER-Desaster. Schon vor 130 Jahren wurde ein riesiges Projekt geplant, das jedoch niemals Wirklichkeit geworden ist.

Stellen Sie sich vor, anstelle der Grünflächen auf dem Savignyplatz gäbe es heute ein großes Wasserbecken. Von Nordosten her würden Dampfer einfahren und am Steg stiegen Ausflügler ein, die auf dem Kanal Richtung Wannsee weiter ins Grüne fahren. An den Ufern des Bassins würden im Sommer die Menschen in der Sonne sitzen, an Tischen ihren Kaffee oder eine Berliner Weiße trinken. Die Kantstraße würde das große Wasserbecken als Brücke überspannen.

All dies ist keine Spinnerei, sondern war tatsächlich so geplant. Im Zuge der Stadterweiterung im 19. Jahrhundert sollte eine neue Wasserverbindung hergestellt werden zwischen der Spree und dem Wannsee, weil der Umweg über Spandau schlecht schiffbar war. Dies lag vor allem am teils zu flachen Flussgrund, aber auch an zu niedrigen Brücken, die Spree und Havel überspannten. Schon bei mittlerer Wasserhöhe konnte ein Teil der Schiffe dort nicht mehr fahren.

Parallel zur Stadtplanung von James Hobrecht reifte der Plan, eine Umfahrung zu bauen. Hobrechts Bebauungsplan wurde als Grundlage genommen, um darin eine neue Wasserstraße einzubauen, den rund 18 Kilometer langen Süd-West-Kanal. Er sollte von der noch heute existierenden Schleuse am Landwehrkanal Richtung Süden abzweigen, entlang von Fasanen- und Uhlandstraße auf den Savignyplatz einbiegen und von hier durch die Knesebeckstraße Richtung Wilmersdorf. Von dort aus war geplant, ihn durch die Grunewaldseen zum Wannsee in die Havel zu führen. Zwischendurch war ein Hafen am heutigen Olivaer Platz vorgesehen sowie mehrere Haltestellen auf dem Weg zum Grunewaldsee.

Mit der Planung beauftragt war das Ingenieurbüro Havestadt & Contag, das seinen Entwurf im Jahr 1883 vorstellte. Die Gegend rund um den Savignyplatz war zu diesem Zeitpunkt zwar nur spärlich bebaut, jedoch existierte bereits die Stadtbahntrasse, so dass die Kanalplanung darauf Rücksicht nehmen musste. Die Planer schrieben dazu:

Wie bereits erwähnt wurde, liegt der geeignetste Punkt einer Unterführung des Kanals unter der Stadtbahn im Zuge der Knesebeckstrasse; um diese zu erreichen, ist die Trace so gewählt, dass der Kanal, nach Unterschneidung der Hardenbergstrasse, in einer scharfen Curve an der hinteren Seite des zur Villa Mendelssohn gehörigen Gartens vorbei, das noch unbebaute Terrain durchdringend, den im Bebauungsplan vorgesehenen grossen Platz – des Vereinigungspunkt von 7 Strassen – erreicht; auf letzterem ist ein Wendebassin projektiert, welches bis zur Vollendung der Bebauung der benachbarten Stadttheile mit Vortheil auch als Hafenbassin verwerthet werden kann. Die Strasse No. 18 [heute Uhlandstraße] wird von dem Kanal schiefwinkelig geschnitten. … Die Ableitung der Strasse No. 18 bei ihrem Zusammentreffen mit dem Kanal wird die einzige wesentliche Aenderung des bisher festgestellten Bebauungsplanes sein. …

Die Ausmündung des Kanals liegt im Zuge der Knesebeckstrasse und zwar ist der Kanal in zweischiffiger Breite (18,0 m) in der Mitte der jetzigen Strasse angenommen, wodurch die Theilung derselben in zwei Uferstrassen nothwendig wird. Die hierdurch eintretende Verbreiterung der Knesebeckstrasse bis auf 52 m – excl. Vorgärten – würde zwar auf Kosten der angrenzenden Bauterrains erfolgen, dieselben aber zweifellos in ihren Werthe steigern, weil damit der Charakter der Strasse wesentlich gehoben wird.

Tatsächlich wäre nicht nur der Charakter der Knesebeckstraße extrem verändert worden, sondern z.B. auch der des Kurfürstendamms, der dann als Brücke den Kanal überspannt hätte.

Die Wahl auf die Knesebeckstraße für die Unterführung der Stadtbahn hatte zwei Vorteile: Zum einen das als Savignyplatz geplante Wasserbassin vor der Ausfahrt, was bessere Rangiermöglichkeiten geboten hätte. Vor allem aber hatte die Stadtbahntrasse durch eine um vier Meter größere Lichtweite sowie tiefere Fundierung der Pfeiler, als die Alternativen Fasanen- und Uhlandstraße.

Mitte der 1880er Jahre wuchs die Stadt rasant. “Berlin ist aus dem Kahn gebaut” heißt es, womit gemeint ist, dass ein Großteil des Baumaterials, vor allem Ziegel und Holzbohlen, über die Kanäle in die Stadt kamen. Besonders die Kalkberge Rüdersdorf waren wichtiger Lieferant für die Neubauten in Berlin und all seine vorgelagerten Gemeinden wie Charlottenburg. Rüdersdorf war über Kalk-, Flaken-, Dämmeritzsee und schließlich die Spree an Berlin angebunden. Ein Kanal quer durch die damals noch selbstständigen Gemeinden Charlottenburg und Wilmersdorf würde deren Aufschwung sehr unterstützen.

Letztlich aber kam alles anders. Schon vor der Planung des Süd-West-Kanals wurde seit 1861 auch über eine südliche Umfahrung der Stadt nachgedacht, die allerdings doppelt so lang würde. Der Vorteil war, dass er hier vor allem über Felder geführt wurde, bei denen keine Rücksicht auf bestehende oder geplante Stadtbebauung genommen werden musste. Außerdem bekämen die südlich gelegenen Gebiete eine Verbindung zu Havel und Spree (bzw. die Dahme), auch ohne Umweg über den Landwehrkanal.

Damals wie heute wurden Großprojekte hauptsächlich nach politischen Gesichtspunkten beschlossen. Und so setzte sich der Teltower Landrat Ernst Stubenrauch (genannt “Der Eiserne”) 1885 durch, der den Südkanal favorisierte. Stubenrauch erhoffte sich von dem Kanal, dass sein Landkreis Teltow, der damals noch von Zehlendorf bis Köpenick reichte, wirtschaftlich aufgewertet würde. Um den Widerstand gegen die Entscheidung für den Teltowkanal und gegen den Süd-West-Kanal zu schwächen, beauftragte er ebenfalls das Ingenieursbüro Havestadt & Contag. Dies hatte erst kurz zuvor eine 76-seitige Broschüre zur Planung des Süd-West-Kanals veröffentlicht.

Am 22. Dezember 1900 erfolgte im Park von Babelsberg der erste Spatenstich für den neuen Teltowkanal, auf den Tag genau sechs Jahre später wurde das Bauwerk auf gesamter Länge eröffnet. Damit war die Planung für den Kanal durch Charlottenburg und Wilmersdorf hinfällig. Und am Savignyplatz liegen keine Ausflugsdampfer.




Jungfernheide

Der Volkspark im Norden Charlottenburgs ist nach dem Tiergarten der zweitgrößte Park Berlins und der letzte Rest eines ehemaligen Wald- und Heidegebiets, das einst von Moabit bis nach Tegel reichte. In Moabit erinnert der Name Waldstraße noch immer daran. Und selbst der S-Bahnhof Jungfernheide ist mittlerweile etwa einen Kilometer vom eigentlichen Park entfernt.
Ihren Namen hat die Jungfernheide vom Spandauer Nonnenkloster, das im 13. Jahrhundert gegründet wurde. Bis etwa 1800 diente sie als königliches Jagdrevier, danach wurde sie als Schieß- und Exerzierplatz genutzt. Die Stadt Charlottenburg kaufte 1904 einen Teil des Gebietes und wollte es zu einem Park umbauen, was sich aber immer weiter verzögerte. Nachdem Charlottenburg 1920 nach Berlin eingemeindet wurde, wurde schrittweise bis 1926 der Jungfernheidepark nach Plänen des Charlottenburger Gartendirektors Erwin Barth angelegt. Barth legte Wert darauf, das ein Großteil des Baumbestands erhalten blieb, so wurde der Park also in den Wald hineingebaut. Nur im mittleren Teil schlug man eine große Schneise, hier entstanden u.a. große Spiel- und Liegewiesen, Spielplätze und ein künstlicher See mit einer 3 Hektar großen Insel, die über zwei Brücken erreichbar ist. Am östlichen Ende markiert der 28 Meter hohe Wasserturm einen Höhepunkt der Jungfernheide.
Heute erreicht man den Park sehr gut von U-Bhf. Halemweg auf der U7. Man taucht sofort in den Wald ein und als erstes fallen einem die Schilder auf, die vor dem Verlassen der Wege warnen. Der alte Baumbestand ist zu einer Gefahr für die Spaziergänger geworden.

Wir wählen einen Rundgang in Uhrzeigerrichtung. Auf einem Hauptweg erreichen wir einen kleinen Platz, von dem man den “Kulturbiergarten” betreten kann. Kultur gibt es manchmal, Bier immer. Etwas abgeschieden kann man hier seinen Spaziergang unterbrechen, aber wir haben ja gerade erst angefangen. Das dazugehörige Freilufttheater ist geschlossen, aber hier hängt ein aktuelles Programm aus. 2000 Besucher fasst es. Ob auch mal so viele kommen?
Auf dem Weg weiter Richtung Westen liegen ein Bauspielplatz sowie eine Hundeauslauf-Anlage. Beide sind fest verschlossen und anscheinend nicht mehr in Betrieb. Oder nur innerhalb der Woche? Jedenfalls scheinen beide Anlagen sehr überholungsbedürftig zu sein.

Dann sehen wir schon das Wasser des Jungfernheidesees. Am östlichen Ufer ein Strand, bei dem warmen Wetter liegen ein paar Einzelne, Pärchen und Familien am Wasser, aber nur wenige baden auch. Bald erreicht man die Brücke, die zur Insel führt. Sie muss nur ca. zehn Meter Wasser überwinden, es sind hier alles keine großen Distanzen. Am Wasser entlang kommt man an zwei kleineren Häuschen vorbei, Pavillons, die den Spaziergängern zur Pause errichtet wurde.

Auch am westlichen Ende des Sees baden Leute, mehr als gegenüber. Jedoch ist dies hier ein offizielles Freibad, abgezäunt, sauber und es bietet einige Annehmlichkeiten wie Imbiss und Lokal, Toiletten und Umkleidekabinen. Der Nichtschwimmerbereich ist deutlich mit einer rot-weißen Kette abgezäunt, es sind vor allem Familien mit Kindern hier. Das kleine Strandbad, ein Familienbetrieb, ist auch bei heißem Wetter nicht überfüllt.
Hinter dem Bad geht es nördlich des Sees wieder zurück. Nur wenige Meter in einen Weg, durch eine kleine Gittertür – und man steht auf einem großen Sportgelände, mit mehreren Fußballplätzen, Vereinshaus, Gaststätte und mobilem Imbiss. Heute am Sonntag ist hier eine Menge los. Man kann sich mit einem Getränk in den Schatten setzen und den Sportlern beim Rennen zusehen.
Oder man setzt seinen Weg weiter fort, am See entlang erreicht man wieder die erste Badestelle. Hier beginnt auch die große Liegewiese, die mehrere hundert Meter weiter durch den Wasserturm abgeschlossen wird. Es ist hier tatsächlich eine Wiese, kein kurz geschnittener Rasen, die man sich allerdings mit zahreichen Maulwürfen teilen muss. Der Wasserturm ist ein expressionistischer Klinkerbau von 1927. Mittlerweile gibt es in seinem Sockelbereich sogar wieder eine Gaststätte.

Im östlichen Teil des Parks hat man nochmal die Möglichkeit, durch Waldgebiet zu wandern. Hier gibt es auch Wildschweine, die in einem Gehege leben. Sie machen sich durch ihren strengen Geruch bemerkbar.
Noch vor einigen Jahrzehnten reichte die Jungfernheide weiter Richtung Osten. Doch mit dem Bau der Stadtautobahn (Kurt-Schumacher-Damm) und des Flughafenzubringers gingen größere Teile verloren. Unter anderem der Platz, an dem sich 1856 der damalige Berliner Polizeipräsident Ludwig von Hinckeldey mit Hans-Wilhelm vom Rochow-Plessow ein Duell lieferte – und erschossen wurde. An dieser Stelle war daraufhin ein Kreuz errichtet worden, das aber mit dem Bau der Stadtautobahn versetzt werden musste und nun am Parkeingang an der Ecke Kurt-Schumacher-/Heckerdamm steht.

Wir gehen nun zurück zum Ausgangspunkt. Die vier Kilometer Rundweg sind schön zu laufen, wenn auch manchmal etwas frustrierend. Denn am Ende heißt es wieder: Das Verlassen der Wege ist verboten. Wegen Baum-Einsturzgefahr.

Foto: Kvikk CC-BY-SA 4.0




Der Landwehrkanal

Mit dem Spottlied “Es schwimmt eine Leiche im Landwehrkanal” wurde die ermordete Rosa Luxemburg nach ihrem Tode noch posthum verhöhnt. Leider ist dies das einzige Lied, in dem das größte Bauwerk Berlins vorkommt.
Als der Kanal am 2. September 2000 sein 150-jähriges Jubiläum hatte, kam niemand auf die Idee, dies zu würdigen. Aber das steht in alter Tradition: Schon seine Einweihung war der Presse 1850 nur wenige Zeilen wert. Die Berliner nahmen ihn im Prinzip nicht wahr, zumal er damals noch außerhalb der Stadtmauern lag…
Ausschlaggebend für den Bau des Kanals waren die unzureichenden Kapazitäten der Spree-Schleuse am Mühlendamm (heute im Bezirk Mitte). Die Schiffe mussten schließlich wochenlang warten, bis sie die Schleuse passieren konnten, die damals schon mitten in der Stadt lag. Sie war zu eng, die Schleusenkammern zu kurz, der Ansturm zu groß.

Es ist nicht bekannt, wann der sogenannte Landwehrgraben angelegt wurde, der direkt nördlich der Stadtmauer zwischen dem Schlesischen und Halleschen Tor verlief. Wenn die Spree Hochwasser führte, diente der Graben zu ihrer Entlastung. Ab 1705 gab es auch Holztransporte über den Landwehrgraben. Doch erst über hundert Jahre später wurde die Situation an der Schleuse so untragbar, dass die Idee zum Bau einer Ausweichmöglichkeit aufkam. Schiffen, die die Stadt nicht anlaufen sondern nur durchqueren wollten, sollten so um die Mauern herum geführt werden und die Spree in Berlin entlasten.
1818 stellte der Ober-Mühleninspektor Schwahn einen Plan zum Bau des Umgehungskanals auf. Er sollte elf Meter breit und selbst bei niedrigstem Oberwasserspiegel noch mindestens 1,30 m tief sein. Nachdem bereits alle Vorbereitungen getroffen waren, ließ der König den Bau jedoch 1820 aus Kostengründen stoppen.

Erst 1840 erhielt Peter Joseph Lenné den Auftrag zur Bebauung des Köpenicker Feldes. Sein Konzept enthielt als Hauptpunkt die Anlegung eines schiffbaren Wasserweges, der an der Spree an der jetzigen Schillingbrücke begann. Von hier aus wurde der Luisenstädtische Kanal über den heutigen Engeldamm, Oranienplatz, Erkelenzdamm zum späteren Urbanhafen geführt. Parallel dazu trieb Lenné die Entwicklung der alten Idee einer Spree-Umfahrung voran.

Die Bürokratie mahlt oft langsam, in diesem Fall besonders. Als 1845 der Bau des Landwehrkanals begann, war an manchen Stellen noch nicht mal seine genaue Trassenführung entschieden. Die endgültige Linienführung beschrieb der Bauleiter des Kanals, Ingenieur Helfft:
“Der ungefähr 1 3/8 Meilen [10,4 km] lange Landwehrkanal tritt oberhalb des Schlesischen Thores, nicht weit von der ehemaligen Mündung des Landwehrgrabens, aus der Spree, durchschneidet alsdann die Chaussée nach Treptow, entfernt sich, die sogenannten Berliner Wiesen durchschneidend und bei seiner Wendung beinahe einen rechten Winkel bildend, von der Stadt, kommt derselben bei Durchschneidung des Rixdorfer Dammes wieder näher, erreicht die Stadtmauer am Halleschen Thore, durchschneidet ferner die Militairstraße [Wilhelmstraße], die Berlin-Anhalter Eisenbahn, die Schöneberger Straße, die Berlin-Potsdam-Magdeburger Eisenbahn und die Potsdamer Straße, läuft die Grabenstraße entlang, wendet sich dann nach dem ehemaligen Fasanen-Gehege nach Charlottenburg und mündet endlich oberhalb Lietzow, bei dem neuen königlichen Salzmagazine, in die Spree aus.”

An der Stelle des heutigen Urban-Krankenhauses stieß der Luisenstädtische Kanal in den Landwehrkanal, hier wurde der Urbanhafen angelegt, der die gesamte Fläche des heutigen großen Parkplatzes, einen Teil des Krankenhaus-Neubaus sowie gegenüber einen Teil des Böcklerparks einnahm. Der Luisenstädtische Kanals durchbrach zwischen dem Kottbusser und dem Halleschen Tor die Stadtmauer, worauf heute noch der Name Wassertorplatz hinweist. Mitten in die Bauarbeiten platzte die Revolution von 1848, die auch die 5.000 Arbeiter am Luisenstädtischen Kanal erfasste. Elf von ihnen starben im Oktober 1848 am Engelbecken.

Durch die Schleusentore am Anfang und Ende des Landwehrkanals konnte eine konstanter Wassertiefe gehalten werden, unabhängig vom tatsächlichen Wasserstand der Spree. So wurde gewährleistet, dass die Tiefe nie unter 1,50 m sank. Die Breite betrug an der Wasseroberfläche etwa 20 Meter. Allerdings maß die Sohle nur zehn Meter, die Ufer stiegen damals schräg an, so dass die Schiffe nicht direkt am Rand halten konnten.
Dass der Platz nicht reichte, wurde nach dem Abriss der Stadtmauer und der schnellen Ausbreitung der Stadt deutlich. Zahlreiche zum Entladen angelegte Schiffe blockierten den Kanal. Bei den Begegnungen und Überholmanövern in der schmalen freibleibenden Rinne wurde die Uferbefestigung an zahlreichen Stellen beschädigt, wodurch Sand durchbrach und den Kanal dort unpassierbar machte. 1880 erließ die Stadt daher die Order, dass der gesamte Kanal periodisch stets nur in eine Richtung befahren werden durfte.

Um die Situation zu entspannen sollte nur etwa 300 Meter südlich ein weiterer Umgehungskanal gebaut werden. Allerdings fiel die Entscheidung aus finanziellen Gründen dann zugunsten eines Ausbaus des Landwehrkanals. Natürlich dauerte die Realisierung wieder viele Jahre, erst 1941 (!) war die Erweiterung des Landwehrkanals abgeschlossen. Das Profil war statt trapez- nun kastenförmig, wodurch eine nutzbare Breite von 22 Metern entstand, die Anlegung von Steilufern und Ladestraßen gaben den Schiffen die Möglichkeit, zur Entladung anzulegen, ohne den Durchgangsverkehr zu behindern. Auch der Wasserstand wurde verändert, der nun mindestens 1,75 Meter und in der Kanalmitte 2 m betrug.

In der Folgezeit erhielt der Landwehrkanals aufgrund des Krieges eine besondere Bedeutung, vor allem zur Schuttabfuhr. Doch die zunehmende Motorisierung auf der Straße sowie schließlich die Teilung der Stadt machten ihn seit den 60-er Jahren fast überflüssig. Heute wird er fast nur noch von Ausflugsdampfern genutzt.

Ein noch schlimmeres Schicksal erlitt der Luisenstädtische Kanal, nach der Bebauung des Köpenicker Feldes wurde er kaum noch befahren. Im Rahmen von Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen wurde der Kanal 1926/27 zugeschüttet und stattdessen ein breiter Grünzug angelegt, der ab 1961 teilweise als Grenzstreifen diente. An einer Stelle aber hat er noch ein deutliches Zeichen hinterlassen: Die Waldemarstraße überquert den ehemaligen Kanal noch immer über eine (während der Mauerzeit zugemauerte) Brücke!




Nachts am Savigny

Älteren Taxifahrern ist die Dicke Wirtin, das Schell und dpa am Savignyplatz noch ein Begriff. Und natürlich der Zwiebelfisch, das Gasthaus, in das man heute noch schaut, wenn man mit dem Taxi auf der Nachrücke steht. Dort herrscht noch eine Ahnung von der West-Berliner 70er-Jahre-Studentenzeit. Abends um 22 Uhr ist der Laden fast voll, selbst mitten in der Woche.

Aber auch die Lokale und Restaurants rund um den Platz brauchen sich über mangelnden Zuspruch nicht zu beklagen. Viele Geschäfte, Mode- und Designer-Möbel, sind schon ewig hier, Inventar des Platzes. Im Funk wird der Savignyplatz oft angesprochen, deshalb stellen sich viele Kollegen hier auf. Hinter den 10 offiziellen Standplätzen sieht man abends oft noch 5, 6 weitere Taxis warten. Hier werden vor allem die Gäste der umliegenden Restaurants bedient. Die hohe Frequentierung des Halteplatzes hinterlässt ihre Spuren, nur ruckelnd geht es über Querrillen im Asphalt weiter, die Tausende von Taxireifen in heißen Sommertagen geschaffen haben. „7 Taxen“ steht auf dem Schild am vorderen Halteplatz, doch mehr als sechs passen nicht drauf.
Gegenüber hat ein winziger Imbiss in einem ehemaligen Zeitungskiosk eröffnet, aber um diese Zeit ist er leider verrammelt. Die Wurst soll hier sehr gut sein und man bekommt sie mit Sekt serviert. Also nichts für Taxifahrer. Dafür leuchtet im Dach des Kiosks eine Bahnhofsuhr. Auch schön.

Der Savignyplatz hat nachts eine eigene Atmosphäre, wenn nicht mehr so viel Autos durch die Kantstraße fahren. Auch als Taxler kann man ein paar Minuten durch den kleinen Park spazieren, seinen Wagen immer im Blick. Gruppen und einzelne Passanten durchqueren den Park auf ihrem Weg von der S-Bahn in die Bar oder retour. Manche entschließen sich erst hier, doch lieber ein Taxi zu nehmen, als auf die Bahn zu warten.

Morgens um 1 Uhr ist der Zwiebelfisch noch immer belebt. Ein schmutziger junger Mann schleicht die an den Laternenmasten hängenden Mülleimer ab, steckt den Arm hinein und zieht ihn enttäuscht wieder heraus. Nichts Verwertbares dabei. Eine alte Frau, aufgedonnert im weißen Pelzmantel, hat am Arm ihren Gatten im hellen Anzug mit passendem Hut. So etwas sieht man hier nur noch selten. Sie bleiben am Taxistand stehen und diskutieren. Dann ziehen sie doch weiter, stellen sich an die Bushaltestelle.
Also weiter warten, bis die Zentrale ruft: „Wer steht Savigny?“.




Geschichtssäulen auf dem Breitscheidplatz

Auf dem Plateau zwischen Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche und der Budapester Straße stehen knapp ein Dutzend Litfaßsäulen. Auf ihnen wird mit zahlreichen Texten und historischen Fotos auf den Ort und die nähere Umgebung hingewiesen, vor allem auf die Geschichte nach dem Krieg. Dabei haben die Macher der Freiluftausstellung viele interessante Geschichten zusammengetragen. Kaum jemand kann sich noch daran erinnern, dass über den Breitscheidplatz einst eine Straße führte, vor dem heutigen Europa-Center verband sie die Budapester mit der Tauentzienstraße. In Berlin nannte man die Straßenverbindung die „Schnalle“. Und auch der Autotunnel ist längst aus dem Bewusstsein verschwunden, obwohl er erst vor zehn Jahren zugeschüttet wurde. Auf dem Foto von der Eröffnung verläuft daneben noch die Straßenbahn.

Die Ausstellung zeigt auch die Nachkriegsplanung, Architekturzeitungen, Zeitungsartikel, die die Diskussion in der Bevölkerung widerspiegelten. Aber auch das alte Kempinski ist noch zu sehen, der Pferdeweg auf der Mitte des Kurfürstendamms, danach all die Neubauten, Bikini, Leineweber, Schimmelpfeng usw.
Vorgestellt werden die längst verschwundenen kulturellen Hotspots, die neuen Einkaufsparadiese und die Idee der „autogerechten Stadt“.

Diese sehenswerte Ausstellung ist jedoch kein Selbstzweck. Die Stiftung Kaiser-Wilhelm-Gedächtniskirche will mit ihr darauf aufmerksam machen, dass die Kirche und das Plateau Teil der Berliner Geschichte sind. Dieses sogenannte Podium, 1961 zusammen mit beiden Eiermanns Kirchenneubauten errichtet, bestand aus einem Mosaik von kreisrunden Keramikscheiben verschiedener Größe und runden Platten aus Beton. Dieser besondere Charakter ging durch eine 1981 erfolgte Reparatur verloren. Nun wird für eine Wiederherstellung gesammelt und in diesem Zusammenhang entstand die Ausstellung.
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Justizburg und Knast

Berlin hat elf Amtsgerichte, die zwar nach Bezirken benannt sind, aber deren Zuständigkeitsbereiche nicht mit denen identisch sind. So ist das Amtsgericht Charlottenburg zentrales Registergericht für das Land Berlin, in dem Handels-, Partnerschafts-, Vereins- und Genossenschaftsregister für die ganze Stadt geführt werden.
1897 bezog es das Gebäude am neu angelegten Amtsgerichtsplatz. Geplant von den Architekten Poetsch und Clasen im Stil des Märkischen Barock bestand es damals nur auf der zur Platz hin zeigenden Stirnseite sowie zwei Seitenflügeln an der Holtzendorff- und der Suarezstraße. Erst 1921, also mehr als zwanzig Jahre später, kam der Neubau hinzu, der im gleichem Stil errichtet wurde und nun den gesamten Block einnahm. Mit dem Neubau wurde die Kapazität des Gebäudes auf das Dreifache erhöht. Durch zwei Quergebäude im Inneren des Komplexes entstanden drei Höfe.
In den vielen Jahren seit seinem Bau hat sich das Gerichtsgebäude kaum verändert. Es erinnert in seiner Monumentalität bis heute an eine Trutzburg.

Schräg gegenüber findet sich in der Kantstraße 79 das alte Strafgericht Charlottenburg. Es entstand zeitgleich zum großen Amtsgericht. 1897 mit einer Fassade im Stil des Augsburger Barock errichtet beherbergte es die Strafabteilungen des Gerichts. In den Nachkriegsjahren diente es als Landesanstalt für Lebensmittel-, Arzneimittel- und gerichtliche Chemie, später als Dienstgebäude des Amtsgerichts. Hier war lange Jahre die Nachlassverwaltung untergebracht. Seit 2015 nutzt es die kanadische Designerfirma Bocci als Showroom für ihre Produkte.

Von der Straße aus nicht zu sehen entstand zusammen mit dem Gericht im Blockinneren auch ein Gefängnis. Mit rotem Klinker verblendet wurde es als Vollzugsanstalt für weibliche Jugendliche und Strafabteilung des Amtsgerichtes konzipiert. Ab 1939 war der Komplex ein reines Frauengefängnis.
Während der Zeit des Faschismus wurden hier rund 20 Menschen inhaftiert, die vermeindlich oder tatsächlich im Widerstand gegen die Naziherrschaft standen. Die Gestapo hatte sie als Widerstandsgruppe “Rote Kapelle” bezeichnet. Unter anderem wurden hier ab 1942 Mildred Harnack und Libertas Schulze-Boysen nach den Verhören in der Gestapozentrale eingesperrt. Schulze-Boysen hatte zusammen mit ihrem Ehemann Harro Film- und Bildmaterial über NS-Verbrechen gesammelt. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler inhaftierten die Nazis im Zuge der “Sippenhaft” auch Verwandte der beeiligten Offiziere. Darunter die Pilotin Melitta Gräfin von Stauffenberg (Schwägerin des Attentäters Claus von Stauffenberg), Reinhild von Hardenberg und die Frauen der Familien von Bredow und von Hammerstein.

Zur gleichen Zeit, 1942 bis 1945, leitete die zwangsverpflichtete Oberin Anna Wieder das Frauengefängnis. Über sie wurde später berichtet, dass sie die Insassinnen menschlich behandelte. Die Verpflegung der Gefangenen war besser als in anderen Knästen, die Besuchszeiten länger und nicht überwacht. Doch auch sie konnte nicht verhindern, dass mindestens neun der in der Kantstraße inhaftierten Frauen durch die Nazis wegen “Hochverrats” im Gefängnis Plötzensee hingerichtet wurden.

Nach der Befreiung vom Faschismus diente das Gefängnis noch lange als Jugendarrestanstalt. 1985 wurde es geschlossen und beherbergte bis zum Jahr 2010 das Archiv des Kammergerichts. Seitdem steht es leer und muss höchstens mal als Kulisse für Filme oder Musikvideos herhalten.
Das Gebäude steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Es sehr fraglich ist, wie eine künftige Nutzung aussehen kann. Die Zellen sind nur sechs Quadratmeter groß und ein Betrieb z.B. als Hostel ist kaum möglich. Aber eines wird es sicher nicht mehr: Ein Gefängnis.




Delphi Palast

Ursprünglich war das Delphi gar kein Kino, sondern ein Tanzpalast. Berühmte Tanzorchester wie die von Teddy Stauffer oder Heinz Wehner traten nach der Eröffnung im Jahr 1928 auf. Wie schon 30 Jahre zuvor das Theater des Westens wurde auch das Delphi von Bernhard Sehring entworfen – inklusive Säulen, Putten und pseudoantiken Wandschmuck. Der Delphi Palast entwickelte sich schnell zu einem der beliebtesten Tanzlokale Berlins. Vor allem zu Jazz und Swing kamen die Besucher aus der gesamten Stadt, oft mussten die Türen wegen Überfüllung geschlossen werden.

Als die Nazis an die Macht kamen, wurde die sogenannte “Negermusik” als “undeutsch” verboten. Zeitweise versuchte man noch, die Titel mit deutschen Texten zu spielen, aber vergeblich. Zu diesem Zeitpunkt waren der Jugoslawe Josef König Betreiber des Tanzpalastes. Da er Jude war, emigrierte er am 8. März 1933. Die Geschäfts führte nun der ebenfalls jüdische Jugoslawe Rudolf Gutmann. Drei Wochen später, nach dem Aufruf zum Boykott jüdischer Geschäfte am 1. April, stellte sich der Betriebsrat gegen Gutmann und erteilte ihm Hausverbot. Nach einer Intervention der jugoslawischen Gesandtschaft beim Auswärtigen Amt wurde erreicht, dass er vorerst das Delphi wieder betreten durfte. Zu diesem Zeitpunkt versuchte die NS-Regierung noch, ausländische Juden von antisemitischen Maßnahmen zu verschonen, um international nicht an Ansehen zu verlieren.

1943 wurde das Delphi geschlossen. Kurz danach trafen Fliegerbomben das Gebäude, es brannte aus und das Dach stürzte ein. Im Jahr 1947 übernahm Walter Jonigkeit das Gebäude, um es als Kino weiterzufühen. Der Wiederaufbau dauerte aber erstmal zwei Jahre, wobei ihm seine Freundschaft zu Edzard Reuter zugute kam, dem Sohn des damaligen Regierenden Bürgermeisters Ernst Reuter.
Von der Eröffnung 1949 an sollte Jonigkeit das neue Delphi ganze 60 Jahre lang führen, bis zu seinem Tod im Jahr 2009. Dabei hat er gute, aber auch unruhige Zeiten erlebt. Mit 1.200 Plätzen war es anfangs das größte Kino Deutschlands, es hatte die größte Leinwand der Stadt und die beste technische Ausstattung. Im Jahr 1952 fuhren die ersten Filmstars die Auffahrt hoch, das Delphi war Austragungsort der 2. Internationalen Filmfestspiele. Hier fanden große Premieren statt wie die von “Ben Hur” oder “My Fair Lady”. Beide Filme liefen danach ein ganzes Jahr. Und es gab im Delphi schon 1952 die ersten 3D-Vorführungen.

Doch mit der rasanten Verbreitung des Fernsehens Mitte der 1960er Jahre gerieten die großen Filmpaläste in finanzielle Bedrängnis, die Leute schauten sich die Filme nun lieber Zuhause an. Die großen Kinos im Umkreis des Breitscheidplatzes standen in immer größerer Konkurrenz zueinander. Als der Zoo-Palast 1980 das Delphi sogar übernehmen wollte, organisierte Walter Jonigkeit zusammen mit den Off-Kinos und zahlreichen Zuschauern Protestaktionen. Am 15. Dezember streikten die Programmkinos, stattdessen gab es eine große Party im Delphi mit Tausenden von Gästen.

Anlässlich der 750-Jahr-Feier Berlin beschloss der Senat, das Gebäude zu renovieren und das unmittelbare Umfeld aufzuhübschen. Dabei tauchten in der Erde nicht nur Skelette in Wehrmachtsuniformen auf, sondern auch Teile der alten Dekoration des Tanzpalastes, die nach dem Krieg dort verschüttet wurden. Die umfangreiche Sanierung musste dann jedoch noch mal zehn Jahre warten.
Heute ist der Delphi Filmpalast Premieren- und Berlinale-Kino und noch immer eines der schönsten Kinos der Stadt.




Vaganten Bühne

Als Vaganten (lateinisch vagare, ziellos unterwegs sein) wurden umherziehende Kleriker auf der Suche nach einem geistlichen oder weltlichen Amt, Studenten und allgemein gelehrte Bohème des 12. und 13. Jahrhunderts bezeichnet. Man sagte ihnen damals durchaus einige Zuchtlosigkeit nach. Teile der Wandervogel-Bewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts bezogen sich ebenfalls auf diesen Begriff.

Die Vaganten Bühne, die sich gleich neben dem Quasimodo auch unterhalb des Delphi befindet, geht tatsächlich auf diese Tradition zurück. Gleich nach dem Krieg gegründet spielte die Truppe vor allem christlich orientierte Theaterstücke. Sie hatte anfangs keine feste Bühne, sondern zogen durch kirchliche Gemeindesäle, Schulen und andere Spielstätten in Berlin und anderen Gemeinden. Damals nannte sich die Gruppe um Horst Behrend noch “Theater im Koffer”, im Februar 1949 wurde sie in “Die Vaganten” umbenannt. Eine Besonderheit war, dass die Vaganten sowohl im Westen, wie auch im Osten auftraten, was aber durch die zunehmende Reglementierung in der DDR immer schwieriger wurde. Trotzdem gehörten dem Ensemble bis zum Mauerbau Künstler aus beiden Teilen Berlins an. Deshalb gab es nach dem 13. August 1961 Probleme, die nun in Ost-Berlin eingesperrten Schauspieler zu ersetzen.

Bereits Anfang der 1950er Jahre hatte sich die inhaltliche Ausrichtung der Vaganten geändert. Die Schauspieltruppe spielte nun nicht mehr religiöse Stücke, sondern modernes Theater, bald auch Komödien und Kriminalstücke. Sie selbst beschreibt diese Entwicklung so:
“”Alles begann mit dem expressionistischen Nachkriegstheater, dann folgte das vor allem durch Frankreich geprägte Theater des Existentialismus und später das Theater des Absurden. Bald beherrschten verschiedene Phasen von symbolistischem bis hin zu naturalistischem Theater die Inszenierungen, sowie dokumentarisches und – auf Inhalte bezogen – sozialrealistisches oder -engagiertes Theater.”

Im Jahr 1956 erhielt die Gruppe eine eigene Spielstätte. Nachdem der Delphi Tanzpalast als Kino neu eröffnet hatte, wurden die ehemaligen Kühlräume nicht mehr gebracht. Dort hinein zogen die Theaterleute, die nun ihre eigene “Vaganten Bühne” hatten.
Wenige Jahre apäter expandierten sie und eröffneten mit dem “Theater am Kreuzberg” sowie dem “Theater an der Spree” im heutigen Haus der Kulturen der Welt im Tiergarten weitere Spielstätten. Damals hieß das Gebäude noch Konresshalle und hatte einen Saal mit 400 Plätzen, der von Horst Behrend 1959 angemietet wurde. Dort wurde die Stücke jeweils nur wenige Tage aufgeführt. Während in der Vaganten Bühne in der Kantstraße eher “Avantgarde-” und experimentelle Stücke auf dem Spielplan standen, war das Theater an der Spree stärker konventionell und an anspruchsvoller Unterhaltung orientiert. Es existierte bis Mitte der 60er Jahre.
Das Theater am Kreuzberg öffnete im Februar 1962 im Georg-Wilhelm-Schulze-Haus in der Kreuzbergstraße 47. Dort war der Spielplan eher für jugendliches Publikum und Schüler ausgerichtet. Dieses Theater bestand bis 1965, später zog dort die “Kleine Oper Kreuzberg” ein.

Die Vaganten Bühne ist mit 99 Plätzen eines der kleinen Theater in der Stadt. In seiner Geschichte aber hat es schon rund zwei Millionen Zuschauer unterhalten, immerhin mehr als die Hälfte der Berliner Bevölkerung.
Sie war eines der ersten Avantgarde-Theater, als es diesen Begriff noch gar nicht gab. Bis heute macht sie immer mal wieder von sich reden. So mit “Die gesammelten Werke William Shakespeares in 90 Minuten”. Oder mit der Produktion “Menschen im Hotel”, das nicht nur auf der Theaterbühne aufgeführt wurde, sondern das die Zuschauer ganz real mitnahm in das nahe Savoy-Hotel, wo das Stück weitergespielt wurde.




Der Lietzensee

Etwa in der MItte der Neuen Kantstraße liegt der Lietzensee. Wer oben über die Straße fährt, nimmt nur das steinerne Geländer wahr. Die Schönheit des Sees erfährt man nicht mit dem Auto.

Der Name des Lietzensees bezieht sich auf das alte Dorf Lietzow, das bereits im 14. Jahrhundert existierte. Daran erinnert dort noch der Straßenname Alt-Lietzow, dem alten Dorfanger zwischen Spree und Rathaus Charlottenburg. Und natürlich die Lietzenburger Straße. Es gab allerdings nie eine Lietzenburg und auch keine Charlottenburg, wie die Namen vermuten lassen. Das damals noch recht kleine Schloss “Lietzenburg” ließ Sophie Charlotte bis 1699 nahe dem Dorf errichten. Nach ihrem frühen Tod 1705 wurde es ihr zu Ehren in Charlottenburg umbenannt, ebenso der Ort Lietzow.

Der sichelförmige Lietzensee wurde 1719 in Charlottenburg eingemeindet. Damals gehörte er dem Benediktinerinnenkloster St. Marien und wurde von den Nonnen als Fischteich genutzt. Der spätere preußische Staats- und Kriegsminister Job von Witzleben erwarb den See 1824 und ließ in den Jahren danach an seinen Ufern erste Parkanlagen anlegen.

Als Anfang des 20. Jahrhunderts mit einer Bebauung der Uferflächen begonnen wurde, beschloss der Charlottenburger Stadtrat im Jahre 1910 zu verhindern, dass auch das West- und Nordufer zugebaut wird. Allerdings wurde der Lietzensee 1905 durch einen Damm in eine Nord- und Südhälfte geteilt. Dieser wurde nötig, um darüber die Neue Kantstraße zu bauen. Erst 50 Jahre danach sind die beiden Teile des Sees durch eine Fußgängerunterführung wieder verbunden worden.

1913 entstand die große Kaskade am Südufer des Sees sowie 1925 im nordwestlichen Bereich das Parkwächterhäuschen. Dies diente später als Ausflugslokal und steht seit einigen Jahren leer.
Seit 1920 wird der Lietzensee größtenteils von einem Park eingebunden. Nur nahe der Neuen Kantstraße ist er am Ostufer nicht öffentlich begehbar. Nahe des westlichen Ufers stehen im Park verteilt mehrere Plastiken verschiedenen Künstler, die meisten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Der Park wird vor allem im Sommer von den Nachbarn gut genutzt. Spiel- und Sportmöglichkeiten sind am nördlichen Ende konzentriert, am Ostufer gibt es ein Café, der Rest des Park steht den Ruhesuchenden zur Verfügung.

Rund um den Lietzensee haben sich viele Bürgerinnen und Bürger zusammengefunden, die heute dafür sorgen, dass er weiterhin ein Schmuckstück bleibt. Allerdings keines nur zum Anschauen, sondern zum Benutzen. So kümmert sich ein Verein darum, dass das Parkwächterhäuschen renoviert und in Eigenregie wieder in Betrieb genommen wird. Andere sorgen dafür, dass der See von Müll wie alten Fahrrädern gesäubert wird, dass Blumenzwiebeln gepflanzt und Graffities entfernt werden.
Der Lietzensee ist ein richtiger Kiezsee.

www.lietzenseepark.de
www.parkhaus-lietzensee.de

Foto: Fridolin Freudenfett




Wilde Bühne und Tingel Tangel

Während oben im Theater des Westens ernste Opern oder fröhliche Operetten gespielt wurden, wurde 1920 das sogenannte Parzivalzimmer geschlossen. Der Saal befand sich im Untergeschoss des Theaters, zugänglich von der Westseite, unter der Kaisertreppe hindurch. Die Schauspielerin und Sängerin Trude Hesterberg öffnete dort am 5. September 1921 ihre “Wilde Bühne”, eine der ersten modernen literarisch-politischen Kabarettbühnen. Auf dieser standen bald Schauspieler wie der noch junge Bertolt Brecht oder Joachim Ringelnatz. Autoren wie Kurt Tucholsky, Walter Mehring, Erich Kästner und zahlreiche anderen schrieben Stücke für die Wilde Bühne. Es war die Zeit des Kabaretts, gleich um die Ecke an der Joachimsthaler Straße eröffnete im April 1922 auch die “Rakete”. Die Wilde Bühne wurde nach Max Reinhardts “Schall und Rauch” schnell die beliebteste Kabarettbühne der Stadt.

Am Vormittag des 16. November 1923 brach jedoch ein durch Kabelbrand verursachtes Feuer aus, Bühne und Publikumsbereich wurden vernichtet. Auf dem Höhepunkt der Inflation war an eine Renovierung nicht zu denken, die Wilde Bühne wurde Geschichte.
Im Jahr danach richtete der Komiker Wilhelm Bendow (genannt “Onkel Wilhelm”) die Spielstätte wieder her und eröffnete sie unter dem Namen “Tütü”. Die musste er aber im März 1928 nach einem politischen Paukenschlag schließen: König Amanullah aus Afghanistan hatte Berlin besucht, was den Staat rund eine Million Mark gekostet haben soll. Trude Hesterberg und Kurt Gerron verarbeiteten diese Verschwendung schon einen Tag später auf der Bühne mit dem erstmals aufgeführten Schlager “Wer soll das bezahlen, wer hat soviel Geld?”. Soviel populäre Kritik vertrug die Demokratie nicht, das Tütü wurde geschlossen.

1931 erfolgte die Auferstehung der Bühne, diesmal unter dem Namen “Tingel Tangel”. Der Komponist Friedrich Holländer brachte zwei Revuen zur Aufführung, “Spuk in der Villa Stern” und “Höchste Eisenbahn”. Nach der Machtübergabe an die NSDAP ging Holländer ins Exil, das Tingel Tangel wurde von Gustav Heppner weitergeführt. Zwar wurden die Stücke etwas weniger bissig, doch die Nazis verstanden keinen Spaß. Wenn die Gestapo im Zuschauerraum fleißig mitschrieb, fragte Werner Finck: “Spreche ich zu schnell? Kommen Sie mit? Oder muss ich mitkommen?” Finck und der Kabarettist Walter Gross kamen für mehrere Monate ins Gefängnis und erhielten danach Berufsverbot. Das Tingel Tangel wurde am 10. Mai 1935 geschlossen, diesmal für immer.




Mikwe Badehaus

In der jüdischen Gemeinde in Charlottenburg spielte das Badehaus in der Bleibtreustraße 2 eine wichtige Rolle. Das traditionelle jüdische Quellbad, genannt Mikwe, diente der Reinigung von ritueller Unreinheit. Dabei ging es nicht vordergründig um Hygiene, sondern mit dem Untertauchen im Tauchbad sollte die rituelle, eigentlich kultische Reinheit hergestellt werden. Früher gehörten die Mikwes zu vielen Jüdischen Gemeinden, mittlerweile jedoch werden sie fast nur noch von Orthodoxen genutzt.

Das Haus in der Bleibtreustraße war seit seiner Errichtung um 1896 ein ganz normales Wohnhaus mit typischer Berliner Mischung: Arbeiter neben Akademikern, Angestellte und selbstständige Handwerker neben Kaufleuten und Soldaten. Es gab mehrere Gewerbebetriebe, eine Gastwirtschaft, eine Bäckerei, Werkstätten.
1926 kaufte die Jüdische Gemeinde das Gebäude und eröffnete dort im Jahr darauf das Tauchbad. Es wurde im Erdgeschoss sowie dem Keller des Hauses eingebaut, mit je einem Regenwasser- und einem Tiefwasserbassin sowie drei Tiefbädern. Diese wurden durch einen großen Boiler erwärmt. In den Räumen im Erdgeschoss wurden sechs Badewannen aufgestellt, außerdem die Warte- und Umkleideräume eingerichtet.

Viele Vorschriften bestimmten den Ablauf der rituellen Waschungen. Die Bäder mussten in fließendem Wasser oder in Regenwasser erfolgen. Ein Mindestinhalt des Tauchbeckens von 800 Litern und eine Tiefe von sieben Stufen waren Vorschrift. Unter dem Beten von Segenssprüchen mussten sich die Badegäste dreimal untertauchen. Die Mikwe in der Bleibtreustraße hatte zwei Klassen, mit Eintrittspreisen von 2,00 bzw. 3,50 Mark im Jahr 1931.
Die Öffnungszeiten des Bads richteten sich montags bis donnerstags nach dem Einbruch der Dunkelheit. Freitags öffnete das Bad zweieinhalb Stunden vor Beginn der Sabatfeier, die sich abhängig vom Erscheinen des Abendsterns von Woche zu Woche um eine Viertelstunde verschob.

Im Hof hinter dem Haus stand ein Regenwasserbecken zur rituellen Reinigung des Geschirrs und der Haushaltsgeräte. Diese Handlungen werden Tauweln oder Kaschern genannt, nach altem jüdischen Brauch werden die Gegenstände vor der erstmaligen Benutzung oder nach der Berührung mit religionsgesetzlich verbotenen Speisen reingewaschen. Dies geschieht eine Stunde vor Badebeginn.

1935 zog auch das Jüdische Wohlfahrts- und Jugendamt in das Haus, 1936 folgte die Jüdische Allgemeine Zeitung. Jedoch musste die Gemeinde das Haus 1942 zwangsweise an Erika Brümmel verkaufen, der Witwe des Bürgermeisters von Mitte, Walter Brümmel. Die Gestapo beschlagnahmte den Verkaufserlös.
Die Nazis deklarierten das Gebäude zum “Judenhaus”, in das woanders entmietete Juden zwangseinquartiert wurden. 20 Bewohnerinnen und Bewohner sind namentlich bekannt, die von dort deportiert und fast alle in Konzentrationslagern ermordet wurden. Ihre Namen und Daten sind heute vor Ort dokumentiert.

1943 wurde die Bleibtreustraße 2 durch alliierte Bomben größtenteils zerstört. Nach dem Krieg, ab dem Jahr 1951 versuchte die neu gegründete Jüdische Gemeinde wenigstens das “arisierte” Grundstück zurückzubekommen. Sie (bzw. die Jewish Restitution Successor Organization, an die die Ansprüche abgegeben wurden) klagte gegen Frau Brümmel auf eine Entschädigung. Mehr als zwanzig Jahre zogen sich diese Auseinandersetzungen hin, die ein trauriges Bild werfen auf das Unrechtsbewusstsein mancher Profiteure der “Arisierungen”.

Das Areal wurde danach nie wieder bebaut. 1956 richtete der Bezirk Charlottenburg auf dem mittlerweile von Trümmern befreiten Grundstück einen Kinderspielplatz ein. Zum Gehweg hin entstand eine Pergola.
Im Jahr 2013 gründeten mehrere Nachbarn die Bürgerinitiative “mikwe – kultur begegnungen”. Sie haben auf dem Spielplatz eine Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes installiert. Gleichzeitig möchten sie den Platz zum Nachbarschaftstreffpunkt für Lesungen, Konzerte und Kunstaktionen verwandeln.




Landwehr-Kasino

Die Jebensstraße hinter’m Bahnhof Zoo wird heute eher bestimmt vom Elend der Obachlosen rund um die Bahnhofsmission als von der Geschichte des Ortes. Doch genau gegenüber der Mission steht mit der Jebensstr. 2 ein Gebäude mit sehr lebendiger Geschichte.

1909 wurde es als luxuriöses Kasino des “Offizierscorps der Landwehr-Inspektion Berlin” in Anwesenheit von Kaiser Wilhelm II. eröffnet. Es gab einen kleinen Festsaal, ein Restaurant, einen Fechtsaal, Kegelbahnen und Schießstände. Das Herzstück des Gebäudes war jedoch der 660 Quadratmeter große Kaisersaal mit einer Tonnendecken in 11,40 Metern Höhe. Entgegen des relativ schlichtem Äußeren entfaltete das Landwehr-Kasino innen eine wahre Pracht.
Über dem Mittelteil des Gebäudes thront ein großer Spitzgiebel mit der Inschrift “UNTER DER REGIERUNG WILHELMS II. DEUTSCHEN KAISERS KOENIGS VON PREUSSEN ERB. V. D. KAMERADSCHAFTL. VEREINIGUNG D. OFFIZ. D. LANDWEHR INSP. BERLIN MCMIX”.

Während des 1. Weltkriegs dienste das Landwehr-Kasino als Lazarett, hunderte Kriegsversehrte lagen im Kaisersaal in Feldbetten.
Ab 1920 wurde der große Saal zu einem Theater für 750 Zuschauer ausgebaut. Dort gab es mehrere Uraufführungen von Operetten. Doch das “Neue Theater am Zoo” wurde verspottet als “Unterhaltungsbühne für Höhere Töchter”. 1929 wurde es in “Deutsches Volkstheater” umbenannt, aber es schrieb rote Zahlen und konnte sich nie gegen Häuser wie dem nahen Theater des Westens durchsetzen.
1937 erfolgte wieder ein Umbau, zurück zu einem Festsaal.

Während des 2. Weltkriegs gab es massive Zerstörungen, erst 1954 konnte das Haus wieder eröffnen, als Kunstbibliothek und Museum.
Zwischen 1978 bis 1986 nutzte die Berlinische Galerie das Gebäude für Ausstellungen. Mit dem Bezug des Neubaus der Kunstbibliothek 1993 am Kulturforum wurde das einstige Kasino nur noch als Depot und Werkstatt vom Museum Europäischer Kulturen und der Alten Nationalgalerie gebraucht.

Seit 2004 befindet sich hier das Museum für Fotografie, eine Einrichtung der Staatlichen Museen Berlin der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Das Haus ist jetzt als Ausstellungs-, Forschungs- und Dokumentationszentrum für das Medium Fotografie konzipiert.
Wichtigster Nutzer ist auf zwei Etagen die Sammlung der Helmut-Newton-Stiftung. Newton selber hatte noch kurz vor seinem Tod die Vereinbarung geschlossen, in den Räumen wechselnde Ausstellungen zu seinem Werk zu zeigen.

Am anderen Ende der Straße zieht sich der Yva-Bogen an der Stadtbahn bis zur Kantstraße durch. Yva war der Künstlername der Modefotografin Else Ernestine Neuländer, bei der Helmut Newton (damals noch Helmut Neustädter) ab 1934 als 16-Jähriger seine Fotografenlehre absolvierte, bis er Deutschland aufgrund der Verfolgung durch die Nazis verlassen musste. Yva wurde 1942 im KZ Sobibor ermordet.




Das unsichtbare Gefängnis

Schräg gegenüber des Amtsgerichts findet sich in der Kantstr. 79 das alte Strafgericht Charlottenburg. Es entstand zeitgleich zum großen Amtsgericht. 1897 mit einer Fassade im Stil des Augsburger Barock errichtet beherbergte es die Strafabteilungen des Gerichts. In den Nachkriegsjahren diente es als Landesanstalt für Lebensmittel-, Arzneimittel- und gerichtliche Chemie, später als Dienstgebäude des Amtsgerichts. Hier war lange Jahre die Nachlassverwaltung untergebracht. Seit 2015 nutzt es die kanadische Designerfirma Bocci als Showroom für ihre Produkte.
Von der Straße aus nicht zu sehen entstand zusammen mit dem Gericht im Blockinneren auch ein Gefängnis. Mit rotem Klinker verblendet wurde es als Vollzugsanstalt für weibliche Jugendliche und Strafabteilung des Amtsgerichts konzipiert. Ab 1939 war der Komplex ein reines Frauengefängnis.

Während der Zeit des Faschismus wurden hier rund 20 Menschen inhaftiert, die vermeindlich oder tatsächlich im Widerstand gegen die Naziherrschaft standen. Die Gestapo hatte sie als Widerstandsgruppe “Rote Kapelle” bezeichnet. Unter anderem wurden hier ab 1942 Mildred Harnack und Libertas Schulze-Boysen nach den Verhören in der Gestapozentrale eingesperrt. Schulze-Boysen hatte zusammen mit ihrem Ehemann Harro Film- und Bildmaterial über NS-Verbrechen gesammelt. Nach dem missglückten Attentat auf Hitler inhaftierten die Nazis im Zuge der “Sippenhaft” auch Verwandte der beeiligten Offiziere. Darunter die Pilotin Melitta Gräfin von Stauffenberg (Schwägerin des Attentäters Claus von Stauffenberg), Reinhild von Hardenberg und die Frauen der Familien von Bredow und von Hammerstein.

Zur gleichen Zeit, 1942 bis 1945, leitete die zwangsverpflichtete Oberin Anna Wieder das Frauengefängnis. Über sie wurde später berichtet, dass sie die Insassinnen menschlich behandelte. Die Verpflegung der Gefangenen war besser als in anderen Knästen, die Besuchszeiten länger und nicht überwacht. Doch auch sie konnte nicht verhindern, dass mindestens neun der in der Kantstraße inhaftierten Frauen durch die Nazis wegen “Hochverrats” im Gefängnis Plötzensee hingerichtet wurden.

Nach der Befreiung vom Faschismus diente das Gefängnis noch lange als Jugendarrestanstalt. 1985 wurde es geschlossen und beherbergte bis zum Jahr 2010 das Archiv des Kammergerichts. Seitdem steht es leer und muss höchstens mal als Kulisse für Filme oder Musikvideos herhalten.
Das Gebäude steht mittlerweile unter Denkmalschutz. Es ist sehr fraglich, wie eine künftige Nutzung aussehen kann. Die Zellen sind nur sechs Quadratmeter groß und ein Betrieb z.B. als Hostel ist kaum möglich. Aber eines wird es sicher nicht mehr: Ein Gefängnis.




Der besondere Ullrich

Ullrich ist ein besonderer Supermarkt. Nicht nur aufgrund seiner Lage unter den Schienen der Fern- und S-Bahn, direkt am Bahnhof Zoo. Die Dunkelheit vor den beiden Eingängen schreckt ein bisschen ab. Aber er zieht auch eine spezielle Klientel an, wie sie für die Gegend typisch ist. Das ist hier eben so.
Egal ob man den Eingang in der Hardenberg- oder der Kantstraße nutzt – zuerst muss man an Menschen vorbei, denen das Leben nicht so gut mitgespielt hat. Manche von ihnen scheinen dort sogar zu wohnen, wenn man diesen Begriff dafür nutzen kann. Andere versuchen sich ein paar Euro zu erbetteln. Doch die Bierflasche in der Hand des Fragenden macht es dem willigen Spender nicht leicht, die Geldbörse zu zücken. Die meisten gehen schnell vorbei.

Manchmal trifft man sie auch im Laden. Zum Beispiel in der Schlange an der Flaschenrückgabe. Heute aber sehe ich ungewöhnlich viele Schwarze hier, sechs von acht Leuten, die die Flaschen gegen den Zettel tauschen möchten, der an der Kasse zu Geld gemacht wird. Ich denke kurz darüber nach, ob Schwarze wohl mehr trinken als andere, verwerfe die Idee aber gleich wieder als Blödsinn.

Ein paar Meter weiter, mehrere Angestellte stehen in der Obstabteilung an einem Gerät. Ein Fachmann erklärt ihnen gerade, wie es funktioniert. Genau kann ich es nicht erkennen, es sieht aus wie eine Saftpresse. Als ich aber zehn Minuten später nochmal dran vorbei komme, erklärt er immer noch. Saft zu pressen scheint nicht so einfach zu sein, wie man als Laie glaubt.

Lange Zeit war der Ullrich-Markt bekannt dafür, dass er besonders lange Öffnungszeiten hat. Vermutlich hatte er eine Ausnahmegenehmigung, weil er direkt am einstigen West-Berliner Hauptbahnhof lag. Mittlerweile darf jeder Supermarkt rund um die Uhr öffnen. Aber dieser hier auch sonntags und an Feiertagen, insofern ist er noch immer eine Ausnahme. Es gibt einen anderen Ullrich, in Mitte. Der ist dafür bekannt, dass dort die Kanzlerin einkaufen geht. Mitte hat Merkel, Ullrich am Zoo den Sonntag. Auch gut.

Zuerst kommt einem das Geschäft riesengroß vor. Ist es aber gar nicht. Wenn man durch die manchmal recht engen Gänge geht, findet man zwar alles was man braucht, aber viel mehr auch nicht. Andere Supermmärkte überschlagen sich mit dem Angebot, 30 Käsemarken, 40 verschiedene Kekse, 50 Apfelsorten. Hier nicht, und trotzdem reicht es völlig. Statt Masse gibt es aber teilweise Klasse. Welcher Supermarkt führt schon Campagner für über 300 oder gar Cognac für 2.200 Euro. Manager aus den nahen Geschäftshäusern decken sich hier ein, genauso wie arme Alkoholiker, die sich ein Bier für 50 Cent kaufen.

Im Gang nebenan schimpft jemand, man hört den lallenden Ton des Alkoholikers, aber ich verstehe ihn nicht. Er wird immer lauter, brüllt fast, aber niemand antwortet ihm. Der Tourist mit umgehängter Kamera neben mir schaut mich erschrocken an. Ich zucke mit den Schultern, lächle kurz und gehe weiter. Gerade kann ich noch sehen, wie ein Verkäufer und ein Man in Black den Krakeeler beruhigen und ihn dann zum Ausgang schieben. Ich hatte nicht den Eindruck, dass er gefährlich sei, nur eben laut.

Die Frau des Touristen lässt ihre Handtasche im Wagen, während beide im Nebengang verschwinden. Berlin ist zwar keine wirklich gefährliche Stadt, aber etwas vorsichtiger sollte man schon sein. Kurz danach sehe ich sie beide auf dem Weg zur Kasse – mit Handtasche. Überhaupt scheint der Ullrich auch in Reiseführern zu stehen. Innerhalb einer Viertelstunde zähle ich etwa 30 Personen, die eindeutig Berlin-Touristen sind und die nicht den Eindruck erwecken, sie wären tatsächlich zum Einkaufen hier.

Mir fällt auf, dass ich von Anfang an einen Verkäufer an den Hacken habe. Obst, Getränke, Fleisch, Nonfood-Abteilung: Egal wohin ich gehe, immer geht er kurz danach direkt an meinem Gang vorbei. Mir war nie bewusst, dass ich einen solch verdächtigen Eindruck mache. Schließlich spreche ich ihn an, wo denn das Nutella steht. Er zeigt mir den Gang, dann aber doch einen anderen. “Hier steht es. Eigentlich.” Dann zeigt er in eine andere Richtung, “nein, da hinten.” Wirklich überzeugend ist er nicht.

Versteckt in einer Ecke die Drogerie-Abteilung. Dort sehe ich zwar keine Kunden, dafür aber gleich vier Angestellte. Eine an der Kasse, die anderen Drei stehen drum herum. Soziale Kontakte werden hier offenbar groß geschrieben.
Anders leider das Bild vor den Kassen am nördlichen Ausgang: Auf dem Boden liegen überall Papier und Teile von Verpackungen herum. Das ist zwar nicht Schuld des Personals, sondern vermutlich von Kunden dort weg geworfen, trotzdem will man so viel Schmutz nicht in einem Lebensmittelladen sehen.
Ich habe bei diesem Supermarkt aber auch schon eine wirklich gute Erfahrung gemacht. Als wir vor einigen Jahren an der nahen Bahnhofsmission eine Weihnachtsfeier hatten, spendete jemand mehrere Kilo Kaffee. Leider als Bohnen, so dass ich alle gastronomischen Einrichtungen innerhalb des Bahnhofs Zoo bat, uns wenigstens einen Teil des Kaffees zu mahlen. Alle lehnten ab. Verzweifelt und frustriert ging ich mit meinen Päckchen zu Ullrich, wo erstmal der Chef gerufen wurde. Und der reagierte unerwartet freundlich. „Selbstverständlich“ könnten wir dort den gesamten Kaffee mahlen.
Danke nochmal dafür!




Vom Tellerwäscher zum Revolutionär

Bis zum Kriegsende stand an der Ecke zwischen Knesebeck- und Grolmanstraße ein repräsentatives Wohnhaus, wie es rund um den Platz einige gab. Mit Türmchen auf dem Dach und sehr viel Stuck an der Fassade. Ungefähr in den 1960er Jahren wurde an dieser Stelle ein neues Gebäude errichtet, nur ein Zweckbau, wie viele andere auch in der Nachbarschaft. Nicht schön, aber durch die schräg zurückgesetzte Fassade an der östlichen Seite entstand dort ein kleiner Platz – der jedoch nur als Parkplatz genutzt wird. In Mauerzeiten hatte dort die Deutsche Presseagentur ihren West-Berliner Sitz.

Direkt daneben, schon in der Knesebeckstraße, wurde eine Shell-Tankstelle gebaut. In einer Lücke, wie sie der Krieg viele gerissen hat. Einige Jahre später zog die Tankstelle wieder aus und der Flachbau wurde umgebaut zu einem Restaurant. Damals begann das, was als besonders exotisch und “verrückt” gelten sollte: Bars und Restaurants in Tankstellen, Hinterhäusern oder Toilettenhäuschen einzurichten. So auch hier.

Ab Mitte der 1980er Jahre wurde in den Räumen gehobene Gastronomie angeboten. In Anlehnung an die einstige Tankstelle hieß das Restaurant Schell. Nicht ganz freiwillig, wie Anwohner berichten, der Ölkonzern hatte gegen die originale Schreibweise Einspruch eingelegt. Und so hielten viele den geänderten Namen des Restaurants irrtümlich für eine Hommage an Maximilian oder Maria Schell. Die Inhaber kokettierten sicher auch mit dieser Idee, so dass sich das Schell bald zu einem Prominentenlokal entwickelte.

Ich war so Mitte Zwanzig, als ich mich beim Schell bewarb. Es war Zufall, denn vorher hatte ich im Schwarzen Café erfahren, dass im Schell jemand als Küchenhilfe gesucht wird. Diesen Job hatte leider schon jemand anderes bekommen, aber man bot mir an, mich als Tellerwäscher anzustellen.

Es wunderte mich, dass sie in solch einem feinen Restaurant Teller per Hand waschen würden, aber das stimmte nur zum Teil, Spülmaschinen gab es durchaus. Meine Arbeit bestand darin, mit heißem Wasser eine Vorreinigung vorzunehmen. Die groben Reste mussten von den Teller gekratzt, Töpfe und Pfannen sauber geschrubbt und die Maschinen ein- und ausgeräumt werden.
Die Arbeit war nicht schwer, aber für eine Person zu viel. Ein pakistanischer Kollege, der nur wenige Worte Deutsch sprach, war ebenfalls für diese Arbeit angestellt. Leider spulte er sich als Chef auf, obwohl er nur einige Wochen länger dort arbeitete als ich. Er delegierte nur, ohne selber etwas zu machen. Und zwar an mich. Als wenn der eigentliche Chef nicht gereicht hätte. Der rannte ständig in der Küche herum, aber anstatt sich auf das Essen machen zu konzentrieren, kontrollierte er ständig die Angestellten und meckerte herum. Das ist keine Übertreibung, er war wirklich die ganze Zeit am Rumlaufen, schauen, prüfen, meckern.

Der Job machte keinen Spaß. Und die Verhältnisse im Restaurant und der Küche auch nicht. Die Kellner und der Barmann waren arrogant, jeder meinte, mir Anweisungen geben zu können. Wenn ein Gast etwas auf dem Boden verschüttet hatte, musste ich genauso hin und sauber machen, wie wenn eine Toilette versaut war. Das Trinkgeld der Kunden wurde natürlich nicht geteilt, man ließ mich spüren, dass ich in den Augen der “besseren” Angestellten nichts wert war. Wieso der pakistanische Kollege bei diesem Mobbing mitmachte, weiß ich nicht. Vielleicht fühlte er sich dann weniger auf der Verliererseite.

Als ich am ersten Tag Feierabend machen wollte pfiff mich der Chef zurück. Die Nachtschicht wäre nicht da, deshalb müsste ich solange noch weiter arbeiten. Die Nachtschicht kam auch nicht mehr, auch nicht an den folgenden Tagen, so dass ich  anstatt der vereinbarten acht täglich 12 bis 13 Stunden waschen, Töpfe auskratzen, putzen und Maschinen entleeren musste. Es war frustrierend. Nach einer Woche rief mich der Chef zu sich. Er legte meine Arbeitsnachweise auf den Tisch und warf mir Betrug vor. Laut Vertrag würde ich täglich acht Stunden arbeiten, wieso ich so viele mehr eingetragen hätte?

Meine Erklärung mit der täglichen Mehrarbeit ließ er nicht gelten, die “paar Stunden” seinen Kulanz gegenüber der Firma. Überstunden wären etwas anderes. Ich war natürlich wütend und ohne nachzudenken sagte ich nur noch “Leck mich doch” und verließ das Büro. Am nächsten Tag holte ich meine Papiere ab und war um eine Erkenntnis reicher: Feine Läden bedeuten nicht gleich korrekten Umgang mit dem Personal. Ich ließ einige Wochen vergehen und schlich mich dann nachts an. Mit großen Buchstaben sprühte ich “Ausbeuter” und das Anarchistenzeichen an die Fassade und fühlte mich sehr revolutionär. Doch schon am nächsten Nachmittag war das wieder sauber übermalt.
Das Schell gab es noch 15 Jahre lang, Inhaber und Namen wechselten mehrfach. Heute befindet sich dort das Restaurant Pratirio mit griechischer Küche.




Der König vom Stuttgarter Platz

Es wäre einfach zu sagen: Zuhälter und Nachtclubbesitzer sind schlechte Menschen. Sie beuten Frauen aus, bescheißen ihre Kunden und das Finanzamt, dealen mit Drogen und Waffen. Und vermutlich gehen sie sogar bei Rot über die Straße.

“Als ich nach Hause kam, wartete bereits die Polizei auf mich. Es waren nicht die harmlosen Streifenbullen, die mit ein oder zwei Hunnis stets zufrieden sind. Nein, es handelte sich um ausgebuffte, gut ausgebildete Jungs in schwarzer Kampfmontur, ausgerüstet mit Helmen, deren dunkles Visier ihre Gesichter unkenntlich machte, durchschlagsstarken Pistolen und schusssicheren Westen. Das SEK des Landeskriminalamts. Jener Truppe, die nur bei den ganz schweren Fällen ausrückt. Fällen, wie ich einer war.”

Der dies in seinem neuen Buch schreibt ist mittlerweile 70 Jahre alt. Und es war lange Zeit nicht sicher, dass er dieses Alter überhaupt erreichen würde. Denn mehr als 40 Jahre lang war Bernd Termer einer derjenigen, die die West-Berliner Rotlichtszene dominierten. “Holzi” war Besitzer von Bars, Nachtclubs, später auch Zuhälter. Jemand, der so einige Menschen mit Fäusten oder Waffen ins Krankenhaus befördert hat. Und dabei trotzdem einer, dem man vertrauen kann, weil er seine Prinzipien hat. “Alte Schule” sozusagen.
Er wurde der “König vom Stuttgarter Platz”. In der Gegend war er schon als Kind aufgewachsen. Ab Mitte der 1950er Jahre rutschte er in die aufblühende Szene von Bars und Nachtclubs, die nach heutigen Maßstäben noch Horte der Prüderie waren. Seine körperliche Größe und der muskulöse Körperbau machte ihn bei den Besitzern interessant.

“Ich war so eine Art Mädchen für alles, eine Mischung aus Kellner, Aufpasser und Rausschmeißer. Angst vor Ärger hatte ich nicht, und bald kam ich in den Ruf, dass mit mir nicht gut Kirschen essen sei. Etwas Besseres kann einem als Rausschmeißer nicht passieren.”

Der erste Laden hieß Lolita-Bar, den zweiten – die Elefanten-Bar – konnte er schon kaufen. Es folgte das Pigalle in der Kantstraße, gleich um die Ecke, der Aufstieg zum König von Stuttgarter Platz hatte begonnen.
Die Nachtclubs mussten mit der Zeit gehen, ab den späten 60ern wurde alles freizügiger. Und es wurden richtige Shows geboten. Termer kaufte das “Mon Chérie”, direkt am Stutti. Hier ging es auf der Bühne hart zur Sache, Spiele mit Stabtaschenlampen, Lesbenshows, mit Aladin dem Wunderschwanz und den Mon-Chérie-Partys, bei denen die Gäste die Schokolade von den Frauen abschlecken konnten.
Die Attraktion aber war das Schaumbad in einem Whirlpool mitten auf der Bühne. Zwei Frauen und ein oder zwei Gäste, die es dann vor allen anderen Besuchern miteinander trieben. Doch einmal ging das schief, denn mitten in das Spiel platzte eine Razzia der Polizei.

“Die Gäste und das Personal musste sich in einer Reihe aufstellen. Der Mann in der Wanne ebenfalls, auch er musste stehen. Das tat er aber ohnehin, denn die Drei hatten in der Wanne nicht nur geplanscht, sondern sich auf sehr reale Weise vergnügt. Handarbeit. Der Typ war voll erregt. Unübersehbar. Alle, auch die Polizisten, fanden das saukomisch und amüsierten sich königlich. Es dauerte eine Zeit, bis der kleine Freund des Mannes abgeschwollen war. Im Mon Chérie wurde dieser Gast nie mehr gesehen, auch nirgends sonst am Stuttgarter Platz.”

Nachtclubs sind zur Unterhaltung da, nicht vordergründig für den Sex. Da der aber immer wieder verlangt wird, begann Bernd Termer damit, in seinen Clubs ebenfalls spezielle Räume einzurichten und Frauen als Prostituierte einzustellen. Er wurde nun auch Zuhälter.

“Ein Begriff, den ich keinesweg zutreffend finde. Denn er impliziert – im allgemeinen Sprachgebrauch jedenfalls – eine gewisse Gewalttätigkeit. Was natürlich auf das unsäglich Benehmen vieler Kollegen zurückzuführen ist, die ihre Waffen und Fäuste sprechen ließen. Und die sich als Besitzer der Frauen aufspielten, was meinem Verständnis einer wie auch immer gearteten Beziehung diamentral zuwiderläuft.
Von Erpressung ist die Rede, von Prügeln und anderen Bedrohungen wie dem Ausdrücken von Zigaretten auf der nackten Haut. In den allermeisten Fällen üben die Frauen, die in diesem Milieu arbeiten, ihre Arbeit aus freien Stücken aus, sie haben sich dafür entschieden, aus wenlchen Gründen auch immer. Die Freiwilligkeit ist der entscheidende Faktor. Nie hätte ich eine Frau gezwungen, sich für mich zu prostituieren.
Man kann nicht alles über einen Kamm scheren. Ich finde es in höchstem Maße kriminell, wenn junge Mädchen über Ländergrenzen hinweg verschleppt und verkauft werden und man sie zwingt, als Prostituierte zu arbeiten. Das ist Menschenhandel. Ein Verbrechen. Ich habe mich nie damit gemein gemacht.
Ich interpretiere den nach meiner Meinung durchaus ehrenhaften Berufsstand des Zuhälters völlig anders. Er bedeutet nichts weiter, als dass jemand zu einem hält. Ich habe mich auch kaum je aktiv um Frauen bemüht, damit sie für mich arbeiten. Sie kamen fast immer von allein zu mir und fragten mich. Schließlich hatte ich einen Ruf im Milieu, dass ich für meine Leute sorgte, dass ich fair war, dass man sich auf mich verlassen konnte. So ein Ruf ist Gold wert.”

Termer hatte das Prinzip, dass es in seinen Clubs keine Drogen geben darf, abgesehen natürlich vom Alkohol.

“Noch heute erinnere ich mich mit Abscheu und Ekel an jene Prostituierte, die ich einmal im Mon Chérie auf der Toilette fand: Halb weggetreten, mit abgebundenem Arm, in dem noch die Nadel steckte. Ich hatte sie drei Tage zuvor nur aus Mitleid aufgenommen, trotz meines unguten Gefühls.
Jetzt hatte ich die Bescherung. Ich tat, was ich ihr zuvor versprochen hatte und setzte sie raus zu den Mülltonnen. Als ich ein paar Minuten später nachschaute, war sie weg.”

Irgendwann begann der Ärger mit der Polizei. Sie war der verlängerte Arm der Politik, die die Prostitution aus den Wohnvierteln heraus haben wollte. Und die natürlich wusste, dass die in den Nachtclubs erwirtschafteten Gelder nicht versteuert wurden. Also kam in immer kürzeren Abständen die Polizei ins Haus. Sie durchsuchten die Clubs, kontrollierten die Frauen, das Personal und die Gäste nach illegalen Ausländern. Dabei wurden einige von denen sogar von einem Zivilfahnder der Polizei erst ins Land gebracht und an die Clubs vermittelt.

“Innerhalb von zwei Jahren führte die Polizei 35 Razzien bei mir durch, manchmal kamen sie zweimal pro Nacht. Sie klingelten Sturm, bollerten gegen die Tür, “Aufmachen, Polizei!” brüllten sie von draußen.
Zum Glück war die Tür immer verschlossen, und sie war auch sehr stabil. Das ist so üblich im Gewerbe, andernsfalls wäre man völlig hilflos. Außerdem brauchten wir mindest eine Minute, um den Laden besenrein zu machen. Das heißt, die Mädchen verschwanden durch die Hintertür nach oben, jene Gäste, die etwas zu verbergen hatten, ebenfalls.”

Da es in den Nachtclubs offiziell keine Prostitution geben sollte, hatte Bernd Termer die über dem Club befindliche Wohnung angemietet. Durch eine verborgene Tür gelangte man über die Hintertreppe in den ersten Stock. Davon ahnte die Polizei nichts. Bis während einer der Razzien plötzlich eine betrunkene Prostituierte durch eben diese Tür heraus polterte und der leitende Beamte große Augen bekam: “Tja, das ist Pech, Holzi.”
Seitdem wurden die Räume über dem Mon Chérie bei jeder Razzia mit durchsucht. Nicht jedoch der Keller, zu dem es ebenfalls einen verborgenen Zugang gab, den die Polizei aber nie entdeckt hat.

Das Ende kam im Sommer 2000. Nachdem bereits die Clubs einiger anderer Betreiber hochgenommen und die Chefs verhaftet worden waren, sollte schließlich auch der König gestürzt werden. Menschenhandel, Förderung der Prostitution, Körperverletzung, Steuerhinterziehung – die Liste der Anschuldigungen war lang und hätte “Holzi” für einige Jahre hinter Gitter gebracht. Als das Sondereinsatzkommando der Polizei ihn bereits in seinem Haus festgenommen hatte, gelang ihm erstmal die Flucht, er versteckte sich im Nachbarsgarten. Profis am Werk.

Einige Monate tauchte er bei einem Bekannten unter, dann nochmal in einer Hütte an der Ostsee. Nachdem die Polizei über die Sendung “Aktenzeichen XY ungelöst” sein Foto verbreitet hatte, wurde Termer verraten, festgenommen und nach Berlin gebracht. Hier machte man ihm sechs Monate später im Jahr 2001 den Prozess, doch die Anklage brach stückchenweise auseinander. Es folgten Freisprüche wegen Menschenhandel und Förderung der Prostitution, der Rest wurde zu einer Bewährungsstrafe ausgesetzt. Bernd Termer konnte das Gericht als freier Mann verlassen.

Noch besaß er zwar vier Bars und Nachtclubs, aber ein Jahr Flucht und Gefängnis hatten ihm zugesetzt. Nach und nach stieg er aus dem Geschäft aus und konnte seine Läden nicht mal mehr verkaufen. Die Geschäfte gingen sowieso schlechter, die große Zeit der Nachtclubs war in Berlin offenbar vorbei.

“Vielleicht hat sich die klassische Art des Rotlichtmilieus auch einfach überlebt. Die Separées, die Shows, das Ankobern, der Sekt und der Plüsch, die Spiegel, der Striptease – es war eine bestimmte Art von Kultur, und Kultur ist immer zeitgebunden. In Hamburg, auf St. Pauli, findet man sie noch, aber auch immer weniger. Flatrate heißt die neue Mode, die von vielen Bordellen jetzt angeboten wird. Die Shows, die früher ja stets einen zumindest rudimentären künstlerischen Anspruch besaßen, sind zur reinen Pornografie geworden.
Auch die Art des Umgangs untereinander hat sich verändert. Früher war das Milieu eine in sich stimmige, fest gefügte Welt, in der bestimmte Regeln galten, die von allen akzeptiert wurden. Auch früher gab es Schlägereien, gewiss. Aber man konnte sich darauf verlassen, dass gewisse Grenzen nicht überschritten wurden. Fünf gegen einen, das gab es damals nicht. Heute ist man ganz schnell mit dem Messer und der Pistole zur Hand. Regelmäßig gibt es Tote. Immer häufiger, immer mehr. Clans aus dem arabischen und südeuropäischen Raum haben die Herrschaft übernommen. Auch Russen. Früher spielten Drogen so gut wie keine Rolle, heute sind sie das Thema überhaupt. Was Leute wie ich als Halbwelt kennen, als einen vergleichsweise ruhigen Kiez, hat sich zu einer kriminellen Szene der übelsten Art gewandelt. Und mit der will ich nichts zu tun haben. Dies ist nicht mehr meine Welt. Im Grunde habe ich, mit einer gewissen Melancholie, abgeschlossen mit dieser Welt. Sie ist Vergangenheit.”

Alle Zitate sind aus der Autobiografie von Bernd Termer: “Der König vom Stuttgarter Platz – Ein Ludenleben ohne Filter”.
Herstellung und Verlag: Books on Demand
ISBN 978-3-735-79196-2
248 Seiten, 16,95 Euro
Zu bestellen über die Website
www.koenig-vom-stuttgarter-platz.de




Der Groschenkeller

Eines der bekanntesten und berüchtigsten Lokale in der Kantstraße war zweifelsohne der Groschenkeller in der Nummer 126. Ursprünglich dienten die Räume als Chauffeur-Kantine für die daneben stehenden Kant-Garagen, die 1930 eröffnet wurden. Doch schon im Jahr darauf übernahm der staatenlose Zenobjucz Messing die Räume. Der Mann war eine schillernde Persönlichkeit mit seiner schwarzen, immer ins Gesicht fallende Mähne und seinem extrem schlechten Ruf. In den Vorjahren war er als Falschspieler in zahlreichen Etablissements rund um das alte Scheunenviertel aufgefallen und verdingte sich als Polizeispitzel. Da er gute Verbindungen zu den Unterweltskreisen und insbesondere zu den Hehlern hatte, war seine Arbeit durchaus erfolgreich.
“Siggi” Messing dachte sich für die Schankwirtschaft den Namen Groschenkeller aus und machte aus ihm in kürzester Zeit eine Mischung aus Künstler-, Rendezvous- und Ganoven-Kneipe. Vor allem unter Schauspielern und Musikern entwickelte sich der Groschenkeller schnell zu einem beliebten Treffpunkt. Trude Hesterberg war die Schirmherrin und Paula Wessely, Attila Hörbiger, Heinrich George, Werner Kraus, Lotte Lenya, Kurt Weill, Bert Brecht und andere Stars waren Stammgäste.

Wenn die Stimmung auf dem Höhepunkt war, sangen alle das Groschenkellerlied von Kurt Bry:
“Im Groschenkeller, da sind die Männer schön,
Wenn da ‘ne Frau hinkommt, ist sie ganz fasziniert,
Und gleich im Vorraum, da möcht sie schlafen gehn,
Damit sie keine Zeit verliert.
Da hilft ihr keine noch so gute Kinderstube,
Da denkt sie nicht an den zu Haus gelassenen Ehemann.
Da hilft kein Whisky und kein noch so schöner Zeitvertreib,
Wenn da ‘ne Frau hinkommt, wird sie zum Weib.”

Mit der Machtübergabe an die Nazis musste sich der Jude Zenobjucz Messing zurückziehen, der Name Groschenkeller aber blieb. Ebenso die Künstler. Einer von ihnen war Norbert Schultze.
Doch zuerst eine Rückblende zur “Maikäferkaserne” in der Kesselstraße (heute: Habersaathstraße). Am Abend des 3. April 1915 war dort Gardefüsilier Hans Leip auf Wachposten. Eine “dumpfe Todesahnung” beschlicht ihn, denn am nächsten Tag musste er an die Front. Er hatte sich kurz zuvor erst von der dunkelhaarigen Lili verabschiedet, dann von der blonden Marleen. Jetzt verschmolzen sie zu Lili Marleen, und nach seiner Ablösung kritzelte er einige Verse mit einer Melodie ins Notizbuch: “Vor der Kaserne vor dem großen Tor…”
Die Sängerin Lale Andersen sang dieses Lied in einer Version, die heute kaum noch bekannt ist. Norbert Schultze komponierte mehr als zwanzig Jahre später im Groschenkeller eine neue Melodie, die sein Verleger jedoch erst ablehnte: “Man kann nicht darauf tanzen, man kann nicht drauf marschieren, vergiss es!” Tatsächlich verkauft sich diese Version, am 2. August 1939 erstmalig auf Schallplatte veröffentlicht, nur 700 mal. Im Laufe des 2. Weltkriegs aber wird “Lili Marleen” so oft im Radio gespielt, dass es sich zu einem Millionenhit wird. Norbert Schultze war mit der militärischen Umsetzung seiner Musik nie einverstanden. Trotzdem entwickelte sich Lili Marleen zum Soldatenlied schlechthin. Nach der Wehrmacht übernahmen noch zu Kriegszeiten auch die Briten und US-Amerikaner das Lied in einer englischen Version. Und noch heute wird die Melodie jeden Abend zum Abschluss des Programm von Radio Andernach gespielt, dem Sender der Bundeswehr.

Während der Jahre des Nationalsozialismus’ versteckte sich der Groschenkeller. Während draußen die Nazis marschierten und Marschmusik angesagt war, spielten hier Ilja Glusgal, Coco Schumann und der “Swing-König” Teddy Stauffer ihre längst verbotene Musik.
Der junge Geiger Helmut Zacharias war schon als Solist des Berliner Kammerorchesters berühmt, als er um 1940 im Groschenkeller auftauchte und bei den Musikern einstieg, die dort “Negerjazz” spielten. “Uns haben die Ohren geschlackert”, erinnert sich der Gitarrist Coco Schumann in einem Interview:
“Also dieser Groschenkeller hier in der Kantstraße, das war der Treffpunkt der Jazzer, wie wir damals sagten. Wenn ne Kontrolle kam von der Reichsmusikkammer, die haben alle Ledermäntel gehabt und Schlapphüte. Dann stellten wir einen oben hin, der bekam vom Wirt, den nannten wir Vati, mit nem Rauschebart, ein Bier spendiert. Und unten stand auch einer. Und wenn da so zwei Typen kamen mit Ledermantel und Schlapphüten, hat der runtergepfiffen. Und der unten pfiff. Und wir haben sofort von einem Tiger Rag oder so ne amerikanische Nummer auf Rosamunde oder sowas umgeschaltet. Und dann kamen die runter. Und wenn die dann alles für in Ordnung befunden haben, weil wir so schön deutsche Schlagermusik spielten oder Marschmusik, dann sind die weg. Und alle haben sich unten totgelacht im Groschenkeller.
Wir spielten im Groschenkeller nur verbotene Musik. Es gab ja auch Rassenschande, wie die Nazis es nannten. Ich habe reichlich Rassenschande getrieben. Und irgendeiner, dem ich die Braut ausgespannt hatte, hat rausgekriegt, dass ich den gelben Stern mit der Aufschrift ‘Jude’ nicht trug. Im März 43 wurde ich zum Alexanderplatz zur Kriminalpolizei hinbestellt. Und die übergab mich der SS.”
Coco Schumann überlebte das KZ Auschwitz und spielt heute noch, mit über 90 Jahren.
Den Groschenkeller aber gibt es längst nicht mehr in der Kantstraße.




“Stolpersteine entsorgen”

Ein Hauseigentümer in Charlottenburg droht damit, die vor seinem Wohnhaus verlegten “Stolpersteine” zu entfernen und “entsorgen”. Die Stolpersteine sind 10 mal 10 Zentimeter kleine, in den Boden eingelassene Metallplatten, die an deportierte Juden erinnern, die einst an diesem Ort gelebt haben. Tatsächlich stolpern kann man darüber nicht und bei Zehntausenden von verlegten Stolpersteinen ist bisher noch kein einziger Fall bekannt geworden, dass dort jemand drauf ausgerutscht wäre.
Genau diese Gefahr behauptet aber der Hausbesitzer. Außerdem pocht er darauf, dass die Steine auf seinem Grund liegen würden, nicht auf öffentlichem Straßenland. Tatsächlich ist die Dahlmannstr. 1 ein Neubau, der einige Meter hinter der eigentlichen Bauflucht steht und der Gehweg gehört dort teilweise zum Grundstück. So etwas ist nicht ungewöhnlich und nur selten gab es deswegen Ärger mit den Hausbesitzern. Und das waren meist Fälle, wo es tatsächlich um etwas anders ging. Entweder befürchteten die Eigentümer einen Wertverlust ihres Hauses, als wenn die Geschichte auf so etwas Einfluss hätte. Oder es waren politische Gründe.

Selten allerdings haben Eigentümer so reagiert wie diesmal: Er stellte der Stolperstein-Initiative ein Ultimatum bis zu diesem Wochenende, um die Erinnerungssteine zu entfernen. Ansonsten wolle er auf Kosten der Initiative die Steine rausnehmen lassen. Und wenn sie das nicht zahlen und die Steine abholen würden, würde er sie nach einem halben Jahr “entsorgen”.

Mittlerweile haben sich mehrere Nachkommen derjenigen gemeldet, an die mit diesen Stolpersteinen gedacht wird. Sie sprechen von einer Schändung des Andenkens. Gleichzeitig teilte der Bezirksbaustadtrat Marc Schulte mit, dass die Argumentation des Eigentümers nicht den Tatsachen entspräche, die Steine sind versicherungsrechtlich gar nicht relevant.
Wie es weitergeht, werden die nächsten Tage zeigen. Gestern jedenfalls haben Mieter des Hauses die betreffenden Stolpersteine erstmal geputzt und Blumen auf ihnen niedergelegt.