Haus der Einheit

Schon viele residierten hier: Jüdische Kaufleute, Nazis, Kommunisten, Kapitalisten. Es ist eine laute, stark befahrene Kreuzung, Torstraße und Prenzlauer Allee treffen hier aufeinander. Nur wenige hundert Meter nördlich des Alexanderplatzes ist das sogenannte “Prenzlauer Tor” ein ungemütlicher Ort. Wie zufällig platziert stehen einige alte Wohnhäuser, der Nikolai-Friedhof an der Ecke zieht immer wieder alte und neue Nazis zum Gedenken an Horst Wessel an. Gegenüber ein großes Gebäude, seine Fassade, markant geschwungen, mit einer „Bauchbinde“ in der ersten Etage. Es hat eine wechselvolle Geschichte und wechselnde Adressen.
Als der jüdische Kaufmann Hermann Golluber 1928/29 das Haus errichten ließ, hieß die Torstraße noch Lothringer Straße. Die Nummer 1 wurde ein Stahlskelettbau im Stil der Neuen Sachlichkeit. Am Rand des Scheunenviertels wurde ein Warenhaus gebaut, in dem auch der ärmere Teil der Berliner einkaufen konnte. Und es war ein Kreditwarenhaus, die Kunden konnten „auf Pump“ einkaufen.
Das Haus enthielt ein Dachterrassen-Restaurant und großzügige Räume auch für die Angestellten. 1929 war die Eröffnung als „Kaufhaus Jonaß“, doch schon vier Jahre später kam der erste Einschnitt. Im Dezember 1933 nutzten die Nazis einen Teil des Gebäudes als Ausstellungsfläche. Golluber und sein ebenfalls jüdischer Geschäftspartner Hugo Halle nahmen zwei Mitarbeiter in die Geschäftsleitung auf, um nicht enteignet zu werden. Doch Golluber und Halle wurden von den beiden aus der Firma gedrängt und flohen 1939 aus Deutschland.

Warenhäuser galten im NS-Staat als „jüdisch“, selbst wenn diese – was praktisch bei allen der Fall war – gar nicht mehr Juden gehörten. Die neuen Besitzer schlossen das Kaufhaus, bauten es um und vermieteten es an die Reichsführung der Hitler-Jugend. 1942 verkauften sie es an die NSDAP.
Direkt nach dem Krieg zog der „Zentralausschuss der SPD“ in das Gebäude ein. Mit der Zwangsvereinigung von KPD und SPD im April 1946 ging der Komplex an das Zentralkomitee der neugegründeten „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“. Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl als erster und einziger Präsident bzw. Ministerpräsident arbeiteten in diesem Haus. An sie erinnern noch heute zwei Tafeln am Eingang (noch zu seinen Lebzeiten wurde die Lothringer Straße 1951 in Wilhelm-Pieck-Straße umbenannt, das ehemalige Kaufhaus erhielt damit wieder eine neue Adresse). Das Gebäude hieß nun offiziell „Haus der Einheit“, was auf die Zusammenlegung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien hinwies. Während des Arbeiteraufstands am 17. Juni 1953 war es deshalb auch Ziel von Angriffen durch Demonstranten. Im Anschluss daran spielte es eine unrühmliche Rolle in der Verfolgung von Oppositionellen. Die Schauprozesse gegen Aufständische des 17. Juni wurden hier „vorbereitet“, die Todesurteile schon vorher festgelegt. Aber auch andere verheerende Maßnahmen wie Kollektivierung der Landwirtschaft und die Enteignung der Betriebe wurden zum großen Teil in diesem Gebäude beschlossen und organisiert.

Im Jahr 1956 zog das „Institut für Marxismus-Leninismus“ in den Bau ein. Auch das Parteiarchiv der SED, das historische Archiv der KPD sowie mehrerer Massenorganisationen nutzen das einstige Warenhaus.
Mit der Wende kam dann nicht nur das Aus für die DDR, sondern auch für das einstige Parteigebäude. Die Archive wurden ins Bundesarchiv verlagert, die SED-Nachfolgepartei musste das Haus abgeben. Seitdem steht es unter Denkmalschutz. Längst ist es den Erben von Hermann Golluber und Hugo Halle zurückgegeben worden, trotzdem stand es noch jahrelang leer. 2010 zog hier der edle Soho-Club ein. Club, Restaurant, Hotel, Schwimmbad.
Jüdisches Warenhaus in den 1920ern, Hitler-Jugend unter den Nazis, marxistische Lehranstalt in der DDR und nun Wohlfühlort von Reichen. Erneut hat das Gebäude sich der Zeit angepasst.

(Foto: Bundesarchiv)




Gedanken zur DDR

In Diskus­sionen zur DDR gibt es eigentlich fast immer nur zwei Meinungen: Dafür oder dagegen. Manche, die den Staat verteidigen, nennen die soziale Sicherheit an erster Stelle und dass es dort (angeblich) keine Faschisten gab und keine Kapitalisten, die die Arbeiter ausplünderten. Die Gegner führen die Überwachung und Repression an, die fehlende Freizügigkeit beim Reisen und dass die Bürger keine Rechtssicherheit hatten. Beide sind in ihren Standpunkten nicht bereit, auch wenigstens Teile der anderen Meinung zuzulassen, was eher einem Glaubensstreit ähnelt, als einer politischen Argumentation.

Ich selber kenne die DDR von zwei Positionen aus. Kurz nach meiner Geburt wurde die Mauer gebaut, für mich war sie also Normalität und “drüben” lag ein ganz anderes Land. Von meinem Kinderzimmerfenster aus sah ich, wie in diesem anderen Land ein Turm immer höher gebaut wurde, schließlich bekam er noch eine Kugel, das war sehr spannend. Aber es war wie fernsehen, irgendwo anders, unerreichbar.
Anfang und Mitte der 80er Jahre arbeitete ich in für eine Firma, die auch Künstler aus der DDR betreute. So lernte ich plötzlich die andere Seite kennen. Manchmal hielt ich mich wochenlang dort auf, zwischen Rostock und Zittau lernte ich auch den Lebensalltag kennen. Dieser Alltag unterschied sich zwar an vielen Punkten von dem im Westen, aber im Allgemeinen lief er nicht anders ab. Auch dort gingen die Leute zu ihrem Job, mit dem sie sich nicht identifizierten. Auch dort schimpften sie auf “die da oben”, wenn auch mit größerem Risiko als im Westen. Und auch dort hatten die Leute unerreichbare Träume.
Die äußeren Verhältnisse waren anders, alles war grauer, wohl weil die Leuchtreklame und die bunten Autos fehlten. Vieles in der DDR der 80er war so, wie es in den 50ern auch in der Bundesrepublik gewesen sein muss. Unfertig, improvisiert, eher funktionell als schön. Aber deshalb nicht schlechter, auch wenn viele im Westen (und leider auch im Osten) es so gesehen haben.
Das, was an den Zuständen in der DDR kritisiert wurde, gab es natürlich. Schon wer gegenüber eines Polizisten ein zu loses Mundwerk hatte, konnte vorgeladen werden. “Staatsfeind” zu werden, war einfach, in meinem Fall reichte es schon einen Punk nur zu kennen, um dann jahrelang Einreiseverbot zu bekommen.
Der Alltag war jedoch nicht soviel anders. Es standen nicht an jeder Straßenecke Männer im Trendcoat und mit heruntergezogenem Hut (wobei die meisten Stasis sowieso lieber Windjacken und seltsame Herrenhandtäschchen trugen). Die Überwachung war EIN Teil der DDR-Realität, aber für die meisten Menschen ein sehr kleiner. Wer sich aus kontroversen Diskussionen herausgehalten hat, wer nicht versucht hat die DDR zu verlassen, der hatte keine Repressionen zu befürchten. Das war jedoch in den 60er und 70er Jahren im Westen nicht so viel anders. Weh dem, der sich offen zum Kommunismus bekannte. Tausende von ihnen erhielten Berufsverbot oder wurden auf der Straßen zusammengeknüppelt. Rudolf Augstein wanderte wegen eines einzelnen Spiegel-Artikels monatelang in den Knast, die KPD wurde verboten und im Rahmen der Terroristen-Hysterie 1977 gab es Hunderte illegaler Verhaftungen und Hausdurchsuchungen. Bitte all das nicht vergessen, wenn man einen Vergleich anstellt.

Viele einstige DDR-Bürger haben das Gefühl, etwas verloren zu haben. Natürlich gibt es den Staat nicht mehr, der sie ja geprägt hat und der ihnen vertraut war, unabhängig davon, wie sie ihn damals erlebt haben. Aber dass heute sogar Leute mit DDR-Emblemen herumlaufen, die damals lieber in den Westen wollten, ist eine der Merkwürdigkeiten, die nur durch solche Kapriolen der Geschichte entstehen können. Viele von sind enttäuscht von dem, was danach kam. Der Westen war schon 1990 kein Schlaraffenland und wer sich damals das Westfernsehen richtig angeschaut hat, konnte das auch wissen. Seitdem ist es aber schlimmer geworden und viele Menschen legen die Maßstäbe falsch an. Sie vergleichen ihre Situation 1989 in der DDR mit der heutigen, in einer total veränderten Welt. Sicher gab es nach der Wende die Ausplünderung von Ost-Betrieben durch West-Unternehmer, keine Frage. Aber es gab auch die Wirtschaftskrise, erst ab 1990 im gemeinsamen Deutschland und dann einen radikalen Umbruch auf der ganzen Welt. In England oder Spanien sind im Verhältnis prozentual viel mehr Menschen arbeitslos geworden, als in Ost-Deutschland. Und dort gab es keinen Mauerfall, keine Wiedervereinigung. Wer heute der DDR als sozialem Staat hinterhertrauert, ignoriert die damaligen Verhältnisse. Der Staat war absolut pleite, nur noch der Handel mit der Bundesrepublik hielt ihn am Leben. Er wäre schon 1983 bankrott gewesen, hätte es nicht mehrmals Kredite des Klassenfeindes zur Unterstützung gegeben. Die Schuld für den Zusammenbruch der eigenen Wirtschaft also dem “Westen” zu geben, ist dumm.

Lange Zeit habe ich mich gefragt, wieso durchaus intelligente Bürger der DDR ihren Staat so verteidigen, obwohl sie für Menschenrechte und freies Denken sind. Ich habe dann alte Menschen kennengelernt, die den Aufbau der DDR bewusst miterlebt und sogar mitgestaltet haben. Sie waren teilweise in der Nazizeit inhaftiert, einer sogar im KZ. Für sie war der Aufbau eines antifaschistischen Staats natürlich das beste, was ihnen passieren konnte. Rosel aus Weimar war als junge Frau in einer Gruppe organisiert, die Aktionen gegen die Hitler-Jugend durchgeführt hat. Sie organisierte mit ihren Freunden Lebensmittel für Zwangsarbeiter. Ihr Vater war im KZ ermordet worden, sie selber wurde mehrmals verhaftet. Mit all diesen Erfahrungen war sie natürlich mit voller Kraft dabei, als ein Staat aufgebaut wurde, der so sehr anders sein sollte, als der aus ihrer Kindheit und Jugend. Die vielen Angriffe aus dem Westen im Kalten Krieg bewirkten aber, dass sich die überzeugten Antifaschisten immer weiter in eine Verteidigungshaltung zurückzogen. Wer Fragen stellte, wer eine andere Meinung hatte, war schon bald verdächtig, zur “anderen Seite” zu gehören. Und die andere Seite war die, in denen Alt-Nazis die Wirtschaft dominierten und auch in der Politik hohe Posten bekleideten. Die Gefahr war ja auch real, dass es nochmal zu einem Krieg kommen könnte und die von der anderen Seite gewinnen könnten. Und dazu gehörten auch die alten Faschisten. Also schotteten sich viele linke Demokraten ab in ihrem Staat, sie sahen in Kritikern Staatsfeinde, die den “Imperialisten” in die Hände spielten. Sie waren blind dafür, dass in ihrem eigenen Land erneut eine Diktatur entstand, in der nur eine Partei das Sagen hatte, in dem Presse, Gewerkschaften und alle nichtstaatlichen Organisationen gleichgeschaltet wurden, in dem ein Geheimdienst entstand, der viel größer war und mehr Einfluss hatte, als einst die Gestapo. Die Parallelen wollte man nicht sehen, denn dann hätte man sich eingestehen müssen, dass die Diktatur des Proletariats in Wirklichkeit auch eine Diktatur gegen das Proletariat geworden ist. Und gegen die Demokratie, die nur noch im Staatsnamen bestand und in einer Farce, die sich Wahl nannte. Opposition wurde nicht geduldet, die Demokratie war nur noch eine Illusion. Eines Tages, ungefähr 1992, verfolgte ich die Diskussion zwischen Rosel und einer gleichaltrigen Freundin, die ihr vorwarf, blind für die vielen Missstände in der DDR zu sein. Rosel dagegen hielt dagegen, dass der Westen die DDR kaputt gemacht hätte, dass man sich doch auch gegen Feinde des Staates hatte wehren müssen. Nach einigen Minuten fingen beide an zu weinen, immerhin war die DDR ihr gemeinsames Lebenswerk. Nun war es kaputt, und damit alle Hoffnungen, es nochmal anders zu machen. Später sagte Rosel zu mir, dass sie ja auch all die falschen Dinge gesehen hatte, aber die Angst, die DDR an die Bundesrepublik verlieren zu können, hatte sie das tolerieren lassen.

Natürlich war die Gründung der DDR als Gegenstück zur Bundesrepublik ein verständlicher und vernünftiger Schritt. Aus einem faschistischen Staat, der zuvor den größten Krieg der Geschichte angezettelt und sechs Millionen Menschen nur wegen ihrer Religion hatte ermorden lassen, aus diesem Staat musste einfach etwas entstehen, das ganz anders als dieser war. Die Angst vor einer Übernahme durch die Alt-Faschisten war vielleicht nicht so irreal, wie es heute scheint. Jedenfalls die individuelle Angst derjenigen, die das neue Land aufbauten. Denn die Bundesrepublik sah sich ja selber als Nachfolger des NS-Staats.
Dabei gab es aber noch eine ganz andere Kraft, und die war letztendlich auch für das Scheitern der DDR verantwortlich. Die Sowjetunion, die Stalinisten, hatten von Anfang an das Sagen in der DDR. Eine wirklich demokratische Republik hätten sie gar nicht zugelassen, egal wie viele Deutsche das wollten. Damit war vom ersten Tag an klar, dass es nur eine Diktatur werden konnte. Und das bedeutete, dass die Rechte der Menschen in dem Land begrenzt sind und dass sie sich auf Dauer von ihm entfremden. Das änderte sich auch kaum, als die Zügel in den 70er Jahren etwas gelockert wurden und auch der Lebensstandard langsam stieg. Durch das nahe Fenster in den Westen wurde den DDR-Bürgern ständig vor Augen geführt, dass sie noch mehr Freiheiten haben könnten, noch mehr unterschiedliche Käsesorten, weitere Reisen. Doch die Abhängigkeit von der Sowjetunion machte jede positive Entwicklung unmöglich. Die Staatsführung, bestehend aus den alten Männern der Anfangsjahre, war der SU bis zum Schluss hörig, sie verhinderte mehr Freiheiten und wirtschaftliche Weiterentwicklung. Vielleicht hätte die DDR noch eine Chance gehabt, wenn Ende der 70er Jahre andere, offenere Menschen an ihrer Spitze gekommen wären. Leute, die das Recht der Bürger auf eine eigene Meinung ernst genommen hätten und die sich bemüht hätten, die Wirtschaft zu reformieren. Wären die 5-Jahres-Pläne abgeschafft, Privatbetriebe zugelassen und der Handel mit dem westlichen Ausland intensiviert worden, wären die positiven Seiten der DDR, die soziale Absicherung ihrer Bürger, vielleicht finanzierbar gewesen. Wahrscheinlich aber hätte Leonid Breschnew, der große Bruder in Moskau, eine solche Entwicklung nicht zugelassen. Insofern hatte das Land schon damals keine Zukunft mehr.




Ausgerockt

Die Uralt-Rocker aus DDR-Zeiten haben aufgehört. Rund 26.000 Zuschauer sahen die zwei ausverkauften Konzerte der Puhdys in der Mehrzweckhalle Friedrichshain, Abschiedskonzerte. Dabei stehen sie bis zum Juni noch 20 mal zusammen mit Karat und City auf der Bühne, die “Rocklegenden” nennen sie sich selbst.
Ganz falsch ist das nicht. In der DDR waren die Puhdys unangefochten die Nummer 1, sozusagen das Bayern München des DDR-Rock. Das brachte ihnen nicht nur Freunde ein. Manch einer warf ihnen vor, zu staatsnah zu sein, zu sehr die Karriere im Auge zu haben und deshalb still zu sein. Das stimmte nur begrenzt. Sie solidarisierten sich mit Musikern, die Auftrittsverbote hatten, eines ihrer erfolgreichsten Songs (über das Verhältnis zwischen DDR und BRD) durfte im DDR-Rundfunk nicht gespielt werden. Aber eine Widerstandsband waren sie natürlich nicht.

Dabei sprachen die Puhdys schon damals Themen an, die in der Rockmusik nicht üblich waren. Ihre Lieder über Nazis, Homophobie, Rassismus oder Mobbing machten auch vielen Menschen Mut, die selber betroffen waren. Sie sangen über Selbstmord von Jugendlichen, über einen toten S-Bahn-Surfer, über den jungen Knackie, den alternden Gigolo, den zweifelnden Grenzsoldaten und im Jahr 2002 über die Elbe-Flut.

Manche der Songs haben auch mein Leben beeinflusst. Vor allem diejenigen, in denen es darum ging, wie man eigentlich leben möchte. Angepasst, glatt und erfolgeich – oder glücklich, weil man zu sich selber und den eigenen Bedürfnissen steht. Auch wenn dies oft schwieriger ist.
Es waren nicht nur die Lieder, die Bandmitglieder kamen zwar manchmal prollig rüber, waren jedoch alles andere als oberflächlich. Mit dem damaligen Bassisten Harry saß ich ein paarmal am Müggelsee auf dem Steg. Wir haben uns intensiv über das Leben in der DDR unterhalten (ich selber wohnte damals in West-Berlin), über das was werden könnte und wie man sich selber dazu verhalten soll.
Nach einem Konzert in Hamburg habe ich eine intensive Diskussion innerhalb der Band miterlebt, in der es um das Thema ging, wie weit man sich verbiegen sollte oder eben nicht. Anlass war die Überlegung des Drummers Gunther, die Band und die DDR zu verlassen und in die Bundesrepublik zu ziehen. Das hat er später dann auch getan.
Solche Diskussionen waren möglich, auch wenn man natürlich wusste, dass auf Auslandsfahrten immer jemand für die Stasi mitschrieb. Im Fall der Puhdys war das der Keyboarder Peter. Er ging damit relativ offen um und man wusste, dass bestimmte Dinge eben nicht in seinen Berichten landen würden.

Hamburg und die Puhdys, das gehörte sowieso ein bisschen zusammen. Beim ersten Konzert waren wir viel zu früh der Stadt. Also fuhren wir mit den Autos und LKWs herum, besichtigten die Reeperbahn und den Hafen. Als wir wieder raus wollten, um zur Halle zu fahren und die Bühne aufzubauen, standen wir plötzlich am Zoll. Der glaubte uns nicht, dass wir als Touristen im Hafen waren und so standen wir mit der gesamten Musik- und Lichtanlage an der Hafenausfahrt und kamen nicht mehr raus.
Einige verzweifelte Telefonate später bot das Management von Udo Lindenberg an, dessen Anlage zur Verfügung zu stellen. So kam es dann auch und das Konzert konnte mit einer fremden Anlage doch noch stattfinden.

Der Erfolg der Puhdys lag auch daran, dass sie sehr lebensnah waren. Die Texte mit den Alltagsthemen, auch die Interviews, die offene Art sich bei Festen und Veranstaltungen zu bewegen. In ihrer Heimat zwischen Köpenick und Erkner wusste jeder wo die Musiker leben, sie nahmen trotz Promiestatus am Kleinstadtleben von Friedrichshagen und Rahnsdorf teil. Arroganz war ihnen fremd.

Musikalisch hatte sich die Puhdys schon früh festgelegt. Ihre Rockmusik war oft so melodisch, dass eine lange Reihe von Ohrwürmern heraus kam. Lieder wie “Ikarus”, “Alt wie ein Baum” oder “Sturmvogel” können heute noch von Tausenden Menschen auswendig mitgesungen werden.

Faszinierend ist, dass die Band bis zum Schluss viele junge Menschen angezogen hat. Die Musiker sind gealtert, die meisten schon über 70 Jahre alt. Auf den Konzerten aber gehts schon bei Jugendlichen los, der Durchschnitt liegt vielleicht bei 40 Jahren. Viele der Fans waren noch nicht mal geboren, als die Band im Jahr 1969 gegründet wurde.
Die Puhdys waren ein Phänomen, im Osten, aber immer mehr auch in der Bundesrepublik. In ihrem doch ziemlich hohen Alter haben sie zum Schluss jährlich noch mehr als 100 Konzerte gegeben. Als deutschsprachige Liveband waren sie unübertroffen. Sie werden fehlen. Mir jedenfalls.

Foto: Ralf Roletschek




“Ich war einer von den Bösen”

Zu den Jahrestagen werden immer viele Geschichten aus der Zeit der sogenannten Wende in der DDR erzählt, vom Mauerfall, mal aus östlicher, mal aus westlicher Sicht. Die Ereignisse vom 9. November 1989 sind bekannt. Oft schon vergessen ist aber ist der 7. Oktober, Republikgeburtstag, an dem die Parole “Keine Gewalt” kein Gehör fand. In Berlin feierte sich die Führung von Staat und Partei, während nur wenige hundert Meter weiter Bürger demonstrierten. Sie wussten von den Prügelorgien der Volkspolizei in Leipzig fünf Tage zuvor. Trotzdem gingen sie auf die Straße. Viele von ihnen wurden von Polizisten misshandelt, es gab zahlreiche Verletzte. Einer der beteiligten Volkspolizisten erzählt, mehr als 25 Jahre danach:

Mein Name ist Manfred K., 1989 war ich bei der DVP ((Deutsche Volkspolizei)), Kasernierte Polizei in Blankenburg. Damals habe ich in Pankow gewohnt, Florastraße, fast an der Grenze. In den Tagen vor dem 40. Republikgeburtstag wurden wir täglich darauf vorbereitet, dass es im Umfeld zu Störungen kommen wird. Nicht nur als Möglichkeit, sondern als gesicherte Tatsache. Staatsfeinde und Provokateure aus dem Westen wollten die Feiern torpedieren und bereiteten Straßenschlachten vor. Uns wurde gesagt, dass ein Einsatz von Schusswaffen durch die Provokateure geplant sei.
Die Aufrührer hätten Kontakt zu Neonazis und Autonomen in West-Berlin und von denen Techniken des Straßenkampfes gelernt. Sie würden sich als harmlose Bürger darstellen, in Wirklichkeit aber die Konfrontation suchen. Dazu wurden uns Filmaufnahmen vom Dresdner Hauptbahnhof gezeigt, auf denen Bürger die VP angriffen.
Man kann schon sagen, dass wir regelrecht aufgeheizt wurden.

Nach dem Aufsitzen, auf dem Weg nach Mitte, ging es weiter. Ein Kamerad fragte, wieso wir denn nicht alle Waffen bekommen würden, wenn die Lage so gefährlich sei. Tatsächlich waren einige von uns unbewaffnet. Eine Antwort gab es aber nicht. Ich vermutete, dass diejenigen keine Waffen bekommen hatten, die im Verdacht standen, unzuverlässig zu sein. Das Misstrauen gab es sogar schon innerhalb der Volkspolizei.
Wir waren dann den ganzen Tag in der Innenstadt. Erst Karl-Marx-Allee, dann am Platz der Akademie ((Heute Gendarmenmarkt)). Es gab immer mal kurze Aufregung wegen einzelner Protestierer, aber das regelten die Männer vom MfS, wir unterstützen bloß. Richtig los ging es erst am Abend. Während der Feier im Republikpalast standen wir vor dem Palasthotel. Hunderte Demonstranten zogen an uns vorbei, in beide Richtungen. Plötzlich mussten wir aufsitzen und wurden zum Rosa-Luxemburg-Platz gefahren. Dort waren die Straßen voller Menschen und die Stimmung war schon aggressiv.

Irgendwann hörten wir, dass es im Prenzlauer Berg Krawalle von Autonomen gäbe. Wir wurden zum Senefelderplatz verlegt und kurz darauf ging es los. Ganze Gruppen zogen an uns vorbei, skandierten Parolen und bedrohten uns. So empfanden wir das damals jedenfalls. Helme und Schilder wurden ausgegeben, kurz darauf trafen die Räumwagen ein. Sie hatten große Gitter montiert, so dass man mit ihnen leicht eine Straße räumen konnte, wenn mehrere nebeneinander fuhren. Eigentlich waren sie zum Absperren gedacht, aber in dieser Nacht funktionierten wir sie eben um.

Da wir schon so lange im  Einsatz waren, hatten die meisten jetzt die Schnauze voll. Wir waren müde, hatten kaum was gegessen, konnten nicht aufs Klo. Die Stimmung war absolut mies. Als es dann ernst wurde, waren wir froh darüber. Endlich konnten wir unseren Frust rauslassen und Ziele fanden sich genug. Mit Knüppeln gingen wir auf jeden los, den wir erwischten. Egal, ob er zu den Demonstranten gehörte oder nicht. Langhaarige, Intellektuelle, Hippie, Parkaträger, Punker, egal. Wer jetzt auf der Straße war, gehörte dazu. Manche von uns schlugen sich durch die Menge, andere konzentrierten sich auf eine einzelne Person, jagten und verprügelten sie. Jeder der sich irgendwie wehrte, wurde auf den Wagen verbracht.

Allerdings sah ich auch viele ältere Leute, die wirklich nicht den Eindruck machten, dass sie Aufrührer wären. Aber wir waren wie blind und sahen das als besonders perfide Taktik der Demonstranten an. Als wenn sie ihre eigenen Eltern vorschicken würden. In der Schönhauser Allee wurden wir massiv aus den Fenstern beschimpft und bedroht. Es war wirklich kein schöner Einsatz.
Nach ungefähr zwei Stunden fuhren wir los. Wir saßen an den Seiten auf den Bänken, die Zugeführten mussten in der Mitte auf dem Boden sitzen. Während der Fahrt in den Blankenburger Pflasterweg bekamen sie nochmal viele blaue Flecke durch unsere Stiefel ab. In der Kaserne mussten sie von der Ladefläche steigen. Wer es nicht schnell genug schaffte, dem wurde “geholfen”.

Unser Einsatz war damit beendet. An diesem Abend sind mehr als 1.700 Protestierer zugeführt worden. Erst ein paar Tage danach erfuhr ich, dass es sehr viele Verletzte unter den Demonstranten gegeben hatte. Es waren wohl mehrere hundert. Verletzungen bei den Kollegen beschränkten sich auf Verstauchungen und Prellungen. Das wenigste davon war aber direkt von Demonstranten verursacht.

Im Nachhinein fingen wir auch unter uns an zu diskutieren. Wir hatten sie ja gesehen, die sogenannten Randalierer und Staatsfeinde. Das waren doch keine prügelnden Skinheads oder Autonome. Es war mir dann lange sehr unangenehm, zuzugeben, dass ich am 7. Oktober dabei war. Weil ich wohl auf der falschen Seite stand, ich war einer von den Bösen.




Waisen, Gesindel, Gefangene

Die ehemalige Haftanstalt Rummelsburg hat schon viele schlimme Schicksale gesehen. Dabei begann ihre Geschichte bereits vor über 300 Jahren. Um das Jahr 1700 herum richtete der Berliner Magistrat an der Stralauer Straße ein Heim ein, in dem “Waisenkinder, Kranke, Irre oder gar Unsinnige, andere Arme und sonstiges loses Gesindel” untergebracht wurden. 150 Jahre später wurde es zu klein, so dass weit vor der Stadt ein neues Heim errichtet wurde.

1859 konnte die neue “Waisenanstalt” in Rummelsburg eröffnet werden. Es bestand aus pavillonartigen Einzelgebäuden, eingebunden in einen Park, direkt an der Rummelsburger Bucht. Angeschlossen wurden auch ein Krankenhaus, eine Kirche, Heizhaus sowie ein Wasserturm. Hunderte Jungen und Mädchen konnten hier untergebracht und hygienisch angemessen versorgt werden. Sogar eine Berufsausbildung wurde vielen von ihnen ermöglicht. Aber es gab ab 1880 auch das geschlossene Arbeitslager für 500 Jungen.
Schon damals nutzte man eines der Gebäude als Strafhaus, daraus entwickelte sich mit den Jahren ein eigenes Gefängnis. Während der Nazizeit wurden hier Obdachlose, “psychisch Abwegige” und Schwule eingesperrt. Von hier gingen auch Deportationen sogenannter “Asozialer” in Konzentrationslager ab. Während des Kriegs wurden mehrere Gebäude beschädigt oder zerstört. Von der ehemaligen Waisenanstalt blieben nur die beiden heute noch erhaltenen Häuser direkt am Ufer stehen und wurden bis 1949 als Waisenhaus genutzt.

1960 zogen dann die Grenztruppen der DDR in die Gebäude ein, die für die Kontrolle des Wasserabschnitts bis zum Kreuzberger Ufer verantwortlich waren.
Im eigentlichen Gefängnis waren es zu DDR-Zeiten  viele politische Gefangene, die “nach Rummelsburg” kamen. Bis zu sechs Gefangene haben sich eine 14-Quadratmeter-Zelle teilen müssen. Ebenfalls hier eingesperrt wurden westdeutsche Fluchthelfer, die man erwischt hatte. Rund um die Proteste zum 40. Republik-Geburtstag transportierte die Volkspolizei die Verhafteten in etlichen LKWs hier her.
Unmittelbar nach der Wiedervereinigung im Oktober 1990 wurde die Strafanstalt geschlossen, fast alle Häftlinge wurden entlassen. Außerdem waren die baulichen Verhältnisse nicht mehr tragbar.

Nach Jahren des Leerstands und dem Abriss einiger Häuser sind die übrig gebliebenen nach und nach zu Wohngebäuden umgebaut wurden. Sie erhielten Balkons und wurden dann teuer verkauft. Und auch die ehemaligen Waisenhäuser wurden saniert. An die einstige Nutzung erinnert noch der Straßenname: An den Knabenhäusern.




Horchen und kucken

Als junger Westler war ich natürlich irgendwann auch mal neugierig, wie das Leben auf der anderen Seite der Mauer so aussah. Über die Musik bekam ich Kontakt nach Ost-Berlin, zu anderen Jugendlichen und zu Künstlern. In den 80er Jahren durfte ich dann auch ohne Zwangsumtausch ganz offiziell auf “Geschäftsreise” in die DDR, besuchte Musiker und Konzerte von Rostock bis Karl-Marx-Stadt ((Heute Chemnitz)).
Politisch war ich in Bezug auf die DDR sehr naiv. Ich fand in Ost-Berlin Freunde, mit denen ich durch die Gegend zog, Parties feierte und nachts am Strand des Müggelsees Sex hatte. Zwar war ich “bei mir im Westen” politisch aktiv, mit Hausbesetzungen und in der autonomen Szene. Aber in Bezug auf die DDR war ich erschreckend naiv. Ich konnte es gar nicht verstehen, dass die Grenzler meine Musikcassetten mit Liedern von Wolf Biermann nicht so toll fanden, dabei war er doch auch aus der DDR…
Für meine Freunde brachte ich vor allem Schallplatten von Udo Lindenberg mit. Nachdem sie mir aber an der Grenze auch die abgenommen haben, wurde ich konspirativer. Ich besorgte mir Klassik-Platten, die waren unverdächtig, und löste von denen die Label ab. Die kamen über die Aufkleber der Lindenberg-Platten und auch das Cover wurde ausgetauscht.

Ursprünglich ging ich über den Grenzübergang Friedrichstraße, weil ich das Durcheinander der Gänge so spannend fand. Doch eines Tages wurde ich wieder mal in einen extra Raum geführt. Ich musste alles abgeben, mich nackt ausziehen und in allen Körperöffnungen untersuchen lassen. Dann ging es zum Verhör, wen ich denn treffen wollte und warum, wer meine Schallplatten bekommen sollte usw. Ich antwortete wahrheitsgemäß, fühlte mich etwas schuldig, aber nicht wirklich kriminell. Zum Schluss wurde mir eröffnet, dass man die Schallplatten konfisziert hat, ich aber einreisen dürfte. Ich hatte ja in West-Berlin schon öfter Ärger mit der Polizei gehabt, Verhöre und auch Schläge waren mir nicht ganz unbekannt. An diesem Tag erfuhr ich aber das erste Mal, wie es ist, wenn man nach der Freilassung auch noch verfolgt wird – und zwar so offen, dass ich es merken musste. Mein Freund Ralf in Lichtenberg hatte ein Telefon und so konnte ich ihm die Lage erklären. Wir trafen uns am Alexanderplatz und er nahm mich dort demonstrativ in den Arm und küsste mich. Dann setzten wir uns an den Brunnen der Völkerfreundschaft und zählten ganz offen all die Kameras, die von den umliegenden Gebäuden den Platz beobachteten. Das war schon auffällig genug und als wir dann herumliefen, konnten wir sehen, wie die steuerbaren Kameras uns folgten und andere uns ins Visier nahmen. Ralf fragte mich, ob ich den Roman “1984” kenne und dass der auch in der DDR spielen könnte. Nach dem Besuch habe ich ihn gelesen.

Seitdem reiste ich nur noch über die Oberbaumbrücke ein. Die lag nicht nur näher an meinem Wohnhaus, sondern die Grenzübergangsstelle war auch viel kleiner als am Bahnhof Friedrichstraße. Die Kontrollen dort kamen mir anfangs tatsächlich weniger scharf vor, doch auch dort gab es natürlich die Stasi-Leute.
Es war wie immer: Von der Kreuzberger Seite aus ging ich neben dem niedrigen Wachturm durch die Gittertür und überquerte die Spree. Am Ende, kurz vor der Mühlenstraße, stand ein zweistöckiges Gebäude, über die gesamte Breite der Brücke. Ein tiefes Durchatmen, dann betrat ich den Vorraum. Ausweiskontrolle wie immer, dann wollte ich weiter nach hinten zum Zoll. Stattdessen aber stellten sich mir zwei Herren in Uniform in den Weg. Sie führten mich in ein kleines Zimmer, und nach der gewohnten Durchsuchung von Taschen und Körper bekam ich plötzlich andere Kleidung gereicht. Meine Klamotten kämen zur genaueren Kontrolle etwas später.

Diesmal gab es ein Verhör, das wesentlich aggressiver war als alles, was ich bis dahin an der Grenze erlebt hatte. Man warf mir vor, in der DDR kriminelle Handlungen vorgenommen zu haben, staatsgefährdende Hetze und Schmuggel. Natürlich war ich völlig aufgelöst und ängstlich, die Vernehmer schrien mich an, drohten mit Gefängnis und dass im Westen niemand etwas davon erfahren würde.
Sie wollten unbedingt Namen und Kontakte erfahren, die ich in der DDR hatte. Vorher hatte ich mir nie etwas dabei gedacht und meine Freunde wussten auch ganz genau, dass ihre Behörden von unseren Kontakten wissen. In dem Verhör wurden sie nun aber auch als Staatsfeinde hingestellt und ich spürte eine Verantwortung für sie. Trotz der Drohungen fühlte ich als Westbürger eine gewisse Sicherheit, ich nahm tatsächlich an, dass sie mich gar nicht für längere Zeit einsperren könnten. Deshalb mauerte ich und zählte nur noch die Leute auf, bei denen ich wusste, dass sie von dem Kontakt wissen.

Mitten in der Vernehmung musste ich dann in einen winzigen, etwa einen Quadratmeter kleinen Raum, der kein Fenster hatte, nur einen Stuhl. Hier saß ich gefühlte zwei bis drei Stunden ohne jeden Kontakt. Dann wurde ich nochmal den Vernehmern vorgeführt, die mich fragten, ob ich noch eine Aussage zu machen hätte. Gleichzeitig warfen sie mir meine Kleidung zu und ich musste mich vor ihren Augen umziehen, während ich rumstotterte, dass ich nichts weiter zu sagen habe. Sie fassten mich an beide Arme und brachten mich zu der Tür, an der ich Stunden zuvor das Gebäude betreten hatte. Dort wurde mir mitgeteilt, dass ich als “unerwünschte Person” nicht mehr in die DDR einreisen dürfte.

Als ich über die Brücke zurück nach Kreuzberg lief, war ich nicht nur total frustiert, sondern auch froh, der so bedrohlichen Situation endlich entgangen zu sein. Vor allem aber machte ich mir Sorgen. Meine Freunde konnten ja nicht einfach über diese Brücke gehen und ich war mir sicher, dass sie ebenfalls Ärger bekommen haben.
Erst viel später erfuhr ich über indirekte Kontakte, dass sie Ralf tatsächlich zum Verhör geholt hatten. Aber danach passierte nichts mehr, außer dass er im Betrieb noch mehrmals auf seine “verbotenen Kontakte” angesprochen wurde. Wahrheitsgemäß konnte er aber antworten, dass er mich seitdem nicht mehr getroffen hat.
In den folgenden fünf Jahren versuchte ich immer wieder, ein Visum zu bekommen. Ungefähr alle sechs Monate stellte ich beim “Büro für Besuchsangelegenheiten” am Waterlooufer einen Antrag, doch fast immer wurde er abgelehnt. Nur einmal erhielt ich ein Visum, dabei wollte ich nur testweise einreisen, ohne Ralf oder jemand anderes zu besuchen. Doch am Grenzkontrollpunkt wurde ich wieder zurückgewiesen, die Erteilung des Visums war wohl ein Fehler oder eine Schikane. Erst im Herbst 1989, zwei Monate vor dem Mauerfall, erhielt ich ohne Probleme ein Visum und wurde auch nach Ost-Berlin durchgelassen. Zwar gab es eine scharfe Kontrolle, mehr aber nicht. Es war, als wäre vorher nie etwas geschehen.




Das Langenbeck-Virchow-Haus

Man kennt es, nimmt es aber nicht wirklich wahr: Das Langenbeck-Virchow-Haus steht neben dem Bettenhochhaus der Charité in der Luisenstraße 58. Wie zu seiner Eröffnung vor genau 100 Jahren, dient es heute wieder medizinisch-verbandspolitischen Zwecken. Berühmt wurde es jedoch wegen seiner Funktion in den Nachkriegsjahren.

Den Krieg hatte das einst für die Deutsche Gesellschaft für Chirurgie und die Berliner Medizinische Gesellschaft errichtete Gebäude gut überstanden. Nach 1945 wurde es zunächst von den sowjetischen Militärbehörden annektiert. Die Inneneinrichtung, Gemälde, Mobiliar und Technik wurden Beuteopfer. Die weit über 200.000 Bände umfassende Bibliothek wurde ebenfalls beschlagnahmt und abtransportiert.
Im November 1949 wurde das Gebäude den Behörden der neu gegründeten DDR übergeben. Da das Haus noch immer dem Langenbeck-Virchow-Gesellschaft gehörte, musste die DDR es zunächst von dem Verband pachten.
Ab November 1950 tagte hier die Volkskammer, das Parlament der DDR. Drei Jahre später enteigene die DDR-Regierung die Langenbeck-Virchow-Gesellschaft und überführte das Gebäude in sogenanntes Volkseigentum. Eine Entschädigung wurde nicht gezahlt.

26 Jahre lang diente das Haus als Parlamentsgebäude, bis die Volkskammer in den neu errichteten Palast der Republik umzog. 1953 und 1957 wurde hier der einzige DDR-Präsident Wilhelm Pieck gewählt. Am 18. Januar 1955 erfolgte dort die Ausrufung der Nationalen Volksarmee der DDR.
1976 übernahm die Akademie der Künste den Komplex, die ihn bis 1990 nutzte. In dieser Zeit versuchten Charité und Humboldt-Uni immer wieder, das Gebäude übertragen zu bekommen, was aber jedesmal abgelehnt wurde. Erst Anfang der 1990er Jahre konnte sie das Langenbeck-Virchow-Haus nutzen.
2003 urteilte jedoch das Verwaltungsgericht Berlin, dass die damalige Enteignung rückgängig gemacht werden müsse. Seit 2005 wird es nun wieder als “Haus der Medizin” genutzt. Es finden Tagungen, Seminare, Schulungen und Kongresse statt.




SED-Parteischule in Marzahn

In den 1970er und 80er Jahren betrieb die DDR-Regierungspartei SED im Marzahner Stadtteil Biesdorf eine ganz besondere Schule: Die “Parteischule Franz Mehring”. Aber es waren nicht DDR-Bürger, die diese Schule besuchten, sondern die Genossen aus der BRD. Und dort natürlich Mitglieder der DDR-treuen “Deutschen Kommunistischen Partei” (DKP), die Nachfolge-Organisation der 1956 verbotenen KPD.
Im Juli 1969 beauftragte das Sekretariat des ZK der SED den Ministerrat der DDR, einen Beschluss über den Aufbau einer Parteischule zu fassen, ursprünglich als Außenstelle des Franz-Mehring-Institutes der Karl-Marx-Universität Leipzig. Noch im selben Jahr fand die Gründungsveranstaltung statt. Im März 1975 erhielt sie den Namen “Parteischule Franz Mehring”. Organisatorisch war sie als weitgehend selbständige Einrichtung der Sonderschule der SED in Kleinmachnow zugeordnet. Die politisch-ideologische Anleitung übernahm die Westabteilung des ZK der SED. Die Entsendung der Parteischüler erfolgte auf Vorschlag des Parteivorstandes der DKP.

“Die Zentrale Aufgabe an der Schule besteht darin, die Rolle der DDR allseitig und offensiv darzulegen und die Schüler mit den Grundfragen des Sozialismus an Hand des sozialistischen Aufbaus in der DDR und der Politik der SED auszurüsten.”

Eine Partei wie die DKP legt viel Wert auf die Ausbildung und Disziplinierung ihrer Mitglieder und besonders ihrer Kader. So bot die SED sozialistische Bruderhilfe an: In den Räumen einer ehemaligen “Irrenanstalt” auf dem Gelände des Wilhelm-Griesinger-Krankenhaus wurde ein Internat eingerichtet, vorn an der Otto-Buchwitz-Straße (heute Blumberger Damm) die Parteischule. Das gesamte Areal war durch eine Mauer und Wachschutz gesichert – vor wem auch immer.
Es waren vor allem zwei Arten von DKP-Mitgliedern, die hier untergebracht wurden: Zum einen Funktionäre, die meist drei Monate hier lebten und eine theoretische Ausbildung in marxistisch-leninistischer Phiosophie, der politschen Ökonomie des Kapitalismus und des Sozialismus, des Wissenschaftlichen Kommunismus, der Geschichte der Arbeiterbewegung und Informationen zu aktuellen politischen Entwicklungen in der BRD und der DDR erhielten.
Die anderen “Besucher” waren Wackelkandidaten, also Mitglieder, bei denen es Zweifel an der richtigen Gesinnung gab. Vor allem zu Zeiten der aufkeimenden Bürgerbewegungen gab es immer wieder auch DKP-Leute, die sich Gedanken machten, ob der dogmatische Weg wirklich der richtige ist. Sie wurden gleich für ein ganzes Jahr in der Parteischule einquartiert, immerhin mussten sie ja wesentlich intensiver bearbeitet werden. Und dass sie hier in der Höhle des Löwen nicht einfach raus spazieren konnten, war ihnen auch klar.
Mancher der hier geschulten Genossen hat sich nach der Rückkehr in die Bundesrepublik von der DKP abgewandt. In den 20 Jahren ihres Bestehens haben etwa viertausend Menschen die Parteischule besucht – manche für drei Monate, andere für ein ganzes Jahr.
Mit dem Umbruch in der DDR war die Parteischule eine der ersten Institutionen, die aufgelöst wurden. Schon im Dezember 1989 stellte sie ihren Betrieb ein.

Ein ehemaliger Absolvent der Parteischule berichtet




Das Erwachen

Einfach wegbleiben
Räume meiden, in denen Telefone stehen
Den Hausbriefkasten entfernen
Der Briefträgerin aus dem Wege gehen
Die Klingel abstellen
Den Namen überkleben
Ein anderer werden.

Guten Morgen Herr Sekretär
Ich erwarte Ihre Befehle
Beachten Sie bitte aufmerksam meine willigen Augen
Mein untertäniges Lächeln
Meinen Kniefall
Meinen Abgang
Vermuten sie nicht neuerliche, unverschämte Provokation
Die den Gipfel des Erlaubten überscheitet
Dreist und frech ein Wunschbild karikiert
Ich bin es wirklich
Ein williger Empfänger Ihrer hohen Weisungen.

Weisen Sie mich nicht ab, Herr Obersekretär
Meine Frau, mein Kind, meine Konstitution
Meine Karriere, meine Hochachtung gilt Ihnen
Stellvertretend für alle Behörden und Ämter
Was will ich mehr, als ein geachtetes Mitglied des Vereins werden
Dem Sie vorstehen
Verständnisvoll und weit blickend
So erhören Sie mich doch.

Guten Tag, wir hätten uns gerne mit Ihnen unterhalten
Guten Tag, Ihre Fahrkarten bitte
Guten Tag, Ihren Führerschein bitte
Guten Tag, Ihre ehrliche Meinung bitte
Und machen Sie keine Zicken, wir wissen alles

Einfach liegen bleiben am Morgen
Die Augen schließen und die Fenster nicht öffnen
Der Weg war gut, der Kurs ist richtig
Alles auf eine Rechnung setzen
Die Lichtrechnung bezahlen
Das Zeitungsgeld bezahlen, heute zwischen 16 und 18 Uhr
Ein kleines Aufmucken bezahlen
In bar und Bitterkeit
Woher das Geld nehmen
Woher den Mut nehmen
Und die besseren Zeiten

Ziehen Sie sich an, Sie werden erwartet
Warum einen Wecker stellen
Das Erwachen kommt bald und spät
Der eingeschlagene Weg schlägt zurück
Keine Seitenstraße
Kein Fluchtweg bleibt
Sie haben gesagt
Wir haben gehört
Sie stellten in Frage
Wir antworteten Ihnen
Sie zweifelten an
Wir bezweifeln sehr stark
Sie gaben zu Protokoll
Wir schlagen einen letzten Termin vor.

Einfach liegen bleiben
Die Angst unter beider Lidern nehmen
Kein Wort mehr
Keinen Gedanken
Der ausbricht und wegrennt
Und wer weiß, wohin
Geben Sie mir das schriftlich
Schreib das auf
Morgen kannst Du das nicht mehr wissen wollen
Morgen ist kein Tag mehr
Nur noch Alltag
Verlogen und hell

Jürgen Fuchs




Das alte Berlin und seine Spree

Berlin und die Spree hängen enger zusammen, als andere Städte und ihre Flüsse. Berlin wurde aus der Spree gebaut, viele der Gründerzeithäuser in Kreuzberg, Mitte oder dem Prenzlauer Berg entstanden aus Ziegeln, die ihren Weg von Rüdersdorf über die Spree in die Stadt fanden. Doch die gemeinsame Geschichte reicht viel weiter in die Vergangenheit zurück, ohne die Spree würde es unsere Stadt vermutlich gar nicht geben. Denn es waren deren flacheren Stellen, die hier die Ansiedlung förderten. Zwei Städte gründeten sich im 13. Jahrhundert, Berlin und Cölln, getrennt nur durch die Spree. Berlin befand sich am heutigen Nikolaiviertel, Cölln auf der Spree-Insel, wo später das Schloss und noch später der Palast der Republik stand. Cölln und Berlin wurden 1307 zu “Berlin-Cölln” vereint, 1442 wieder getrennt, um schließlich 1710 wieder zur gemeinsamen Stadt Berlin zu verschmelzen. Schon damals war die Spree zugleich ein trennender und verbindender Fluss, das sollte sich im 20. Jahrhundert wiederholen.

Und sie war immer auch ein Fluss der Mauern. Die massive Festungsanlage um beide Städte, die 1683 fertiggestellt wurde, bezog sogar ein Teil der Spree mit ein. Heute ist von der gewaltigen Anlage kaum noch etwas zu sehen, nur der merkwürdige Verlauf mancher Straßenzüge (z.B. Hausvogteiplatz, Krausnick-, Runge- oder Neue Schönhauser Straße) zeugen von dieser Geschichte.
Die Grenzen der Stadt verliefen auch immer über die Spree hinweg. Und da Wasser keine Mauern trägt, musste man sich etwas anderes einfallen lassen, um die Funktion der Grenze dort zu sichern. Zur Zeit der großen Befestigung wurde der Fluss nach Einbruch der Dunkelheit einfach geschlossen. Dort, wo die Spree in die Stadt hinein floss, zog man abends einen langen Baumstamm quer über’s Wasser. So konnten keine Schiffe unbemerkt nach Berlin einfahren. Diese Methode gab dem Ort seinen Namen: Oberbaum. Er befand sich nahe der heutigen Jannowitzbrücke, der Stadtausgang mit dem Unterbaum war etwa an der jetzigen Friedrichsbrücke, zwischen Dom und Nationalgalerie.
Doch die Festungsanlage aus dem 17. Jahrhundert wurde bald zu klein, die Stadt wuchs und keine 50 Jahre später entstand eine neue Grenze mit der Akzisemauer. Diese diente nun weniger dem Schutz vor Angreifern, als der Sicherung der Steuern und verhinderte auch die Desertation von Soldaten aus der Stadt. Manche U-Bahn-Stationen weisen noch auf den Verlauf hin. Das Brandenburger Tor ist der letzte noch erhaltene Durchlass, und in der Hannoverschen Straße finden sich – integriert in einen Neubau – ein paar Meter der letzten originalen Reste der Stadtmauer.

Nahe des Schlesischen Tores wurde nun erneut ein Oberbaum installiert. 1732 entstand ein hölzener Spree-Übergang, 154 Meter lang. Die Oberbaumbrücke, wie wir sie heute kennen, kam erst 160 Jahre später, in Form eines mittelalterliche Stadttores wurde sie 1895 eröffnet. Da gab es die Stadtmauer schon seit 30 Jahren nicht mehr und auch keinen Oberbaum.
Der Unterbaum befand sich zwischen 1732 und 1865 etwa an der Stelle, wo das Reichstagsgebäude fast an die Spree stößt. Mit dem Abriss der Stadtmauer verlor auch er seine Funktion.

Keine 100 Jahre später jedoch verlief wieder eine Grenze, wo sich einst Ober- und Unterbaum befanden. Auf der Oberbaumbrücke stand zwischen 1961 und 1989 ein Grenzübergang, nur für Fußgänger zu passieren. Die Spree gehörte in ganzer Breite zu Ost-Berlin und so bewachten bewaffnete Soldaten auf Patrouillenbooten die Staatsgrenze der DDR. Vor allem in den 70er Jahren kamen hier mehrmals Kinder ums Leben, die beim Spielen ins Wasser gefallen waren .
Auch am Ort des einstigen Unterbaums starben Menschen während der Teilung. Sie hatten versucht, an der einstigen Grenze von Ost- nach West-Berlin zu flüchten. Hier die Filmaufnahme einer Flucht direkt am ehemaligen Unterbaum, vier Menschen schafften es damals im Herbst 1988 nach West-Berlin:

http://www.youtube.com/watch?v=tIzv2AQStcI

Heute erinnert dort kaum mehr etwas an die Geschichte dieses Ortes, nur eine kleine Tafel klärt die Touristen auf. Dass hier einst die Grenze der Stadt und später sogar eine Staatsgrenze verlief, ist nicht zu erkennen.




Erinnerung an Rosel

Vor 20 Jahren nannte man sie “rote Socken”. Diejenigen, die in der DDR auf Seiten des Staates standen und sich danach nicht davon distanzierten. Auch Rosa Näser gehörte dazu. Sie war Kommunistin, Mitglied der SED, nach der Wende in der PDS. Als ihr Staat zusammenbrach und ihr langjähriger Ehemann starb, war ihr Leben für sie vorbei. Das sagte sie mir mehrmals, wenn wir uns trafen. In Köpenick oder in Chemnitz, das für sie noch immer Karl-Marx-Stadt hieß. Sie konnte nicht begreifen, dass sich so viele alte Genossen plötzlich so gewandelt haben. Sie lasen jetzt Bild-Zeitung statt Neues Deutschland und interessierten sich mehr für die Vorgänge in europäischen Königshäusern, als für das Elend afrikanischer Völker. Die Verflachung und Verdummung  der Gesellschaft, die wachsende Oberflächlichkeit – das machte ihr sehr zu schaffen.
Kein Wunder, wenn man ihre Geschichte betrachtet. Denn schon als Mädchen wurde ihr bewusst, dass man im Leben für die eigenen Rechte kämpfen muss. Als ihr Vater im Konzentrationslager ermordet wurde und um sie herum die Mitschülerinnen in den Bund Deutscher Mädel gingen, Fahrten und Häkelnachmittage veranstalteten, hielt sie sich an ganz andere Freunde. Damals gab es in Weimar eine Gruppe sehr junger Antifaschisten. Nur ein paar von ihnen waren bewusst politisch, die meisten aber hatten einfach keine Lust auf die Nazi-Erziehung, auf’s Marschieren und den paramilitärischen Drill in der Hilter-Jugend.

Von Köln kam ein Junge zur “Landverschickung” nach Thüringen. Er brachte den Namen “Edelweiß-Piraten” mit und die Idee, sich konspirativ zu organisieren. Viele Jahre später wurde dieser Junge Rosels Ehemann, zuerst war er aber derjenige, der die Edelweiß-Piraten in der Gegend um Weimar aufbaute. Sie organisierten Lebensmittel für Zwangsarbeiter. Spektakulärer war die Aktion, als sie eines Nachts heimlich die Stiefel eines bekannten und brutalen SA-Mannes stahlen, seine Abdrücke rund um ihre Fabrik hinterließen und Anti-Nazi-Flugblätter auf die Maschinen legten. Die Schuhe brachten sie wieder zurück. Als am nächsten Morgen die Zettel durch die Fabrikhalle flogen, war die Gestapo schnell vor Ort. Sie kontrollieren die Schuhe aller Arbeiter und verhafteten den SA-Mann, der überhaupt nicht begriff, was da vor sich ging.
Ein anderes Mal verkleideten sich die Edelweiß-Piraten als HJ-Jungen und überfielen ein Zeltlager der Nazi-Jugendorganisation. Die Jungnazis und ihre Führer wurden verprügelt und verstanden nicht, wieso.

Mit der Gründung der DDR als sozialistischen Staat erfüllte sich Rosels Traum einer antifaschistischen Gesellschaft. Dass dort von Anfang an auch viele mitliefen, die kurz zuvor noch den rechten Arm gehoben hatten, wollte sie nicht wahr haben. Genausowenig wie die Tatsache, dass es bald erneut die ehrlichsten, aufrichtigsten und fortschrittlichsten Menschen waren, die nun wieder in den Gefängnissen landeten. Diese Lebenslüge wurde ihr erst ganz zum Schluss bewusst und brach ihr endgültig das Genick. Erst in den letzten Wochen ihres Lebens akzeptierte sie, dass man nicht Kommunist sein muss, um für eine gerechte Gesellschaft einzutreten. Und dass die Führung ihres untergegangenen Staates viel zu große Fehler gemacht hat, die eine Entwicklung zur Demokratie unmöglich machten.
Rosa Näser symbolisiert für mich die Tragik derjenigen Menschen, die einen besseren Staat aufbauen wollten, die sogar ihr Leben dafür riskierten – aber dann an sich selbst gescheitert sind.




Feuerland 1987

Vor dem Oranienburger Tor standen einst die Stahl- und Lokomotivwerke von Borsig, Wöhlert, Schwartzkopff. An sie erinnern heute dort nur noch einige Straßennamen. Die Gegend wurde wegen dem Feuerschein aus den Hochöfen und dem Krach das “Feuerland” genannt. Nach dem Abriss kamen die Mietskasernen.
Im Mai 1987 entstand ein Film, der heute, 25 Jahre später, einen interessanten Einblick bietet in die Gegend zwischen Chaussee- und Ackerstraße, Invaliden- und Torstraße (damals Wilhelm-Pieck-Straße). Die Aufnahmen auf den Straßen, mit den Bauwagen, die Typen im Borsig-Eck, es ist eine kleine Reise in eine andere Zeit. Und in ein anderes Land.

Danke an Phips für den Hinweis!




Der Naziüberfall auf die Zionskirche

In den späten Jahren der DDR eskalierte die Auseinandersetzung zwischen der Jugend und der Staatsführung. In den Kirchen bildeten sich “Junge Gemeinden”, die sich nicht nur mit theologischen Themen beschäftigten, sondern vor allem mit gesellschaftlichen. Dort entwickelte sich auch eine zaghafte Friedensbewegung. Parallel zur grünen Bürgerinitiativen im Westen entstanden auch in der DDR Umweltgruppen. Sie beobachteten die Entwicklung der Umweltverschmutzung in ihrem Land und versuchten die Ergebnisse zu dokumentieren. Andere Jugendgruppen hatten sich innerlich schon völlig von der Gesellschaft verabschiedet, die Punks waren weit mehr als in der Bundesrepublik Außenseiter und wurden von den Staatsorganen entsprechend verfolgt.
Und es gab eine weitere Gruppe, die mit dem “ersten sozialistischen Staat auf deutschem Boden” nichts zu tun haben wollten: Die Nazis und Skinheads. In der Provinz waren sie bereits gefürchtet, vor allem durch ihre Attacken auf vietnamesische und afrikanische “Vertragsarbeiter”. Anders als von der offiziellen Propaganda behauptet waren die ausländischen Arbeiter überhaupt nicht freudig von der Bürgern aufgenommen worden. Wie so oft in der deutschen Geschichte brach sich in der Bevölkerung dumpfer Rassismus Bahn und die Angriffe auf diese Menschen wurden wohlwollend kommentiert oder bestenfalls verschwiegen. Oft kamen die rechtsextremistischen Angreifer aus ordentlichen sozialistischen Familien, nicht wenige von ihnen waren Kinder von DDR-Funktionären. Sie laberten von Ordnung und Sauberkeit, und solange der Schein stimmte, wurde über den braunen “Makel” hinweg gesehen. Viele dachten, besser mein Kind wird Skinhead als Punker.

Doch nicht nur die ausländischen Arbeiter waren Ziel der Neonazis, sondern auch linke und alternative Jugendliche. Die Rechtsextremisten hatten teilweise Kontakt nach West-Berlin und in die Bundesrepublik, sie empfingen Besucher von dort, hörten sich ihre Geschichten an, und erhielten Propagandamaterial. Eine der westdeutschen Gruppen, die ihre “Kameraden” in der DDR versorgten, war die “Nationalistische Front”, die sich in Ideologie und Auftreten in der Tradition der SS sah. Die meisten Kontakte gab es aber wohl zwischen den Skinheads in Ost und West. Damals waren Skins noch klar rechtsextremistisch, allerdings galten sie eher als Subkultur, das gemeinsame Feiern und Saufen war wichtiger als die Politik.
Trotzdem gab es immer wieder Auseinandersetzungen zwischen den Skinheads auf der einen und Punks, “Hippies” und ganz normalen Jugendlichen auf der anderen Seite. Vor allem die alternative Szene gehörte zu den Feindbildern der Rechten.

Ein Höhepunkt in der Konfrontation war der 17. Oktober 1987. An diesem Tag fand in der Zionskirche in Mitte ein Konzert der West-Berliner Band Element of Crime statt. Schon seit dem Sommer gab es dort eine Reihe von Veranstaltungen, Diskussionen und Rockkonzerten, organisiert von der oppositionellen Umwelt-Bibliothek. Entsprechend suspekt war den Staatsorganen deshalb das Publikum. Rund um den Zionskirchplatz standen die sogenanten Toni-Wagen der Volkspolizei und natürlich reichlich Herren von der Staatssicherheit.
Nach Ende des Konzerts, als bereits ein großer Teil der Zuschauer gegangen war, befanden sich noch 300 bis 400 Jugendliche in der Kirche. Plötzlich stürmten etwa 30 Skinheads das Gebäude und griffen die Anwesenden an. Sie brüllten Naziparolen, prügelten auf die Jugendlichen ein, wobei mehrere von denen schwer verletzt wurden. Einen solch massiven Angriff hatte noch nie jemand von ihnen erlebt oder überhaupt für möglich gehalten.
Nach dem ersten Schreckmoment sammelten sich mehrere Konzertbesucher, auch fast alles Jugendliche, und begannen gegen die Angreifer zurückzuschlagen. Die Gegenwehr war nicht eingeplant, so dass sich die Rechtsextremisten zurückzogen. Sie sammelten sich vor der Kirche und marschierten zur Schönhauser Allee, wo sie noch mehrere Schwulenkneipen überfielen.
Während des gesamten Überfalls in der Zionskirche verhielten sowohl die Polizei als auch die Stasi absolut passiv. Erst nach dem Abzug der Skinheads begannen sie mit Personenkontrollen.

Die DDR verstand sich als antifaschistischer Staat. Nazistische Tendenzen wurden jahrelang verleugnet und als westliche Propaganda abgetan. Doch nach dem Überfall auf die Zionskirche war diese Behauptung nicht mehr haltbar. Anfangs sollte er in der Öffentlichkeit noch geheim gehalten werden, erst nachdem in Westmedien darüber berichtet wurde, erschienen auch in der DDR kurze Artikel, in denen von einem “Übergriff von Rowdys” zu lesen war. Ein politischer Hintergrund wurde noch immer verleugnet. Die Justiz wurde erst aktiv, nachdem einige alte Antifaschisten innerhalb der SED gegen diese Verharmlosung protestiert hatten. Auf einmal wurden drei Rädelsführer der Neonazis, Sven Ebert, Ronny Busse und Frank Brand, benannt. Offensichtlich hatte der Staat längst weit bessere Informationen, als er bis dahin zugab.
Statt auf Vertuschung setzte die Partei und ihre Justiz nun auf einen Schauprozess. Und darauf, dass die Rechten ja vom Westen verführt worden seien. Zwei angebliche Neonazis aus West-Berlin namens “Bomber” und Thomas sollten die Rädelsführer gewesen seien. Noch immer wurde nicht zugegeben, dass es auch in der DDR Jugendliche gab, die rechtsextreme Ideologien vertraten. Ob tatsächlich Neonazis aus dem Westen beteiligt waren, wurde nie abschließend geklärt, nach später aufgetauchten Stasi-Unterlagen ist dies aber unwahrscheinlich. Das Problem war hausgemacht.

Nur knapp zwei Monate nach dem Überfall fand ab dem 15. Dezember 1987 am Stadtbezirksgerichts Mitte der Prozess gegen vier Beteiligte statt. Die Öffentlichkeit war faktisch ausgeschlossen, weil bereits sämtliche Zuschauerbänke besetzt waren. Alle Angeklagten wurden verurteilt, zwischen 14 und 24 Monaten Haft wegen “Rowdytums”. Der politische Hintergrund wurde soweit wie möglich ausgeblendet. Selbst die Staatsanwaltschaft legte gegen das Urteil Berufung ein, so dass es schon eine Woche später zur 2. Instanz kam. Denn auch in der Bevölkerung regte sich zunehmend Protest gegen die milde Verurteilung.
Anders als in der Ersten Instanz wurden die Taten der Angeklagten diesmal als Verbrechen eingestuft. Laut dem Richter war die Schwere der Ausschreitungen nicht richtig gewertet worden. Die Urteile lauteten nun zwischen 18 Monaten und vier Jahren.

Nicht angeklagt war übrigens Jens-Uwe Vogt, der als einer der führenden Köpfe der DDR-Naziszene galt und ebenfalls an dem Überfall beteiligt war. Aus diesem Grund machten bald Gerüchte die Runde, dass er als Spitzel für die Stasi gearbeitet hätte. Wenige Monate nach den Urteilen reiste Vogt nach West-Berlin aus, wo er sich der “Nationalistischen Front” anschloss. Nach der Wende wurde seine Spitzeltätigkeit publik, bereits seit 1982 soll er Inoffizieller Mitarbeiter der Staatssicherheit gewesen sein. Das bedeutet, dass die Stasi bereits vor dem Angriff auf die Zionskirche bescheid wusste.
Verhindern wollte sie ihn also nicht. Stattdessen kamen sie einen Monat später selber: Am 18. November ’87 stürmten Geheimdienstleute die Gemeinderäume der Kirche, in denen auch die Umwelt-Bibliothek untergebracht war. Sie beschlagnahmten die Einrichtung und unzähliges Material und verhaftete die angetroffenen Mitarbeiter. In der Tageszeitung “Junge Welt” erschien daraufhin ein Kommentar von Hans-Dieter Schütt, der die Umweltaktivisten mit Neonazis gleichsetzte: “Der Feind, ob er nun mit missionarischem Eifer junge Literaten gegen uns losschickt, ob er nun in der Pose des Mahnwächters, stets pünktlich auf Bestellung mit Fernsehkameras, vor Kirchentore zieht, oder ob er Rowdys mit faschistischem Vokabular und Schlagwaffen ausrüstet – er hat bei uns keine Chance.” Schütt ist heute Redakteur beim “Neuen Deutschland”, der einstigen Zeitung der SED, später PDS und heute Linkspartei.




Das ZAH in Röntgental

Wenn man über Pankow Richtung Norden auf die Autobahn fährt, Abfahrt Buch wieder abbliegt und dann ein Stück durch den Wald, schließlich eine Schotterstrecke und an einem ehemaligen Kontrollpunkt vorbei, steht man plötzlich davor: Das einstige Zentrale Aufnahmeheim der DDR gehört zum Ortsteil Röntgental von Zepernick (heute Panketal), niemand kommt hier zufällig vorbei. Ab 1979 gehörte dieser Ort elf Jahre lang zu einem gut gehütetem Geheimnis des Innenministeriums. In dem großen Plattenbau und mehreren kleineren Gebäuden wurden Menschen untergebracht, an der vor allem die Staatssicherheit großes Interesse hatte. Wer einst die DDR verlassen hatte und nun wieder zurückkehrte, wurde hier vier bis sechs Wochen hinter Wellblechzaun, Stacheldraht, Überwachungsanlagen und Kameras festgehalten. Kontakt zu Angestellten wie Küchen- oder Büromitarbeitern war verboten. Auch wer als Bundesbürger in die DDR übersiedeln wollte, kam für ein bis zwei Monate ins ZAH.
Immer und immer wieder wurden sie zu den selben Sachverhalten befragt und mussten ihr gesamtes Vorleben darlegen. Zu groß war die Angst der Stasi, dass sich unter den ehemaligen oder Neu-Bürgern Spitzel westlicher Geheimdienste befanden. Ganz unbegründet war sie wohl nicht, denn in manchen Fällen wurden Umzugswillige wieder zurückgeschickt.

Nicht zurück mussten die ehemaligen Terroristen, die nach ihrem Ausstieg aus der RAF ebenfalls durch dieses Aufnahmeheim mussten, bevor sie zur weitergehenden Befragung und Instruktion in die Schorfheide oder den Fläming kamen und dann mit neuer Identität ausgestattet an verschiedenen Orten in der DDR lebten.
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Im ZAH hatte die Staatssicherheit einen eigenen Bereich, unter anderem mit kleinem Isolationsgefängnis und den Verhörräumen. Durch diese Kontrolle mussten eventuelle Spitzel, wenn sie den Weg der offizielle Übersiedlung gewählt hatten.
Die meisten Gebäude stehen noch, dazu ein moderner Neubau. Darin befindet sich heute ein Altenheim.




Vor zwanzig Jahren im Fernsehen

Im letzten Jahr wurde das 20. Jubiläum des Mauerfalls begangen, vor zwei Monaten das der Wiedervereinigung. Seit damals ist eine ganze Generation von Menschen nachgewachsen, das Ende der DDR ist längst in den Geschichtsbüchern angekommen.
Da es damals noch kein YouTube u.ä. gab und auch kaum jemand über eine eigene Videokamera verfügte, sind Filmberichte aus dieser Zeit selten. Wenn nicht gerade ein Jubiläum ansteht, werden sie auch im Fernsehen nicht gesendet.
Umso interessanter sind die Reportagen von Spiegel-TV aus der Wendezeit, die im Internet-Archiv abrufbar sind. Anders als die öffentlich-rechtlichen muss der Spiegel seine Sendungen nicht nach einigen Wochen wieder aus dem Netz nehmen.

Ein kleiner Überblick:




Haus Vaterland

Haus Vaterland – das hat für viele Menschen einen nationalistischen Klang und letzlich ist dieses Haus auch als Folge des rassischen Nationalismus der Nazis zerstört worden.
Wer heute am Potsdamer Platz steht und Richtung Süden blickt, sieht an der Stresemannstraße auf ein größeres Bürogebäude, das eine markante, runde Fassade hat. Dies ist eine Reminiszenz an das Haus Vaterland, das genau an dieser Stelle stand und mit seinem 35 Meter hohen Kuppelbau eine ähnlich runde Fassade hatte. Doch anders als heute befand sich der Haupteingang nicht dort, sondern an der rechten Längsseite des Komplexes, zum damaligen Potsdamer Bahnhof hin.

Die Geschichte des Haues begann im Jahre 1912. Nach einem Jahr Bauzeit entstand das “Haus Potsdam” an der damaligen Königsgrätzer Straße, die später nach dem Saarland benannt wurde und heute nach Gustav Stresemann heißt. Hier an der Ecke zur Köthener Straße eröffnete im Februar 1912 ebenfalls ein Bürohaus, damals allerdings mit einem großen Café für 2500 Gäste. Außerdem gab es das Kino “Kammerlichtspiele” mit 1200 Plätzen. Das Gebäude entstand für drei Millionen Reichsmark nach Entwürfen von Franz Schwechten, der z.B. auch den nahen Anhalter Bahnhof baute.

Das “Café Piccadilly” war das größte Caféhaus Berlins, es stand in Konkurrenz mit zahlreichen anderen Restaurants und Caféhäusern, die in dieser Zeit in Berlin entstanden – immer größer, glitzernder, pompöser. Die Wände waren mit Marmor und Mosaiken verkleidet, auf den zwei Etagen gab es selbst noch mitten in der Nacht live Orchestermusik. Der Innenraum wurde von einem Saal bestimmt, in den die Besucher, auf Balkonen sitzend, herunterschauen konnten.
Der Zeit gemäß erhielt das Café mit dem Beginn des Ersten Weltkriegs einen neuen Namen: “Kaffee Vaterland”, doch sonst änderte sich vorläufig nichts. In den Zwanziger Jahren kaufte die Filmgesellschaft Ufa den Komplex und brachte dort auch ihre Verwaltung unter. Allerdings musste sie es 1927 wieder verkaufen, da sie in finanzielle Bedrängnis gekommen war.

Zu dieser Zeit begann ein größerer Umbau des Gebäudes, der sich über ein Jahr hinzog. Nach der Neueröffnung am 31. August 1928 durch die Firma Kempinski gab es im Haus Vaterland viele zusätzliche gastronomische und kulturelle Einrichtungen. Eine davon war 1931 der Bierkeller “Zum Teltower Rübchen”, der sich großer Beliebtheit erfreute – vor allem bei den Bauern südlich von Berlin. Diese kamen nämlich aus dem Kreis Teltow mit der Vorortbahn nur wenige Meter entfernt am Potsdamer Bahnhof an. Um die großstädtische Berliner Luft zu schnuppern gingen sie über die Straße und verschwanden dann gleich wieder zum Vergnügen im Bierkeller. Durch die kurzen Wege gestaltete sich auch die Rückfahrt relativ einfach. Man sollte die Masse dieser Besucher jedoch nicht unterschätzen, sie ging am Wochenende in die Tausende!
In dieser Zeit bestand das Haus Vaterland aus zehn größeren gastronomischen und Veranstaltungseinrichtungen. Sehr beliebt waren das Türkische Café und die Wild-West-Bar, bekannt aber auch das Löwenbräu, die Bodega und der Palmensaal.
Der gesamte Komplex wurde bis 1937 von der Firma Kempinski betrieben, ab 1943 von der Aschinger AG, die die jüdische Firma Kempinski “arisierte”. Aschinger führte das Haus aber nur kurz unter dem alten Namen, danach als “Betrieb Borchardt”.

Wie schon der Erste Weltkrieg dem Haus keine nennenwerten Einbußen bescherte, so ging das Geschäft auch mit Beginn des Zweiten Krieges erstmal normal weiter. Bald gab es zwar Einschränkungen, man benötigte Lebensmittelkarten in den Restaurants und Cafés, aber daran gewöhnten sich die Gäste, wie auch an die tägliche Verdunkelung. Am 23. August und im November 1943 wurde das Gebäude jedoch von mehreren Fliegerbomben getroffen und schwer beschädigt. Bis Februar 1945 konnte nur noch das Café betrieben werden, dann brannte es ebenfalls aus. Erst im Sommer 1945 begann Aschinger im provisorisch eingerichteten Erdgeschoss wieder mit dem Restaurantbetrieb. Damals gehörte das Gelände noch zum Stadtbezirk Mitte und mit der Spaltung der Stadt zu Ost-Berlin. Wegen der unrühmlichen Rolle der Aschinger AG in der NS-Zeit wurde ihnen das Restaurant weggenommen und zur HO-Gaststätte umgewandelt. Während des Arbeiteraufstands am 17. Juni 1953 stürmten und zerstörten aufgebrachte Protestierer das Haus, es wurde danach nie wieder geöffnet.

Mit dem Mauerbau 1961 stand die Ruine mitten auf dem Grenzstreifen. 1971 vereinbarte der West-Berliner Senat mit dem Magistrat in Ost-Berlin einen Gebietsaustausch, und so kam das Gelände zwischen Stresemannstraße und Landwehrkanal sowie Köthener und Linkstraße 1972 nach West-Berlin und wurde dem Bezirk Tiergarten zugeschlagen. Damit stand das alte Haus Vaterland nun in West-Berlin, mitten auf einem riesigen Brachgelände, den Kopf zur Mauer geneigt. 1976 wurde es abgerissen.

Künstler und Techniker haben sich in gemeinsamer Arbeit gefunden, um in den Neubau des “Haus Vaterland” am Potsdamer Platz eine Symphonie des Lebens zu schaffen, die die Nationen der Erde umfasst und völkerverbündend den in der Hauptstadt weilenden Gästen ein Heim der Freude und Unterhaltung öffnet. Jeder Gast soll im “Haus Vaterland” zu Hause sein, da auf alle seine Wünsche und Ansprüche in weitgehendstem Maße Rücksicht genommen ist. Ausgedehmte, bequeme Kleiderablagen, Schreibzimmer, Warteräume, Zeitungskioske und zahlreiche Fahrstühle und Telefonzellen – alles dient der Bequemlichkeit des einkehrenden Gastes, dessen Wohlbefinden die Ehre des Hauses ist.
(1928)

Haus-Vaterland-Berlin.de
(Website mit vielen historischen Fotos und spezielleren Informationen)




Alle lieben Helmut

Alle feiern Helmut. Nur weil Kohl 80 Jahre alt geworden ist, stehen die Gratulanten Schlange, in Berlin wie in Oggersheim. Es werden seine “herausragenden Leistungen” zur Wiedervereinigung gewürdigt, er sei eine “Persönlichkeit mit visionärem Weitblick”. Von Merkel über Westerwelle bis zu Wowereit und Erzbischof Robert Zollitsch, alle überschütten ihn mit Lob.

Was soll diese peinliche Anbiederei? Da werden in Kommentaren Behauptungen aufgestellt, dass er die Wende in der DDR und die Wiedervereinigung errungen habe. Was bitte hat Helmut Kohl mit den Protesten und dem Sturz des SED-Regimes zu tun? Überhaupt nichts. Diese ist, wenn schon, die Leistung der Oppositionellen in der DDR, die oft mit ihrer Freiheit und Gesundheit dafür bezahlt haben. Kohl war zu dieser Zeit Bundeskanzler und hat nach dem CDU-Wahlerfolg am 18. März 1990 in der DDR die Chance ergriffen, den Osten der alten Bundesrepublik anzugliedern. Diesen Umstand blähte er selber zu einer historischen Heldentat auf und verschweigt dabei geflissentlich, dass die Ost-CDU, die er gleich mit eingliederte, zuvor eine linientreue sozialistische Partei war, die jahrzehntenlang das feste Bündnis mit der SED gepriesen hat. Diese Wendehälse haben, wie auch er selbst, ihre Fähnchen in den nationalistischen Wind gehängt. Helmut Kohl war nur zufällig da, er hat weder die Voraussetzungen für eine Wiedervereinigung geschaffen, noch hat er mit ihr den Willen der meisten Deutschen vertreten.

Stattdessen hat er immer seinen eigenen umgesetzt, er war niemals Kanzler aller Deutschen. Allein sein höchst arroganter Umgang mit der Presse disqualifizierte ihn für das höchste Regierungsamt. Kritische Journalisten beleidigte er, wichtigen Medien wie dem Spiegel oder dem NDR verweigerte er während seiner Regierungszeit Interviews, weil sie nicht auf CDU-Linie waren. Dass die Presse als “vierte Gewalt” ein Grundpfeiler der Demokratie ist, interessierte ihn nicht. Parlamentspräsident Thierse bezeichnete er als “schlimmsten Präsident seit Hermann Göring”, den damaligen sowjetischen Präsidenten Michail Gorbatschow verglich er mit Goebbels. Die neue Armut war für ihn nur eine Erfindung des “sozialistischen Jet-Sets” und in Israel sprach er in Bezug auf die Nazizeit von der “Gnade der späten Geburt”. Was ihn nicht davon abhielt, mit dem US-Präsidenten Reagen einen Soldatenfriedhof zu besuchen, in dem auch SS-Offiziere begraben liegen.
Politische Gegner, auch in den eigenen Reihen, hat er gnadenlos verfolgt, selbst alte Weggefährten wie Heiner Geißler wurden von ihm abgesägt, wenn sie seine Selbstherrlichkeit nicht mehr mittrugen und eigene Gedanken formulierten.

Helmut Kohl war Bundeskanzler, aber kein Vorbild. Spätestens mit dem Bekanntwerdens der CDU-Spendenaffäre hat er seine moralische und politische Integrität verloren. Bis heute, denn noch immer weigert er sich, die Namen der Spender zu nennen, von denen er Geld am Gesetz vorbei angenommen hatte. Was also gibt es zu feiern, außer der Tatsache, dass er in der aktiven Politik keinen Anteil mehr hat?




Land unter

Am 18. März 1990 gab es zum ersten und letzten Mal in der DDR freie Wahlen. Im Westen war sowas ja nichts Ungewöhnliches, hier aber standen die Menschen vor den Wahllokalen Schlange und diskutierten miteinander. Wenige Monate nach den mutigen Leipziger Montagsdemonstrationen und der riesigen Kundgebung auf dem Berliner Alexanderplatz am 4. November, in denen die Bürger offen gegen die SED-Diktatur protestiert haben, war nun ein großer Schritt zur bürgerlichen Demokratie getan. Ab jetzt wollte die DDR eine wirklich Demokratische Republik sein, aber das ging ziemlich daneben.

Für eine demokratische Zustände arbeiteten schon in den Jahren zuvor die Bürgerrechtler. Sie organisierten sich, veröffentlichten Flugblätter und kleine Broschüren, hingen Plakate auf, gaben im Westradio Interviews. Und sie mussten für ihre Forderungen büßen, sie wurden verprügelt, eingesperrt, ausgewiesen, manche zahlten sogar mit ihrem Leben. Sie forderten schon lange Einhaltung der Menschenrechte, freie Wahlen, Zulassung unabhängiger Medien, Abschaffung der militarisierten Kindererziehung, unabhängige Gerichte. Mit der Wende Ende 1989 begannen sie, ihre Utopien zu verwirklichen. Mit dem Neuen Forum und der Vereinigten Linken bereiteten sie ihren Schritt in die offizielle Politik vor. Es entstanden neue Parteien, wie die Sozialdemokraten. Andere wandelten sich von Blockparteien, die angeblich schon immer gegen die SED waren, zu lupenreinen Demokraten, so die CDU oder die LDPD, die sich später der FDP anschloss. Nicht zu vergessen die SED, die sich nun SED-PDS später nur noch PDS und noch später Linkspartei nannte. Daneben entstanden Gruppen wie Bündnis 90, Demokratischer Aufbruch, Bund Freier Demokraten oder die CSU-nahe “Deutsche Soziale Union”. Sie alle traten zur Wahl an, die am 142. Jahrestag der Deutschen Revolution stattfand. Im Vorfeld gab es harte Auseinandersetzungen, falsche und tatsächliche Stasi-Mitarbeit von Kandidaten wurden publiziert, die Parteien warfen sich gegenseitig Verrat und Verkauf an die Bundesrepublik vor. Der Wahlkampf artete manchmal in Straßenkampf aus, auch in Leipzig, wo ich zu dieser Zeit war.
Viele DDR-Bürger aber nahmen die Chance nicht wahr, aus ihrem Land nun eine wirkliche Demokratische Republik zu machen. Sie wollten nur den Luxus, den sie aus dem West-Fernsehen kannten, ohne sich Gedanken zu machen, wie denn ihr Land tatsächlich aussieht und was die Konsequenzen sein würden. Sie wollten selber Westen sein, anstatt die DDR zu stabilisieren und neu aufzubauen. Offenbar hatten sie aber nur die Werbesendungen gesehen, nicht die Berichte und Reportagen über Arbeitslosigkeit, Armut, Obdachlosigkeit. Jedenfalls wählen sie genau diejenigen, die ihnen wie Meister Propper eine weiße, saubere Zukunft versprachen. Die blühenden Landschaften sollten nicht nur sauber sein, sondern rein.
So siegte am 18. März 1990 die bürgerliche “Allianz für Deutschland”, dem Wahlbündnis der einstigen Blockpartei CDU, der DSU und des “Demokratischen Aufbruchs”, dessen Spitzenkandidat Inoffizieller Stasi-Mitarbeiter war. Die SDP, bei sich zur Wahl in SPD umbenannte, erhielt mit ihrem ebenfalls einstigen Spitzel Ibrahim Böhme an der Spitze knapp 22 Prozent. Immerhin noch 16,4 Prozent bekam die einzig wahre Stasipartei, die PDS.
Damals hielt nicht die Demokratie Einzug in die DDR. Nicht bei diesem Personal, nicht bei diesen Parteien. 48 Prozent der Wähler hatten sich für einen Verkauf der DDR an die Bundesrepublik entschieden. Am 1. Juli folgte die Einführung der D-Mark, am 3. Oktober die sogenannte Wiedervereinigung. Weniger als die Hälfte der Wähler in der DDR hat der Mehrheit diese überhastete “Einheit” aufgezwungen, es gab dazu keine breite öffentliche Diskussion, auch kein Suchen nach einem anderen, eigenen Weg, wenn auch nur für ein paar Jahre. Der Westen, vor allem die Bundesregierung und speziell Helmut Kohl, drängten zu diesem Schritt. Als “Kanzler der Einheit” wurde er später bezeichnet, seine politischen Freunde loben das herrenmenschenhafte Auftreten bei den Brüdern und Schwestern, bei denen er bunte Glasperlen verteilte. Und die Eingeborenen jubelten darüber, bis sie irgendwann merkten, dass die gar nichts wert sind. Da war es aber schon zu spät, da war die Chance vertan, eine eigene Demokratie im eigenen Land aufzubauen. Denn dieses Land hatten sie am 18. März 1990 verschenkt.




Von Springer zu Döblin

Grenz­gänge II

Wie sich das anhört: Von Springer zu Döblin! Es ist aber ein direkter Weg. Der Döblin-Platz, in dessen Nähe mein heutiger Weg enden wird, hat noch ein bisschen von dem Berlin, in dem Alfred Döblins Alexanderplatz lag. Und das braun-goldene Springer-Hochhaus in der Kochstraße, das wie ein Wachturm an der Grenze steht, hat noch etwas von der alten Bundesrepublik. Mein heutiger Weg an der Grenze von Mitte und Kreuzberg verläuft aber in einer Gegenwart, in der DDR und Alt-BRD prähistorisch sind: Wir können zwar noch sehen, wo diese Staaten waren, aber gerade diese Reste sind dafür da, sich nicht zu erinnern. Die Gegenständlichkeiten nehmen uns die Arbeit des Erinnerns ab. Ich komme aus der U-Bahn, Kochstraße. Mein Spaziergang beginnt in der Zimmerstraße mit roten Arbeitern vor dem blauen Himmel über der grau-blau verchristoten Baustelle der “12 Geschäftshäuser mit Läden, Büros, Tiefgarage”; im Frühling wird die Verpackung fallen und den direkten Rossi freigeben. “Scheiße”, ruft einer der Arbeiter vom gleißenden Dach. Die Wirklichkeit ist zu direkt, sie produziert Kalauer. Gegenüber den “12” Geschäftshäusern, die in ihrer Verhüllung wie eine einzige Burg aussehen, ein Abstellplatz mit Mauer-Memorabilien, die niemand mehr braucht. Das mannshohe Holzkreuz mitten unter den Baumaterialien, Erinnerung an einen dramatischen Mauertoten, wird nicht lange mehr hier bleiben. Und wenn es hier bleiben wird, wird es eine Verfremdung erfahren haben, in der der Name Peter Fechter nicht mehr der Name eines Menschen sein wird, kaum eines Ereignisses, ein verrosteter Säbel, den Kinder auf dem Schlachtfeld ihrer Großväter finden, Hoppehoppereiter.
Von der Axel-Springer-Straße in die Kommandantenstraße. Kommandante Springer. Er war erst 33, als er seinen Verlag gründete, 36 als er das “Hamburger Abendblatt” hatte, gerade 40 mit der Bild-Zeitung, die Alt-BRD ist gar nicht denkbar ohne ihn; als wir riefen “Enteignet Springer!” meinten wir wohl nicht ihn. Was? Ich habe es vergessen, um nicht prüfen zu müssen, ob ich damals im Irrtum war oder jetzt. Es ist wie mit Fechter. Ich zähle 12 Kräne. Der Wind ist kalt. “Bundesbauamt Berlin II Bauleitung Bundesdruckerei”. Eine postmodeme Beliebigkeit: Produktionsgebäude für Geldscheine aus Deutsch-Mark, Briefmarken, das Bundesgesetzblatt. Herren in schwarzen Mänteln halten die Terminkalender mit gefalteten Händen vor den Bauch. Sie kontrollieren, ob die anderen arbeiten, Know-how-Träger, “Symbolanalytiker”, unser Rohstoff. Der wüste Parkplatz gilt angeblich nur für Anwohner mit dem Anwohner-Parkausweis Zone 2. Die anderen müssten sich Zettelchen aus dem Automaten holen: “Betriebsbereit. Bitte zahlen”, niemand fühlt sich angesprochen. Gegenüber, fast an der Alten Jakobstraße, etwa da, wo der Stadt-Kommandant wohnte, nach dem die Straße benannt ist, das “Mode-Centrum Berlin Mitte”, im Hausdurchgang aus Metall ein nackter Mann mit flehenden Händen: Er muss angezogen werden; “Fabrikverkauf” um die Ecke: “Damenmode für jedermann”: ironische Widersprüchlichkeit der Wortwahl.
Um die Ecke in die Stallschreiberstraße. Nur auf der Kreuzberg-Seite Häuser, auf der Mitte-Seite Brache, der Wind pfeift durch das trockene Unkraut. “Privatgrundstück” ist angeschildert, darunter aber in kleinen Buchstaben: “Bundesvermögensamt 2”: ein Staatsgrundstück also in Wirklichkeit, enteignet von den einen, nicht zurückgegeben von den anderen, immer deutscher Staat. Die gepflasterte Stallschreiberstraße liegt in Kreuzberg, eigentlich ein Sandweg in Mitte, Familien von Krähen am Boden, sie weichen mir kaum aus, warten, dass ich weiter gehe, beobachten, krächzen heftig, dann schweigen sie, ich werde ihnen gleichgültig.
Der Alexandrinenstraße, die ich nun erreiche, würde ich ihren alten Namen zurückgeben: “Die Demmerung”, das würde ich lesen als den Namen des Zwischenbereichs zwischen Tag und Traum (und nicht als den Damm, der vor Jahrhunderten den langen Weg befestigte). Wo das Schild steht “Feuerwehrzufahrt und Anleitermöglichkeit für Mittelwohnungen”, das mich aus dem Schatz bürokratischer Wortschöpfer mit einem neuen Wort beschenkt, verweile ich, um die Brachfläche in mich aufzunehmen, in die nur die Halle der Grundschule in der Luisenstadt hineinragt. “Rot Front lebt” ist angesprayt, der Text widerlegt sich selbst. Die Stadtbrache ist ein zeitliches Denkmal, in ein paar Jahren wird es fort sein, die Stallschreiberstraße ist Jahrhunderte alt, längst weiß niemand mehr, was ein Stallschreiber war, die Stadt ist dauerhafter als ihre Beherrscher. Die Sebastianstraße gleicht der Stallschreiber-, Häuser in Kreuzberg, in Mitte Brache. Umgeben von undurchsichtigen Sistra-Wänden ein Containerdorf, ein Lager, TV-Schüsseln ragen hervor: Hier wohnen die Arbeiter. Unter silbrig-blau glitzernden Aluminium-Fähnchen eine Gebrauchtwagen-Schau. Viele Reifenspuren im Sand: wie auf dem Manövergelände, Manöver des Kapitalismus, zuerst kommt er mit Autos.
Jetzt stehe ich, neben einem Bodengitter “made in GDR”, direkt über der U-Bahn, Zug-Geräusche dringen herauf, der Boden zittert. Über die Heinrich-Heine-Straße weiter durch die Sebastianstraße, die Kreuzberger Seite sieht jetzt aus wie aus dem Lehrbuch der Baustile. “Suchen Sie was?” ruft aus einem oberen Stockwerk ein Mann, als er mich die Fassade betrachten und schreiben sieht. Öffentliches Schreiben erweckt schnell Aufmerksamkeit. “Nächstes Mal fragen Sie bitte, bevohr Sie unsere Blätter wegschmeißen” steht auf dem Glas eines Schaukastens vor den Baracken der Neuen Waldorfschule, der Text gefällt mir in Schreibweise und Formulierung, das Bundesbauamt hatte weiter oben kein “bitte” nötig: “Fußgänger andere Straßenseite benutzen”, die sich aber nicht benutzen ließ.
Vom Döblin-Platz, vor den Resten der Markthalle VII stehend, habe ich einen weiten Blick in die heran wachsende Mitte, hinten die bunten Häuser der Heinrich-Heine-Straße, rechts im nahen Horizont die Fassade der Michaelkirche mit dem ragenden Engel, der trotz allen Unheils, das er in dieser Gegend gesehen hat, nicht auf- und davongeflogen ist. Auf der Straßenbrücke zwischen Legien- und Leuschnerdamm verweile ich, hinter und vor mir eine der schönsten Stadtanlagen Berlins: Urbanhafen, Wassertorplatz, Oranienplatz, Engelbecken, am Ende die Michaelkirche mit dem treuen Engel. “Lebt und lest” ist gegenüber angesprayt.

Grafik: Virtuelle-Mauer-Berlin.de

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Hamsterfahrt in den Osten

Wer heute von der Luftbrücke hört, hat den Eindruck, als wäre West-Berlin während der Blockade 1948/49 total von der Außenwelt abgeschnitten gewesen. Viele glauben, die Menschen hätten nur überlebt, weil die Westalliierten sie über die Luftbrücke mit Lebensmitteln versorgt haben. Zwar waren die Zufahrtsstraßen und Schienen von Westdeutschland nach West-Berlin tatsächlich gesperrt und auch über das Wasser durfte nichts rein. Die Versorgung war abgeschnitten und die Luftbrücke hat sie zu eine Großteil gesichert. Trotzdem gab es noch eine andere Möglichkeit, sich mit Lebensmitteln zu versorgen, und hunderttausende West-Berliner haben sie genutzt. Sie versorgten sich im Osten.
Zu dieser Zeit gab es um West-Berlin herum ja noch keine Mauer. Überhaupt war Berlin im Bewusstsein der hier lebenden Bewohner auch längst nicht aufgeteilt. Ossies, Wessies, das gab es noch nicht, Wedding und Prenzlauer Berg waren nicht nur geographisch, sondern auch in der Wahrnehmung der Berliner ein gemeinsamer Kiez, ob man in Schöneberg oder Lichtenberg wohnte war Zufall. Die meisten Menschen waren froh, wenn sie überhaupt eine Wohnung hatten, da spielte der Stadtteil keine Rolle.

Lebensmittel gab es in beiden Teilen der Stadt nicht frei zu kaufen, sondern nur gegen entsprechende Scheine. Doch wenn die Läden leer waren, nutzten auch die schönsten Lebensmittelkarten wenig. Deshalb wurde getauscht. In Berlin jedoch lebten zuviele Menschen, da kam man mit Tauschen nicht sehr weit. Und so fuhren die Berliner erst ins Umland, und langsam immer weiter weg, um den Brandenburger Bauern Wertsachen anzubieten und davon Kartoffeln, Getreide oder wenigstens Rüben zu bekommen. Das gute Familiensilber das den Krieg überlebt hatte, Fotoapparate, die Fuchsstola, die Eheringe: Alles landete bei den Bauern, aber dafür hatte man selber was zu essen. Wer eines hatte, fuhr mit dem Fahrrad, die meisten aber setzten sich in die Vorortzüge oder hängten sich außen dran, wenn sie wieder zu voll waren. Es war nicht illegal, in des sowjetisch besetzten Gebiet zu fahren, aber die Probleme kamen auf der Rückreise. Oft warteten an den Bahnhöfen die DDR-Volkspolizisten und kontrollierten Taschen und Rucksäcke. Das teuer erworbene Brot, der Schinken, der Weizen, alles wurde beschlagnahmt, denn wer Lebensmittel von Ost nach West schmuggeln wollte, beging “Schädigung der Volkswirtschaft”. Im Herbst 1948 listete die Berliner Zeitung auf, was auf diese Weise innerhalb von zwei Wochen konfisziert worden war: 37.000 Tonnen Gemüse, 3000 Tonnen Mehl, 500 Tonnen Fett, 3000 Tonnen Fleisch.

Im Osten der Stadt war die Versorgungslage besser, wenn auch nicht wirklich gut. Wer konnte, versorgte Verwandte aus den Westsektoren mit, doch auch das ging nur in geringem Umfang. Stattdessen bot die SED den West-Berlinern an, sich im sowjetischen Sektor registrieren zu lassen, dann würden sie dort auch Lebensmittel kaufen können. Es wurden sogar extra Läden nur für West-Berliner eingerichtet. Schätzungen zufolge nahm aber nicht mal ein Prozent der Bevölkerung dieses Angebot an, der Hass auf die Russen war zu groß. Immerhin hatte die Sowjetarmee nur wenige Jahre zuvor Berlin eingenommen und damit den Nazistaat endgültig zerschlagen. Die meisten Deutschen haben das nicht als Befreiung erlebt, sondern als Niederlage, dem “denen” wollte man also möglichst nichts zu tun haben.
Mit den Lebensmittel-Angeboten wollten die Sowjets das gleiche erreichen, wie die Amis mit der Luftbrücke: Sie sollten die West-Berliner für die eigene Seite gewinnen und zeigen: “Seht her. Wir kümmern uns um euch, wir lassen euch nicht verhungern.” Diese Schlacht im Kalten Krieg haben eindeutig die Amerikaner gewonnen.