Yolocaust

Vor einigen Tagen hat der AfD-Rechtsextremist Björn Höcke das Holocaust-Mahnmal in Mitte als Schande bezeichnet und gefordert, die Erinnerung umzukehren. Die Nazis wollen das Gedenken an dieses größte Verbrechen der Menschheit auslöschen. Deshalb hetzen sie seit vielen Jahren gegen das Mahnmal.

Es erinnert an aufgereihte Särge. Aber dies ist nur die eine, etwas oberflächliche Wirkung, die das Denkmal hat. Man muss es betreten, hindurchgehen, um seine Wirkung zu spüren, denn es symbolisiert den Weg der europäischen Juden während der Nazizeit: Außen ist es noch niedrig und übersichtlich, doch je weiter man hinein geht, umso höher werden die Blöcke um einen herum. Gleichzeitig senkt sich der Weg und wird uneben. Selbst tagsüber verdunkelt es sich, niemand, der einigermaßen sensibel ist, kann ich der Beklemmung erwehren.

Aber es gibt auch die anderen, die diese Sensibilität nicht haben. Sie sehen das Stelenfeld als Spielplatz, hüpfen über die Quarder oder spielen darin Verstecken. Oft ist es dort laut. Das Holocaust-Denkmal ist eine Sehenswürdigkeit, tausende Touristen besuchen es jeden Tag. Und viele von ihnen fotografieren sich darin. Es gibt viele tausend Selfies, in denen die Stelen den Hintergrund bilden.

Der in Berlin lebende israelische Satiriker und Autor Shahak Shapira hat nun einen Teil dieser Fotos auf einer Website Yolocaust veröffentlicht. Menschen, die lachen, tanzen, sich verrenken, fröhlich sind. Doch wenn man mit dem Mauszeiger auf die Bilder geht, verschwinden im Hintergrund die Betonstelen und die Touristen stehen plötzlich im Konzentrationslager, in einem Massengrab, auf einem Haufen Körper ermordeter Juden.

Shapira klagt nicht an, der legt einfach nur die Fotos übereinander, die ja durchaus etwas miteinander zu tun haben. Denn die meisten der ermordeten Juden haben kein eigenes Grab bekommen, sie wurden entweder in Massengräbern verscharrt oder verbrannt und ihre Asche verstreut.

Es stimmt, das Verhalten mancher Menschen am Holocaust-Mahnmal bewerten viele als respektlos. Aber Shahak Shapira sieht es lockerer, er schreibt dazu: “Die Opfer sind tot, also bleibt es fragwürdig, ob es sie die Bohne interessiert.” Vermutlich hat er recht. Und so ist auch der Name seiner Website zu verstehen, denn Yolocaust ist ein Kunstwort: zusammengesetzt aus “You only live once” (man lebt nur einmal) und Holocaust.

Yolocaust.de




Aktion für einen Gedenkort

Ein 5 Meter breites und knapp 2 Meter hohes Schild weist seit gestern Abend die Autofahrer in der Moabiter Ellen-Epstein-Straße sowie die vorbeifahrenden Bahn-Fahrgäste darauf hin, dass sie sich genau an dem Ort befinden, an dem die meisten Berliner Holocaustopfer ihre letzte Reise begannen. Das Schild wurde errichtet von der Initiative “Sie waren Nachbarn”, die so darauf hinweisen möchte, dass hier trotz jahrelanger Bemühungen noch immer kein Mahnmal errichtet wurde.

Im Juni wird nun der Stiftungsrat der Lottogesellschaft darüber entscheiden, ob er die Finanzierung des Gedenkortes übernimmt. Da der Regierende Bürgermeister Müller Vorsitzender des Stiftungsrats ist, hat die Initiative einen Offenen Brief an ihn geschrieben. Außerdem gibt es eine Online-Petition, die ebenfalls dazu aufruft, das Geld für den Gedenkort zur Verfügung zu stellen.

Mehr Informationen: www.sie-waren-nachbarn.de
Bitte unterstützen Sie die Online-Petition:
petition.sie-waren-nachbarn.de




Die Faust

Am südlichen Ende der Bahnhofstraße in Köpenick, weit weg vom Bahnhof, teilt sich die Straße auf: Rechts gehts Richtung Wuhlheide in die Innenstadt, links in die Altstadt Köpenick. Neben der Straße ein Park, dahinter die Alte Spree. Der Park heißt Platz des 23. April und erinnert daran, dass an diesem Datum 1945 die Rote Armee ins faschistische Berlin eingerückt ist und die Hauptstadt des Nazireichs befreite. Im Park ein steinernes Denkmal, darauf eine Faust. Es wurde von Walter Sutkowski entworfen und zur Erinnerung an die Köpenicker Blutwoche aufgestellt. Ab dem 21. Juni 1933, nur wenige Monate nach der Machtübergabe an die Nazis, begann der blutige Schlag gegen Nazigegner. Hunderte von Kommunisten, Sozialdemokraten Juden, Christen und Gewerkschaftern wurden in diesen Tagen von den SA-Horden überfallen, gefoltert und eingesperrt, mindestens 25 Menschen ermordet.

Natürlich ist es wichtig, sich an die Blutwoche und all ihrer Opfer zu erinnern. Doch handelt es sich hier um zwei verschiedene Geschichtsdaten.
Die Rote Armee, der hier mit einer Faust gedacht wird, hat zweifelsfrei ihre Verdienste in der Zerschlagung der Nazi-Herrschaft. Danach jedoch hat die sowjetische Besatzungsmacht der SBZ und ab 1949 der DDR ihr stalinistisches Unterdrückungssystem aufgezwungen. Viele der überlebenden Naziopfer wurden nach der Befreiung von russischer Seite verfolgt und ermordet. Die Faust, das Kampfzeichen der Kommunisten, kann nicht an all jene erinnern, die aus menschlichem und demokratischem Bewusstsein gegen die Nazis waren. Sie gedenken nur den kommunistischen Opfern der Faschisten.
Allerdings gibt es in Köpenick mehrere Straßennamen, die sowohl an kommunistische, wie auch sozialdemokratische Todesopfer der Blutwoche erinnern, darunter Richard Aßmann, Paul von Essen, Paul Pohle, Johann Schmaus, Johannes Stelling, Erich Janitzky, Karl Pokern, Paul und Josef Spitzer.

Diether Huhn: Die Faust von Köpenick




“Stolpersteine entsorgen”

Ein Hauseigentümer in Charlottenburg droht damit, die vor seinem Wohnhaus verlegten “Stolpersteine” zu entfernen und “entsorgen”. Die Stolpersteine sind 10 mal 10 Zentimeter kleine, in den Boden eingelassene Metallplatten, die an deportierte Juden erinnern, die einst an diesem Ort gelebt haben. Tatsächlich stolpern kann man darüber nicht und bei Zehntausenden von verlegten Stolpersteinen ist bisher noch kein einziger Fall bekannt geworden, dass dort jemand drauf ausgerutscht wäre.
Genau diese Gefahr behauptet aber der Hausbesitzer. Außerdem pocht er darauf, dass die Steine auf seinem Grund liegen würden, nicht auf öffentlichem Straßenland. Tatsächlich ist die Dahlmannstr. 1 ein Neubau, der einige Meter hinter der eigentlichen Bauflucht steht und der Gehweg gehört dort teilweise zum Grundstück. So etwas ist nicht ungewöhnlich und nur selten gab es deswegen Ärger mit den Hausbesitzern. Und das waren meist Fälle, wo es tatsächlich um etwas anders ging. Entweder befürchteten die Eigentümer einen Wertverlust ihres Hauses, als wenn die Geschichte auf so etwas Einfluss hätte. Oder es waren politische Gründe.

Selten allerdings haben Eigentümer so reagiert wie diesmal: Er stellte der Stolperstein-Initiative ein Ultimatum bis zu diesem Wochenende, um die Erinnerungssteine zu entfernen. Ansonsten wolle er auf Kosten der Initiative die Steine rausnehmen lassen. Und wenn sie das nicht zahlen und die Steine abholen würden, würde er sie nach einem halben Jahr “entsorgen”.

Mittlerweile haben sich mehrere Nachkommen derjenigen gemeldet, an die mit diesen Stolpersteinen gedacht wird. Sie sprechen von einer Schändung des Andenkens. Gleichzeitig teilte der Bezirksbaustadtrat Marc Schulte mit, dass die Argumentation des Eigentümers nicht den Tatsachen entspräche, die Steine sind versicherungsrechtlich gar nicht relevant.
Wie es weitergeht, werden die nächsten Tage zeigen. Gestern jedenfalls haben Mieter des Hauses die betreffenden Stolpersteine erstmal geputzt und Blumen auf ihnen niedergelegt.




Züge ins Leben – Züge in den Tod

Seit dem 30. November 2008 erinnert ein Denkmal neben dem Bahnhof Friedrichstraße an die in den Jahren 1938 und 1939 geretteten 10.000 jüdischen Kinder und Jugendlichen. Sie wurden noch vor Beginn des Holocausts mit sogenannten Kindertransporten ins Exil nach London geschickt. Organisiert wurde die Rettungsaktion kurz nach der Pogromnacht 1938 von britischen und holländischen Flüchtlingskomitees, darunter hauptsächlich die Quäker. Sie lief nur neun Monate bis Ende August 1939. Die Geretteten waren zwischen vier Monaten und 17 Jahren alt. Viele der Kinder sahen ihre Eltern nie wieder. Oftmals waren sie die einzigen aus ihren Familien, die den Holocaust überlebten.

Gleichzeitig ist soll das Denkmal aber auch an die jungen Menschen erinnern, die in den Konzentrationslagern der Nazis ermordet wurden. Deshalb werden auch zwei Gruppen von Kindern und Jugendlichen gezeigt, die mit dem Rücken zueinander stehen. Alle wurden sie mit Zügen der Deutschen Reichsbahn transportiert, die einen ins Leben, die anderen in den Tod.

Geschaffen wurde das Denkmal vom Bildhauer Frank Meisler, der 70 Jahre zuvor selbst eines der geretteten Kinder war. Von Danzig kommend fuhr auch er über Holland nach England. Seine Eltern wurden drei Tage nach seiner Abfahrt verhaftet und starben in Auschwitz. Meisler lebt heute in Tel Aviv.
Dass das Denkmal, leider ein bisschen unscheinbar, in der Georgenstaße, neben dem Bahnhof Friedrichstraße steht, ist kein Zufall: Von hier aus gingen viele der Kindertransporte nach Westen. Als es vor sechs Jahren eingeweiht wurde, nahmen mehr als 50 gerettete Menschen daran teil, die heute unter anderem in Großbritannien, Israel, Österreich, der Schweiz, USA, aber auch wieder in Deutschland leben.
Das Denkmal in Berlin ist eines von vieren, die Meisler zu diesem Thema geschaffen hat. Sie stehen jeweils an Bahnhöfen der Reiseroute: In Danzig, Berlin, Hoek van Holland und London.




Der Rost der Erinnerung

Die Stadtgegend, die man schnell erreicht, wenn man vom Stadtbahn-Bahnhof Tiergarten die Straße Siegmunds Hof nordwärts geht und über den Wullenwebersteg die geschwungene Spree überquert, ist eine ruhige, gesetzte Gegend. Sie besteht aus Häusern, die die Kriegsbomben stehen gelassen haben und solchen aus einer Zeit, in der man sich um das Schminken des Stadtgesichts keine Mühe gab, sondern zufrieden war, wenn die Wunden verbunden waren.
Die Straßennamen schildern in vielen Fällen nicht die Erinnerungen der Stadt, sondern die historischpolitischen Vorlieben jeweiliger Maßgeblicher. “Synagogenstraße” oder “Straße der Verfolgung” heißt die Levetzowstraße jedenfalls nicht oder die Jagowstraße. So könnten sie heißen; denn die aus der gegenständlichen Wirklichkeit verschwundene Synagoge an dieser Straßenecke war eines der Sammellager, von dem aus Deutsche andere Deutsche zur Ermordung abtransportierten.

An dieser Stelle stehe ich jetzt. An dem Mäuerchen gegenüber der Aral-Tankstelle hängen vier verwelkte Kränze: der rechte mit grün-goldener Schleife von den Bündnisgrünen; die beiden mittleren vom Präsidenten des Abgeordnetenhauses und vom Regierenden Bürgermeister; der linke von der Kleist-Schule, die der leeren Stelle benachbart ist.
Die Synagoge, die hier nicht mehr steht, war gebaut 1912 bis 1914 vom Gemeindearchitekten Johann Hoeninger; gerade vor dem ersten Weltkrieg, dem gegenüber sich die meisten jüdischen Berliner als angepasste Deutsche erwiesen. Die Synagoge war ein mächtiger Bau, fast fünfzig mal fünfzig Meter, die dorischen Säulen überragten die Geschosse bis zum hohen Mansardendach, zur Jagowstraße schlossen sich Gemeinde- und Wohnhaus an; dreischiffiger Innenraum, umlaufende Empore, zweitausendeinhundert Sitzplätze, monumentale Orgel. Nun ist hier ein Kinderspielplatz; er ist an diesem Februar-Freitag gut bespielt; man hat guten Blick auf die Balkone der ocker-braunen Wohnanlage in der Agricolastraße. Von dort konnte man also gut beobachten, wie die Synagoge 1938 brannte, wie 1941 bis 1945 die Juden hier zusammengetrieben wurden, wie das Gotteshaus 1945 zerstört und 1955 abgerissen wurde. Aber natürlich konnte man das von anderer Stelle ebensogut sehen. Es gibt allerdings Aussagen von damaligen Schülerinnen der Kleist-Schule, die gar nichts gesehen haben; andere sagen, die Levetzowstraße sei überhaupt abgesperrt gewesen, man kam angeblich gar nicht an die Synagoge ran. Andere kamen zwar rein, aber konnten nicht helfen. Direkt an dem Kinderspielplatz, so dass die hütenden Mütter sie gut lesen können, steht eine große Tafel aus Cortenstahl, die die Vernichtungstransporte aufzählt; davor ein Güterwagen mit marmornen Kunstsymbolen für die hineingepressten und hineingetriebenen Menschen. Ein umstrittenes Denkmal, steht in dem Handbuch; ein eindrucksvolles Denkmal, denke ich; ein eindrucksvolleres, denke ich dann, wäre die Ruine selbst, wenn man stehen gelassen hätte von der Synagoge, was Nationalsozialismus und Krieg übriggelassen hatten und wenn die Christen mit dem jüdischen Gotteshaus getan hätten, was sie am Breitscheidplatz mit einem zerstörten christlichen Gotteshaus getan haben. Aber die demokratisch gewordenen Christen, die Deutschen haben sich überhaupt wenig Mühe gegeben, die Stätten der Opfer wenigstens als Denkmäler ihrer selbst zu erhalten. Unten, in den Boden eingelassen, ist hier an der Levetzowstraße ein Berliner Synagogenverzeichnis eisern zu lesen; vom Baumeister der Levetzow-Synagoge, kann man daraus auch entnehmen, ist eine andere Synagoge ziemlich vollständig erhalten: es ist die Synagoge in der Rykestraße; ein paar Jahre älter als die Levetzow-Synagoge, von der Straße zurückgesetzt, sich von der allgemeinen deutschen Aufmerksamkeit zurückziehend in einer “Wer-weiß-wer-weiß”-Gesinnung, zu der man hier in der Levetzowstraße kurz vor dem ersten Weltkrieg, vor dem selbst der antisemitische Kaiser “nur noch Deutsche” kannte, keinen Anlass mehr zu haben glaubte.

Zu Füßen der schräg aufragenden rostigen Stahlstele, durch die der Himmel die Daten und Zahlen des Massenmordes anzeigt, liegen die zerbrochenen roten Plastikschälchen, in denen die Lichter der Erinnerung zum letzten Gedenk-Anlass brannten. Kinder spielen die eiserne Rampe hinauf, über die sich die Opfer in der Vorstellung derer bewegen, die den bewegungslosen gefesselten Marmor zu lesen verstehen. Draußen brennen die Synagogen, auch das sind Gotteshäuser, hatte der für solche Sätze sein Leben einsetzende Dompropst Lichtenberg gesagt; ich weiß nicht, ob das in der Erlöserkirche am Ende oder am Anfang der Levetzowstraße auch ein Gottesmann gesagt hat. Ich will es in unser aller Interesse einfach annehmen.
Die Erinnerung und das Gedenken, ohne die das Land nicht besteht, brauchen Gegenständliches; keine Ästhetisierung des Grauens (wie zum Beispiel Stelenfelder, von denen der Bundeskanzler wünschen kann, dass sie schön seien). Die Güterwagen verrosten. Allerdings; die Erinnerung vergeht. Eine Zeitlang treten noch die Erinnerungsrepräsentanten auf; der einzige Kranz von denen dort, der zählt, ist vielleicht der der Kleist-Schule. Die Schule hält die Nachbarschaft aufrecht, die der Wirklichkeit gegenüber allerdings nicht geholfen hat. Nach einer gewissen Zeit ist alles Ploetz.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Nur Zusehen reicht nicht

Im Oktober finden in Moabit Aktionstage statt. Drei Wochen lang wird öffentlich an die Deportationen von Juden in die Konzentrationslager erinnert. Künstlerinnen und Künstler zeigen teilweise extra dafür produzierte Bilder und Installationen, Musik-, Theater- und Performancegruppen treten auf, Schriftsteller lesen aus ihren Werken, es gibt speziell zu dieser Kampagne entworfene Plakate und andere Veröffentlichungen.
Während dieser Tage wird daran erinnert, dass mehr als die Hälfte der Berliner Jüdinnen und Juden vom Güterbahnhof Moabit aus deportiert wurden. Vorher wurden die meisten von ihnen in einem langen Marsch von der Sammelstelle in der Synagoge Levetzowstraße bis zum Bahnhof in der Quitzowstraße getrieben. Zwei Kilometer weit, vor aller Augen, über die größten Straßen quer durch Moabit.

Die Initiative »Sie waren Nachbarn«, welche die Aktionstage organisiert, möchte während dieser Wochen den gesamten Weg durch den Stadtteil kenntlich machen. Alle sollen sehen, wo mehrere zehntausend Menschen ihren letzten Weg begannen. Ziel ist es, eine dauerhafte Kennzeichnung dieser Strecke zu erreichen, um sie im Bewusstsein zu halten.
Derzeit besteht die Initiative nur aus wenigen Personen. Um die Kampagne mit den Aktionstagen organisieren zu können, benötigen wir tatkräftige Unterstützung. Deshalb erfolgt unser Aufruf, sich an der Vorbereitung der Aktionstage zu beteiligen. Gesucht werden Menschen, die sich vorstellen können, sich praktisch zu engagieren. Notwendig ist nicht fundiertes Expertenwissen, sondern das Interesse, sich einige Monate lang dafür einzusetzen, dass das Leid und die heimtückische Ermordung von so vielen Menschen und die Grausamkeit der Täter nicht in Vergessenheit gerät.
Wenn du gerne bei der Kampagne mitmachen möchtest, melde dich bei uns!

Kontakt: mail@sie-waren-nachbarn.de
www.sie-waren-nachbarn.de
www.ihr-letzter-weg.de




Gedenken an Deportationen – Ausstellung zerstört!

In Moabit wird den ganzen Monat über an die Deportationen der Berliner Juden erinnert. Über die Hälfte der Opfer wurden vom Moabiter Güterbahnhof in die Konzentrationslager deportiert.
In einem Schaukasten vor dem Rathaus in der Turmstraße hat die Initiative Sie waren Nachbarn eine Installation aufgebaut. Mehrere alte Koffer, Fotos und Kleidung wurden ausgestellt, auf der Rückseite sind über 1.800 Namen von Deportierten aufgelistet, zusammen mit den Daten ihrer Ermordung, soweit bekannt.

UPDATE 7. November 2012:
Heute Vormittag wurde vom Bezirksamt Mitte die Ausstellung abgeräumt, die über die Deportationen Moabiter Juden während der Nazizeit informierte. Die Ausstellung im Schaukasten vor dem Rathaus Mitte in der Turmstraße bestand aus einer Installation, die die Deportationen symbolisierte. Außerdem wurde eine Liste mit den Daten der über 1.800 Deportierten gezeigt, die ebenfalls abgebaut wurde. Eingerichtet wurde die Ausstellung am vergangenen Donnerstag von der Initiative »Sie waren Nachbarn«.
Als Begründung nannte eine zuständige Sachbearbeiterin, dass für die Ausstellung keine Genehmigung vorgelegen hätte, was nicht stimmt. Bereits im Herbst 2011, also vor mehr als einem Jahr, wurde sie genehmigt und zwar für den 1. bis 30. November 2012. Bei einem Telefonat, das nach der bereits erfolgten Zerstörung stattfand, sagte die Sachbearbeiterin, dass der Stadtrat den Schaukasten braucht.
Warum wir nicht im Vorfeld darüber informiert wurden, warum man nicht vorher das Gespräch mit uns gesucht hat, darüber sagte sie nicht. Nur, dass wir eben »Pech gehabt« hätten.
Die Begründung, wir würden nicht »auf der Liste« stehen, ist hanebüchen. Selbstverständlich gab es diese klare Vereinbarung und es liegt der Verdacht nahe, dass hier eigene Interessen vor das Gedenken gestellt werden sollen.
Dies ist besonders empörend, weil es uns wichtig war, diese Erinnerung auch über den 9. November hinaus zu zeigen, dem Tag der Reichsprogromnacht. Ausgerechnet hier in Moabit, wo die meisten Deportationen aus Berlin begannen, wird eine Erinnerung daran von Amts wegen abgeräumt.
Wir fordern eine sofortige Wiederherstellung der Ausstellung sowie eine Stellungnahme des Bezirksamts!

UPDATE 8. November 2012:
Am heutigen Donnerstag Nachmittag haben wir vom zuständigen Stadtrat eine Entschuldigung für die Zerstörung erhalten und die Zusicherung, dass wir den Schaukasten jetzt wieder nutzen können. Es hätte sich um einen Fehler eines Angestellten gehandelt. Am Abend haben wir die Ausstellung deshalb wieder aufgebaut, Listen und Plakate mussten erneuert werden.
Ein Dank geht dabei an die Hausarbeiter des Rathauses, die gestern mehrmals nachgefragt haben, ob sie die Ausstellung wirklich abbauen sollen, was doch so kurz vor dem 9. November nicht in Ordnung sein kann. Sie haben alle Ausstellungsstücke sehr sorgsam behandelt, so dass das meiste wieder zu verwerten war. Auch mehrere andere Personen innerhalb des Bezirksamts haben sich dort sehr für uns eingesetzt.

Insgesamt haben wir ein großes Interesse von Seiten der Medien und eine breite Solidarität erfahren. Mehrere Personen haben sich schriftlich bei uns über das Vorgehen des Amtes empört. Die Fraktion der Grünen will in der BVV nachhaken, wie es dazu kommen konnte. Die Kirchengemeinde Moabit-West hat einen Protestbrief an den Bürgermeister Hanke geschrieben. Mehrere Zeitungen sowie die RBB-Abendschau berichteten über den Vorfall.

Wir sind sehr froh, dass die ganze Angelegenheit gütlich geregelt werden konnte, auch wenn wir noch immer nicht wissen, was tatsächlich hinter dem Abriss der Ausstellung steckte. Mit dem »Nachfolger« im Schaukasten, dem Koordinationsbüro für das Fördergebiet Aktives Zentrum Turmstraße, haben wir uns geeinigt, dass sie den Ort nun ab dem 26. November nutzen können.

Einen großen Dank an alle, die uns gestern und heute so erfolgreich unterstützt haben!




Das Vermächtnis der KZ-Überlebenden

Es gibt nicht mehr viele, die heute noch berichten können. Die letzten Überlebenden aus den Konzentrationslagern der Nazis sind über 80 oder 90 Jahre alt. Nur wenige von ihnen sind noch in der Lage, aus eigenem Erleben zu erzählen. Neun von ihnen haben in Berlin eine Erklärung veröffentlicht: “Wir bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen, eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen.”

Erinnerung bewahren  –  Authentische Orte erhalten  –  Verantwortung übernehmen

Wir, die Unterzeichnenden, Überlebende der deutschen Konzentrationslager, Frauen und Männer, vertreten Internationale Häftlingskomitees der Konzentrationslager und ihrer Außenkommandos. Wir gedenken unserer ermordeten Familien und der Millionen Opfer, die an diesen Orten der Asche getötet wurden. Ihre Verfolgung und Ermordung aus rassischen, politischen, religiösen, sozialen, biologischen und ökonomischen Gründen und ein verbrecherischer Krieg haben die Welt an den Rand des Abgrunds geführt und eine schreckliche Bilanz hinterlassen.

Nach unserer Befreiung schworen wir eine neue Welt des Friedens und der Freiheit aufzubauen: Wir haben uns engagiert, um eine Wiederkehr dieser unvergleichlichen Verbrechen zu verhindern. Zeitlebens haben wir Zeugnis abgelegt, zeitlebens waren wir darum bemüht, junge Menschen über unsere Erlebnisse und Erfahrungen und deren Ursachen zu informieren.

Gerade deshalb schmerzt und empört es uns sehr, heute feststellen zu müssen: Die Welt hat zu wenig aus unserer Geschichte gelernt. Gerade deshalb müssen Erinnerung und Gedenken weiterhin gleichermaßen Aufgabe der Bürger und der Staaten sein.

Die ehemaligen Lager sind heute steinerne Zeugen: Sie sind Tatorte, internationale Friedhöfe, Museen und Orte des Lernens. Sie sind Beweise gegen Verleugnung und Verharmlosung und müssen auf Dauer erhalten werden. Sie sind Orte der wissenschaftlichen Forschung und des pädagogischen Engagements. Die pädagogische Betreuung der Besucher muss ausreichend gewährleistet sein.

Die unvergleichlichen Menschheitsverbrechen der Nationalsozialisten – erinnert werden muss in diesem Zusammenhang vor allem an den Holocaust – geschahen in deutscher Verantwortung. Deutschland hat viel zur Aufarbeitung seiner Geschichte getan. Wir erwarten, dass die Bundesrepublik und ihre Bürger auch in Zukunft ihrer Verantwortung in besonderem Maße gerecht werden.

Aber auch Europa hat seine Aufgabe: Anstatt unsere Ideale für Demokratie, Frieden, Toleranz, Selbstbestimmung und Menschenrechte durchzusetzen, wird Geschichte nicht selten benutzt, um zwischen Menschen, Gruppen und Völkern Zwietracht zu säen. Wir wenden uns dagegen, dass Schuld gegeneinander aufgerechnet, Erfahrungen von Leid hierarchisiert, Opfer miteinander in Konkurrenz gebracht und historische Phasen miteinander vermischt werden. Daher bekräftigen den von der ehemaligen Präsidentin des Europäischen Parlaments und Auschwitz-Überlebenden Simone Veil vor dem Deutschen Bundestag 2004 ausgesprochenen Appell zur Weitergabe der Erinnerung: “Europa sollte seine gemeinsame Vergangenheit als Ganzes kennen und zu ihr stehen, mit allen Licht- und Schattenseiten; jeder Mitgliedstaat sollte um seine Fehler und sein Versagen wissen und sich dazu bekennen, mit seiner eigenen Vergangenheit im Reinen zu sein, um auch mit seinen Nachbarn im Reinen sein zu können.”

Unsere Reihen lichten sich. In allen Instanzen unserer Verbände, auf nationaler wie internationaler Ebene, treten Menschen an unsere Seite, um die Erinnerung aufzunehmen: Sie geben uns Vertrauen in die Zukunft, sie setzen unsere Arbeit fort. Der Dialog, der mit uns begonnen wurde, muss mit ihnen fortgeführt werden. Für diese Arbeit benötigen sie die Unterstützung von Staat und Gesellschaft.

Die letzten Augenzeugen wenden sich an Deutschland, an alle europäischen Staaten und die internationale Gemeinschaft, die menschliche Gabe der Erinnerung und des Gedenkens auch in der Zukunft zu bewahren und zu würdigen. Wir bitten die jungen Menschen, unseren Kampf gegen die Nazi-Ideologie und für eine gerechte, friedliche und tolerante Welt fortzuführen, eine Welt, in der Antisemitismus, Rassismus, Fremdenfeindlichkeit und Rechtsextremismus keinen Platz haben sollen.

Dies sei unser Vermächtnis.

Noach Flug (Jerusalem)
Internationales Auschwitz Komitee
Sam Bloch (New York)
World Federation of Bergen-Belsen
Bertrand Herz (Paris)
Internationales Buchenwald Komitee
Max Mannheimer (München)
Internationales Dachau Komitee
Uri Chanoch (Jerusalem)
Internationales Komitee Nebenlager Dachau     Jack Terry (New York)
Internationales Flossenbürg Komitee
Albert van Hoey (Brüssel)
Internationales Komitee Mittelbau-Dora
Robert Pinçon (Tours)
Internationales Neuengamme Komitee
Annette Chalut (Paris)
Internationales Ravensbrück Komitee
Pierre Gouffault (Paris)
Internationales Sachsenhausen Komitee




Deutsch-russisches Museum in Karlshorst

Im großen Saal des Museums, einem ehemaligen Offiziers-Kasino, wurde am 8. Mai 1945 die bedingungslose Kapitulation der deutschen Wehrmacht unterzeichnet und damit Deutschland und Europa von der nationalsozialistischen Herrschaft befreit. Die kurze, nüchterne Zeremonie bildete die Trennlinie zweier Epochen der europäischen Geschichte.
Anschließend diente das Gebäude dem Chef der Sowjetischen Militär-Administration in Deutschland als Amtssitz. Daran erinnert das erhaltene Arbeitszimmer Marschall Shukows.

Nach dem Ende der Konfrontation beschlossen die Bundesrepublik Deutschland und die Sowjetunion im Jahre 1991, gemeinsam an diesem Ort des Kriegsendes ein Museum aufzubauen, das vor allem an den Krieg im Osten zwischen 1941 und 1945 erinnert, den blutigsten und verlustreichsten Schauplatz des Zweiten Weltkriegs.
Aber auch die Vorgeschichte und die lange Nachkriegs-Geschichte bis zum Jahre 1991 finden hier ihren Platz: Die Beziehungen der Sowjetunion zur DDR und zur Bundesrepublik.

Das Museum bietet auch Gelegenheit zur vertiefenden Beschäftigung mit der Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen im 20. Jahrhundert. zugleich ist es ein Ort vielfältiger Begegnungen zwischen Deutschen und Russen.

Deutsch-russisches Museum Berlin-Karlshorst
Zwieseler Straße 4 / Rheinsteinstraße
10318 Berlin
Tel. 030 – 5015 0810
S-Bhf. Karlshorst (Ausg. Treskowallee, Rheinsteinstraße, 10 min. Fußweg)
Straßenbahn 26, 27, 28
Geöffnet: Di.-So. 10-18 Uhr
Eintritt frei
www.museum-karlshorst.de




Unterstützer gesucht!

Im Oktober beginnt eine Kampagne, die an die deportierten Juden aus Moabit erinnert. Mit Plakaten, zwei kleinen Ausstellungen und weiteren Aktionen werden einzelne Schicksale vorgestellt, um zu zeigen, dass die Opfer nicht anonyme Aliens waren, sondern einfache, ganz normale Menschen aus der Bevölkerung.
Die Kampagne “Sie waren Nachbarn” wird von einer Privatinitiative organisiert, die kaum Geld zur Verfügung hat. Deshalb hier der dringende Aufruf, für die Aktion zu spenden. Insgesamt wird die Summe von 1.000-2.000 Euro benötigt, was eigentlich nicht viel ist. Trotzdem ist erst ein kleiner Teil des Geldes vorhanden, so dass die Kampagne derzeit auf der Kippe steht.
Wenn Sie die Aktion für eine gute Sache halten, unterstützen Sie sie!
Mehr Informationen:
www.sie-waren-nachbarn.de




Denk mal

Berlin ist nicht gerade arm an Denkmälern. Am Großen Stern im Tiergarten steht besonders protzig der Eiserne Kanzler Bismarck, am Olympiastadion werden die stolzen Recken des großdeutschen Reichssports in Stein geehrt, und dann gibt es noch viele kleine, kaum erkennbare, Erinnerungsfiguren. Wer weiß zum Beispiel, dass die Gänse an der Putlitzbrücke in Moabit an ein altes Adelsgeschlecht im Norden Brandenburgs erinnern? (Dank an Vilmoskörte für den Hinweis!)

Jahrhundertelang dienten die Denkmäler dazu, die Gezeigten zu ehren. Wirklich nachdenken sollte man nicht, wenn man vor ihnen stand, sonst hätten sie anders gestaltet werden müssen – vielleicht mit Totenschädeln zu Füßen einiger Generäle.
Erst seit einigen Jahrzehnten sollen Denkmäler wirklich zu eigenen Gedanken anregen. Die Spiegelwand auf dem Hermann-Ehlers-Platz in Steglitz ist ein Beispiel dafür und auch der stilisierte Viehwaggon, der an Stelle der einstigen Moabiter Synagoge in der Levetzowstraße an die Deportationen erinnert.

Es war ein großer Schritt hin zu diesem Wandel. Statt vermeindlich verdiente Politiker, Militaristen oder andere “Helden” zu ehren, wird an die düsteren Zeiten unseres Landes erinnert und an ihre Opfer. 2005 entstand eine neue Form des Denkmals, das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas. Neu ist dabei nicht nur seine Größe, sondern vor allem, dass es erlebbar ist. Man schaut es sich nicht einfach an, obwohl selbst das schon seine Wirkung hat. Von außen sehen die Stelen wie hunderte von Särgen aus, dabei bekamen die wenigsten Holocaust-Opfer überhaupt ein Grab.
Richtig “funktionieren” tut das Mahnmal jedoch erst, wenn man es betritt. Egal von welcher Seite man in das Stelenfeld geht, zuerst hat man noch den Überblick. Doch je tiefer man hinein geht, umso höher wachsen die Wände um einen herum, bis sie irgendwann doppelt so groß sind, wie man selbst. Gleichzeitig ist der Boden nicht mehr gerade, sondern schräg und uneben. Das Mahnmal symbolisiert so den Leidensweg der Juden während der NS-Zeit, dass nichts mehr sicher war und die Bedrohung immer mehr wuchs. Nur wer sich auf dieses Erlebnis einlässt, kann begreifen, wie das Holocaust-Denkmals funktioniert.

Auch das nun beschlossene, neue Freiheits- und Einheitsdenkmal ist ein “Mitmach-Ort”. Nach hunderten Vorschlägen gewann im zweiten Anlauf eine gebogene, etwa 40 Meter lange Schale den Wettbewerb. Innen und außen werden Parolen aus der Wendezeit angebracht, so erinnert es an die Revolution der DDR-Bürger 1989/90.
Die Schale ist aber auch begehbar. Und wenn sich mindestens 50 Personen finden, die sich auf das gleiche Ende stellen, neigt sie sich in diese Richtung. Damit symbolisiert sie eine Grundweisheit der Gesellschaft: Zusammen sind wir stark, zusammen kann man etwas erreichen. Erst als die Menschen zu Tausenden protestierten, begann das Regime zu wanken. “Bürger in Bewegung” nennen es  Sasha Waltz und Johannes Milla, die das Denkmal entworfen haben.
Es war eine geniale Idee, das Freiheits- und Einheitsdenkmal so zu konzipieren, auch wenn es eher auf den Widerstand anspielt, als auf die Wiedervereinigung, die überhaupt nicht das Ziel der Opposition war.

Dass das begehbare Denkmal auf dem Sockel des einstigen monumentalen Nationaldenkmals für Kaiser Wilhelm I. entsteht, ist ein schöner Nebeneffekt. Von der Verehrung des deutschen Monarchen hin zum modernen Denkmal.




Haus der Wannsee-Konferenz

Einer der historisch wichtigen Orte Berlins ist sicher das Haus der Wannsee-Konferenz. Es ist zu befürchten, dass mehr Berliner das Strandbad Wannsee kennen, als diese große Villa, die dem Bad genau gegenüber liegt und von dort gut zu sehen ist. Dieses Gebäude gilt als der Ort, an dem die Ausrottung der europäischen Juden durch die Nazis beschlossen wurde. Hier trafen sich vor 60 Jahren, am 20. Januar 1942, führende Mitglieder der SS, der NSDAP, aber auch der Wirtschaft und Vertreter des NS-Staates in den besetzten osteuropäischen Ländern. Einziges Thema war die “Gesamtlösung der Judenfrage in Europa”. Und obwohl das Treffen nur wenige Stunden dauerte, hatte es doch noch grausame Auswirkungen in den folgenden drei Jahren.

Ein Buch zum Haus der Wannseekonferenz, das von den Betreibern der heutigen Gedenk- und Bildungsstätte herausgegeben wurde, räumt allerdings mit der Ansicht auf, die Konferenz wäre für die Vernichtung der europäischen Juden verantwortlich gewesen. Tatsächlich liefen die Entscheidungen darüber über andere Kanäle, die Konferenz diente “lediglich” der Abstimmung des Holocausts, der zu diesem Zeitpunkt schon längst begonnen hatte. Die Konferenz war eine Informations- und Koordinations-Veranstaltung, grundsätzliche Entscheidungen wurden hier nach heutigem Wissen kaum gefällt.
Interessant sind manche Informationen wie die, dass Himmler und Heydrich wenige Wochen vor der Konferenz gegen die Erschießung von 7.000 Juden protestierten – natürlich nicht aus Menschenliebe, sondern weil die Aktion eigene Aktivitäten der SS behinderten. Um solche “Missgeschicke” künftig zu vermeiden, wurde die Konferenz abgehalten.

Das Haus, in dem die Konferenz 1942 stattfand, wurde 1914 erbaut und beherbergte zuerst den Fabrikanten Ernst Marlier. Ab 1921 lebte hier der Unternehmer Friedrich Minoux, der enge Kontakte zu rechtsradikalen Kreisen in Politik und Reichswehr unterhielt und ihnen seine Villa auch für Treffen zur Verfügung stellte. Minoux selber war indirekt in politische Morde an Kommunisten verstrickt, zweifellos war er einer der Wegbereiter des Faschismus. Das hinderte die neuen Machthaber aber nicht daran, ihn später wegen Betrugs anzuklagen, 1940 musste Minoux die Villa verkaufen. Neuer Hausherr wurde die SS bzw. der Sicherheitsdienst, der hier sein Gästehaus einrichtete. Entsprechenden auswärtigen Gästen stand das Haus nun (“für 5,- RM pro Nacht”) samt allem Komforts zur Verfügung. Aber es beherbergte auch schon vor 1940 SD-Einrichtungen, so ab 1937 ein geheimdienstliches Institut.
Gegen Ende des Krieges, als neben der Zentrale des Reichssicherheits-Hauptamtes auch fast die ganze Innenstadt in Trümmern lag, wurden immer mehr Dienststellen zum Wannsee verlagert, die sogenannte Kolonie Alsen von der Waffen-SS zur Festung ausgebaut.

Heute ist in der Villa die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz untergebracht.




Spaziergänge in Berlin

Diether Huhn: “Spazier­gänge sind das gar nicht. Lerngänge, Touren durch die Emotionen, zu denen sich Gegenwart und Geschichte verbinden; Gedanken und Gefühle, Kopf und Herz in heftigem Dialog.”

Am 23. September 1999 starb Diether Huhn im Alter von 64 Jahren. Der einstige Richter am Amtsgericht war in seinen letzten Jahren Mitherausgeber des Bezirks-Journals, einer kostenlosen Zeitschrift, die die Berliner jede Woche auf eine Reise in die Geschichte und Orte ihrer Stadt mitnahm. Huhn schrieb seine Spaziergänge durch die 90er Jahre erst für diese Zeitung, später wurden sie in insgesamt vier Büchern veröffentlicht.  Die Spaziergänge beobachteten die damals sich ständig verändernde Stadt, wenige Jahre nach der Wiedervereinigung. Dabei schaute er nicht nur auf die Gebäude oder Straßen, sondern setzte das Gesehene auch immer in einen Zusammenhang. Sei es mit der Geschichte, sei es mit der damaligen Gegenwart, die mittlerweile auch wieder zur Geschichte geworden ist.
Anlässlich seines 10. Todestags haben mir seine Witwe sowie der Verlag Koehler & Amelang die Erlaubnis gegeben, die 250 Spaziergänge von Diether Huhn nochmal zu veröffentlichen.  Mir ist es wichtig, dass die Geschichten nicht in Vergessenheit geraten, deshalb vielen Dank dafür!

[ ZU DEN SPAZIERGÄNGEN ]

Der Autor und sein Fotograf

Oft sprachen wir bei den Spaziergängen von unserer gemeinsamen Herkunft aus Lübeck.
Aber Lübeck war nur eine Herkunft. Diether Huhn kam eigentlich, durch den Krieg verschoben von Städtchen zu Städtchen, aus Thüringen, ich eigentlich aus Danzig, aus Elbing, aus Pommern – wie das mit den Flüchtlingskindern so war.
Wir wurden in Lübeck reserviert aufgenommen, sahen aber unsere neue Heimat auch reserviert. Aus diesem Heimatgefühl für Lübeck – mit reservatio mentalis – entstand z.B. in dem von Diether Huhn oft zitierten Knaben-Gymnasium Katharineum eine Kabarett- und Schultheater-Gang, wie sie Lübeck damals noch nicht kannte.
Theater- und Kabarettdirektor: Primaner Diether Huhn. Nur ein Teil der Lehrer lachte mit, der andere nahm übel.
Nach dem Abitur trennten sich unsere Wege. Über Jahrzehnte schrieben wir uns unregelmäßig regelmäßig Postkarten. Vor zwei Jahren bot er mir an, für seine Spaziergänge zu fotografieren. “Ich möchte nirgendwo anders wohnen, als in Berlin”, schrieb Diether Huhn am Ende einer Aufzählung aller seiner Wohnungen, die er in seinem Leben gemietet hatte. Das glaubten ihm die Leser seiner “Spaziergänge”, in denen er liebevoll und mit unglaublichem historischen und kulturellen Wissen Hintergründe aufhellte und Vordergründiges unterhaltsam, listig und liebevoll ausbreitete. Jedem Bezirk bestätigte er glaubhaft, dass er eigentlich Berlin war. Am Ende wurde natürlich klar, dass eben nur die Vielfalt insgesamt das eigentliche Berlin ausmachte.
Verwirrend ist es schon. Die Vielzahl der Aspekte, die der Leser zu berücksichtigen hatte. Langweilig war es nie!

Manfred Jagusch, Herbst 1999

Sein letzter Spaziergang

Am letzten Wochenende des Sommers 1999 ging Diether Huhn, wie so oft in den zurück liegenden drei Jahrzehnten, zu den Friedhöfen am Halleschen Tor in Kreuzberg. Er sammelte Eindrücke für einen seiner Spaziergänge, die unnachahmlich seine Beobachtungen mit persönlichen Erinnerungen und historischen Reflexionen verbinden. Über 250 dieser literarischen Köstlichkeiten, die den Jura-Professor nicht nur als einen Mann der besinnlichen wie streitbaren Feder, sondern auch als exzellenten Kenner der Archtiektur-, ja überhaupt der Geschichte ausweisen, hat das Bezirks-Journal in seinen verschiedenen Ausgaben gedruckt.
Der Spaziergang zu den Kreuzberger Friedhöfen sollte Diether Huhns letzter sein. Er brachte das Geschaute und Durchdachte zu Papier, las und verbesserte den Computer-Ausdruck mit der ihm eigenen Sorgfalt. Als der Herbst erst wenige Stunden alt war, ist BJ-Herausgeber Professor Diether Huhn, 64-jährig, gestorben.
In den letzten Monaten hat ihn der nahe Tod auf seinen Spaziergängen gelegentlich begleitet. Diether hat das unauffällig, fast beiläufig und auf eine uns anrührende Weise in seine Texte einfließen lassen. Die Spaziergänge des Sommers 99 sind deshalb das Wichtigste, weil Persönlichste, was der Autor Diether Huhn uns hinterlassen hat.
In redaktionellen Runden haben wir oft darüber gesprochen, dass wir die “Spaziergänge” am liebsten nicht nur in den Ausgaben gedruckt sehen wollten, in denen der Autor sie territorial ansiedelte. Aber der blieb konsequent: Ein neuer Text für jedes neue Heft, davon ließ er, solange seine Kräfte reichten, nicht ab.
Jetzt, da er auf dem Jerusalem-Kirchhof am Mehringdamm begraben wird, soll auch der Leser in Spandau erfahren, mit welchen Augen der Spaziergänger Marzahn sah, und der in Pankow, was es in Neukölln zu entdecken gibt.
Diether Huhn wird also, wie all die Jahre zuvor, bei uns sein, doch wir vermissen ihn sehr.

Diethard Wend, Bezirks-Journal

Diether Huhn

Geboren am 10. April 1935 im Thüringischen Sonneberg. Aufgewachsen ist er in Lübeck, 1961 kam er als junger Jurist nach Berlin. Zunächst war Huhn als Richter tätig, u.a. am Amtsgericht Wedding, am Kammergericht und als Vorsitzender Richter am Landgericht, später als Professor. Außerdem als Hochschul-Rektor, zeitweise Beauftragter für das Hochschulwesen des Landes Berlin.
Zudem war er Vorstandsmitglied des Sozialpädagogischen Instituts Berlin.
Am 23. September 1999 starb Diether Huhn unerwartet im Alter von 64 Jahren in Berlin.




Erinnerungen an Istanbul

Als ich in den 90ern nachts mit dem Taxi unterwegs war, landete ich immer wieder mal auch am Nollendorfplatz. An dem Parkplatz neben der Spielhalle gab es einen kleinen türkischen Imbiss, der zu jeder Nachtzeit geöffnet und gut besucht war. Es gab dort leckere Sachen, frisch und beliebt. Manchmal sah man gleichzeitig drei Leute hinter’m Tresen arbeiten, so brauchte man auch nie lange warten. Außerdem hatte der kleine Imbiss eine Toilette, was ja gerade für Taxifahrer wichtig ist. Und sie war sauber.

Was für ein komplett anderes Bild in der letzten Nacht: Schon beim Eintreten konnte ich nicht glauben, im selben Lokal zu sein. Zwei Alkoholiker schliefen an den Tischen, überall Schmutz, leere Flaschen und auf dem Tresen ein Tapezierpinsel – wozu auch immer. Hätte ich nicht dringend auf die Toilette gemusst, wäre ich gleich wieder raus, aber so ließ ich mich darauf ein. Erwartungsgemäß sah das Klo nicht besser aus als der Gastraum, alles schmuddelig, auch keine Seife, nichts zum Hände abtrocknen.
Das alles aber wurde getoppt vom Verkäufer. Sein Kittel stand fast bis zum Bauch offen, mächtig behaart schauten die nackte Brust und der Bauch heraus. Kein Hemd oder Unterhemd hinderten sie daran, dieses Bild passte perfekt in das restliche Ambiente. Gegessen habe ich dort lieber nichts, nur einen Saft gekauft.

Während ich den vor der Tür trank, überlegte ich, wieso mir das alles so bekannt vorkam. Und plötzlich war die Erinnerung wieder da: Etwa 1980, Kreuzberg, Adalbertstraße. Damals gab es noch nicht so viele Dönerimbisse, aber einen bei mir im Haus. Er war viel größer als der am Nolli, doch genauso schmuddelig. Damals aber war ich nicht so angewidert davon, es war mein junger Alltag, die klinisch reinen Imbisse kamen erst später. In jedem Laden lief noch anatolische Musik, man sprach auch schon von Klein-Istanbul, obwohl damals viel weniger Türken in Kreuzberg lebten als heute.
Ich habe gute Erinnerungen an diese Zeit und diesen Imbiss, mitten in meinem Kiez. Das Atatürk-Plakat an der Wand, daneben die Fotos vom Bosporus, die große Moschee, die Mutter des Wirts die kein Wort Deutsch sprach – alles das war ja mein zweites Zuhause und gleichzeitig mein Fenster in die Welt. Die Türkei war für mich so weit weg wie der Mond und doch war mir das so vertraut, dieser Imbiss war mein Bild von Istanbul. Darin fühlte ich mich wohl, ich duzte den Wirt, er gab mir manchmal auch was umsonst und immer Kredit. Dass das Bild mit dem grauen Wolf ein faschistisches Symbol war, wusste ich damals nicht und hätte es in meiner Naivität wohl auch nicht geglaubt.

Erinnerungen an Orte sieht man natürlich auch immer im Zusammenhang mit der jeweiligen Zeit. Für mich war das Aufbruch, Aufbau eines eigenen Lebens, riesige Neugier auf die Welt, tausend interessante Dinge, wie bei einem Kind. Der Imbiss war ein Teil davon, auch kein schlechter.
Und weil mich der am Nollendorfplatz gestern daran erinnert hat und der Wirt auch sehr nett war, bin ich ihm auch nicht böse. Aber essen werde ich dort trotzdem nichts.




Denkmal für schwule Naziopfer

Es sieht aus, als hätte jemand vom Holocaust-Denkmal auf der anderen Straßenseite eine Stele in den Tiergarten geschleppt und dort hingestellt. Etwas schräg steht es nun dort, gleich neben der Ebertstraße, wo sich die Touristenmassen die zwischen Potsdamer Platz und Brandenburger Tor vorbeischieben: Das Denkmal für die homosexuelle NS-Opfer wurde gestern eingeweiht. Wer näher herantritt findet eine Öffnung, in der er auf einem Bildschirm zwei junge Männer sieht, die sich innig küssen. Aufgenommen wurde die Szene genau an dieser Stelle.
Schwule Männer wurden in der Nazizeit wesentlich stärker verfolgt, als lesbische Frauen. Über 50.000 Homosexuelle sind nach dem Paragrafen 175 verurteilt worden, fast alle landeten in Konzentrationslagern und Zuchthäusern, manche wurden sogar mit medizinischen Versuchen gequält.
Als der Bundestag im Jahr 2003 die Errichtung dieses Denkmals beschloss, war die CDU noch dagegen. Gestern nun versammelte sich die politische ProDenkmalminenz im Tiergarten und der christdemokratische Kulturstaatsminister Bernd Neumann stand an erster Stelle. Er verwies auf die Übernahme der 600.000 Euro Kosten des Denkmals durch den Bund. Entworfen wurde das Werk von Michael Elmgreen und Ingar Dragset, die für ihre wortwörtlich schräge Darstellung ihrer Kunst bekannt sind.
Das neue Denkmal ist Teil einer Erinnerungslandschaft. Neben dem Holocaust-Mahnmal und dem jetzt eingeweihten Denkmal gibt es unmittelbar am Reichstag zwei weitere Gedenkorte: Einer erinnert an die von den Nazis ermordeten Reichstags-Abgeordneten, ein anderer an die Maueropfer zwischen 1961 und 1989. Demnächst wird noch ein Denkmal für die in der NS-Zeit ermordeten Sinti und Roma hinzukommen.
Der Regierende Bürgermeister Klaus Wowereit erinnerte gestern daran, dass nicht nur das Gedenken an schwule Naziopfer wichtig ist, sondern dass es auch heute noch zahlreiche Diskriminierungen und Übergriffe auf Homosexuelle gibt. Das angeblich so tolerante Berlin hat trotz breiter Aufgeklärtheit noch eine andere Seite, auch für die ist dieses Denkmal gemacht.




Der Stasiknast Hohenschönhausen

Die 1995 gegründete Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen befindet sich an einem Ort, der auf das engste mit politischer Strafverfolgung und Justizwillkür verknüpft ist. Hier wurde nach dem Zweiten Weltkrieg zunächst ein sowjetisches Internierungslager eingerichtet, danach das sowjetische Untersuchungsgefängnis in der SBZ/DDR und schließlich die zentrale Untersuchungshaftanstalt der Staatssicherheit.

Ursprünglich gehörte das spätere Lager- und Gefängnisgelände zum Besitz des Maschinen-Fabrikanten Heike, der hier seit 1910 Produktionsstätten aufbaute. Das Kernstück des späteren Haftgeländes verkaufte er 1938 an die “National-Sozialistische Volkswohlfahrt” (NSV), die dort eine Großküche bauen ließ.
Im Mai 1945 errichtete die Rote Armee auf dem Gelände das “Speziallager Nr. 3”, dessen Aufnahmekapazität von maximal 2.500 Personen zeitweise erheblich überschritten wurde (September 1945: über 4.200 Internierte). Es diente als Sammel- und Durchgangs-Lager, was bedeutet, dass von hier aus Häftlingstransporte weiter in andere Lager gingen, sogar bis nach Workuta in der Sowjetunion. Insgesamt sollen ungefähr 20.000 Menschen im Speziallager Nr. 3 interniert worden sein. Ungeklärt ist auch die Zahl der Toten, deren Schätzung von 900 bis über 3.000 reicht. Die Lebensbedingungen im Lager waren sehr schlecht, die hygienischen Verhältnisse katastrophal und die Verpflegung unzureichend.
Nach der Auflösung des “Speziallagers” im Oktober 1946 wurde das Gelände als zentrales sowjetisches Untersuchungsgefängnis in der SBZ (“Sowjetisch besetzte Zone”, die spätere DDR) genutzt. In den Kelleranlagen der ehemaligen NSV-Großküche wurde ein Trakt mit unterirdischen bunkerartigen Zellen ohne Fenster eingebaut, das “U-Boot”. Dieser Trakt verfügte neben den Hafträumen über Zellen, in denen die Häftlinge besonderen Folterungen ausgesetzt werden konnten.
Zu den Inhaftierten dieses Gefängnisses zählten neben NS-Verdächtigen vor allem mutmaßliche politisch-ideologische Widersacher: Vertreter der gerade nach Kriegsende wieder erstandenen demokratischen Parteien, aber auch Kommunisten sowie sowjetische Offiziere, die politisch nicht linientreu waren, bzw. auch nur in entsprechenden Verdacht geraten waren.
Im Zuge der Übergabe sowjetischer Besatzungseinrichtungen an die Verwaltungsbehörden der DDR seit Anfang 1950 wurde das Gefängnis Hohenschönhausen an das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) übergeben, das hier bis zu seiner Auflösung seine zentrale U-Haft-Anstalt betrieb.

Im Laufe ihres Bestehens als MfS-Gefängnis wurde die Haftanstalt mehrfach erweitert und umgebaut. Um 1960 ließ die Stasi drei in Hufeisenform angelegte und miteinander verbundene Neubauten auf dem Gelände errichten: Einen Zellentrakt, der im Keller über zwei Gummi-Dunkelzellen verfügte, ein Mehrzweckgebäude und einen Vernehmertrakt, in dem Häftlinge oft stundenlangen Verhören unterzogen wurden. Das “U-Boot”, bis dahin der eigentliche Zellenbau, wurde nur noch vereinzelt, zur Isolationshaft, genutzt. Dieser Trakt diente nun hauptsächlich als Lager- und Materialraum. Im Zuge der Baumaßnahmen des MfS wurden zudem zwei Freiganghöfe errichtet und die frühere Wäscherei der NSV zu einem Haftkrankenhaus umgebaut.
Auch zur Zeit der DDR war die Geschichte des Gefängnisses Hohenschönhausen von der Verfolgung politischer Oppositioneller bzw. Verdächtiger geprägt. Die Vorwürfe, die zur Inhaftierung führten, lauteten zumeist auf Boykotthetze, staatsfeindliche Propaganda, Spionage oder Republikflucht. Die Behandlung der Inhaftierten innerhalb der Haftanstalt wandelte sich dabei nach und nach: Der Einsatz physischer Gewalt wich zunehmend psychologischen Methoden.
Ein maßgebliches Prinzip der MfS-Haft bestand in der seelischen Zermürbung der Untersuchungshäftlinge durch Orientierungslosigkeit und Isolation. So wussten die meisten Gefangenen nicht, wohin man sie nach ihrer Verhaftung gebracht hatte. Ein direkter Kontakt zur Außenwelt war nicht möglich, und auch innerhalb der Haftanstalt war das Prinzip der Isolation beherrschend. Das Gefühl des Ausgeliefertseins, der Ohnmacht gegenüber einem gleichsam allmächtigen Staatsapparat, bestimmte das Leben der Häftlinge.
Das Gelände der Untersuchungs-Haftanstalt war zugleich auch Sitz der Abteilung XIV (Strafvollzug) der Staatssicherheit. In einem direkt angrenzenden Gebäude war die Hauptabteilung IX (Strafrechtliche Ermittlungen) untergebracht.

Gedenkstätte Hohenschönhausen
Genslerstr. 66, 13055 Berlin
Tel. 030 – 9860 8230
Eintritt 4,00 EUR, ermäßigt 2,00 EUR
Öffentliche Rundgänge Mo-Fr, 11, 13 und 15 Uhr (März-Dezember)
Sa/So/Feiertage stündlich zwischen 10 und 16 Uhr
Sa 14 Uhr englischsprachige Führung
Geführte Rundgänge für Gruppen mindestens 7 bis 9 Wochen vor dem gewünschten Termin anmelden
Fremdsprachige Führungen in englisch, französisch, italienisch, spanisch, dänisch, norwegisch
www.stiftung-hsh.de




Bahn gegen Holocaust-Gedenken

Der Holocaust wäre nicht möglich gewesen, wenn die Deutsche Reichsbahn nicht die Infrastruktur für den Transport der Millionen von Opfern bereitgestellt hätte. Für jeden deportierten Juden wurden dem Staat 4 Pfennig pro Kilometer in Rechnung gestellt, die Bahn sorgte dann für einen reibungslosen Transport in die Konzentrationslager. Die Viehwaggons fuhren aus allen deutschen Städten ab, mitten aus der City, für jeden sichtbar.
Beate Klarsfeld, die seit Jahrzehnten auf Mitschuldige an der Judenverfolgung hinweist, möchte in Zusammenarbeit mit dem Bundesverkehrsministerium eine Ausstellung über die Deportation jüdischer Kinder durch mehrere deutsche Städte schicken, die jeweils zentral in den Bahnhöfen gezeigt werden soll. Doch die Führung der Bahn AG, allen voran ihr Chef Hartmut Mehdorn, lehnt das ab. Die Gründe klingen fadenscheinig, Sicherheitsbedenken werden angeführt, sowie das Argument, die Deportationen wären ja nicht nur von den Bahnhöfen ausgegangen. Auch sieht Mehdorn angeblich die Würde des Gedenkens im Tumult der Bahnhöfe nicht gegeben.
Unverständlich ist, wieso sich Minister Tiefensee von seinem Untergebenen dermaßen auf der Nase herumtanzen lässt. Immerhin ist die Bahn faktisch dem Bundesverkehrsministerium unterstellt. Es bleibt nur zu hoffen, dass sich der Minister endlich durchsetzt, denn noch immer ist in der Öffentlichkeit zu wenig bekannt, wie die Reichsbahn durch diese Transporte am Holocaust nicht nur verdient hat, sondern auch einen wichtigen organisatorischen Beitrag dazu geleistet hat.




Gedenken an Stasi-Gefängnis

Rund um das Gefängnis der DDR-Staatssicherheit in Hohenschönhausen in der Genslerstraße war ein mehrere hundert Meter breiter Sperrbezirk angelegt worden. Von außen war es nicht möglich, bis zum eigentlichen Knast zu schauen. Offiziell existierte diese “Untersuchungshaftanstalt” überhaupt nicht, in Ost-Berliner Stadtplänen war nur Brachland eingezeichnet.

Bald nach der Wende wurde das Gelände geöffnet und die meisten Gebäude an Gewerbebetriebe vermietet. Das Gefängnis wurde zur Gedenkstätte, betrieben von der “Stiftung Hohenschönhausen”. Die Stiftung wollte, dass auch außerhalb des Gefängniskomplexes deutlich gemacht wird, wo das Sperrgebiet verlief. Das scheiterte lange, sowohl an den Anwohnern, als auch an der PDS. Während die Anwohner sich genervt fühlen, weil sie immer wieder nach ihrer eigenen Vergangenheit gefragt werden, wehrte sich die Linkspartei/PDS im Bezirk lange erfolgreich gegen die Markierung. In Form von Infotafeln soll an den Zufahrtstraßen auf das Gelände über dessen Geschichte informiert werden. Dass dort von “kommunistischer Diktatur” gesprochen wird, gefällt der SED-Nachfolgepartei nicht und so machte sie sich ihre Mehrheit in der Bezirksverordnetenversammlung zu Nutze, um das Aufstellen der Tafeln hinauszuzögern.
Bei einer Informationsveranstaltung im März traten sogar 200 ehemalige Stasi-Angehörige auf, provozierten und verhöhnten die Opfer. Die bei der Veranstaltung anwesenden Kultursenator Thomas Flierl und Bezirksbürgermeisterin Christina Emmrich schwiegen dazu. Zufällig sind beide ebenfalls PDS-Mitglieder. Auch bei einer weiteren Veranstaltung im April hatte es Frau Emmrich nicht nötig, gegen das erneute Auftreten von Alt-Stasis vorzugehen. Dem unbedarften Beobachter drängt sich der fatale Eindruck auf, dass hier eine Interessenidentität zwischen ehemaligen MfS-Angehörigen sowie der PDS herrscht, was das Verhindern von Stasi-Unrecht betrifft.
Umso wichtiger ist es daher, dass es Menschen wie den Gedenkstättenleiter Hubertus Knabe gibt, der sich davon nicht beirren lässt und der die 1,80 Meter hohen Gedenktafeln nun durchgesetzt hat.




Schönbohm brüskiert KZ-Überlebende

Politische Dummheit oder Absicht? Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm (CDU) hat am vergangenen Sonntag bei einer Gedenkveranstaltung zum Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Sachsenhausen für einen Eklat gesorgt. Vor hochbetagten ehemaligen KZ-Häftlingen erklärte er, dass man nicht nur den Opfern der Nazis gedenken müsse, sondern auch den Häftlingen des sowjetischen Geheimdienstes NKWD, der das Lager nach der NS-Zeit weiter betrieb. Tatsächlich wurden auch Antifaschisten unter den Sowjet eingesperrt, vor allem Sozialdemokraten, trotzdem waren von den rund 60.000 Inhaftierten ein großer Teil Nazis, darunter ehemalige Aufseher dieses KZs.

Noch während der Gedenkveranstaltung protestierten Vertreter des Internationalen Sachsenhausen-Komitees unter dem Beifall der alten Nazigegner gegen die Gleichsetzung der Häftlinge. Der Vorsitzende des Komitees erklärte: “Unter den nach 1945 Inhaftierten seien die Mörder, Peiniger und Quäler unserer Kameraden.”
Es geht nicht darum, die Ehrung der unter den Sowjets verfolgten Antifaschisten zu verhindern, sondern darum, dass es keine Gemeinsamkeiten zwischen antifaschistischen und nazistischen Häftlingen geben kann. Eine gleichzeitige Nennung der Gefangenengruppen verwischt die tatsächlichen Verhältnisse und setzt die beiden Gruppen gleich. Das muss verhindert werden.
Es ist unklar, warum Schönbohm diese Gleichsetzung betreibt. In einer Presseerklärung, die offenbar nach der Veranstaltung publiziert wurde, wird aus seiner Rede zitiert, ohne mit einem Wort auf die Kritik der Opfer-Organisation einzugehen.