Haus der Einheit

Schon viele residierten hier: Jüdische Kaufleute, Nazis, Kommunisten, Kapitalisten. Es ist eine laute, stark befahrene Kreuzung, Torstraße und Prenzlauer Allee treffen hier aufeinander. Nur wenige hundert Meter nördlich des Alexanderplatzes ist das sogenannte “Prenzlauer Tor” ein ungemütlicher Ort. Wie zufällig platziert stehen einige alte Wohnhäuser, der Nikolai-Friedhof an der Ecke zieht immer wieder alte und neue Nazis zum Gedenken an Horst Wessel an. Gegenüber ein großes Gebäude, seine Fassade, markant geschwungen, mit einer „Bauchbinde“ in der ersten Etage. Es hat eine wechselvolle Geschichte und wechselnde Adressen.
Als der jüdische Kaufmann Hermann Golluber 1928/29 das Haus errichten ließ, hieß die Torstraße noch Lothringer Straße. Die Nummer 1 wurde ein Stahlskelettbau im Stil der Neuen Sachlichkeit. Am Rand des Scheunenviertels wurde ein Warenhaus gebaut, in dem auch der ärmere Teil der Berliner einkaufen konnte. Und es war ein Kreditwarenhaus, die Kunden konnten „auf Pump“ einkaufen.
Das Haus enthielt ein Dachterrassen-Restaurant und großzügige Räume auch für die Angestellten. 1929 war die Eröffnung als „Kaufhaus Jonaß“, doch schon vier Jahre später kam der erste Einschnitt. Im Dezember 1933 nutzten die Nazis einen Teil des Gebäudes als Ausstellungsfläche. Golluber und sein ebenfalls jüdischer Geschäftspartner Hugo Halle nahmen zwei Mitarbeiter in die Geschäftsleitung auf, um nicht enteignet zu werden. Doch Golluber und Halle wurden von den beiden aus der Firma gedrängt und flohen 1939 aus Deutschland.

Warenhäuser galten im NS-Staat als „jüdisch“, selbst wenn diese – was praktisch bei allen der Fall war – gar nicht mehr Juden gehörten. Die neuen Besitzer schlossen das Kaufhaus, bauten es um und vermieteten es an die Reichsführung der Hitler-Jugend. 1942 verkauften sie es an die NSDAP.
Direkt nach dem Krieg zog der „Zentralausschuss der SPD“ in das Gebäude ein. Mit der Zwangsvereinigung von KPD und SPD im April 1946 ging der Komplex an das Zentralkomitee der neugegründeten „Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands“. Wilhelm Pieck und Otto Grotewohl als erster und einziger Präsident bzw. Ministerpräsident arbeiteten in diesem Haus. An sie erinnern noch heute zwei Tafeln am Eingang (noch zu seinen Lebzeiten wurde die Lothringer Straße 1951 in Wilhelm-Pieck-Straße umbenannt, das ehemalige Kaufhaus erhielt damit wieder eine neue Adresse). Das Gebäude hieß nun offiziell „Haus der Einheit“, was auf die Zusammenlegung der kommunistischen und der sozialdemokratischen Parteien hinwies. Während des Arbeiteraufstands am 17. Juni 1953 war es deshalb auch Ziel von Angriffen durch Demonstranten. Im Anschluss daran spielte es eine unrühmliche Rolle in der Verfolgung von Oppositionellen. Die Schauprozesse gegen Aufständische des 17. Juni wurden hier „vorbereitet“, die Todesurteile schon vorher festgelegt. Aber auch andere verheerende Maßnahmen wie Kollektivierung der Landwirtschaft und die Enteignung der Betriebe wurden zum großen Teil in diesem Gebäude beschlossen und organisiert.

Im Jahr 1956 zog das „Institut für Marxismus-Leninismus“ in den Bau ein. Auch das Parteiarchiv der SED, das historische Archiv der KPD sowie mehrerer Massenorganisationen nutzen das einstige Warenhaus.
Mit der Wende kam dann nicht nur das Aus für die DDR, sondern auch für das einstige Parteigebäude. Die Archive wurden ins Bundesarchiv verlagert, die SED-Nachfolgepartei musste das Haus abgeben. Seitdem steht es unter Denkmalschutz. Längst ist es den Erben von Hermann Golluber und Hugo Halle zurückgegeben worden, trotzdem stand es noch jahrelang leer. 2010 zog hier der edle Soho-Club ein. Club, Restaurant, Hotel, Schwimmbad.
Jüdisches Warenhaus in den 1920ern, Hitler-Jugend unter den Nazis, marxistische Lehranstalt in der DDR und nun Wohlfühlort von Reichen. Erneut hat das Gebäude sich der Zeit angepasst.

(Foto: Bundesarchiv)




Mikwe Badehaus

In der jüdischen Gemeinde in Charlottenburg spielte das Badehaus in der Bleibtreustraße 2 eine wichtige Rolle. Das traditionelle jüdische Quellbad, genannt Mikwe, diente der Reinigung von ritueller Unreinheit. Dabei ging es nicht vordergründig um Hygiene, sondern mit dem Untertauchen im Tauchbad sollte die rituelle, eigentlich kultische Reinheit hergestellt werden. Früher gehörten die Mikwes zu vielen Jüdischen Gemeinden, mittlerweile jedoch werden sie fast nur noch von Orthodoxen genutzt.

Das Haus in der Bleibtreustraße war seit seiner Errichtung um 1896 ein ganz normales Wohnhaus mit typischer Berliner Mischung: Arbeiter neben Akademikern, Angestellte und selbstständige Handwerker neben Kaufleuten und Soldaten. Es gab mehrere Gewerbebetriebe, eine Gastwirtschaft, eine Bäckerei, Werkstätten.
1926 kaufte die Jüdische Gemeinde das Gebäude und eröffnete dort im Jahr darauf das Tauchbad. Es wurde im Erdgeschoss sowie dem Keller des Hauses eingebaut, mit je einem Regenwasser- und einem Tiefwasserbassin sowie drei Tiefbädern. Diese wurden durch einen großen Boiler erwärmt. In den Räumen im Erdgeschoss wurden sechs Badewannen aufgestellt, außerdem die Warte- und Umkleideräume eingerichtet.

Viele Vorschriften bestimmten den Ablauf der rituellen Waschungen. Die Bäder mussten in fließendem Wasser oder in Regenwasser erfolgen. Ein Mindestinhalt des Tauchbeckens von 800 Litern und eine Tiefe von sieben Stufen waren Vorschrift. Unter dem Beten von Segenssprüchen mussten sich die Badegäste dreimal untertauchen. Die Mikwe in der Bleibtreustraße hatte zwei Klassen, mit Eintrittspreisen von 2,00 bzw. 3,50 Mark im Jahr 1931.
Die Öffnungszeiten des Bads richteten sich montags bis donnerstags nach dem Einbruch der Dunkelheit. Freitags öffnete das Bad zweieinhalb Stunden vor Beginn der Sabatfeier, die sich abhängig vom Erscheinen des Abendsterns von Woche zu Woche um eine Viertelstunde verschob.

Im Hof hinter dem Haus stand ein Regenwasserbecken zur rituellen Reinigung des Geschirrs und der Haushaltsgeräte. Diese Handlungen werden Tauweln oder Kaschern genannt, nach altem jüdischen Brauch werden die Gegenstände vor der erstmaligen Benutzung oder nach der Berührung mit religionsgesetzlich verbotenen Speisen reingewaschen. Dies geschieht eine Stunde vor Badebeginn.

1935 zog auch das Jüdische Wohlfahrts- und Jugendamt in das Haus, 1936 folgte die Jüdische Allgemeine Zeitung. Jedoch musste die Gemeinde das Haus 1942 zwangsweise an Erika Brümmel verkaufen, der Witwe des Bürgermeisters von Mitte, Walter Brümmel. Die Gestapo beschlagnahmte den Verkaufserlös.
Die Nazis deklarierten das Gebäude zum “Judenhaus”, in das woanders entmietete Juden zwangseinquartiert wurden. 20 Bewohnerinnen und Bewohner sind namentlich bekannt, die von dort deportiert und fast alle in Konzentrationslagern ermordet wurden. Ihre Namen und Daten sind heute vor Ort dokumentiert.

1943 wurde die Bleibtreustraße 2 durch alliierte Bomben größtenteils zerstört. Nach dem Krieg, ab dem Jahr 1951 versuchte die neu gegründete Jüdische Gemeinde wenigstens das “arisierte” Grundstück zurückzubekommen. Sie (bzw. die Jewish Restitution Successor Organization, an die die Ansprüche abgegeben wurden) klagte gegen Frau Brümmel auf eine Entschädigung. Mehr als zwanzig Jahre zogen sich diese Auseinandersetzungen hin, die ein trauriges Bild werfen auf das Unrechtsbewusstsein mancher Profiteure der “Arisierungen”.

Das Areal wurde danach nie wieder bebaut. 1956 richtete der Bezirk Charlottenburg auf dem mittlerweile von Trümmern befreiten Grundstück einen Kinderspielplatz ein. Zum Gehweg hin entstand eine Pergola.
Im Jahr 2013 gründeten mehrere Nachbarn die Bürgerinitiative “mikwe – kultur begegnungen”. Sie haben auf dem Spielplatz eine Dauerausstellung zur Geschichte des Ortes installiert. Gleichzeitig möchten sie den Platz zum Nachbarschaftstreffpunkt für Lesungen, Konzerte und Kunstaktionen verwandeln.




Reichsvereinigung der Juden

In der Kantstraße 158, gleich neben der Fasanenstraße, stand ein Haus, das aus dem Bewusstsein der Menschen heute völlig verschwunden ist. Hier wurden bis 1943 Details der Deportationen zigtausender Juden aus dem ganzen Deutschen Reich organisiert. Dies jedoch nicht von Nazis, sondern von Juden selbst. Begonnen hatte es schon zehn Jahre zuvor.

Bis 1933 waren Juden nicht unbedingt organisiert. Zwar gab es jüdische Sport- und Kulturvereine und selbstverständlich die religiösen Gemeinden. Überall dort war man natürlich freiwillig Mitglied, aufgrund des Glaubens oder der persönlichen Interessen. Das sollte sich jedoch nach der Machtübergabe an die Nazis ändern.

Im Spätsommer 1933 hatten fast alle bedeutenden jüdischen Organisationen sowie alle größeren Kultusgemeinden eine landesweite gemeinsame Interessenvertretung gegründet, die “Reichsvertretung der Deutschen Juden”. Ihr Präsident wurde der Berliner Rabbiner Leo Baeck. Ihre Ziele waren die Unterstützung des Zusammenhalts, die jüdische Selbsthilfe und – in realistischer Einschätzung der kommenden Verhältnisse – die Vorbereitung der Emigration nach Palästina. Es folgten mehrere erzwungene Namenswechsel (“Reichsvertretung …”, “Reichsverband …”, “Reichsvereinigung der Juden in Deutschland”). 1938 wurde für alle Glaubensjuden die Mitgliedschaft in dem Verband  Pflicht. Er verwaltete die Immobilien derjenigen Gemeinden, die aufgrund der Auswanderung dazu nicht mehr selbst in der Lage waren. Wer in die Emigration ging, musste einen Teil seines Vermögens an den Verband abgeben, der damit verarmte Mitglieder unterstützte. Da Juden in vielen Berufen nicht mehr arbeiten durften, waren viele auf diese Unterstützung angewiesen. Die Reichsvereinigung organisierte auch Schulunterricht, da jüdische Kinder keine staatlichen Schulen mehr besuchen durften. Sie organisierte Kleiderkammern und brachte obdachlose Mitglieder in sogenannten “Judenhäusern” unter.

Am 4. Juli 1939 dann wurde aus der als Interessenvertretung der Juden gegründeten Organisation ein Werkzeug der Nazis. Reichssicherheitshauptamt (RSHA) und Gestapo übernahmen die Kontrolle. Ab sofort war die Reichsvereinigung nur noch Befehlsempfänger der Gestapo. Alle Personen, die nach den Nürnberger Gesetzen als Juden galten, wurden in der Reichsvereinigung zwangsweise eingegliedert. So hatten die Nazis die meisten Juden in einer Organisation unter Kontrolle.
Das RSHA beschrieb die Aufgaben der Reichsvereinigung 1939 so: “Der einzige Zweck der Organisation und der ihr eingegliederten Einrichtungen soll die Vorbereitung der Auswanderung der Juden sein.” Doch aus der Auswanderung wurden zwei Jahren später Deportationen. Bis dahin versuchte der Verband, möglichst vielen Juden bei der Flucht aus Deutschland behilflich zu sein. Ab 1941 jedoch musste er sogar bei den Deportationen mitwirken. Die Mitarbeiter der Reichsvereinigung versuchten dabei, Deportationen zu verzögern, aber letztendlich konnten sie diese nicht verhindern.

Die Mitwirkung des Verbands an den Deportationen ging so weit, dass er sogar entsprechende Listen zusammen stellte. Er stellte eigene Kriterien auf, wer abgeholt werden sollte, stellte Deportationsbefehle zu, und in einigen Fällen holten seine Mitarbeiter die Opfer sogar aus ihren Wohnungen ab. Die Reichsvereinigung organisierte auch die Sammelstellen, von denen die Opfer zu den Deportationsbahnhöfen gebracht wurden.

Doch all das Buckeln half ihnen nichts: Im März 1943 standen die Leitung und die Mitarbeiter der Reichsvereinigung selbst auf den Listen und wurden abgeholt. Die Organisation wurde im Juni aufgelöst, ihre Zentrale in der Kantstraße geschlossen.

Postkarte: ((Quelle der Postkarte: Horst Berkowitz, ein deutsches Schicksal, hrsg. von der Motivgruppe Deutsche Geschichte e.V. („Philatelistische Arbeitsgemeinschaft im Bund Deutscher Philatelisten (BDPh) und im Verband Philatelistischer Arbeitsgemeinschaften (VPhA) mit der Fachstelle Thematische Philatelie“, zuletzt abgerufen am 20. September 2013. Lizenziert unter CC BY-SA 3.0 über Wikimedia Commons – http://is.gd/onYAyx))
Handstempel “Rückantwort nur über die Reichsvereinigung der Juden in Deutschland Berlin-Charlottenburg 2, Kantstr. 158”; maschinenbeschriebene Postkarte vom 14. Mai 1943 von der Mutter Ester aus Theresienstadt an ihren Sohn Horst Berkowitz in der Erwinstraße 3 in Hannover.




Der Rost der Erinnerung

Die Stadtgegend, die man schnell erreicht, wenn man vom Stadtbahn-Bahnhof Tiergarten die Straße Siegmunds Hof nordwärts geht und über den Wullenwebersteg die geschwungene Spree überquert, ist eine ruhige, gesetzte Gegend. Sie besteht aus Häusern, die die Kriegsbomben stehen gelassen haben und solchen aus einer Zeit, in der man sich um das Schminken des Stadtgesichts keine Mühe gab, sondern zufrieden war, wenn die Wunden verbunden waren.
Die Straßennamen schildern in vielen Fällen nicht die Erinnerungen der Stadt, sondern die historischpolitischen Vorlieben jeweiliger Maßgeblicher. “Synagogenstraße” oder “Straße der Verfolgung” heißt die Levetzowstraße jedenfalls nicht oder die Jagowstraße. So könnten sie heißen; denn die aus der gegenständlichen Wirklichkeit verschwundene Synagoge an dieser Straßenecke war eines der Sammellager, von dem aus Deutsche andere Deutsche zur Ermordung abtransportierten.

An dieser Stelle stehe ich jetzt. An dem Mäuerchen gegenüber der Aral-Tankstelle hängen vier verwelkte Kränze: der rechte mit grün-goldener Schleife von den Bündnisgrünen; die beiden mittleren vom Präsidenten des Abgeordnetenhauses und vom Regierenden Bürgermeister; der linke von der Kleist-Schule, die der leeren Stelle benachbart ist.
Die Synagoge, die hier nicht mehr steht, war gebaut 1912 bis 1914 vom Gemeindearchitekten Johann Hoeninger; gerade vor dem ersten Weltkrieg, dem gegenüber sich die meisten jüdischen Berliner als angepasste Deutsche erwiesen. Die Synagoge war ein mächtiger Bau, fast fünfzig mal fünfzig Meter, die dorischen Säulen überragten die Geschosse bis zum hohen Mansardendach, zur Jagowstraße schlossen sich Gemeinde- und Wohnhaus an; dreischiffiger Innenraum, umlaufende Empore, zweitausendeinhundert Sitzplätze, monumentale Orgel. Nun ist hier ein Kinderspielplatz; er ist an diesem Februar-Freitag gut bespielt; man hat guten Blick auf die Balkone der ocker-braunen Wohnanlage in der Agricolastraße. Von dort konnte man also gut beobachten, wie die Synagoge 1938 brannte, wie 1941 bis 1945 die Juden hier zusammengetrieben wurden, wie das Gotteshaus 1945 zerstört und 1955 abgerissen wurde. Aber natürlich konnte man das von anderer Stelle ebensogut sehen. Es gibt allerdings Aussagen von damaligen Schülerinnen der Kleist-Schule, die gar nichts gesehen haben; andere sagen, die Levetzowstraße sei überhaupt abgesperrt gewesen, man kam angeblich gar nicht an die Synagoge ran. Andere kamen zwar rein, aber konnten nicht helfen. Direkt an dem Kinderspielplatz, so dass die hütenden Mütter sie gut lesen können, steht eine große Tafel aus Cortenstahl, die die Vernichtungstransporte aufzählt; davor ein Güterwagen mit marmornen Kunstsymbolen für die hineingepressten und hineingetriebenen Menschen. Ein umstrittenes Denkmal, steht in dem Handbuch; ein eindrucksvolles Denkmal, denke ich; ein eindrucksvolleres, denke ich dann, wäre die Ruine selbst, wenn man stehen gelassen hätte von der Synagoge, was Nationalsozialismus und Krieg übriggelassen hatten und wenn die Christen mit dem jüdischen Gotteshaus getan hätten, was sie am Breitscheidplatz mit einem zerstörten christlichen Gotteshaus getan haben. Aber die demokratisch gewordenen Christen, die Deutschen haben sich überhaupt wenig Mühe gegeben, die Stätten der Opfer wenigstens als Denkmäler ihrer selbst zu erhalten. Unten, in den Boden eingelassen, ist hier an der Levetzowstraße ein Berliner Synagogenverzeichnis eisern zu lesen; vom Baumeister der Levetzow-Synagoge, kann man daraus auch entnehmen, ist eine andere Synagoge ziemlich vollständig erhalten: es ist die Synagoge in der Rykestraße; ein paar Jahre älter als die Levetzow-Synagoge, von der Straße zurückgesetzt, sich von der allgemeinen deutschen Aufmerksamkeit zurückziehend in einer “Wer-weiß-wer-weiß”-Gesinnung, zu der man hier in der Levetzowstraße kurz vor dem ersten Weltkrieg, vor dem selbst der antisemitische Kaiser “nur noch Deutsche” kannte, keinen Anlass mehr zu haben glaubte.

Zu Füßen der schräg aufragenden rostigen Stahlstele, durch die der Himmel die Daten und Zahlen des Massenmordes anzeigt, liegen die zerbrochenen roten Plastikschälchen, in denen die Lichter der Erinnerung zum letzten Gedenk-Anlass brannten. Kinder spielen die eiserne Rampe hinauf, über die sich die Opfer in der Vorstellung derer bewegen, die den bewegungslosen gefesselten Marmor zu lesen verstehen. Draußen brennen die Synagogen, auch das sind Gotteshäuser, hatte der für solche Sätze sein Leben einsetzende Dompropst Lichtenberg gesagt; ich weiß nicht, ob das in der Erlöserkirche am Ende oder am Anfang der Levetzowstraße auch ein Gottesmann gesagt hat. Ich will es in unser aller Interesse einfach annehmen.
Die Erinnerung und das Gedenken, ohne die das Land nicht besteht, brauchen Gegenständliches; keine Ästhetisierung des Grauens (wie zum Beispiel Stelenfelder, von denen der Bundeskanzler wünschen kann, dass sie schön seien). Die Güterwagen verrosten. Allerdings; die Erinnerung vergeht. Eine Zeitlang treten noch die Erinnerungsrepräsentanten auf; der einzige Kranz von denen dort, der zählt, ist vielleicht der der Kleist-Schule. Die Schule hält die Nachbarschaft aufrecht, die der Wirklichkeit gegenüber allerdings nicht geholfen hat. Nach einer gewissen Zeit ist alles Ploetz.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




“Sternberg – das klingt doch sehr jüdisch”

Ich sollte ihn drei Jahre zum Lehrer haben – und die ganze Zeit über hasste ich ihn! Das lag nicht an seinem Sportunterricht, das lag an Breitenstetter selbst.
Wie er an jenem ersten Tag als unser neuer Klassenlehrer mit dem Klassenbuch in der Hand durch die Bankreihen schritt! Ein stolzer Riese vor jämmerlichen Zwergen. Wie er dabei einen Namen nach dem anderen aufrief! Er wolle sich unsere Gesichter einprägen, erklärte er uns, wir sollten ihn dann später prüfen. Wenn er nämlich einmal zu einem Namen ein Gesicht gesehen habe, vergesse er nie wieder, welcher Name zu welchem Gesicht gehöre.
Das imponierte mir noch.
Dann aber rief er Julian auf – uns stutzte: “Sternberg? Ist das nicht jüdisch?”
Zu jener Zeit war es schon zwei Jahre her, seit die Juden von allen staatlichen Schulen verwiesen worden waren. Jule und ich hatten das nur am Rande mitbekommen und auf diese Weise auch erfahren, das “Juden” wohl doch keine Hunde waren, sondern Menschen, die von den meisten anderen nicht gemocht wurden. Tiefer berührt aber hatte uns das nicht; wir waren ja keine Juden. Und so sagte Jule denn auch voller Überzeugung zu Breitenstetter, dass er nicht jüdisch, sondern evangelisch sein. So stehe es ja auch im Klassenbuch.
“Ja, ja, das steht hier.” Breitenstetter runzelte seine hohe, klare Stirn. “Aber Sternberg – das klingt doch sehr jüdisch.”
Alle in der Klasse hielten den Atem an: Jule – einer von diesen Juden, mit denen keiner etwas zu tun haben wollte? Wenn das stimmte, war das ja jetzt wie im Kriminalfilm; der Hansi Schmidt, unser Klassenbester, ein dicklicher, blonder Junge, der viel Angst von den Lehrern hatte, sich ihnen aber trotzdem irgendwie zugehörig fühlte, meldete sich: “Wie haben Sie denn so schnell gemerkt, dass Julian ein Jude ist?”, fragte er voller Ehrfurcht.
Eine Frage, die Breitenstetter freute. Er befahl Jule, vor die Tafel zu treten, so dicht wie möglich, und dann zeichnete er mit der Kreide seine Kopfform nach. Als er damit fertig war, blickte er sich in der Klasse um, entdeckte mich und befahl mir, mich ebenfalls vor die Tafel zu stellen. Er zeichnete auch die Umrisse meines Kopfes nach und wies mit vielen wissenschaftlichen Argumenten nach, dass ich einen ausladenden Hinterkopf, Julian aber einen nur sehr schwach ausgeprägten Hinterkopf habe. “Der Paul ist ein typischer Arier. Er besitzt einen nordischen Langschädel, graublaue Augen und eine gerade Nase. Dem Sternberg hingegen sieht man sein Untermenschentum schon an der nur wenig ausgeprägten Kopfform an. Außerdem hat er sicher Plattfüße. Stünde nicht zu befürchten, dass seine Füße stinken, würde ich euch das vorführen.”
Fast alle lachten und Breitenstetter schickte Jule und mich auf unsere Plätze zurück. “Es gibt aber noch drei weitere Merkmale, an denen man den Juden erkennt”, fuhr er danach fort. “Erstens: die große, hängende Nase, zweitens: die spitzen Ohren, drittens: die wulstigen Lippen.”
Da kuckten auch alle anderen verblüfft: Julian hatte weder eine große, hängende Nase, noch spitze Ohren oder wulstige Lippen.
Breitenstetter sah uns unsere Ratlosigkeit an und lächtelte großzügig. “Das kann man jetzt noch nicht sehen, da der Jude Sternberg noch ein Kind ist. Später, wenn er größer geworden ist, erkennt man seine Jüdischkeit auf den ersten Blick.”
Das war zu viel, dem musste ich widersprechen. Und so meldete ich mich und sagte, das Julians Eltern aber auch keine eine große, hängende Nase, spitze Ohren oder wulstige Lippen hätten.
Grinsend stellter er sich vor mich hin, der groß gewachsene, breitschultrige Mann, sah voller Spott auf mich herab und fragte, ob ich etwa klüger als die Wissenschaft sein wolle. Den Unterscied zwischen der arischen und der semitischen Rasse hätten schließlich Professoren festgestellt. “Und da kommt nun so ein Dreikäsekoch wie du, der noch nicht mal über seine eigenen Schnürsenkel pinkeln kann, und will alles besser wissen?”
Er wollte, dass die anderen wieder lachen, und wurde prompt bedient. …
Breitenstetter wanderte weiter durch die Reihen und setzte seinen Vortrag fort. Dass Juden viel weniger Gehirnmasse hätten als “Arier”, erzählte er uns, dafür aber sehr geschickte Betrüger seien. “Sie verstehen es, uns zu blenden. Damit wir nicht bemerken, wie sie uns bestehlen.”
Er sagte das, blieb vor Jule stehen und fügte an, dass Julian seine Worte nicht persönlich nehmen solle. Schließlich könne er ja nichts dafür, ein Judenbalg zu sein – so wie ein Schwein oder Affe nichts dafür könne, ein Schwein oder Affe zu sein.
Wieder wurde gelacht, einige grunzten belustigt, andere psuteten die Backen auf, um Affengesichter zu schneiden. Jule liefen währenddessen die Tränen herunter und ich heute vor Wut mit.
Wie der Unterricht zu Ende ging, weiß ich nicht mehr. Doch erinnere ich mich noch sehr genau daran, dass Julian an diesem Tag zum ersten Mal gehänselt wurde. “Julian Juuude”, riefen die Kinder ihm nach Schulschluss nach, “Jüdchen, Jüdchen, ab ins Tütchen!” und “Jude Itzig Lebertran hat im Arsch ‘ne Rodelbahn.”
Ich wollte Julian verteidigen und rief zurück: “Selber Juden!” Ein Beweis dafür, dass ich immer noch nicht so recht verstanden hatte, worum es eigentlich ging; ich hielt die Bezeichnung “Jude” für ein Schimpfwort.
Julian war auch nicht klüger. Und so stellten wir uns an diesem Nachmittag auf einen Stuhl, um im Spiegel über der Küchenwasserleitung unsere Köpfe miteinander zu vergleichen. Ein Lehrer war doch ein Lehrer, der durfte doch keinen Blödsinn erzählen. Größere Unterschiede jedoch konnten wir trotz aller Mühen nicht feststellen. …

Klaus Kordon: “Julians Bruder”




Nur Zusehen reicht nicht

Im Oktober finden in Moabit Aktionstage statt. Drei Wochen lang wird öffentlich an die Deportationen von Juden in die Konzentrationslager erinnert. Künstlerinnen und Künstler zeigen teilweise extra dafür produzierte Bilder und Installationen, Musik-, Theater- und Performancegruppen treten auf, Schriftsteller lesen aus ihren Werken, es gibt speziell zu dieser Kampagne entworfene Plakate und andere Veröffentlichungen.
Während dieser Tage wird daran erinnert, dass mehr als die Hälfte der Berliner Jüdinnen und Juden vom Güterbahnhof Moabit aus deportiert wurden. Vorher wurden die meisten von ihnen in einem langen Marsch von der Sammelstelle in der Synagoge Levetzowstraße bis zum Bahnhof in der Quitzowstraße getrieben. Zwei Kilometer weit, vor aller Augen, über die größten Straßen quer durch Moabit.

Die Initiative »Sie waren Nachbarn«, welche die Aktionstage organisiert, möchte während dieser Wochen den gesamten Weg durch den Stadtteil kenntlich machen. Alle sollen sehen, wo mehrere zehntausend Menschen ihren letzten Weg begannen. Ziel ist es, eine dauerhafte Kennzeichnung dieser Strecke zu erreichen, um sie im Bewusstsein zu halten.
Derzeit besteht die Initiative nur aus wenigen Personen. Um die Kampagne mit den Aktionstagen organisieren zu können, benötigen wir tatkräftige Unterstützung. Deshalb erfolgt unser Aufruf, sich an der Vorbereitung der Aktionstage zu beteiligen. Gesucht werden Menschen, die sich vorstellen können, sich praktisch zu engagieren. Notwendig ist nicht fundiertes Expertenwissen, sondern das Interesse, sich einige Monate lang dafür einzusetzen, dass das Leid und die heimtückische Ermordung von so vielen Menschen und die Grausamkeit der Täter nicht in Vergessenheit gerät.
Wenn du gerne bei der Kampagne mitmachen möchtest, melde dich bei uns!

Kontakt: mail@sie-waren-nachbarn.de
www.sie-waren-nachbarn.de
www.ihr-letzter-weg.de




Die Tätowierung

Es ist immer wieder interessant, wenn ich Fahrgäste im Auto habe, die etwas vom alten Berlin erzählen können. Wie der US-Soldat, der in den 70er und 80er Jahren in Lichterfelde stationiert war und mit dem ich rund drei Stunden lang unterwegs war. Wir fuhren die Stätten ab, die er von damals kannte und zum Schluss noch zum einstigen KGB-Gebäude.
Der Mann aber, den ich gestern im Auto hatte, war viel älter. 1918 geboren hatte er die ersten Jahre in Berlin verbracht, im Prenzlauer Berg und in Pankow. Er war Jude, was er aber als Kind nicht bewusst wahrnahm, weil seine Familie säkular war. Synagogen besuchten sie nur, um Freunde oder Verwandte zu begleiten.
Trotz seines hohen Alters war der Mann sehr umtriebig, erzählte die ganze Zeit von den 40er Jahren, als er sich verstecken musste, erst in Berlin, dann auf einem Bauernhof in Mecklenburg. Ende 1943 haben ihn die Nazis erwischt, als er einen Besuch in Berlin machte. »Dabei sah ich doch viel arischer aus als dieser Österreicher mit seinem hässlichen Bärtchen«, lachte er.
Was dann für ihn folgte, war aber nicht lustig. Deportation nach Lodz, dann nach Auschwitz.
Plötzlich schob er den Ärmel seines Mantels hoch und zeigte mir die Tätowierung auf dem Unterarm – seine Nummer aus dem KZ. Ich habe so was zwar schon mal gesehen, vor vielen Jahren bei einer alten Freundin, trotzdem hat es mich geschockt.
»Sie brauchen nicht gleich zu heulen, junger Mann«, sagte er, denn ich war wirklich nah dran. Ich antwortete, dass ich erst vor einigen Tagen in einem Bericht gesehen hätte, dass sich heute in Israel manche Enkel von Holocaust-Überlebenden die Nummer ebenfalls tätowieren lassen, aus Solidarität mit den Großeltern. Der alte Mann fand das interessant und fragte seine junge Begleiterin, wie sie das fände. Es stellte sich heraus, dass sie die Urenkelin von ihm ist und sie fand die Idee klasse. Allerdings geht sie in Tel Aviv noch zur Schule und da sind Tätowierungen verboten.
Dann erzählte der Mann von seinem Lebensweg nach 1945. Er war nach der Befreiung von Auschwitz nach Argentinien übergesiedelt, denn er wollte nur noch weg aus Europa. Seine Frau war schon 1943 im KZ Theresienstadt ermordet worden, ein Sohn und mehrere Verwandte in anderen Konzentrationslagern. 1951 hatte er von Argentinien genug, weil dort immer mehr Deutsche auftauchten: Nazis, die fürchteten, in Europa zur Rechenschaft gezogen zu werden. Er ging nach Israel, wo er bis heute lebt.
»Als ich 1968 das erste Mal wieder in Deutschland war, um meine alte Heimatstadt wiederzusehen, wurde ich aus einem Hotel in Charlottenburg rausgeworfen, nachdem man meinen israelischen Pass gesehen hatte. Und nach Ost-Berlin ließ man mich erst gar nicht einreisen, angeblich wäre ich ein feindlicher Ausländer. Ich habe mir geschworen, nie mehr in dieses Land zurückzukehren. Aber meine Urenkelin hat mich überzeugt, es nochmal zu versuchen. Und es war eine gute Entscheidung. Genau die Richtige!«
Es gibt Fahrten, die einem noch lange danach in Erinnerung bleiben, weil sie so beeindruckend sind. Diese gehört auf jeden Fall dazu.




Wieder Antisemitismus

Gestern wurde der Generalsekretär des Zentralrats der Juden in Deutschland, Stephan Kramer, auf offener Straße bedroht. Kramer vermutet, dass sich der Täter durch ein sichtbares jüdisches Gebetsbuch provoziert gefühlt habe. Erst als Stephan Kramer ihm eine Pistole zeigte, ließ der Täter von ihm ab.
Immer wieder kommt es zu antisemitischen Vorfällen bis hin zu tätlichen Angriffen, darunter der Überfall auf einen Rabbi in Friedenau sowie die Bedrohung von Jugendlichen des  Jüdischen Gymnasiums in Mitte.
Viele Juden scheuen sich, Zeichen ihres Glauben offen zu tragen, wie Davidsterne oder eine Kippa. Vielleicht ist es an der Zeit, sich zum Schutz vor Antisemiten zu organisieren. Wenn anscheinend nur noch eine Bewaffnung davor schützt, angegriffen zu werden, darf auch diese Möglichkeit kein Tabu mehr sein. Natürlich wird es Leute geben, die das ablehnen, weil sie eine Eskalation fürchten. Andererseits kann man nicht von den Opfern verlangen, einfach stillzuhalten. Damit haben die Juden in Europa  schon einmal ihre Erfahrungen gemacht. Es waren keine positiven.




Unterstützer gesucht!

Im Oktober beginnt eine Kampagne, die an die deportierten Juden aus Moabit erinnert. Mit Plakaten, zwei kleinen Ausstellungen und weiteren Aktionen werden einzelne Schicksale vorgestellt, um zu zeigen, dass die Opfer nicht anonyme Aliens waren, sondern einfache, ganz normale Menschen aus der Bevölkerung.
Die Kampagne “Sie waren Nachbarn” wird von einer Privatinitiative organisiert, die kaum Geld zur Verfügung hat. Deshalb hier der dringende Aufruf, für die Aktion zu spenden. Insgesamt wird die Summe von 1.000-2.000 Euro benötigt, was eigentlich nicht viel ist. Trotzdem ist erst ein kleiner Teil des Geldes vorhanden, so dass die Kampagne derzeit auf der Kippe steht.
Wenn Sie die Aktion für eine gute Sache halten, unterstützen Sie sie!
Mehr Informationen:
www.sie-waren-nachbarn.de




Antisemiten in Moabit

Moabit, Sommer 2011. In Vorbereitung auf eine Kampagne zur Deportation von Juden während der Nazizeit laufe ich die Straßen zwischen Spree und Alt-Moabit ab. Ich bin auf der Suche nach “Stolpersteinen“, kleinen Erinnerungstafeln, die im Bürgersteig eingelassen sind. Auf ihnen stehen Daten von Opfern der Naziherrschaft, fast alles Juden.
Am U-Bhf. Turmstraße liegen gleich mehrere im Boden. Während ich die Daten notiere, kommt ein Mann, spuckt demonstrativ auf die Schilder, grinst mich an und verschwindet im Bahnhof. Einen Moment lang bin ich sprachlos. Einen solch offenen Antisemitismus hatte ich nicht erwartet.

In der Bochumer Straße stehe ich wieder an einigen Stolpersteinen. Ein alter Mann, wohl türkischer oder arabischer Herkunft, sitzt neben dem Eingang und betrachtet mich interessiert. Als ich gerade weitergehen will, hält er mich am Arm fest und raunt mir zu: “Gut, dass die weg sind. Das waren Juden”.
Diesmal konnte ich wenigstens reagieren: “Ja richtig. Und die Mörder von damals wollen heute die Türken umbringen.” Er winkt ab und geht an sein klingelndes Handy.

Später noch die Begegnung mit der alten Frau, die mit ihrem Rollator in der Agricolastraße an mir vorbei wackelt: “Schlimm, das alles”, sagt sie und ich stimme ihr zu. Aber sie war noch nicht fertig: “Wie lange sollen wir Deutschen uns denn noch vorwerfen lassen, was die Juden uns angetan haben?”
Mittlerweile war ich richtig wütend. Ich schrie sie an. “Was die Juden getan haben? Sie waren die Opfer, sie wurden vergast! Die scheiß Nazis haben das getan, Deutsche wie Sie!”
Ich weiß nicht, ob dieser Spruch gerechtfertig war, aber in diesem Moment habe ich nicht darüber nachgedacht. Die Frau schaute mich verächtlich an und ging weiter.

Innerhalb von nur zwei Stunden hab ich drei Beispiele antisemitischen Denkens erlebt. Natürlich habe ich damit gerechnet, dass jemand was sagen könnte, aber dass es so massiv sein würde, hat mich überrascht.
Nicht unterschlagen will ich aber auch zwei positive Reaktionen. Eine Mutter erzählte ihrem etwa 10-jährigen Kind, wofür die Stolpersteine da sind. Und das auf eine Weise, dass der Junge das wenigstens ansatzweise verstanden hat.
Und eine mittelalte Dame osteuropäischer Herkunft sprach mich in der Dortmunder Straße an. Sie freute sich über die geplante Kampagne. Ihr Großvater sei als angeblicher Jude in der Ukraine ermordet worden. Zwar war er gar kein Jude, aber sie meinte: “Ich wäre stolz darauf, eine Jüdin zu sein!”

Im Herbst wird die Kampagne “Sie waren Nachbarn” offiziell beginnen. 70 Jahre nach Beginn der Deportationen zeigen mir diese Erlebnisse, dass sie noch immer wichtig ist.




Wo ist der Großvater geblieben?

Ab und zu hat man Fahrgäste, für die man sich richtig Mühe gibt, manchmal sogar über die eigentliche Fahrt hinaus. Solche hatte ich gestern Abend. Es war gegen 21 Uhr am Lustgarten, als mir zwei Englisch sprechende Damen ins Auto stiegen. Die eine Dame war alt, die andere sehr alt. Sie zeigten mir einen Stadtplanausdruck, auf dem eine Adresse  draufgeschrieben war. Kein Problem: Schon nach ein paar Minuten waren wir in der gewünschten Straße. Aber die Nummer gibt es nicht, heute ist dort ein kleiner Park. Das Haus ist wahrscheinlich im Krieg zerstört worden, so wie auch der Bahnhof gegenüber.

Sie erzählten mir, dass sie das erste Mal in Berlin sind, auf den Spuren ihres Großvaters und Urgroßvaters, der zumindest 1939 noch unter der Adresse gewohnt hat und einen Laden betrieb. Die nicht-jüdische Großmutter hatte in diesem Jahr Deutschland verlassen, ihr Mann kam jedoch niemals nach. Als er ausreisen wollte, durfte er nicht mehr, dann verlor sich seine Spur. Die Familie vermutete, dass der Großvater von den Nazis deportiert und ermordet worden war, aber sie wussten es nicht genau. Bis heute haben sie keine Informationen über seinen Verbleib.

Also bot ich den beiden Damen an, weiter zu recherchieren. Noch in der Nacht schaute ich im Gedenkbuch Berlin der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus nach, dort fand ich seinen Namen jedoch nicht. Aber in der Online-Datenbank der Gedenkstätte Yad Vashem, über die man die Opfer des Holocausts recherchieren kann, taucht des Großvaters Name auf. Allerdings steht auch dort nur, dass er vor dem Krieg in Berlin gelebt hat und in einem KZ ums Leben kam. Keine weiteren Daten.
Als Nächstes werde ich im Landesarchiv nachfragen. Mit Hilfe der Adresse könnten sich neue Anhaltspunkte ergeben, was mit ihm geschehen ist. Zwar werden die beiden dann schon wieder in England sein, aber wir bleiben in Kontakt. Ich hoffe sehr, dass ich ihnen noch irgendein Ergebnis besorgen kann. 72 Jahre nach dem Verschwinden.




Haus der Wannsee-Konferenz

Einer der historisch wichtigen Orte Berlins ist sicher das Haus der Wannsee-Konferenz. Es ist zu befürchten, dass mehr Berliner das Strandbad Wannsee kennen, als diese große Villa, die dem Bad genau gegenüber liegt und von dort gut zu sehen ist. Dieses Gebäude gilt als der Ort, an dem die Ausrottung der europäischen Juden durch die Nazis beschlossen wurde. Hier trafen sich vor 60 Jahren, am 20. Januar 1942, führende Mitglieder der SS, der NSDAP, aber auch der Wirtschaft und Vertreter des NS-Staates in den besetzten osteuropäischen Ländern. Einziges Thema war die “Gesamtlösung der Judenfrage in Europa”. Und obwohl das Treffen nur wenige Stunden dauerte, hatte es doch noch grausame Auswirkungen in den folgenden drei Jahren.

Ein Buch zum Haus der Wannseekonferenz, das von den Betreibern der heutigen Gedenk- und Bildungsstätte herausgegeben wurde, räumt allerdings mit der Ansicht auf, die Konferenz wäre für die Vernichtung der europäischen Juden verantwortlich gewesen. Tatsächlich liefen die Entscheidungen darüber über andere Kanäle, die Konferenz diente “lediglich” der Abstimmung des Holocausts, der zu diesem Zeitpunkt schon längst begonnen hatte. Die Konferenz war eine Informations- und Koordinations-Veranstaltung, grundsätzliche Entscheidungen wurden hier nach heutigem Wissen kaum gefällt.
Interessant sind manche Informationen wie die, dass Himmler und Heydrich wenige Wochen vor der Konferenz gegen die Erschießung von 7.000 Juden protestierten – natürlich nicht aus Menschenliebe, sondern weil die Aktion eigene Aktivitäten der SS behinderten. Um solche “Missgeschicke” künftig zu vermeiden, wurde die Konferenz abgehalten.

Das Haus, in dem die Konferenz 1942 stattfand, wurde 1914 erbaut und beherbergte zuerst den Fabrikanten Ernst Marlier. Ab 1921 lebte hier der Unternehmer Friedrich Minoux, der enge Kontakte zu rechtsradikalen Kreisen in Politik und Reichswehr unterhielt und ihnen seine Villa auch für Treffen zur Verfügung stellte. Minoux selber war indirekt in politische Morde an Kommunisten verstrickt, zweifellos war er einer der Wegbereiter des Faschismus. Das hinderte die neuen Machthaber aber nicht daran, ihn später wegen Betrugs anzuklagen, 1940 musste Minoux die Villa verkaufen. Neuer Hausherr wurde die SS bzw. der Sicherheitsdienst, der hier sein Gästehaus einrichtete. Entsprechenden auswärtigen Gästen stand das Haus nun (“für 5,- RM pro Nacht”) samt allem Komforts zur Verfügung. Aber es beherbergte auch schon vor 1940 SD-Einrichtungen, so ab 1937 ein geheimdienstliches Institut.
Gegen Ende des Krieges, als neben der Zentrale des Reichssicherheits-Hauptamtes auch fast die ganze Innenstadt in Trümmern lag, wurden immer mehr Dienststellen zum Wannsee verlagert, die sogenannte Kolonie Alsen von der Waffen-SS zur Festung ausgebaut.

Heute ist in der Villa die Gedenk- und Bildungsstätte Haus der Wannsee-Konferenz untergebracht.




Der Weg der Juden

Als im Mai 2005 das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas eröffnet wurde, war es sehr umstritten. Vorher hatte es eineinhalb Jahrzehnte lang Diskussionen gegeben und das Ergebnis hat vielen nicht gefallen. Dabei ist dieses Mahnmal auf dem ersten Blick gar nicht zu begreifen, man versteht es nur, wenn man es betritt. Dann spürt man, dass es mehr vermittelt als nur einen optischen Eindruck. Um die Aussage des Ortes zu begreifen, muss man sich mit allen Sinnen darauf einlassen, denn es symbolisiert den Weg, den die europäischen Juden während der Nazizeit gegangen sind.

Ich stehe vor dem grauen Ungetüm und bin dabei unschlüssig, was ich davon halten soll. Was erwartet mich in der Zukunft? Was ich schon vor Augen habe ist, dass sie nicht schön ist. Grau, unübersichtlich, eine diffuse Bedrohung. Noch habe ich die Hoffnung, einigermaßen zu überblicken, was da vor mir liegt, langsam gehe ich hinein. Schon jetzt, ganz am Anfang, spüre ich, dass der Weg nicht glatt ist. Es ist unangenehm, darauf zu gehen. Neben mir die ersten Stelen, niedrig noch, aber sie vermitteln bereits eine böse Ahnung. Doch es nützt nichts, ich muss da durch.
Mit jedem Schritt wächst die Wand neben mir immer höher, sie verhindert bereits, mich frei für eine Richtung zu entscheiden. Schon bin ich im gedachten Jahr 1938 angelangt. Der Boden bewegt sich nun bei jedem Schritt. Mal wiegt er sich nach links, dann nach rechts, aber immer geht er auch nach unten. Es ist das Gefühl, eine kaputte Kellertreppen hinab zu steigen.
Längst kann man nicht mehr nebeneinander laufen. Jeder muss seinen Weg allein gehen. Und dieser führt mich weiter rein ins Dunkle. Die Stelen überragen mich nun, bei jedem Schritt wachsen sie weiter. Festhalten geht nicht, weil die Wände glatt sind und abweisend.
Jetzt bin ich im Innern des Felds angelangt. Ich habe die Orientierung verloren, nur manchmal sehe ich ein paar Meter weiter jemanden einen ähnlichen Weg gehen. Diejenigen, die von der Seite kommen, lasse ich vorbei, ohne sie weiter zu beachten. Sie sind Fremde, und jetzt im Jahr 1943 oder ’44 knüpft man keine neuen Kontakte mehr.
Es ist aussichtslos. Um mich herum scheinen die viereinhalb Meter hohen Wände immer näher zu kommen, als wenn sie dich über mir zusammenziehen wollen, um mich einzuschließen, zu begraben.
Ich kriege Panikgefühle, will hier nur noch raus. Und anders als die Menschen damals darf ich es auch.

Draußen setze ich mich auf einen der niedrigen Blöcke und weine. Nie hätte ich erwartet, dass mich der Besuch des Holocaust-Mahnmals so intensiv in diese verdammte deutsche Geschichte hineinzieht. Ich brauche ein paar Minuten, um mich zu beruhigen. Von außen schaue ich wieder auf das Stelenfeld, an dem ich ja schon hunderte Male achtlos vorbei gefahren bin. Es sieht wieder harmlos aus, nicht schön, aber auch nicht wirklich beklemmend. Doch das täuscht.
Der Architekt Peter Eisenman hat es geschafft, den Weg der Juden symbolisch so nachzuzeichnen, dass die persönliche Bedrohung spürbar wird. Es wird lange dauern, bis ich dort nochmal rein gehe.




Traurige Geschichte des Bahnhofs Putlitzstraße

1.500 Menschen wurden durch die Straßen getrieben. Es war ein enger Pulk, an allen Seiten Ketten von SS-Männern, die Befehle schrien und die Masse vorwärts trieb. Viele der Opfer weinten, wahrscheinlich ahnten sie schon ihr Schicksal. Die Straßen mussten gesperrt werden, zu groß war die Menge der Gefangenen, die da in Richtung des Güterbahnhofs Putlitzstraße geschoben und gestoßen wurde. Die Passanten wandten sich ab, vielleicht gab es auch welche, die es richtig fanden und die Häscher anfeuerten. Dass aber jemand protestierte, ist jedenfalls nicht bekannt.

Als im Jahr 1898 an der Putlitzbrücke der Bahnhof für Güter- und Personenverkehr eröffnet wurde, ahnte niemand, welche schreckliche Funktion er einmal bekommen sollte. Zuerst war er nur ein Halt auf dem S-Bahn-Ring, der Güterbahnhof diente dem nahen Kraftwerk Moabit sowie dem Militär und den zahlreichen Gewerbebetrieben in der Umgebung. Doch unter der Rassenpolitik der Nazis erhielt er eine weitere Bestimmung: Er wurde der größte Deportations-Bahnhof Berlins. 1941 hatte die Gestapo in der Synagoge an der Levetzowstraße ein Sammellager für jüdische Bürger eingerichtet. Am Abend des 18. Oktober 1941 wurden das erste Mal etwa tausend Juden von der SS zum Bahnhof Grunewald getrieben, ab dem Frühjahr 1942 zum Güterbahnhof Putlitzstraße, rund zwei Kilometer, quer durch Moabit. Dieses Schauspiel, von dem nachher niemand etwas bemerkt haben wollte, wiederholte sich in den kommenden Jahren immer und immer wieder. Etwa 30.000 Menschen traten hier vom Gleis 69 aus in Viehwaggons die letzte Reise ihres Lebens an. Was dachten die anderen Reisenden, die am S-Bahnhof auf ihre Bahn warteten und das Schicksal der jüdischen Opfer miterlebten?
Der Bahhnof Putlitzstraße bestand aus mehreren Teilen. Ursprünglich hatte er zwei Bahnsteige, der nördlich gelegene, heute noch vorhandene, diente dem Verkehr auf der Ringbahn. Ab 1929 hielten hier die Züge der elektrischen S-Bahn. Direkt daneben befand sich der Bahnsteig der Vorortbahn (Lehrter Bahn). Mit der Zerstörung und Stilllegung des Lehrter Bahnhofs verlor dieser Bahnsteig seine Funktion und wurde abgerissen. Direkt hinter den Personenbahnhöfen befand sich der Güterbahnhof Putlitzstraße.
Ursprünglich hatte der Bahnhof ein imposantes Empfangsgebäude an der Weddinger Seite. Von Moabit aus kam man über einen Holzsteg, der die Gleise überspannte, zum eigentlichen Bahnhof. Dieser Steg wurde 1913 durch eine erste Straßenbrücke ersetzt. Während der gesamten 20er Jahren gab es immer wieder Erweiterungen der Bahnanlage, auch in Richtung des Westhafens.

Das Empfangsgebäude wurde im Krieg schwer beschädigt, genauso wie die Putlitzbrücke. 1966 erfolgte der Abriss der Bahnhofsruine, stattdessen entstand ein neues Gebäude direkt auf dem Ringbahnsteig. Mitte der 70er Jahre wurde der S-Bahnsteig verlängert, oberhalb entstand die neue Putlitzbrücke mit einer sechsspurigen Straße. Deren Bau machte den Abriss der Nachkrieggebäude auf dem Bahnsteig nötig. Die gesamte Zugangssituation wurde verändert, man erreichte den Bahnhsteig nun über zwei Treppenaufgänge von der Straßenbrücke. Gleichzeitig wurde ein Übergang zum bereits 1961 angelegten U-Bahnhof geschaffen. Nur wenige Jahre später, 1980, erfolgte mit der Stilllegung des S-Bahn-Rings auch die Schließung des Bhf. Putlitzstraße und der Abriss seiner Anlagen.
Nach der Wiedervereinigung Berlin sollte auch die Ringbahn wieder hergestellt werden, U- und S-Bahnhof erhielten nun den Namen »Westhafen«. Seit dem 19. Dezember 1999 halten wieder Züge der S-Bahn, am 16. Juni 2002 begann wieder der durchgehende Zugverkehr der Ringbahn.

Auf die dunkelste Vergangenheit des Ortes weist seit 1987 ein stählernes Denkmal hin, das unübersehbar auf der Brücke steht. Seine Form erinnert an ein Grabmal, von dem eine Treppe in den Himmel führt. Damit niemand vergisst, wohin von hier aus für viele Menschen die Fahrt ging. Und an der Quitzowstraße, zwischen Bau- und Supermarkt, steht unauffällig eine Tafel, die in wenigen Worten über die Geschichte des Ortes informiert.

STUFEN /
DIE KEINE /
STUFEN /
MEHR SIND /
EINE TREPPE /
DIE KEINE TREPPE MEHR IST /
ABGEBROCHEN /
SYMBOL DES WEGES /
DER KEIN WEG MEHR WAR /
FUER DIE /
DIE /
UEBER RAMPEN /
GLEISE /
STUFEN /
UND TREPPEN /
DIESEN LETZTEN WEG GEHEN MUSSTEN /
VOM BAHNHOF PUTLITZSTRASSE /
WURDEN IN DEN JAHREN /
1941 – 1944 /
ZEHNTAUSENDE JUEDISCHER MITBUERGER BERLINS /
IN VERNICHTUNGSLAGER /
DEPORTIERT /
UND /
ERMORDET




Das Schicksal der Berliner Juden während der Nazizeit

Am 30. Januar 1933, dem Tag, an dem Hitler die Macht übergeben wurde, lebten in Deutschland etwa 500.000 Juden – 160.000 von ihnen fielen dem Nazi-Terror zum Opfer.

Dieser Terror setzte früh ein. Er begann mit dem Boykott jüdischer Geschäfte – “Kauft nicht bei Juden” (1. April 1933) -, wurde fortgesetzt auf dem “Reichsparteitag” der Nazis am 15. September 1935, als die Nürnberger Gesetze verkündet wurden – darunter das berüchtigte “Gesetz zum Schutze des deutschen Blutes und der deutschen Ehre” -, und gipfelte (vorläufig) in der Pogromnacht vom 9. November 1938, als in Deutschland 7500 jüdische Geschäfte und Kaufhäuser demoliert, 190 Synagogen in Brand gesetzt und 25.000 jüdische Bürger verhaftet, misshandelt oder umgebracht wurden.

Das alles aber war nur Vorspiel. Zu jener Zeit hofften die Nazis noch, die jüdischen Mitbürger vertreiben zu können – allerdings nicht, ohne sie zuvor bis auf den letzten Pfennig ausgeraubt zu haben. Eine Politik, die Folgen hatte. So flohen bereits 1937 – noch vor der Pogromnacht vom 9. November 1938 – 23 000 Juden aus Deutschland, 1938 folgten 33.000, 1939 75.000 Menschen. 1940 wurde nur noch 15.000 Juden die Ausreise gestattet, 1941 – dem letzten Jahr, in dem eine legale Ausreise möglich war – 8000.

In Berlin lebten 1933 etwa 170.000 Juden – Anfang 1940 waren es noch 80.000. Nach dem Beginn der Deportationen dezimierte sich diese Zahl dann immer mehr. Im März 1943 wurden nur noch 27.250 Juden gezählt, im April 1943 18.300, im Juni 1943 6800.

In der deutschen Reichshauptstadt wurden die jüdischen Menschen mit großer Erbarmungslosigkeit gejagt. Hier hatte die Nazis deren politische, ökonomische, künstlerische, gesellschaftliche und physische Präsenz schon immer besonders gestört. Mit dem Beginn der Deportationen im Jahre 1941 flüchteten dennoch viele Juden aus dem gesamten deutschen Reichsgebiet nach Berlin. Inmitten von vier Millionen Menschen und dutzenden deutlich voneinander abgegrenzten Wohngebieten, Geschäfts- und Industrievierteln, Parks und Stadtwäldern hofften sie leichter untertauchen zu können als in einer Kleinstadt. Und natürlich waren diese “U-Boote” in der offiziellen Statistik der Nazis, die die Stadt am 16. Juni 1943 wider besseres Wissen für “judenrein” erklärten, nicht erfasst.

Nachdem den Juden jede Ausreise verboten war, konnten die Deportationen rasch vor sich gehen. Und so gingen in ganz Deutschland und in allen von den Deutschen besetzten Gebieten Monat für Monat tausende Menschen auf Transport – Männer und Frauen, Greise und Kinder. Bereits im Frühjahr 1942 war die deutsche jüdische Bevölkerung auf ein Viertel ihrer ursprünglichen Zahl reduziert. Und dieser Prozess wäre sicher noch rascher verlaufen, hätte die deutsche Wehrmacht nicht darauf bestanden, dass die in kriegswichtigen Firmen beschäftigten “Rüstungsjuden” so lange an ihrem Arbeitsplatz verblieben, bis Ersatz gefunden war. Der “Ersatz” fand sich in den nach Deutschland verschleppten Zwangsarbeitern aus den von der Wehrmacht besetzten Gebieten.

Die Berliner Juden wurden in 63 so genannten “Ost-Transporten” und 117 “Alterstransporten” größtenteils direkt in die Todesfabrik Auschwitz (35.738 Menschen) oder erst einmal in das KZ Theresienstadt (etwa 15.000 Menschen) und andere Lager deportiert. Insgesamt fielen 55.696 von ihnen der Nazi-Mordmaschinerie zum Opfer. Sie wurden in Gaskammern ermordet und nach ihrem Tod “verwertet”: Ihnen wurden die Zähne gezogen, um das Zahngold herausschmelzen zu können, ihre Knochen wurden zu Dünger, ihr Körperfett zu Seife verarbeitet. Ein Schicksal, das sie mit 6 Millionen anderen europäischen Juden teilten.

Und diese Mordmaschinerie funktionierte bis zum Schluss. Der letzte Zug von Berlin nach Auschwitz ging am 5. Januar 1945 ab, der letzte Transport nach Theresienstadt (117 Deportierte) am 27. März 1945. Die Maschinerie konnte funktionieren, weil es unter der nichtjüdischen Bevölkerung keinerlei ernsthaften Widerstand gegen diesen Massenmord gab. Die beliebte Entschuldigung – nach dem Krieg öfter gebraucht -, man hätte von all diesen Morden nichts gewusst, darf als Schutzbehauptung aus schlechtem Gewissen gewertet werden. Wenn sicher auch nur wenige Menschen wussten, was wirklich in den Lagern geschah – wie ihre jüdischen Mitbürger drangsaliert, wie sie immer mehr entrechtet und schließlich abtransportiert wurden, konnte jeder sehen. Die Wahrheit ist, dass die Mehrheit der nichtjüdischen Bevölkerung dem Schicksal der Juden eher gleichgültig gegenüberstand und andere lieber wegsahen, um sich nicht selbst zu gefährden.

Nur 6500 Berliner Juden überlebten die Nazi-Diktatur: Männer und Frauen, die durch ihre “privilegierte Mischehe” geschützt waren, Mitarbeiter des Jüdischen Krankenhauses im Stadtteil Wedding (dort war bis zum Ende des Krieges die Pathologie als letztes Sammellager in Betrieb) und des Jüdischen Friedhofs Weißensee und etwa 1200 “U-Boote”. Keiner dieser “Untergetauchten” jedoch hätte überleben können, wenn er nicht die Hilfe mindestens eines Nichtjuden gehabt hätte; Menschen, die ihr eigenes Leben riskierten, um anderen zu helfen. Nur etwa 2000 der fast 60.000 in die Nazi-KZ deportierten Berliner Juden kamen aus den Lagern zurück.

Mit freundlicher Genehmigung von Klaus Kordon aus seinem Buch “Julians Bruder”




Die Kinder von Izieu

Damit auch immer klar bleibt, wessen Geistes Kind die Neonazis von heute sind:
Sie war’n voller Neugier, sie war’n voller Leben,
Die Kinder, und sie waren vierundvierzig an der Zahl.
Sie war’n genau wie ihr, sie war’n wie alle Kinder eben
Im Haus in Izieu hoch überm Rhonetal.
Auf der Flucht vor den Deutschen zusammengetrieben,
Und hinter jedem Namen steht bitteres Leid,
Alle sind ganz allein auf der Welt geblieben,
Aneinandergelehnt in dieser Mörderzeit.
Im Jahr vierundvierzig, der Zeit der fleiß’gen Schergen,
Der Spitzel und Häscher zur Menschenjagd bestellt.
Hier wird sie keiner suchen, hier oben in den Bergen,
Die Kinder von Izieu, hier am Ende der Welt.

Joseph, der kann malen: Landschaften mit Pferden,
Théodore, der den Hühnern und Küh’n das Futter bringt,
Liliane, die so schön schreibt, sie soll einmal Dichterin werden,
Der kleine Raoul, der den lieben langen Tag über singt.
Und Elie, Sami, Max und Sarah, wie sie alle heißen:
Jedes hat sein Talent, seine Gabe, seinen Part.
Jedes ist ein Geschenk, und keines wird man denen entreißen,
Die sie hüten und lieben, ein jedes auf seine Art.
Doch es schwebt über jedem Spiel längst eine böse Ahnung,
Die Angst vor Entdeckung über jedem neuen Tag,
Und hinter jedem Lachen klingt schon die dunkle Mahnung,
Dass jedes Auto, das kommt, das Verhängnis bringen mag.

Am Morgen des Gründonnerstag sind sie gekommen,
Soldaten in langen Mänteln und Männer in Zivil.
Ein Sonnentag, sie haben alle, alle mitgenommen,
Auf Lastwagen gestoßen und sie nannten kein Ziel.
Manche fingen in ihrer Verzweiflung an zu singen,
Manche haben gebetet, wieder andre blieben stumm.
Manche haben geweint und alle, alle gingen
Den gleichen Weg in ihr Martyrium.
Die Chronik zeigt genau die Listen der Namen,
Die Nummer des Waggons und an welchem Zug er hing.
Die Nummer des Transports mit dem sie ins Lager kamen,
Die Chronik zeigt, dass keines den Mördern entging.

Heute hör’ ich, wir soll’n das in die Geschichte einreihen,
Und es muss doch auch mal Schluss sein, endlich, nach all den Jahr’n.
Ich rede und ich singe und wenn es sein muss, werd’ ich schreien,
Damit unsre Kinder erfahren, wer sie war’n:
Der Älteste war siebzehn, der Jüngste grad vier Jahre,
Von der Rampe in Birkenau in die Gaskammern geführt.
Ich werd’ sie mein Leben lang sehn und bewahre
Ihre Namen in meiner Seele eingraviert.
Sie war’n voller Neugier, sie war’n voller Leben,
Die Kinder, und sie waren vierundvierzig an der Zahl.
Sie war’n genau wie ihr, sie war’n wie alle Kinder eben
Im Haus in Izieu hoch überm Rhonetal.

Reinhard Mey

Mehr:
Wikipedia




Die alte Neue Friedrichstraße

Wenn ich die Neue Friedrich­straße, die nicht gepflastert ist, weil es sie nicht mehr gibt, von der Burgstraße aus weiter gehen will, muss ich zwischen den Hochhäusern an der Spandauer Straße hindurch. Sie sind von Röro-Gerüstbau mit blau geklebten Planen eingehüllt wie von einem bürokratischen Christo.
Rechter Hand liegt das Gebäude der Wirtschafts-Wissenschaftlichen Fakultät der Humboldt-Universität, gebaut als Handels-Hochschule, 1906 durch eine private Initiative, als der Staat noch nicht glaubte, dass Kaufleute akademische Bildung haben sollten. Damals, in privater Hand, war das eine hochmoderne Schule, heute, in der Hand des Berliner Senats, sieht’s hier nicht aus wie in einer zentralen Ausbildungs-Stätte eines aufstrebenden Landes.
Ich trinke in der Behelfsmensa einen Kaffee und füge für einen Augenblick die Melancholie, die mir mein eigenes Alter vermittelt, der Melancholie hinzu, die die Geschichte des Ortes als grauen Staub auf den falschen Marmor legt. (Den Staub erzeugen in Wirklichkeit Handwerker, die zu lauter Zeitgeistmusik aus ihren Radios die Gegenwart erneuern. Als ich mich von der Maurermusik entferne, zurück in die imaginäre Neue Friedrichstraße, verformen meine Einbildungen den Technorock für eine kurze Weile zu einem schwebenden Orgelklang.)
Hinter den Hochhäusern an der Spandauer Straße finde ich ein Haus, das wirklich noch an der Neuen Friedrichstraße gestanden hat. “Hier baut Heitkamp schlüsselfertig”, die Baufirma verspricht, aus dem Altbau ein ,”Bistroant” zu machen. Das Wort ist mir neu, ich habe es noch nie gehört; es wird nicht in meinen Sprachschatz vordringen, es geht mir zu schwer über die Zunge.
Auch gegenüber hat ein Haus überlebt, an dem man die Fluchtlinie der Neuen Friedrichstraße noch ablesen kann: das Bistro Rosenstraße; daneben RTL: Mit fünf Schüsseln auf dem Dach fangen sie aus dem Himmel die Nachrichten herunter, die sie unten zu “Kommunikation” verarbeiten. Die Kommunikations-Werkstatt steht Schulter an Schulter mit einem Gebäude, das aus der deutschen Geschichte in die Berliner Gegenwart hineinragt, viel direkter als man ihm zugestehen will.
Mitte 1933 lebten in Berlin 161.000 jüdische Bürger, 1939 waren es noch 75.000. Mit dieser Zahl beendet die mit Senats-Unterstützung zur 750-Jahr-Feier der Stadt erschienene “Geschichte Berlins” ihre statistische Revue und schweigt über das Folgende.
Nun begannen die Züge zu rollen. Am 11. Juli 1942 verließ der erste Reichsbahnzug mit 210 Berliner Jüdinnen und Juden den Bahnhof Grunewald direkt ins Mordlager Auschwitz. Der letzte fuhr am 31. März 1945. Viele Berliner haben diesen Morden Beihilfe geleistet, widerstanden haben wenige. Die große Volksgemeinschaft der Täter hat hernach schnell die Entschuldigung verbreitet: Widerstand sei unmöglich und zwecklos gewesen.
Der Platz, an dem ich jetzt ein wenig abseits von der verschwundenen Neuen Friedrichstraße in der Rosenstraße stehe, versendet eine andere Botschaft. Wir müssen sie nicht aus den fernen Kommunikations-Himmeln herabholen. Sie steigt aus der gequälten Erde auf und sinkt von den düsteren Mauern herab.
1943 haben hier Berliner Frauen Tag und Nacht vor dem Haus gestanden, in dem Berliner Polizei ihre jüdischen Männer zum Abtransport “gesammelt” hatte. Dieser Widerstand jedenfalls war möglich gewesen, der Protest war erfolgreich, fast alle Verhafteten haben überlebt. Gerade deshalb vergäße man das Datum wohl gern.
“Die Deutschen wollen und können mit dem Holocaust nicht umgehen, sie wollen von ihrer Schuld nichts wissen, niemand will daran erinnert werden”, sagt die Bildhauerin Ingeborg Hunzinger. Von ihr stammt das Denkmal, das dem denkmalswürdigen Haus gegenüber auf der kleinen Wiese steht; vor dem gelben Bauzaun sieht es aus wie Baumaterial, auf das man nicht mehr so großen Wert legt.
Das Haus der versuchten Untat wirkt auf mich, als befände es sich nun selbst im Strafvollzug. 1997, hat man vor Jahresfrist gehört (von dem Ex-Senator Nagel, der gerade das Adlon so wieder aufbaut, wie es auch in den bösesten Zeiten ausgesehen hat), 1997 soll der Platz “würdiger” gestaltet werden. Es geht gar nicht um Würde. Es geht um Lehre und Lernen. Berlin hat zur Zeit wenig Zeit für die Lehr- und Lernstunden, die im Curriculum seiner Geschichte reichlich ausgewiesen sind. Erst brauchen wir viele neue Bistroants und Büros, dann müssen wir die vielen neuen Büros vermieten, dann werden alle tot sein, die noch an ihr eigenes Leben denken müssen, wenn der historische Untergrund vermessen wird, auf dem diese neue Metropole wachsen soll. Die meisten gehen jetzt schon über die deutsche Geschichte, ohne sie unter dem Beton der Gegenwart noch zu spüren.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Julians Bruder

Klaus Kordon hat in seinen Romanen schon vielen Jugendlichen die deutsche Geschichte spannend und detailreich nahegebracht. Dazu gehört auch “Julians Bruder”, die Geschichte zweier Freunde in Berlin, die gemeinsam und doch auf sehr unterschiedliche Weise zwei Zeitabschnitte sehr tragisch erleben. Julian ist Jude, Paul nicht, und mitten in der Nazizeit ist das plötzlich nicht mehr unwichtig. Sie erleben, wie die Faschisten in Form z.B. ihrer Lehrer sehr tiefe Gräben ziehen und ihre Freundschaft torpedieren.
Im Bombenhagel dann kämpft jeder ums Überleben, doch mit dem Einmarsch der sowjetischen Armee und der Befreiung vom Faschismus ist der Horror noch nicht vorbei. Beide kommen erst in den Keller des Rathauses Prenzlauer Berg, ins Gefängnis und zum Verhör. Danach geht es nach Buchenwald, in das einstige Nazi-KZ, in dem die russische Armee ab 1945 ebenfalls ein Lager betreiben. Hier erleben sie wieder Terror und harte Entbehrungen.
Klaus Kordon beschreibt diese beiden Teile unserer Geschichte so intensiv, dass man kaum in der Lage ist, das Buch wegzulegen, bevor man es zu Ende gelesen hat. Zwar ist es “offiziell” wie alle seiner Werke ein Jugendbuch, aber es fesselt Erwachsene genauso.




Alien Hitler

In unserem Land gibt es einen sehr merkwürdigen Reflex: Immer wenn irgendwo in den Medien von Hitler oder der Nazizeit die Rede ist, ohne dass ein Mindestmaß an Betroffenheit oder Verurteilung angehängt wird, ist sofort von Verharmlosung die Rede. Selbst wenn ein jüdischer Regisseur einen satirischen Film macht, in dem der Holocaust eine Rolle spielt, wird ihm Antisemitismus oder mindestens auch Verharmlodung vorgeworfen.
“Darf man über Hitler lachen?” wurde gefragt, als Helge Schneider seine Nazi-Verarsche in die Kinos brachte und die ewigen Bedenkenträger antworteten natürlich mit Nein. Es sind die gleichen Leute, für die anscheinend alles verdammenswert ist, was die Nazis nicht automatisch mit der Keule runtermacht. So auch aktuell beim Kinofilm “Der Vorleser”, in dem eine frühere KZ-Aufseherin doch tatsächlich als Mensch dargestellt wird. Es gilt manchen Kritikern schon als Verharmlosung, wenn man Nazis nicht nur als teufelsgleiche Bestien präsentiert, sondern eben als Menschen, die in der damaligen Gesellschaft aufgewachsen und sozialisiert wurden.
Ähnliche Kritik gab es auch, als der Film “Schindlers Liste” ins Kino kam. Angeblich wurde darin ein Ex-Nazi, Kriegs- und Deportationsgewinnler reingewaschen und glorifiziert. Wen interessiert es da, dass Schindler in der Realität 1.100 Menschen das Leben gerettet hat. Klar, dass auch Stauffenberg in “Operation Walküre” sein Fett wegkriegt. Doch auch Filme mit tonnenschwerem Tiefgang haben bei den wahren Antifaschisten keine Chance. Als “Der Untergang” die letzten Tage in der Reichskanzlei nachzeichnete, lautete die Kritik wieder mal, Hitler würde zu menschlich dargestellt. Ja, wie denn sonst? War er denn kein Mensch? Natürlich ist er für den Tod von Millionen Juden und Kriegsopfern verantwortlich, mit sogenannter Menschlichkeit hat das natürlich nichts zu tun. Soweit man heute weiß, war Hitler trotzdem kein Alien von einem anderen Stern, sondern Teil der Gesellschaft damals, natürlich einer grauenvollen Gesellschaft, immerhin haben Abertausende mitgemacht. So wie die Massenmörder in China, der Sowjetunion oder viel später auch in Ruanda. Es ist gerade wichtig, zu zeigen, dass “das Böse” nicht von außen über das Land kam, sondern sich aus der eigenen Gesellschaft entwickelt hat. Die Folterer in den SA-Kellern, die Parteibonzen, die KZ-Aufseher und die Beamten, die den Nachlass ermordeter Juden verwalteten, all sie waren ganz normale Bürger, Nachbarn, privat vielleicht sogar sympathische Leute.
Die Nazis von damals als Menschen zu zeigen, ist keine Verharmlosung. Aber so zu tun, als hätten sie nichts mit dem damaligen Deutschland zu tun, ist dumm. Gerade dies verharmlost die Gefahr, die auch heute noch besteht. Die Erfahrungen von Srebrenica 1995 zeigen, dass auch heute einfache Bürger Massaker anrichten können. Faschismus kommt von innen. Und er kann sich jederzeit wiederholen, wenn die Umstände entsprechend sind. Das verhindert man nicht, indem man ihn tabuisiert.




Versteckt in Berlin

Eine Geschichte von Flucht und Verfolgung: Noch immer sind es die Erinnerungen aus der Nazizeit, die einem den Atem rauben. Meist aus Abscheu oder Traurigkeit. Manchmal aber staunt man auch nur, was damals möglich war, auch hier, im Herzen der NS-Bestie, mitten in der Hauptstadt der Faschisten. Dazu gehört auch die Geschichte des 20-jährigen Dagobert Lewin.
Der junge Jude ist bereits verheiratet, und  auch ein Kind ist da. Als die Deportationen alltäglich werden, beschließen sie unterzutauchen. Ab 1943 leben die Drei  bei wechselnden Helfern, die der Familie aus ganz unterschiedlichen Gründen helfen. Da ist der einstige Arbeitskollege aus der Fabrik, ein Alkoholiker aus Kreuzberg, ein blinder Kommunist, Zeugen Jehovas und ein katholisches Ehepaar aus Lübars. Eine Weile geht es gut, doch kurz vor dem Ende der NS-Zeit werden sie erwischt. Während seine Frau Ilse Lewin mit ihrem Sohn nach Bergen-Belsen deportiert wird, kann Dagobert nochmal untertauchen. Er überlebt die letzten Wochen bei Freunden, die selber illegal wohnen – ausgerechnet im Haus einer NSDAP-Dienststelle.
Nach der Befreiung geht Lewin in die USA, wo er unter dem Namen Bert Lewyn lebt. Dort hat er nun auch, zusammen mit seiner Schwiegertochter, seine Geschichte aufgeschrieben.

Bert Lewyn, Bev Saltzman Lewyn:
Versteckt in Berlin
Eine Geschichte von Flucht und Verfolgung
19,00 EUR