Erst Kroll-Oper, dann Skulpturen

Gegenüber des Reichstags, heute befindet sich dort das Tipi, stand einst die Kroll-Oper, von der jedoch nichts mehr zu sehen ist. Der preußische König Friedrich Wilhelm IV. hatte den Unternehmer Joseph Kroll mit dem Bau eines Veranstaltungskomplexes beauftragt. Nach nur zehn Monaten Bauzeit wurde 1844 die schlossartige Anlage eröffnet, die aus einem mehrgeschossigen Mittelteil und zahlreichen Flügeln und Wintergärten bestand. Bis zu 5.000 Menschen fanden hier gleichzeitig Platz. Es gab drei große Säle, darunter der besonders prunkvoll ausgestattete „Königssaal“ sowie 14 größere Gesellschaftsräume. Die eben erst eingeführte Gasbeleuchtung erleuchtete die Räume, was damals einer Sensation gleichkam.

In den Folgejahren fanden in der Kroll-Oper hunderte Veranstaltungen sehr unterschiedlicher Art statt. Es gab natürlich Opernaufführungen, aber auch Maskenbälle, Theater, Zirkus. Nachdem die offenbar nicht ganz sachgemäß betriebene Gasbeleuchtung 1851 das gesamte Gebäude in Brand gesteckt und bis auf die Grundmauer niedergebrannt hatte, wurde es schon ein Jahr später neu aufgebaut.
Man setzte nun auf anspruchsvollere Opern, trotzdem kam das Haus nicht aus seinen roten Zahlen und wurde mehrfach verkauft. 1896 wurde es an die „Königlichen Schauspiele“ vergeben und damit in staatliches, preußisches Eigentum.
Kaiser Wilhelm II. wollte an Stelle der Kroll-Oper ein prunkvolleres und größeres Opernhaus errichten lassen. Tatsächlich begannen 1913 erste Abrissarbeiten, die aber mit dem Ausbruch des 1. Weltkriegs gestoppt wurden. Während des Kriegs diente das Gebäude als Lagerhaus.

Ab 1918 gab es neue Pläne, u.a. für ein Volksopernhaus. Sie scheiterten, so wie auch wenig später die Vergrößerung durch den „Verein der Berliner Volksbühne“. Wieder nahm der Staat die Oper in Besitz, ab 1924 diente es als Filiale der Staatsoper Unter den Linden.
Die Geschäfte liefen wie immer schlecht und in Zeit der Wirtschaftskrise erst recht. 1931 fand in der Kroll-Oper die letzte Vorstellung statt und stand in der Folge zwei Jahre lang leer.

Nach der Machtübergabe an die Nazis erwachte die Kroll-Oper wieder zum Leben. Am 19. Februar 1933 gab es dort den antifaschistischen Kongress „Das freie Wort“, an dem 900 liberale, sozialdemokratische und kommunistische Politiker und Bürger teilnahmen. Darunter Ernst Reuter, Carl von Ossietzky, Theodor Lessing und Alfred Döblin. Am Abend stürmte die Polizei das Gebäude, beendete die Veranstaltung und nahm zahlreiche Teilnehmer fest.

Als neun Tage später gegenüber der Reichstag niederbrannte, zog das Parlament in die Kroll-Oper ein. Eine Woche später erhielten die NSDAP und die mit ihr verbundene Deutschnationale Volkspartei die Mehrheit bei der Reichstagswahl. Ende 1933 bestand der Reichstag nur noch aus Nationalsozialisten, ein Parlament wurde in der Diktatur nicht mehr gebraucht.

Ab und zu nutzten die Nazis aber die Kroll-Oper noch, meist für medienwirksame Auftritte. So wurde dort am 18. April 1934 die erste Fernsehübertragung in Deutschland durch den Fernsehsender Paul Nipkow der Öffentlichkeit vorgestellt.
Am 1. September 1939 verkündete Adolf Hitler hier den Überfall auf Polen und damit den Beginn des 2. Weltkriegs. Bei der Kriegserklärung Deutschlands an die USA am 11. Dezember 1941 erklärte Hitler in der Kroll-Oper den US-Präsidenten Franklin D. Roosevelt für geisteskrank.

Wenige Monate später bezog die Staatsoper das Gebäude, weil ihr eigenes Opernhaus bei einem Luftangriff schwer beschädigt worden war. Dieses Schicksal traf im November 1943 dann auch die Kroll-Oper. Teile des Hauptgebäudes waren zerstört.

Ab dem Frühsommer 1945 wurden Teile des Komplexes notdürftig wiederhergerichtet und zeitweise gastronomisch genutzt. 1957 jedoch ist der Rest der Kroll-Oper abgerissen worden. Heute erinnert dort nur eine Gedenktafel an sie.

An diesem Ort der Gewalt haben im Winter 1961/1962 junge Künstler aus Europa, Israel, Japan, Österreich und Frankreich Zeichen setzen wollen gegen Krieg und den Mauerbau, der damals erst wenige Monate her war. Die Bildhauer schufen rund 20 Plastiken, die in den Jahrzehnten in die Natur eingewachsen sind. Leider sind nicht mehr alle vorhanden.

Die Aktion der jungen Künstler fand große Unterstützung: Westdeutsche Steinbrüche spendeten die Blöcke und organisierten den Transport nach West-Berlin, die US-Army stellte sie mit einem Kranwagen auf dem Platz auf und der Senat übernahm die Aufenthaltskosten der ausländischen Künstler.

Zum 50. Jahrestag des Mauerbaus kam 2011 noch ein Werk dazu: Ben Wagins Stahlskulptur „Todes Mauer Bruch“ schließt damit die Wunde, die die anderen Plastiken symbolisieren.




Der unbekannte Schneckenberg

Bei Theodor Fontane wird er erwähnt, aber sonst ist er praktisch unbekannt: Der Schneckenberg im Tiergarten. Sicher – für einen Bayern ist die wenige Meter messende Erhebung nichts als ein Hügel, er würde sie vermutlich nicht mal bemerken. Aber Fontane schilderte den Schneckenberg, dessen Reste sich noch heute zugewachsen nahe der Ecke Ebert- und Lennéstraße finden, in seinem Text „Cécilie“:

„Aber Häuser und Menschen in der Lennéstraße. Da hätt ich mir freilich einen anderen Stadtteil und vor allem ein anderes Vis-à-vis suchen müssen. Alles ist so still und verkehrslos hier, als ob es eine Privatstraße wäre mit einem Schlagbaum rechts und links. Sei’s drum; man muß die Feste nehmen, wie sie fallen, und die Straßen auch. Im übrigen wird sich schon was finden, das der Betrachtung aus der Vogelperspektive wert wäre. Das an der Ecke da, das muß der Schneckenberg sein (Erinnerung aus meinen Collège-Tagen her)“.

Fontane ist für seine genauen Betrachtungen bekannt und auch mir ist es unerklärlich, wieso kaum jemand diesen „Berg“ kennt. Ich selber habe ihn schon vor vielen Jahre entdeckt: Mitte der 1980er Jahre lag er direkt an der Mauer, versteckt im Dickicht. Im Durchmesser vielleicht 20 Meter, etwa acht Meter hoch, führte ein kaum noch zu erkennender Weg an die Spitze. Dieser Weg gab dem Hügel vermutlich den Namen.
Er muss einmal freigestanden haben, als er noch nahe der Stadtmauer stand. Vielleicht diente er als Aussichtsplattform? Das würde den gewundenen Weg nach oben erklären. Leider ist darüber nichts Genaues bekannt.

In den 1990er Jahren war der Schneckenberg dann Treffpunkt von jungen Männern, die im Schutz der Büsche schnellen Sex suchten. Nach der Fertigstellung des Tiergartentunnels begann die Neugestaltung des östlichen Teils des Parks. Auch rund um den Schneckenberg wurde breite Wege in die Büsche geschlagen, der einstige Hügel wurde verkleinert und ist jetzt vielleicht noch drei, vier Meter hoch. Und er ist wieder in den Büschen verschwunden, aber wenn man genau hinschaut, kann man ihn noch entdecken.




Nachts im Tiergarten

Im Großen Tiergarten findet man Ruhe, Sonne, hier kann man Sport treiben, auf der Decke liegen, ich habe dort auch schon mehrmals Crossgolf gespielt. Kinder klettern auf Bäume, Rentner sitzen im Rosengarten, Radfahrer brettern durch die Spaziergänger.

Auf einer bestimmten Wiese im westlichen Teil des Parks sieht man in den Sommermonaten nackte Männer liegen, brav auf Badetüchern präsentieren sie sich dort der lachenden Sonne.
Nur hundert Meter weiter treffen sich andere im dichten Gebüsch zum schnellen Sex. Von außen nicht zu sehen, aber wer den ausgetretenen Pfaden ins Dickicht folgt, trifft sie dort zu jeder Tageszeit. Junge Flüchtlinge und Osteuropäer verdienen sich hier einen schnellen Euro, aber auch schwule Pärchen, denen der Weg nach Hause zu lang ist.

Vor allem aber sind es Männer, die sich zufällig dort treffen. Sie sind erregt, auf der Suche nach einem schnellen sexuellen Abenteuer. So richtig geht es jedoch erst am Abend los. Bis in die frühen Morgenstunden hinein bieten sie dem unwissenden Passanten ein merkwürdiges Bild: Wer um Mitternacht dort spazieren geht, wundert sich vielleicht über die vielen Männer, die am Rand stehen. Manche in kleinen Grüppchen, die meisten aber stehen einfach nur da, total unbeteiligt, als wenn sie auf den Bus warten. Einige sind extrem knapp bekleidet, nur mit engem Lederschlüpper oder Turnhose und Muskelshirt. Kommt jemand vorbei, wird er genau taxiert, von oben nach unten. Passt er ins Beuteschema? Kennt man ihn vielleicht? Zeigt er ebenfalls Interesse?

Cool sein ist in dieser Situation das Wichtigste, bloß nicht zu schnell anbeißen. Wenn der andere gezuckt hat, den Blick erwidert, seinen Gang verlangsamt, dann gehen geht es los. Entweder schlendert man ihm unauffällig hinterher oder er selber bleibt stehen, dreht sich um. Man lockt sich gegenseitig. Wenn beide erstmal angebissen haben, begingt die meist kurze Konversation: „Na.“ – „Haste Lust?“ – „Na klar.“

Zusammen gehen sie ein paar Meter den Weg durch den Park, bis eine der vielen Pfade ins Gebüsch führt. Dort verschwinden sie dann, lehnen sich an einen Baum, ziehen sich gegenseitig aus und haben Sex in jeglicher Form. Es stört auch nicht, wenn am nächsten Baum ein anderes Pärchen vögelt, manchmal tun sie sich sogar zusammen, gelegentlich bilden sich ganze Gruppen.

Wenn in einer warmen Sommernacht sehr spät manchmal 100, 200 Männer dort unterwegs sind, geht es auch mal direkt auf dem Weg zur Sache. Das macht die anderen an, die dann mitmachen. Wenn alle fertig sind, verschwinden die Beteiligten zur Straße oder quer durch den Park zur nächsten Bahn.

Ähnlich läuft es auf der anderen Seite der Straße des 17. Juni. Ein kleineres Gebiet, weniger Männer, aber genauso umtriebig. Manchmal treiben sie es auf den Tischtennisplatten, selten nur zu zweit. Da gibt es die harten Kerle, mit ihren am Hintern ausgeschnittenen Lederhosen. Die angetrunkenen türkischen Männer, die tagsüber brave Bürger sind. Manche Studenten kommen mit dem Fahrrad, schleichen über den Rasen und die Wege. Alle haben die Augen überall, besonders in den Neumondnächten, in denen es hier besonders finster ist.

Es gibt den alten dicken Mann, der sich nackt auf die Bank legt und hofft, dass sich jemand an ihm vergeht. Oder die Spanner, die sich um die vögelnden Männer stellen und onanieren. Und bei mancher Husche ahnt man schon, dass es das erste Mal ist, dass er es einfach mal ausprobieren möchte.

Als ich mal als junger Mann dort war, machte die Polizei nachts hier Razzien. Sie umstellte den Park und jagte alle, die sie kriegen konnten. Die bekamen dann Strafanzeigen wegen Erregung öffentlichen Ärgernisses. Dabei war das einzige Ärgernis die Polizei selbst.

Klar kann es auch gefährlich sein. Eine Gruppe von drei, vier arabischen Jungs, zog in diesem Sommer öfters lautstark quer durch diesen Teil des Parks und versuchte, schreckhafte Cruiser einzuschüchtern. Eines Nachts griffen sie jemanden an, der daraufhin um Hilfe rief – und es kamen genug, um den Jungs klarzumachen, dass sie dort nicht mehr erwünscht sind.

Und es gibt die andere Gefahr. Viele praktizieren hier ungeschützten Sex, ihre Geilheit schaltet das Gehirn aus und wenn es am nächsten Tag so komisch juckt oder nach einige Monaten eine HIV-Diagnose kommt, ist es zu spät, um ein Kondom zu benutzen.

Das Cruising nachts im Tiergarten ist für manche die einzige Gelegenheit, Sex zu haben. Sie sind in ihrem Alltag nicht geoutet und gehen auch nicht in Clubs oder Bars. Sie finden hier eine schnelle Befriedigung, anonym und ohne weitere Verpflichtungen. Das kann man moralisch verwerflich finden, aber es bleibt jedem selbst überlassen. Es ist der Vorteil der Großstadt.
Ein guter Freund von mir seufzte kürzlich: „Schade, dass es sowas nicht auch für Heteros gibt“.




Großer Stern

Vergoldete Erektion

Türme eignen sich gut als Erkennungszeichen in Filmen, weil man sie leicht im Hintergrund ins Bild kriegt. Das gilt auch für die Siegessäule auf dem Stern, der dem Stern im Klever Tiergarten nachempfunden ist. Und ohne sie wäre der Stern wenig überzeugend.
Der Stern von Moritz von Nassau in Kleve liegt auf einem Berg, und Moritz hatte in seinem Zentrum noch einen Hügel aufschütten lassen, damit man wirklich gut sehen kann. Und wenn man über die von diesem Punkt ausgehenden Wege schaute, sah man in fast jeder Richtung etwas Schönes. Leider ist dort nun alles ähnlich zugewachsen wie auf der Marienhöhe.
Der große Stern im Berliner Tiergarten ist flach. In einer Richtung erblickt man durch das Brandenburger Tor hindurch den Neubau, der einmal kein Schloss werden soll. In der entgegengesetzten Richtung verliert sich eine schnurgerade Straße nach zwölf Kilometern im Nichts. Bei allen anderen Wegen gab es damals auch nichts Spektakuläres, und das hat sich bis heute nicht geändert.
Da kam Hitler diese Säule gerade recht. Sie stand vor dem Reichstag und ähnelte der Säule auf dem Mehringplatz, dem ehemaligen Belle-Alliance-Platz. Die Säule dort heißt Friedenssäule, aber oben drauf steht die Siegesgöttin Viktoria, breitet die Flügel aus und schwenkt in der rechten Hand einen Siegerkranz. Die Säule, die damals vor dem Reichstag stand, heißt dagegen Siegessäule, hat mit 1870/71 zu tun, ist größer, und oben drauf breitet eine Viktoria die Flügel aus und schwenkt einen Siegerkranz. Suchen Sie die Unterschiede!
Hitler, der sich später mit dem stummelförmigen Schwerbelastungskörper verewigte, fand diese Säule zu klein. Um Mussolini bei dessen Staatsbesuch zu imponieren, ließ er sie ins Zentrum des Großen Sterns umsetzen und erhöhen. Eine Art Staatserektion. Auch ließ er die Straßen dort erheblich verbreitern, damit man später die Love Parade schön feiern konnte. Nur an ein Abfallsystem für Getränkedosen hatte er nicht gedacht.
Damals gab es den Fernsehturm noch nicht, und diese Säule zwischen den beiden Zentren wäre eine Art Mittelpunkt gewesen. Sie hat auch dem Großen Stern einen landschaftsarchitektonischen Sinn gegeben: wenn man von außen, zum Beispiel von der Stadtbahn aus, zum Zentrum des Sterns schaut, sieht man sie. Es ist genau umgekehrt wie in Kleve.
Auch für Männer, die Sex mit Männern suchen, war die Siegessäule seit Jahrzehnten der Mittelpunkt Berlins. Dennoch ist der große Stern verglichen mit einigen anderen weiter oben beschriebenen Orten relativ einseitig.

Aus: Suche nach der Mitte von Berlin




Die Widersprüchlichkeit des Tiergartens

Unser großer Park in der Mitte Berlins strahlt in diesen Monaten wieder in vielen Grüntönen, überall liegen Besucher in knapper Kleidung in der Sonne, die schwulen Männer auf der Tuntenwiese haben sogar meist gar nichts an. Dazwischen spazieren Berliner und Touristen, am Neuen See trinkt die Bundeskanzlerin ihren Milchkaffee, Kinder toben auf dem Spielplatz auf der anderen Seite des Parks, Rentner, Verliebte und Einsame schlendern durch den Rosengarten. Und von vielen Orten aus hat man einen Blick auf die Siegessäule mit dem frisch vergoldeten Engel oben drauf. Eine Idylle.

Doch diese Idylle täuscht. Es ist auch kein Engel, der von der Säule herunter leuchtet, sondern die Siegesgöttin Viktoria, auch Nike genannt. Sie hat weniger mit Turnschuhen zu tun, als mit dem anderen Gesicht des Tiergartens. Dem hässlichen Gesicht. Dem von Militarismus, Krieg, Faschismus und Verfolgung.
Natürlich: In Berlin findet man überall Überbleibsel aus dunklen Jahren, schließlich war hier das Zentrum des Kaiserreichs, den Nazi-Staats und des Kalten Kriegs. Hier im Tiergarten aber konzentriert es sich, auch wenn es kaum jemand wahrnimmt. Es ist eben das typische Berliner “Is halt so”. Und die Steine sind ja nicht schuld am Elend der Geschichte. Also nimmt man es hin, so wie die Kinder 1945 die ausgebrannten Sowjetpanzer als Spielgeräte genutzt haben, so wie ich in jungen Jahren auf brachliegenden Grundstücken nach Knochen von Bombenopfern gebuddelt habe.

Dabei ist der Tiergarten wahrlich ein Geschichtspark. Man muss ihn nur zu lesen wissen. Zum Beispiel die Siegessäule. Man kennt sie als Aussichtsturm, als Mittelpunkt des Parks, als Symbol der Loveparade in dem 1990er Jahren. Dabei erinnert sie an viel Leid, an die Kriege gegen unsere Nachbarn Dänemark, Österreich und Frankreich im 19. Jahrhundert. Es waren die letzten Kriege, die Deutschland gewonnen hat. 1873 wurden sie mit der Siegessäule gefeiert, noch heute sind die vergoldeten Kanonen der besiegten Armeen an der Außenseite des Turms zu sehen. Am Sockel sind Reliefs angebracht, die die drei Einigungskriege und den siegreichen Einzug der Truppen in Berlin im Jahr 1871 zeigen. Über Allem steht Viktoria mit Eisernem Kreuz, Lorbeerkranz und Adlerhelm. Und trotz ihrer martialischen und kriegsverherrlichenden Position wird sie nur respektlos „Goldelse“ genannt.

Eingerahmt wird die Siegessäule von großen Denkmälern, die den Reichskanzler Otto von Bismarck, seinen Generalfeldmarschall Albrecht von Roon sowie den Chef des Generalstabes Helmuth von Moltke zeigen. Allesamt preußische Kriegstreiber, die hier für hunderttausendfachen Tod gefeiert werden.

Als es Preußen noch gab, der Kaiser sich aber eben nach Holland verdrückt hatte, wurde der Tiergarten zum Schauplatz zweier schrecklicher Verbrechen. Im Januar 1919 ermordeten rechtsextreme Freikorps-Offiziere Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht, die eine Republik gründen wollten, in der nicht Adel, Militär und Großkapitalisten das Sagen haben, sondern die Arbeiter und sogenannten “kleinen Leute”. Dafür wurden ihre Körper in den Landwehrkanal geworfen, heute erinnern im Tiergarten kleine Gedenktafeln an sie. Doch anders als Bismarck oder Moltke kann man diese hier leicht übersehen.

Bald war dann auch der Tiergarten selbst ein Schlachtfeld. Am Rande wurde der Großbunker bombardiert, ein Großteil der Tiere im nahen Zoo starben, so wie auch die meisten Bäume im Park. 1945 sah der Park aus wie eine Steppe, und im folgenden Hungerwinter wurden auch die restlichen Bäume abgeholzt. Nur einige wenige überlebten, vielleicht wurden sie respektiert, aufgrund ihres Alters, ihrer Größe und Schönheit. Vielleicht hat man in ihnen ein Symbol gesehen, dass das kalte und zerbombte Berlin wieder auferstehen könnte. Bis dahin aber zogen erstmal Trecker lange Furchen in den Boden, der Tiergarten diente mehrere Jahre als Feld zum Anbau von Kartoffeln.

Die Spuren des Faschismus’ und des Kriegs begegnen uns noch heute. In Form des (für Spaziergänger unsichtbaren) Stummels des Autobahntunnels, der aufgrund der größenwahnsinnigen Stadtplanung von Hitler und Albert Speer schon mal angelegt wurde und noch heute ungenutzt in der Erde liegt. Oder des nur halb wieder aufgebauten Rosengartens. Die Pergola weist bis heute Lücken auf, die auch nie wieder geschlossen werden.

Vor allem aber erinnern einige Mahnmale daran, was hier von Berlin aus geschehen ist. Das größte liegt am östlichen Rand des Tiergartens: Das Mahnmal für die ermordeten Juden Europas zeigt unübersehbar, wohin Rassismus und die Ausgrenzung von Teilen der Bevölkerung führen kann. Dafür stehen auch die Mahnmale für die ermordeten Sinti und Roma nahe des Reichstags und für die im NS-Staat verfolgten Homosexuellen. Nahe der Philharmonie erinnert ein Gedenkort an die Euthanasie-Morde, denen von 1939 bis 1949 psychisch kranke und behinderte Menschen zum Opfer fielen. Hier in der Tiergartenstraße befand sich während der Nazizeit das Gebäude, in dem diese Verbrechen geplant und organisiert wurde.
Neben dem Reichstag ein Mahnmal für die von den Nazis verfolgten Parlamentarier. An der Ebertstraße finden sich weiße Kreuze, sie stehen für Flüchtlinge, die bei der Flucht aus Ost-Berlin erschossen wurden oder in der Spree ertrunken sind.
Direkt an der Straße des 17. Juni bewachen zwei Panzer und der acht Meter hohe, bronzene Rotarmist seit November 1945 den Friedhof, auf dem 2.000 bis 2.500 getötete russische Soldaten begraben liegen. Sie gehörten zu den Befreiern Berlins, die ihr Leben riskierten, um das Naziregime zu zerschlagen. Und die dabei ihr Leben verloren.

All diese Mahnmale und Gedenkorte dokumentieren den Schrecken von Krieg und Diktatur. Heute stehen am Rande des Tiergartens der Sitz des Bundespräsidenten im Schloss Bellevue, das Kanzleramt sowie das deutsche Parlament. Und auch dieses ist wieder ein eigenes Mahnmal, verschmäht erst vom Kaiser als „Schwatzbude“, Ort von gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen Nazis und Kommunisten in der Weimarer Republik, 1933 angezündet, nach 1945 als ungeliebter Riesenbau für eine lieblose Geschichtsausstellung genutzt. Und 1994 wieder auferstanden, mit glänzender Haut, zwei Wochen lang, und weil das nicht so bleiben konnte mit gläserner Kuppel seitdem. Auch ein Ort, der die deutsche Geschichte von über hundert Jahren dokumentiert.

Auch die Widersprüche der heutigen Zeit werden im und am Tiergarten sichtbar. Sein östlicher Rand wird bevölkert von Touristen, rund um das Brandenburger Tor, sie finden es einen interessanten Ort. Tausende von Erinnerungsfotos werden hier jeden Tag geschossen. Ein Kontrast zum westlichen Ende: Manche Rasenflächen versandet, die Wege vermüllt, Obdachlose haben sich in den Büschen an der Stadtbahn eingerichtet. Abseits der Wege bieten Prosituierte nachts schnelle Nummern zum günstigen Preis. Kostenlos treiben es die Gay-Cruiser miteinander, die sich westlich der Siegessäule treffen. Im Sommer manchmal zu Hunderten. Unten am Landwehrkanal liegen Hausboote, wieder eine eigene Welt.

Der Tiergarten ist ein Ort der Widersprüche und Gegensätze. Auf die Geschichte bezogen, aber auch in der heutigen Zeit.

(Foto: Constantin Schäfer unter CC BY-SA 3.0)




Die Entlastungsstraße

Schon ab 1952 gab es im innerstädtischen Grenzgebiet Probleme mit dem Ost-West-Verkehr. Erst recht aber mit dem Mauerbau: Straßen und Plätze waren durch die Grenze unterbrochen, die berühmtesten waren sicher der Pariser und der Potsdamer Platz. Ehemalige Verkehrsknotenpunkte waren zerschnitten.
EntlasungsstraßeNördlich des Potsdamer Platzes lag die Ebertstraße direkt auf dem Grenzstreifen. Früher war sie eine Verbindung von Kreuzberg nach Moabit, seit 1961 aber stand auf beiden Seiten die Mauer. Da nun der Tiergarten direkt an der Mauer begann, war für West-Berliner Autos ein Umweg von fast zwei Kilometern bis zur Hofjägerallee und Großem Stern nötig. Deshalb beschloss der Senat, dass auf der Strecke der ehemaligen Siegesallee eine neue Straße quer durch den Tiergarten gebaut wird. Innerhalb von nur 44 Tagen entstand die sogenannte Entlastungsstraße: Als Verlängerung der Potsdamer Straße führte sie ab Kemperplatz (wo heute der Tiergartentunnel beginnt) durch den Park, überquerte die Straße des 17. Juni und dann entlang der heutigen Yitzhak-Rabin-Straße. Dort wo heute das Bundeskanzleramt steht, bog sie nach links zur Moltkebrücke.
Die 1,2 Kilometer lange Straße erhielt keinen eigenen Namen, sie sollte als Provisorium erkennbar bleiben. Deshalb hieß sie vier Jahrzehnte lang nur Entlastungsstraße. Nach Fertigstellung des Tiergartentunnels wurde sie gesperrt und abgerissen. Wer aber ganz genau hin schaut, kann im östlichen Tiergarten noch heute ihren einstigen Verlauf erkennen.




Linkstraße

Ich lebe seit 1961 in Berlin, 38 Jahre. Die meisten davon war die Linkstraße nur ein Name. Sie gehörte eher in die Biografien der Berühmten, derer ich mich erinnerte, als in die Wirklichkeit, die ich bewohnte. Als die 60er Jahre vor allem in West-Berlin mit Erhebungen endeten, die allerdings mancher Beobachter der restaurativen Anfangsjahre Bonns erwartet hatte, war ich als Richter längst etabliert und nicht bereit, mir allzu viel zu erlauben. Ich fühlte mich nicht geschmäht, als ein heutiger SPD-Bundesminister, der damals noch nicht einmal bei den Grünen angekommen war, die es noch gar nicht gab, mir, dem Sozialdemokraten, das bekannte “außen rot, innen weiß” entgegen hielt, der Fortschrittliche. Aber ich wollte mich doch auch hervortun vor dem Zeitgeist: “Oppositionelle Richter” hieß 1968 mein Beitrag zur Jubiläumsnummer der Deutschen Richterzeitung für das Jahrhunderte alte Kammergericht. Seitdem kenne ich die Linkstraße genau, sie steht mir nahe. In der Linkstraße wohnte der oppositionellste der oppositionellen Richter: Leo Benedikt Waldeck, Obertribunalsrat; von hier aus der Linkstraße fuhr 1870 seine Leiche – halb Berlin war auf den Beinen – zum Friedhof in der Liesenstraße. Ich stand da, bildete ich mir ein, wo der Held gewohnt hatte. Das war im Nichts. Die Linkstraße war 1968 eine Straße im Nichts, ein einziges Haus, kaum eine Erinnerung an Gewesenes, eine Notation auf einem Brachfeld. Für mich war es fast ein symbolischer Ort. Wer kennt noch die Helden von damals? Was ist, wird Gewesenes, das Gewesene Nichts, nach der Kultur kommt die Steppe. Ich erwartete Jahrzehnte lang nicht, dass sich das hier ändern würde. Hinten stand die Mauer. An die Mauer war ich gewöhnt. Oh, Brüder und Schwestern!

Nun heute! Die Linkstraße heute! Ich schreibe diesen Text nicht weit von dort. Ich kann die toscanagelben Mercedes-Häuser sehen, die Renzo Piano in seinem gläsernen Atelier entworfen hat, das bei Genua über dem ligurischen Meer am Felsen hängt. Als ob ein Raumschiff von ferne sich niedergelassen hätte auf der Brache, die für immer nichts schien und nun fast alles ist. Ein Stück aus einem Traum, denke ich; ich gehe oft hin, manchmal einen über den anderen Tag, um mich zu wundern und für unmöglich zu halten, was ich doch selbst erlebt habe, Stück für Stück.
Freilich war die Linkstraße früher, als sie schon einmal bebaut war, länger als heute, sie reichte nach Mitte hinein, von der Potsdamer Straße zur Potsdamer Straße. Ihren Namen hat sie seit 1845 nach dem Mann, der den Botanischen Garten in Berlin zur Weltgeltung brachte: 14.000 Pflanzenarten bereits 1843; Heinrich Friedrich Link aus Hildesheim, den auch niemand mehr kennt.

Auf der einen Seite das bewegte Areal, das heute “Potsdamer Platz” heißt, vom internationalen Musical-Theater bis zum Spitzenhotel und populären Lokal alles, Einkaufsstätten, die geöffneter sind als sonst irgendwo in Berlin, gegenwärtigste Gegenwart, die Handgreiflichkeit des Lebendigen. Auf der anderen Seite aber auch – selbst wenn alle Menschen sonst vergessen sind, deren vergangene Berühmtheit linkstraßig verlief – jedenfalls ein Name, der herüberklingt: wer kennte die Brüder Grimm nicht; jedenfalls die “Kinder- und Hausmärchen” sind noch ein Titel. In Nummer 7 der Linkstraße haben sie gewohnt; hier ist 1859 Wilhelm Grimm gestorben, bis zu seinem letzten Atemzug saß Jakob, der Bruder, auf einem kleinen Stühlchen neben ihm; hier starb Jakob Grimm 1863; das berühmte “Deutsche Wörterbuch” war nicht fertig; jetzt ist es fertig; jeder, der es in die Hand nimmt, bewundert die, die es begonnen haben.
Das ist die Linkstraße: die Gegenwärtigkeit des Umsatzes, der schnellen Waren- und Gefühlsbewegung einerseits und mit einer kurzen Erinnerung andererseits: die Stille der Texte, die Bedachtsamkeit der Sätze, die Herzensbewegungen, als ob sie aus der Kindheit kämen. Grimms waren hierher gezogen, weil sie draußen sein wollten, in Ruhe vor der Großstadt. Bald war aber die Anhaltische Eisenbahn gekommen. Da war es ihnen zu unbequem umzuziehen, zu viele Bücher, Papiere, Archive, Sammlungen. Bis sie hinauf getragen wurden auf den Matthäi-Kirchhof, von dem sie nun herunter sehen auf uns, die sichs in den weichen Cinemaxx-Sitzen bequem machen für die Märchen von heute.

 




Hansaviertel

Wir steigen auf dem Bahnhof Bellevue aus, der so schön zwischen Wasser und Park, zwischen Bundesinnenministerium und Bundespräsidialamt liegt, dass man sich einen angeneh­meren S-Bahnhofs-Standort gar nicht vorstellen kann.
Im Hansaviertel wohnen vorwiegend anspruchsvol­lere Leute, steht noch im Baedeker von 1913. Nach dem Krieg, den der deutsche Mutwille im Jahr darauf vom Zaune brach, war das exklusive Hansaviertel mit seinen geschlossenen Großstadtfassaden immerhin noch da, wenn auch manchem der Anspruchsvollen keine Ansprüche mehr zugebilligt wurden. Nach WK II war das Hansaviertel dagegen eine Ruinenstadt. Da waren von den Anspruchsvollen nur die Gespenster übriggeblieben. Mit den Erinnerungen beschäftigte man sich erstmal nicht. Als ob nicht nur die Menschen und ihre Gegenstände zerstört wären, sondern die Geschich­te selbst.

Hier entstand nun – den Anspruch erhob man tatsächlich Ende der 50er Jahre – das neue Hansaviertel als ein Beispiel für “die Stadt von morgen”. Das Beispiel ist jetzt 40 Jahre alt. An diesem sonnigen Montag-Nachmittag besichtigen wir es. Während wir, die Akademie der Künste links liegen lassend, an dem Haus vorübergehen, das als einer der 53 Architekten aus 13 Ländern, die hier gebaut haben, Max Taut errichtet hat, und eine rasche Müdigkeit meine Knie erreicht, beginnt sich mir die Frage, was die 40 vergan­genen Jahre mit dem neuen Hansaviertel gemacht haben, mit der Frage zu vermischen, was sie denn mit mir und meinen Ansprüchen gemacht haben.

1957 studierte ich Jura in Freiburg. Der Haupt­freund meiner Jugendjahre, der später der ultimative Geschichtsschreiber des Berliner Mietshauses gewor­den ist, hatte in Berlin angefangen, Architektur zu studieren. In den Semesterferien, zu Hause in Lübeck, versuchten wir zuerst noch die Bräuche aufrechtzuer­halten, mit denen wir uns in unseren letzten Schüler­jahren Stoffe erschlossen, von denen unsere Lehrer, die sich hinter Goethe versteckten, nichts wissen wollten und ein Fähnchen hochgehalten hatten, um die Windrichtung des Zeitgeistes zu erfahren. Dass die steinerne Stadt sich auflösen sollte in Parks und Parkanlagen, in denen die Wohnhäuser eigene kleine Gemeinschaften bilden sollten, ich weiß gar nicht mehr, ob diese Idee der “Stadt von morgen” uns damals eigentlich überzeugte. Aber ich weiß noch, wie Johann Geist mir einzelne Häuser des neuen Hansaviertels – wohlgemerkt: im sozialen Wohnungs­bau errichtet! – in ihrer Eigenart und modernen Schönheit so lebhaft schilderte, dass ich mich jetzt noch an die Rangfolgen der Schönheit erinnere, die wir aufstellten. Das Haus von Alvar Aalto, dem Finnen, Klopstockstraße 30, 32, war das schönste. Es ist immer noch das schönste: der in der Mitte leicht eingeknickte Baukörper, die Fassade aus hellen Lecca-Platten, von dunklen Fugen horizontal geglie­dert, leuchtet. Als wir das feststellen, sitzen wir im Café Tiergarten, unten links in dem Hochhaus von Fritz Jaenecke und dem Schweden Sten Samuelson, neben dem Schönheitsstudio Nofretete, das seinem kleinen Pudel ein paar Haare rot gefärbt hat, und sehen den Spatzen zu.

Die Oma, die an einem der schönen Gartentische mit der Enkelin Eis isst, wird ärgerlich. Nachdem sie die Spatzen ausführlich gefüttert und ihnen befohlen hat: “So, nun ists genug, weg jetzt mit euch!”, tun die gefiederten Freunde nichts dergleichen. Nun fuchtelt sie mit dem dürren Arm nach ihnen, klatscht mit der Speisekarte auf den Tisch, aber die Spatzen wollen nicht lernen, dass das heißt: weg jetzt, wir haben genug von euch.
“Niedlich sind sie, aber lernfähig sind sie nicht”, sage ich unüberlegt.
“Aber wenn sie nun auf Befehl der Oma in Reih und Glied anträten und wenn sie sagt: Nun rechts um und weg … da hätten sie Lernfähigkeit bewiesen?”
“Dass ihm nicht mehr zu helfen war, das war ja klar”, sagt am Nebentisch die eine Alte zur anderen.
“Zumal er ja was mit’n Ohren hatte.”
“Jetzt seh ich ihn immer nur von weitem. Komm nie rechtzeitig ran.”
Die Bedienung ist sehr freundlich. Ich kann Ihnen empfehlen, an einem sonnigen Vormittag, an dem Sie nichts anderes zu tun haben, hier zu frühstücken und den Spatzen zuzusehen und den anderen Vögeln und die Bäume zu betrachten. Wir spazieren zu dem leicht konkav gebogenen 25-m-Hochhaus hinüber, das Walter Gropius, nach dem man eine ganze Epoche modernen Bauens benennen könnte, zur “Interbau”, Internationa­len Bauausstellung, beigesteuert hat, aus der das neue Hansaviertel hervorgegangen ist. Das Haus wirkt innen längst nicht so elegant wie von draußen. Mit den Wohnungsgrundrissen hat sich der große Gropius hier nicht viel Mühe gegeben. Nachdem wir an der abwei­senden Kaiser-Friedrich-Gedächtniskirche vorbei sind, eine Kirche mit demselben Namen stand hier auch im alten Hansaviertel und daneben der berühmte Biergar­ten Charlottenhof, machen wir auf dem Weg zum S-Bahnhof Tiergarten Halt an einer licht im dunklen Baumgrün liegenden Wiese, sitzen auf einer Bank unter einem Ahorn, vor uns blühen Prachtspieren und schwarzer Holunder; in der Mitte der sich sanft senken­den und wieder hebenden Wiese eine mächtige Eiche, an den Rändern Pappeln, Platanen. Ein junges Paar hat eine weite rote Decke ausgebreitet, der junge Mann übt Jonglieren, das Mädchen liest.
Nach einiger Zeit kommt eine ganze Familie, sie packt ihr Wohnzimmer aus, ein Grillfeuer wird ange­zündet.
“Das ist es doch, Herr Tucholsky,” sagt meine Lebensfreundin, “was die Berliner immer haben wollen: Wohnung am Kudamm, vorne raus die Ostsee, hinten die Alpen!”
Vom neuen Hansaviertel kann man nicht mehr sagen als vom alten: das Volk ist woanders; die neue Zeit hat die alte hier vollkommen überlagert, obwohl ich – oft vor die Fußspitzen blickend – manchmal meine, noch Reste der Backsteine zu erkennen, aus denen die Vergangenheit der Gegend gefertigt war.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Irrungen, Wirrungen

Die Koenigsallee, die aber gar nicht nach den Königen, sondern nach dem Bankier heißt, der zu Ende des vorigen Jahrhunderts im Grunewald die Kolonie der Reichen und Mächtigen begründete, ging noch vor der Halensee-Brücke und dem Henriettenplatz in den Kurfürstendamm über, als ob es eine einzige Straße sei. Von dort lief sie fast schnurgerade durch Charlottenburg und Wilmersdorf, das gerade am Beginn des [vorigen] Jahrhunderts erst aufhörte, Dorf zu sein, bis zur Corneliusbrücke. Erst 1925 erhielt dieser östliche Teil – sozusagen ersatzweise – den Namen Budapester Straße, weil die alte Straße dieses Namens am Brandenburger Tor in diesem Jahr seines Todes ihren Namen an Friedrich Ebert, den ersten Reichspräsidenten, abtreten musste: ein Namenstausch, denke ich, von fast schmerzlicher Ironie; ich erzähle gleich, warum mich dieses Gefühl überkommt.

Von der Gedächtniskirche an, die seit den beginnenden 1890er Jahren weltmachtlich inmitten des Dammes stand und uns als ein Menetekel des Untergangs ihren Ruinenturm hinterlassen hat, verlief der Kudamm am Zoo entlang. Der Haupteingang des Zoos, das Elefantentor, lag von Anfang an ungefähr da, wo es auch jetzt noch (oder wieder) versucht, Exotik zu entfalten, obwohl es nun eher eine melancholische Komik ist oder einfach Großstadttalmi oder schon Erinnerung, Erinnerung an sich selbst. Auf dieses Tor lief die Kurfürstenstraße zu, die ein Stück südlicher von der Nürnberger so gekreuzt wurde, dass dem Zooeingang schräg gegenüber am Kurfürstendamm zwischen der Kurfürstenstraße im Westen und der Nürnberger im Osten ein Straßenstück entstand, auf dem das Stück Geschichte spielt, das an diesem sonnigen Sonnabend, am 10. April – es ist zufällig mein 64. Geburtstag – vor meiner müden Seele verwirrend vorüberirrte.
1877 waren Reichstagswahlen, die SPD gewann mit 9,1 Prozent der Stimmen zwölf Mandate, die Konservativen mit 9,7 Prozent 40. Die stärkste Reichstagspartei bildete das national gesinnte Industrie- und Bildungsbürgertum, “Besitz und Bildung”; der Reichskanzler Bismarck war dabei, sich mit der katholischen Kirche auseinanderzusetzen, “Kulturkampf” nannte Virchow, der nicht nur ein großer Arzt, sondern auch ein bedeutender Politiker war, diese innenpolitische Bewegung, 1876 waren alle preußischen Bischöfe verhaftet oder ausgewiesen; 1875 wurde – erst 1875 war das! – die obligatorische Zivilehe eingeführt: Eheschluss sei Staats-, nicht Kirchensache oder gar Gottes – ; 1878 wechselte Bismarck die Feinde des Reiches, nach der Katholikenverfolgung kam die Sozialistenverfolgung usw…: gerade diese Jahre sind es, Pfingsten 1875 bis August 1878, in denen “Irrungen. Wirrungen” spielt. Vom Juli bis zum August 1887 erschien dieser Roman Theodor Fontanes in der Vossischen Zeitung, der “diese Hurengeschichte” eine Menge Abbestellungen eintrug.

Was ist es für eine Geschichte? Eine Liebesgeschichte natürlich, alle guten Geschichten sind Liebesgeschichten; eine tragische – kann man nicht sagen, denn am Ende stehen zwei Ehen, aber es sind Ehen zwischen den falschen, die aber wohl bürgerlich-rechtlich die richtigen sind, denn “Ehe – das ist Ordnung”, Liebe ist Unordnung, “Arbeit und täglich Brot und Ordnung. Wenn unsere märkischen Leute sich verheiraten, so reden sie nicht von Leidenschaft und Liebe, sie sagen nur: ich muss doch meine Ordnung haben … Denn Ordnung ist viel und mitunter alles … Ordnung ist Ehe.” Undsoweiter, eine solche Geschichte ist das, die hauptsächlich hier spielt, “an dem Schnittpunkt von Kurfürstendamm und Kurfürstenstraße, schräg gegenüber dem Zoologischen”, in Dörrs Gärtnerei. Wenn man an dem Schieferbrunnen auf dem Olof-Palme-Platz sitzt, wie ich jetzt, sitzt man, kann man sich einbilden, gerade da, wo der Baron Botho von Rienäcker saß, der die Näherin Lene Nimptsch wegen des Geldes und wegen des Standes nicht heiraten konnte; es lag nicht an ihm, “die Welt herauszufordern und ihren Vorurteilen den Kampf anzusagen.”
Lene ist groß, schlank, blauäugig und aschblond. Also äußerlich eine ganz andere Frau als Rosa, die klein, schwarz, dunkeläugig ist und die hinkt. (Innerlich gibt es Ähnlichkeiten: “…gewöhnt, nach ihren eigenen Entschlüssen zu handeln, ohne viel Rücksicht auf die Menschen und jedenfalls ohne Furcht vor ihrem Urteil” und vor allen: die Fähigkeit zu lieben, die Menschen, die Sonne, die Tiere … So dass man übrigens nicht glauben kann, dass das Schicksal Rosa Luxemburgs anders verlaufen wäre, wenn sie groß, blond und blauäugig gewesen wäre).
In meinem Rücken tut sich also das Elefantentor auf in den Zoo, linker Hand schwingt sich die Budapester Straße – in die Nürnberger übergehend – um den eleganten Rundbau der Grundkreditbank herum, der hier seit 1985 einen städtebaulichen Glanzpunkt setzt, und vor mir erhebt sich über Versicherungen, Autovermietungen und dem Modehaus Görs plattenweiß das Apartmenthaus Eden, in das die Straße hinter internationalen Fahnen, an einer Rezeptionstheke vorbei, breit hineinläuft, aber man merkt es kaum. Lene Nimptsch und Botho von Rienäcker hörten hier, als sie sich abendlich küssten, die Trompetenrufe der Elefanten, die sich bis zum Wahnsinn nach der fernen Heimat sehnten.

Und hier – man könnte sich selbst an die Stelle stellen, um sich nach dem Wieso zu fragen, aber es war vorauseilender Gehorsam, Beflissenheit, die mit sozialer Belohnung rechnete – vor dem Tor des Eden-Hotels schlug der Jäger Runge Rosa Luxemburg mit dem Gewehrkolben auf den Kopf, sie sank zusammen, die Offiziere, die ihre Mörder waren, warfen sie wie ein Stück Vieh in das bereitstehende Auto, wenige Meter weiter, Ecke Nürnberger, sprang der Leutnant Souchon auf und erschoss sie befehls- und verabredungsgemäß, aber vor allem, weil er es selbst so wollte.
Noch vor dem Hotel Intercontinental, das nicht weit östlich emporragt, vor dessen Bücherwand der SPD-Kanzler Schröder vor kurzen den ersten Krieg der Bundesrepublik erklärte, ohne ihn zu erklären, führt durch eine Gittertür ein hübscher Spazierweg entlang, der bei dem schönen expressionistischen Zoo-Haus am Katharina-Heinroth-Ufer in den Uferweg selbst übergeht. Am idyllischen Kanalufer entlang sind es von da nur wenige Meter bis zum Fuße der erneuerten Lichtensteinbrücke. Dort warfen die Mörder-Offiziere, die der Oberleutnant a.D. Kurt Vogel aus Wilmersdorf kommandierte, Rosa – schon tot oder noch lebend – in das Wasser des Vergessens.
Der SPD-Minister Noske war eingeweiht, er stützte die Mörder, und auch dem späteren Reichspräsidenten Ebert wird der Mord zupass gekommen sein; man muss es vermuten; hinter die Motive zu kommen, ist schwerer. Die Sozialdemokraten haben, hieß es gelegentlich, eine merkwürdige Zuneigung zum Militär. Die Luxemburg-Mörder sind bekannt. Verantworten mussten sie sich nicht. Der Olof-Palme-Platz an der Budapester Straße, die als Ersatz für die Ebertstraße hierher gewandert ist, heißt ebenfalls nach einem Links-Sozialisten, der ermordet worden ist, ohne dass man die Mörder fand, heißt es. Ganz vollständig deckt die Gegenwart die Vergangenheit nicht zu.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Der Rost der Erinnerung

Die Stadtgegend, die man schnell erreicht, wenn man vom Stadtbahn-Bahnhof Tiergarten die Straße Siegmunds Hof nordwärts geht und über den Wullenwebersteg die geschwungene Spree überquert, ist eine ruhige, gesetzte Gegend. Sie besteht aus Häusern, die die Kriegsbomben stehen gelassen haben und solchen aus einer Zeit, in der man sich um das Schminken des Stadtgesichts keine Mühe gab, sondern zufrieden war, wenn die Wunden verbunden waren.
Die Straßennamen schildern in vielen Fällen nicht die Erinnerungen der Stadt, sondern die historischpolitischen Vorlieben jeweiliger Maßgeblicher. “Synagogenstraße” oder “Straße der Verfolgung” heißt die Levetzowstraße jedenfalls nicht oder die Jagowstraße. So könnten sie heißen; denn die aus der gegenständlichen Wirklichkeit verschwundene Synagoge an dieser Straßenecke war eines der Sammellager, von dem aus Deutsche andere Deutsche zur Ermordung abtransportierten.

An dieser Stelle stehe ich jetzt. An dem Mäuerchen gegenüber der Aral-Tankstelle hängen vier verwelkte Kränze: der rechte mit grün-goldener Schleife von den Bündnisgrünen; die beiden mittleren vom Präsidenten des Abgeordnetenhauses und vom Regierenden Bürgermeister; der linke von der Kleist-Schule, die der leeren Stelle benachbart ist.
Die Synagoge, die hier nicht mehr steht, war gebaut 1912 bis 1914 vom Gemeindearchitekten Johann Hoeninger; gerade vor dem ersten Weltkrieg, dem gegenüber sich die meisten jüdischen Berliner als angepasste Deutsche erwiesen. Die Synagoge war ein mächtiger Bau, fast fünfzig mal fünfzig Meter, die dorischen Säulen überragten die Geschosse bis zum hohen Mansardendach, zur Jagowstraße schlossen sich Gemeinde- und Wohnhaus an; dreischiffiger Innenraum, umlaufende Empore, zweitausendeinhundert Sitzplätze, monumentale Orgel. Nun ist hier ein Kinderspielplatz; er ist an diesem Februar-Freitag gut bespielt; man hat guten Blick auf die Balkone der ocker-braunen Wohnanlage in der Agricolastraße. Von dort konnte man also gut beobachten, wie die Synagoge 1938 brannte, wie 1941 bis 1945 die Juden hier zusammengetrieben wurden, wie das Gotteshaus 1945 zerstört und 1955 abgerissen wurde. Aber natürlich konnte man das von anderer Stelle ebensogut sehen. Es gibt allerdings Aussagen von damaligen Schülerinnen der Kleist-Schule, die gar nichts gesehen haben; andere sagen, die Levetzowstraße sei überhaupt abgesperrt gewesen, man kam angeblich gar nicht an die Synagoge ran. Andere kamen zwar rein, aber konnten nicht helfen. Direkt an dem Kinderspielplatz, so dass die hütenden Mütter sie gut lesen können, steht eine große Tafel aus Cortenstahl, die die Vernichtungstransporte aufzählt; davor ein Güterwagen mit marmornen Kunstsymbolen für die hineingepressten und hineingetriebenen Menschen. Ein umstrittenes Denkmal, steht in dem Handbuch; ein eindrucksvolles Denkmal, denke ich; ein eindrucksvolleres, denke ich dann, wäre die Ruine selbst, wenn man stehen gelassen hätte von der Synagoge, was Nationalsozialismus und Krieg übriggelassen hatten und wenn die Christen mit dem jüdischen Gotteshaus getan hätten, was sie am Breitscheidplatz mit einem zerstörten christlichen Gotteshaus getan haben. Aber die demokratisch gewordenen Christen, die Deutschen haben sich überhaupt wenig Mühe gegeben, die Stätten der Opfer wenigstens als Denkmäler ihrer selbst zu erhalten. Unten, in den Boden eingelassen, ist hier an der Levetzowstraße ein Berliner Synagogenverzeichnis eisern zu lesen; vom Baumeister der Levetzow-Synagoge, kann man daraus auch entnehmen, ist eine andere Synagoge ziemlich vollständig erhalten: es ist die Synagoge in der Rykestraße; ein paar Jahre älter als die Levetzow-Synagoge, von der Straße zurückgesetzt, sich von der allgemeinen deutschen Aufmerksamkeit zurückziehend in einer “Wer-weiß-wer-weiß”-Gesinnung, zu der man hier in der Levetzowstraße kurz vor dem ersten Weltkrieg, vor dem selbst der antisemitische Kaiser “nur noch Deutsche” kannte, keinen Anlass mehr zu haben glaubte.

Zu Füßen der schräg aufragenden rostigen Stahlstele, durch die der Himmel die Daten und Zahlen des Massenmordes anzeigt, liegen die zerbrochenen roten Plastikschälchen, in denen die Lichter der Erinnerung zum letzten Gedenk-Anlass brannten. Kinder spielen die eiserne Rampe hinauf, über die sich die Opfer in der Vorstellung derer bewegen, die den bewegungslosen gefesselten Marmor zu lesen verstehen. Draußen brennen die Synagogen, auch das sind Gotteshäuser, hatte der für solche Sätze sein Leben einsetzende Dompropst Lichtenberg gesagt; ich weiß nicht, ob das in der Erlöserkirche am Ende oder am Anfang der Levetzowstraße auch ein Gottesmann gesagt hat. Ich will es in unser aller Interesse einfach annehmen.
Die Erinnerung und das Gedenken, ohne die das Land nicht besteht, brauchen Gegenständliches; keine Ästhetisierung des Grauens (wie zum Beispiel Stelenfelder, von denen der Bundeskanzler wünschen kann, dass sie schön seien). Die Güterwagen verrosten. Allerdings; die Erinnerung vergeht. Eine Zeitlang treten noch die Erinnerungsrepräsentanten auf; der einzige Kranz von denen dort, der zählt, ist vielleicht der der Kleist-Schule. Die Schule hält die Nachbarschaft aufrecht, die der Wirklichkeit gegenüber allerdings nicht geholfen hat. Nach einer gewissen Zeit ist alles Ploetz.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Der Tiergarten wird eingesperrt

Eigentlich war es nur eine Frage der Zeit, überraschend ist eher, wie lange es gedauert hat. Schon zu Zeiten der Love Parade wurde im Senat überlegt, den Tiergarten fest einzuzäunen, mindestens zwei Meter hoch.
Nun also wird es konkret, nur dass es nicht bei einem Zaun bleibt: Die gesamte östliche Hälfte des Tiergartens soll umgebaut werden, der Park wird zur Kulisse für Großveranstaltungen. Der geplante, mehrere Kilometer lange Zaun dient dabei als Zugangskontrolle. Noch vor zehn Jahren wurde die Verlegung der Technoparade zum Kaiserdamm mit der Begründung abgewiesen, dass es dort nicht genug Fluchtwege gäbe. Zu Recht, wie die Katastrophe von Duisburg 2010 zeigte. Nun aber sollen die Veranstaltungen bewusst eingezäunt werden?
Der Tiergarten wird vom Bezirk Mitte, der nun die Umzäunung plant, offenbar als feste Event-Location eingestuft: Fanmeilen, riesige Sportveranstaltungen, Partys – dass es sich bei einem Park in erster Linie um einen Ort der Erholung handelt, ist Mittes Baustadtrat Carsten Spallek offenbar egal. Der Tiergarten soll noch mehr als bisher ballermannkompatibel werden.
Im Park selbst werden die größeren Wege noch verbreitert und mit Elektroanschlüssen versehen. Gleichzeitig kommen dort helle Leuchten hin, alles mit der Begründung, es diene der Sicherheit.
Dazu sollen rund um die Straße des 17. Juni eine flächendeckende Lautsprecheranlage sowie ein Kamera-Überwachungssystem installiert werden. Unter der Erde entstehen Stromaggregate, es sind kilometerlange Strom- und Wasserleitungen für die Veranstaltungen geplant.
Vielleicht aber sollte man einfach auf alte Erfahrungen zurückgreifen. Ganz am östlichen Ende war der Tiergarten ja schon mal abgegrenzt, mit einer 3,5 Meter hohen Mauer.




Bilder

Wann sagt man von Bildern, dass es Lieblingsbilder sind? Als es mir zu einer gewissen Zeit meines Lebens nicht gut ging, ging ich oft sonntags nach Dahlem in die Gemäldegalerie West und sah mir Joshua Grigby an. Von Joshua Grigby wusste ich nichts, außer dass er, ein Engländer, im 18. Jahrhundert gelebt hatte und dass er ein Gegner der Sklaverei war. Er hatte sprechende braune Augen und einen sowohl zärtlichen wie energischen Mund. Das ist selten. Auf Joshua Grigby kann man sich verlassen. Eine Zeitlang konnte ich mir vorstellen, dass Lady Sunderlin, eine sonst zurückhaltende und nur infolge der Einmaligkeit ihrer Liebe leidenschaftliche Frau, mit dem zugleich hingebungsvollen wie beherzten Blick ihrer ebenfalls braunen Augen, dem Rechtsanwalt Grigby entgegensieht, der ein bisschen auf sich warten lässt.
Diese beiden Dahlemer Lieblingsbilder – Grigby gemalt vom großen Thomas Gainsborough, die Lady von Joshua Reynolds – hängen jetzt, als ob man bei mir nachgefragt hätte, nebeneinander im eindrucksvollen Raum 20 der Neuen Gemäldegalerie an der Sigismundstraße. Ich kann nun hinten, hinter der Säule, sitzen, auf den eleganten Holzbänken im Erker, im Rücken meines Jugendpaares, und wenn ich entweder hinaussehe auf die Sigismundstraße oder träumerisch in den Raum hinein, kann ich eine Vergangenheit meines eigenen Lebens in Gegenwart verwandeln, an die ich mich sonst nicht mehr erinnere.

An diesem Januardienstag, gegen vier Uhr nachmittags, dachte ich plötzlich an Lady Sunderlin. Vom Tempelhofer Ufer bis zur Neuen Gemäldegalerie ist es nicht weit. Erst gehe ich ein Stück am Landwehrkanal entlang. Ein schöneres Stück Landwehrkanal gibt es nicht, als das, über das die U1 die Seiten wechselt, gerade an der Stelle, an der auch die Eisenbahnbrücke übers Wasser führte zum Anhalter Bahnhof, den die Weltgeschichte mit sich genommen hat, als sie hier vorüberging in ihrem weiten Mantel. Rechts liegt James Hobrechts Pumpwerk mit der schönen Esse, jetzt “Lapidarium”, Haus der Steine, dicht an der Grenze von Kreuzberg zu Tiergarten.
Den ganzen Weg lang sieht man jetzt das debis-Haus in seinen warmen italienischen Farben. An diesem Dienstag hätten Sie mit mir gehen müssen! Die Sonne lag auf den Terrakotten der Fassade, und sogar das debis-Grün oben, obwohl nur aus Metall, leuchtete vor einem verblassenden blauen Himmel wie… wie… es war so schön, dass man dafür keinen Vergleich braucht, unvergleichlich.
Mit dem 129er fuhr ich bis zur Potsdamer Brücke und stieg – ich könnte sagen: schritt – die breiten Stufen hinauf auf das Plateau der Neuen Nationalgalerie, durch deren gläsernen Oberbau man derzeit hindurchsehen kann; da sieht man nördlich die Philharmonie, deren Goldfassade nun mit dem debis-Haus rechts und den anderen Installationen zum Potsdamer Platz eine Konkurrenz bekommen hat, die ihr Gold nördlich aussehen lässt; das debis-Gold – oder sagen wir mit dem Namen des Architekten: das Piano-Gold – ist in der Abendsonne italienisch, südlich, wie die Erde der Toskana. Linker Hand liegt – wie aus der Bonbonniere das Wissenschaftszentrum; mein Freund Johann Geist, der Architekturhistoriker, den ich gegenüber aus dem Fenster sehen sehen könnte, sagt in Richtung auf den englischen Architekten: “Da hat Stirling einen Witz gemacht!” Ein wissenschaftlicher Kollege von mir sagt: “Das ganze Wissenschaftszentrum ist ein Witz”.
Dahinter liegt das Bewag-Haus. “Da musst du hin, wenn du nicht bezahlt hast, und sie haben dir den Strom abgestellt”, sagt Paul Kein, unser Designer, “jedenfalls war es in Westberlin so.”

Unter meinen Füßen liegt jetzt Gaugin, die Ausstellung im Souterrain – Keller will ich nicht sagen, um Mies van der Rohes Entwurf nicht zu schmähen, dauert noch an; “und wenn man ihn einen Kinderschänder nennt?” sagt meine Lebensfreundin vorsichtig, nachdem wir ausgerechnet hatten, wie alt die Frauen waren, denen Gaugin Kinder machte.
Von hier aus sind es zur Neuen Gemäldegalerie keine zweihundert Meter. Die Straße, die man überqueren muss, heißt nach einem Kind; Sigismund war ein Kaisersohn, Wilhelm I., deutscher Kaiser, König von Preußen, und die Queen Victoria, englische Königin, Kaiserin von Indien, waren seine Großeltern; er selbst ist keine zwei Jahre alt geworden. Die Gemäldegalerie, die nun an seiner Kindstraße liegt, hieß in einer früheren Epoche ihrer Geschichte nach seinem Vater: Kaiser-Friedrich-Museum; das haben wir alles hinter uns; der Gemäldegalerie wäre es egal, wenn die Straße, an der ihre Nebenfront liegt, die inhaltlich die Hauptfront ist, irgendeinen anderen Kindernamen führte; bloß keinen politischen Namen, den man später ausstreichen muss: die Matthäikirchstraße neben Stülers Kirche, um die sich früher die geschlossenen Fassaden schlossen, hieß bei den Nazis Standartenstraße, nach den Bataillonen der SA und SS.
Gottseidank, das haben wir auch hinter uns, die Standarten sind wieder eingerückt ins zivile Leben, als ob es sie nie gegeben hätte. Die Kirche ist noch da, nachher, wenn ich vor dem Haupteingang der Galerie und des ganzen “Kulturforums” stehe, steht ihr Campanile schlank und einsam vor dem blauen Abendhimmel, den die schon untergegangene Sonne ein bisschen rötet.

Das Eindrucksvollste sind im Augenblick die Krähen. Früher saßen sie an der Grenze zwischen Tag und Nacht auf dem First von Hans Scharouns aluminiumgelber Staatsbibliothek, die von hier aus mit Renzo Pianos debis-Turm zu einer phantastischen Einheit verschmilzt. Sie genossen die warme Abluft, die von den Büchern und den Lesern heraufzog.
Jetzt sind die schlauen Vögel übergesiedelt zur Gemäldegalerie, sie drängen sich um die Lunette über der Rotunde, mit der die Galerie am westlichen Ende der etwas bahnhofshaften Eingangshalle zugleich bescheiden und selbstbewusst beginnt. Was sie da unter sich sähen, das ganz in sich aufzunehmen, dafür fehlt den Krähen gewisser Sinn. Selbst wenn der Lavendel blüht, auf dem die Architekten zwischen Straße und blassgelber Terrakottenwand bestanden, selbst dann wirken die Außenfronten der Galerie, die ich jetzt ganz umrunde, auf mich nicht italienisch und – im Gegensatz zu den Buchbeschreibungen – erinnern sie mich auch nicht an Schinkel. Mich erinnern sie mehr an Speer und an die Standarten von vorhin. Aber innen, wenn man durch die Rotunde hindurch ist und der große Eingangssaal kommt, den die Krähen nicht würdigen wollen, erwärmt sich das Herz: die Repräsentation ist nicht nur zum Bewundern, worauf man beschränkt wäre, wenn sie außen läge, sondern zum Genießen, weil sie nun innen ist und man auf den Holzbänken sitzen kann, die an den weißen Wänden rundum laufen.

Unterdessen ist es zu spät geworden für Grigby und seine Lady; die Galerie schließt um 6. Der Abend hat begonnen. Ich verweile am Haupteingang und blicke hinüber in die Potsdamer Straße, die die beiden entstehenden Bürotürme an ihrem Ende, an denen die Lichter auf und ab laufen, mit dem Nachthimmel verbinden: “See you tomorrow!” Ich versuche mich an gestern zu erinnern, als hier nichts war, keine Gemälde galerie, kein debis, nicht sony, Hyatt, Cinemaxx, das Dunkel, die Mauer, die Vergangenheit, jetzt ist alles Zukunft.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Zwei Zeit-Häfen

Die Zeit ist eine Berg- und Talbahn. Sie verläuft über verschiedene Ebenen. Der heutige Spaziergang führt durch ein halbes Jahrhundert oder durch ein ganzes. Mit der Zeit ist es wie mit dem Raum: Es muss was anderes geben, ehe es Zeit gibt. Das halbe Jahrhundert dieses Weges fängt um 1850 an, am Landwehrkanal, neben dem Bahnhof Mendelssohn-Bartholdy-Park und endet am Osthafen, es führt von Kreuzberg nach Friedrichshain.
Das geht so: Vom Verlagsgebäude unserer Zeitung am Tempelhofer Ufer sind es nur ein paar Schritte bis zum Bahnhof Möckernbrücke. Das tägliche Hinauf und Hinab dort führt hin und her zwischen U1, U15 und U7, Krumme Lanke – Warschauer Straße, Rathaus Spandau – Rudow, diese Bahnen ziehen ein weites Kreuz durch die Stadt, hier ist ein Knotenpunkt, von Spandau Rathaus (zum Beispiel) zur Warschauer Straße in fünfundvierzig Minuten, von Rudow nach Krumme Lanke in fünfundfünfzig Minuten, Möckernbrücke umsteigen. Gedichte über den Bahnhof Möckernbrücke kenne ich nicht, über den Bahnhof Gleisdreieck gibt es welche. Von Möckernbrücke dorthin sind es grade mal zwei U1- oder U15-Minuten, die Treppe runter, auf den tieferen Perron: U2, Ruhleben – Vinetastraße, wenige hundert Meter, nicht mal eine Minute: ich bin in Berlins jüngstem U- oder Hochbahnhof; er heißt nach Felix Mendelssohn Bartholdy. Die BVG schreibt seinen berühmten Nachnamen mit einem Bindestrich, er selbst wusste, warum zwischen dem jüdischen Mendelssohn und dem christlichen Bartholdy die Verbindung unterblieb.

Aus den Fenstern dieser leicht geschwungenen Bahnhofshalle hat man bedeutenden Blick nach allen Seiten. Ich stehe dort, eine Viertelstunde schon, zwanzig Minuten, als ob ich mich nicht satt sehen könnte: debis-Mercedes, am neuen Potsdamer Platz, der eigentlich hier gar kein Platz ist, die wilde Baugegend an dem Ort, an dem die Grimms wohnten, weil sie Ruhe haben wollten für die deutschen Wörter. Die frühe Dezember-Dunkelheit ist plötzlich da, als ob es in der Großstadt keinen Übergang gäbe zwischen Licht und Dunkel, während doch Großstadt wesentlich Übergang ist. Die freie Schneefläche des Mendelssohn-Parks, von vielen Hauslichtern umgeben, die weihnachtlich wirken auch dort, wo sie sich – wie allerdings viele – gar keine besondere Weihnachtsmühe geben, sogar hinten die Postbank sieht aus wie ein Weihnachtsbaum bei der Arbeit: das ist der Hafen.
Wenn man sich sagt: das ist der Hafen, dann ist er da aus seiner Gewesenheit, der Schöneberger Hafen am Landwehrkanal, angelegt 1852, gleich nach Fertigstellung des Landwehrkanals selbst. Ich habe diesen Hafen noch vor Augen, an den granitenen Mauern liefen kleine Treppen abwärts, hier konnten sich die Schiffskähne ausweichen, die die Backsteine brachten, aus denen Berlin gebaut ist. Mehr als ein Jahrhundert lang hat es statt des Mendelssohn-Parkes diesen Hafen gegeben. 1884 ist Theodor Fontanes Roman Cecile in Zeitungs-Fortsetzungen erschienen; Hafenplatz Nr. 5 a wohnte Cecile von St. Arnaud, die schöne Heldin, die am Ende des Romans tot ist. Sie “lag auf dem Sofa, ein Batisttuch über Kinn und Mund. Es war nicht zweifelhaft, auf welche Weise sie sich den Tod gegeben hat. Der Ausdruck ihrer Züge war der Ausdruck derer, die dieser Zeitlichkeit müde sind.” Tod durch Vergangenheit, Tod durch die Zeit, vielmehr: die Zeiten; an der Zeit sterben wir alle, die einen an der Zeit der bloßen Jahre, andere an der Zeit der Bedeutungen, in Schützengräben zum Beispiel oder auf den Sofas der Vorurteile.

Es war eine elegante Gegend, villenartige Häuser mit großen Mietwohnungen, “Geheimratsviertel”, sagte man auch. Im Adressbuch von 1859 ist das Haus von Cecile als Baustelle ausgewiesen; in Nummer 8, das einem Maurermeister gehörte, wohnten ein Professor, zwei Obertribunalsräte, ein Wirklicher Geheimer Rat, holen wir sie mal ein bisschen raus aus dem Vergessen: mit Namen von Gärtner, von Oppeln, von Rabe, Nachbar Nicolovius, Kammergerichtsrat, auf der anderen Nachbarseite, Nummer 4, das Diebitschsche Haus, Fontane beschreibt es: alhambraartig; die Interpreten finden was dabei, dass Cecile nicht in dem Haus mit der Alhambra-Kuppel wohnt, sondern in einem benachbarten von allerdings “kaum minderer Eleganz”. Eine solche Gegend ist das jetzt längst nicht mehr. Wo die elegante Cecile wohnte, ist jetzt die beschneite Deckenfläche der Tiefgarage des gestuften Studentenheims, das hier schon ganz andere Zeiten gesehen hat, als die, die mit debis und Potsdamer-Platz- Arkaden jetzt angebrochen ist. “Das Studentenwerk und unser großer Nachbar vom Potsdamer Platz”, hat die studentische Selbstverwaltung plakatiert, “werden nichts unversucht lassen, um uns bei der nächstbesten Gelegenheit zu vertreiben, damit Platz geschaffen wird für neue Nachbarn, die zahlungskräftiger sind als wir, das bunte Studentenvolk vom Affenplatz”, vorerst zahlt der “große Nachbar” allen, die von ihren Appartements auf den Potsdamer Platz blicken können, als Entschädigung für Bau-Beeinträchtigung monatlich fünfzig bis hundertvierzig Mark. Es ist eine lebhafte, multikulturelle Gegend. Es herrscht die Stimmung des Provisorischen und Vorübergehenden, die zu Studenten gehört, wie überhaupt zur Jugend.

Von Fontane hierher: ein anderes Jahrhundert. Aber als jene Cecile oder jene Geheimräte aus ihren Fenstern über das Hafen-Wasser sahen, sahen sie manches, was ich jetzt auch noch sehe: den schönen Schornstein zum Beispiel vom Abwässer-Pumpwerk Nummer III des großen James Hobrecht; und wenn sie verreisten, hatten sie es nicht weit zu Franz Schwechtens eindrucksvollem Anhalter Bahnhof, von dem ich jetzt nur noch den Eingang und die weite Fläche sehe, über dem sich die Halle erhob.
Die U-Bahn, die jetzt U1 oder U15 heißt, zur Warschauer Straße, war die erste deutsche Hochbahn, gebaut von Siemens und der Deutschen Bank zwischen 1896 und 1902, Fontane hat also nur ihren allerersten Anfang gesehen; sie ist nur wenig älter als mein Vater: ein anderes Jahrhundert. Mit dieser Bahn brauche ich vom Mendelssohn-Hafen (ich nenne ihn jetzt mal so) eine Viertelstunde zum Bahnhof Schlesisches Tor, der im nächsten Jahr hundert Jahre alt wird, der erste Bahnhof mit einer Konditorei und einem Cafe: Berlins schönster Bahnhof, sagen manche, die Architekten hießen Grisebach und Dinklage. Von dort wenige Minuten auf die Oberbaumbrücke, von der aus es einen prächtigen Ausblick gibt auf den Osthafen. Westhafen an der Putlitzbrücke, Osthafen an der Oberbaumbrücke. Friedrich Krause hieß der Hafenbaumeister. Der erste Entwurf des Osthafens ist von 1896, gebaut 1907 bis 1911: vom Mendelssohn-Hafen bis zum Osthafen: 50 Jahre einer anderen Zeit, ein anderer Zeitweg durch Berlin.

Beide Enden meines heutigen Weges sind jetzt heftige Plätze der Erneuerung Berlins. Die Stadt zieht sich empor aus den Alpträumen der vergangenen fünfundsechzig Jahre. Für manche, die jetzt am Mendelssohn-Park und nebenan und über die Oberbaumbrücke hin und her laufen, ist die Gegenwart das, was immer war. Für mich und Meinesaltrige ist das, was war, immer noch ein bisschen etwas, was ist.
Die Zeit ist zugleich etwas Individuelles und etwas Unausweichliches, man kann aus seiner Zeit nicht umziehen in eine andere. Und wenn man sich Batisttücher über Kinn und Mund legt, um in den Hafen des Vergessens zu gelangen, wird man – wie der Beispielsfall zeigt – manchmal gesehen und gelangt in die Zeit der Erinnerung, obwohl man niemals dort war, wo die Zeit ihre Marken hat.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Geniale Paarungen

Mitten in Berlin steht ein Weinglas. Oder ist es ein Schlot, der um die Ecke raucht? Der Hohenzollernkanal, der eigentlich nur ein 7,7-Kilometerstück vom Berlin-Spandauer Schifffahrtskanal ist, und eben dieser Kanal, der hinter dem Westhafen seinen eigentlichen Namen, den er seit 1859 hatte, wiederbekommt, ergießt sich, nachdem er gerade am Bundeswirtschaftsministerium vorbeigekommen ist, durch die Sandkrugbrücke in den Humboldthafen, der auf der nördlichsten Stadtschleife der Spree steht wie ein Weinglas. Oder ist der Humboldthafen zwischen Friedrich-List- und Alexanderufer besser als ein nach oben hin breiter Schornstein zu lesen, aus dem es im Ostwind nach Westen raucht in einer langen Fahne, an Heidestraße und Friedrich-Krause-Ufer flatternd vorbei? Außer dem Wasser im weiten bildhaften Bogen sieht man auf der Karte vor allem die Bahnen, die Eisenbahn, und Schienen. Ist man – wie ich heute im Schnee – am Bahnhof Westhafen aus der U-Bahn aus- und auf die Putlitz-Brücke hinaufgestiegen, sieht man die Schienen in ihrer unbildhaften Wirklichkeit; heute wie gesagt – liegen sie im Schnee, sie führen durch Berlin, nach Osten.
Die Menschen wurden mit Lastwagen von der Großen Hamburger Straße und mit Möbelwagen von der Levetzowstraße gebracht. “An der Verladerampe stand meist schon ein Güterzug mit circa dreißig Waggons. Vor dem Einwaggonieren trat nochmals die Gestapo in Großaktion auf. Man filzte die Menschen derart durch, dass markerschüttemde Schreie wegen der Züchtigungen die ganze Gegend erfüllten.”
Wenn man oben auf der Brücke neben dem Denkmal steht, das Stufen in den grauen Himmel hält, die keine Treppe mehr bilden, hört man die Schreie. Heute hört man sie vielleicht. Kein Denkmal macht die namhaft, die damals geprügelt, geschlagen, gefoltert und schließlich ermordet haben, erst recht die nicht, die die Schreie gehört und vergessen haben. Wir gedenken der Toten, um die Täter zu vergessen. Wir bauen Denkmäler, um das Böse in die Geschichte zu verweisen.

Ein kleines Stückchen weiter bin ich bei Rathenau. Die Beleuchtung Berlins beginnt mit Rathenau. 1887 ist das Jahr des Anfangs, die BEWAG tritt auf, mit Emil Rathenau und Felix Deutsch, dreizehn Kraftwerke schließlich, hier am Friedrich-Krause-Ufer, das damals noch Südufer hieß, entstand 1899 bis 1900 nach dem Kraftwerk Charlottenburg das große Kraftwerk Moabit.
Emil Rathenau hatte die Patente, aus Amerika, von Edison; mit Siemens, dem großen Konkurrenten, konnte er sich über die Claims einigen, das gab später viel Streit, aber erst mal klappte es, die Deutsche Bank finanzierte Siemens, die Berliner Handelsgesellschaft finanzierte Rathenau, Carl Fürstenberg, der “schaffende und ordnende finanzielle Geist”, schaffte das Geld: “In den Elektrizitätsgesellschaften (sagt Werner Sombart) sehen wir tatsächlich Produktions- und Handelskapital eine wilde und geniale Paarung vollziehen”. Denn erst gingen die Geschäfte gar nicht so gut: “Berlin musste sich eben erst daran gewöhnen, elektrische Energie zu verbrauchen”; es hat sich gewöhnt. Berlin ohne elektrisches Licht, Berlin elektrisch beleuchtet – uns scheint kaum, dass das dieselbe Stadt sein kann, viel mehr als hundert Jahre sind seit diesem, dunklen Damals nicht vergangen. Aber was heißt da “dunkel”? Viel mehr als fünfzig Jahre vergingen nicht im hellen elektrischen Licht, da war der bedeutende Sohn Rathenaus, Walther, längst ermordet; “Schlagt ihn tot den Rathenau, die gottverdammte Judensau”, und Rathenaus, die Beleuchter Berlins, hätten, wenn sie noch dagewesen wären, unten gestanden an den Gleisen, von denen die Schreie heraufdrangen, die keiner hörte.

Durch den Dezemberschnee stiefele ich das Friedrich-Krause-Ufer ostwärts; auf der gegenüberliegenden, auf der Wasserseite, verweile ich, wo der Uferweg beginnt, der im Sommer auf der einen Seite idyllisch und auf der anderen heftig ist, viele kräftige Lkws donnern schneevermatschend vorüber, aber sonst bin ich alleine; das Kraftwerk surrt mit einem Ton, der so viel kleiner ist als die mächtigen Bauten, dass er als vorsichtig und fast als zärtlich empfunden werden kann. Ich schaue im leichten Schnee ein Weilchen den Möwen zu und den Enten, die auf dem dunklen Wasser schaukeln. Gegenüber liegt das Weddinger Nordufer mit prächtigen Bürgerfassaden, die Renaissance vorgeben. Dort könnte man in einem Fenster sitzen und herübersehen. Der Architekt des ersten Kraftwerkbaus hier war Franz Schwechten. Turm und Hallenanfang sind noch da, die hundertsiebzehn Meter lange Halle fehlt seit 1987, dafür ragt weiß wie die Wand der Wirklichkeit, an der die Träume zerschellen, der Neubau empor, dessen obere Kanten sich mit dem grauen Dezemberhimmel verbinden.
Diesen Franz Schwechten könnte man den Ruinenbaumeister nennen. Von ihm stammen die bedeutendsten Ruinen Berlins: der Anhalter Bahnhof, die Gedächtniskirche am Kudamm, das Eingangstor zu Borsig, hinter dem nicht mehr folgt, wozu es das Tor war, die Schultheissbrauerei am Prenzlauer Berg, in der nichts mehr gebraut wird, der Grunewaldturm, der jedenfalls innerlich eine Ruine ist, zu schweigen von seinem letzten Bauwerk, mit dem er sich der neuen Zeit zuwendete, das Haus Potsdam, später Vaterland, in der Königgrätzer, heute Stresemannstraße, das überhaupt nicht mehr da ist; das Grab des Brauereibesitzers auf dem Friedhof an der Friedenstraße ist noch da, es ist immer noch ein Grab, aber seine architektonische Großartigkeit steht in keiner Entsprechung mehr zu dem Mann, der drunter liegt und den keine Architektur aus dem Vergessen holt. Auch das Kraftwerk ist also eine Ruine, ein Stück Gewesenheit, Dekor. Das haben wir gerne: die Geschichte als Schmuck, die Gegenwart mit “früher” verziert; hier braucht man nur wenige hundert Meter bis zu der Frage, ein Teil der Geschichte schmückt, der andere wäre fürs Vergessen?

Der Torfstraßensteg ist eine elegante Fußgängerbrücke vom Friedrich-Krause-Ufer zum Nordufer und zur Torfstraße, die ich nachher aufwärts laufen werde, um gegenüber dem Entree-Haus des Virchowklinikums – von Ludwig Hoffmann fast zur gleichen Zeit gebaut wie das Kraftwerk – in den U-Bahn-Untergrund zu verschwinden. Hinten die Hauptverwaltung der Behala, der Hafenbetriebe, Friedrich Krause war der Hafenerbauer, ihm zu Ehren musste das Südufer 1924 seinen Namen aufgeben, der damals schon fast ein halbes Jahrhundert alt war. Auf der anderen Seite Thyssen mit seiner Gute-Laune-Bäder-Gegenwärtigkeit, daneben Landeseinwohneramt, Ausländerbehörde, deswegen ist “Friedrich-Krause-Ufer” eine Adresse, die manche auch fürchten; dann die fast fertige Brücke, die den S-Bahnbögen, die folgen, ihren wahren Zweck zurückgeben wird.
Der kleine Platz heißt nach Peking, das Grünflächenamt erklärt ihn auf einer Tafel sorgfältig, sogar in türkisch; die Samoastraße heißt nach einem Kolonial-Konflikt, der ungefähr zur selben Zeit die Politiker beschäftigte, als das Kraftwerk entstand.
Nichts wissen wir mehr davon. Was vorbei ist, ist vorbei. Nicht immer. Nicht alles. Hier liegen die Dinge dicht nebeneinander, sie paaren sich zu Bedeutungen, für die man nicht so leicht steigernde Adjektive findet.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Park-Avenue

Bellevue heißt schöner Blick. Den Blick, den man vom Perron des Bahnhofs Bellevue hat, braucht man nicht ausdrücklich zu loben. Interessanter ist es, wenn man unten ist. Der östliche Ausgang führt dicht vor den Gerickesteg. Ich lehne am Geländer und schaue den Motorbooten zu, die in großstädtischer Häufigkeit die Spree hinauf- und hinabziehen an einem schönen Sommertag wie diesem. Eine blonde, mittelalte Steuerfrau winkt mir freundlich zu. Das Schiff heißt Dietchen. Als ich ein Kind war, rief meine Mutter mich mit langem i: “Dieth”. Als ob unten meine Jugend vorbeiführe, leichte Wellen hinterlassend, durch die die Enten tauchen.
Ich gehe am anderen Ufer – es heißt nach Helgoland und dann nach Lüneburg – ein Stück an den Stadtbahn-Bögen entlang, Garagen, “Beseitigung aller Unfallschäden”: eine freundliche Verheißung, es ist überhaupt eine freundliche Gegend. Sieht man allerdings die Calvin- und dann die Spenerstraße nach Norden, erblickt man die grünen Türme des Kriminalgerichts. Oben in Alt-Moabit ist es also aus mit der Freundlichkeit der Gegend, mitten in der Stadt Strafverfolgung und Strafvollstreckung. Wenn er die strotzenden Mauern sieht, muss sich doch jeder mitfühlende Mensch Gedanken darüber machen, wie zivilisierend die Gesellschaft wirklich ist, in der er seine kurzen Tage verbringt.
Scientology verkauft unsere Wohnungen – steht protestierend an dem Haus Ecke Spener-/Melanchthonstraße. Als Jurist muss man sich über eine solche Aussage seine Gedanken machen. Ich verstehe die demokratisch gebildeteren Amerikaner gut, wenn sie die deutsche Aufregung über Scientology übertrieben finden.

Währenddessen gehe ich durch die Straße des Reformators Melanchthon, der auch kein sehr toleranter Mann war. Es kommt aber nicht mehr auf ihn an. Er ist in der Geschichte zurückgeblieben. Es gibt nur noch schmale Zugänge zu ihm. Ich folge dem lakonischen Hinweis “Zugang” an einer Hauswand, der mich von Melanchthon direkt zu Ossietzky führt. Der Park zwischen Alt-Moabit und der Melanchthonstraße heißt nach Carl von Ossietzky. Gut. Einen Park gegenüber einem deutschen Gefängnis nach einem deutschen Journalisten zu benennen, der durch deutsche Gefängnisse umgekommen ist, das ist grundsätzlich in Ordnung. Sonst hat Ossietzky mit dieser sanften Wiese nichts zu tun.
Wenn ich durch diese volkstümliche Parkanlage gegangen und durch die Straße des Aufklärers Thomasius zur Schönen Aussicht zurückgelangt bin, werde ich mit der S-Bahn bis Hackescher Markt fahren, durch den Monbijou-Park gehen, bis zur S-Bahnstation Oranienburger Straße, von dort bis Humboldthain und durch den Humboldthain bis zum U-Bahnhof Gesundbrunnen: dort ist heute meine private Park-Avenue zu Ende.

Manfred Jagusch, der Fotograf, meint, Parks werden nur unterscheidbar durch das Drumherum. Das Innere von Parks sieht eigentlich immer gleich aus, meint er. Das finde ich nicht. Die Verwendung ist freilich gleich: Auf kleinen Tüchern in der Sonne sitzen und liegen, in unbequemer Haltung Zeitung lesen und zusehen, wie die Kinder sich erst beruhigen und dann langweilen. Auch ist eine Wiese natürlich überall eine Wiese. Aber was drunter ist, ist überall was anderes. Auch eine parkige Wirklichkeit besteht nicht nur aus einer Etage.
Alt-Moabit ist eigentlich Neu-Moabit. Erst kamen die französischen Siedler, die Mühe hatten mit dem unfruchtbaren Boden: terre maudite, elendes Land, terre de Moab, Land der Zuflucht, aber schwerer Boden. Später gab es Gondel-Verkehr von den Zelten, weiter hinten am nächsten Spreebogen. Dann kam Borsig vom Oranienburger Tor: Borsigs Eisenwerke, auch Schumanns Porzellanfabrik. Und Borsig baute sich mittendrin für sich eine Villa, die aussah, wie ein italienisches Schloss. Die Gärten Borsigs waren offen. “Das Köchinnen-Vergnügen in Moabit” war ein geflügeltes Wort: In den Moabiter Gärten trafen sich die Köchinnen mit den Dragonern, die sie liebten. Mit diesem Arrangement war Moabit ein Höhepunkt vom Berlin vor Siebzig/Einundsiebzig. Was wäre Berlin und Deutschland geworden ohne europäischen Bruderkrieg! Dann dachte es aber, die Welt mit Soldaten einzuholen, siegte ein bisschen. Aber wurde schließlich besiegt von der Welt, der es sich über fühlte. Das geschah ihm recht.
Mit diesen Gedanken bin ich schon im Monbijou-Park. Das königliche Lustschloss, das einst hier stand, ist weg. Das ist o.k. Die Fürsten, die es bewohnten und sich schließlich hier ausstellen ließen, haben das Weltreich, von dessen kaiserlicher Vermeintlichkeit Berlin die Hauptstadt war, als ein Meer von Blut und Tränen 1918 verlassen, um wie eine Familie harmloser Landedelleute zu Ende zu leben, eklig, die Hohenzollern.

Ein erfrischender Hauch ist an diesem Sommertag der Wind, den die S1 unter der Oranienburger Straße vor sich her schiebt. Aus dem S-Bahnhof Humboldthain steige ich auf zur Wiesenstraße und von dort auf die Wiese selbst. Humboldthain.
Ein pfiffig frisiertes türkisches Kind, das noch keine türkischen und erst recht keine deutschen Sätze sprechen kann, kommt mir freundlich entgegen, die Hoch-Kothurn-Schuhe der lagernden Mutter spielerisch in den Händen. Wenn dieses Kind ein junger Mann ist, werden ihn Schönbohm und die Ähnlichen ausweisen, wenn wir sie dann noch lassen.

Dieser Park wurde zum 100sten Geburtstag des weltberühmten Gelehrten angelegt, den Berlin hervor gebracht hat, Alexander von Humboldt (1769-1859). Er ist hier nur ein Name wie an tausenden Stätten der Welt. Der Humboldthain war von Anfang an ein Volkspark, der zweite nach dem Friedrichshain. Warum soll ich die Menschen vereinfachend Nazis nennen, die ihn in den 40er Jahren verdarben durch vielstockige Betonbunker, die sich hinterher, am Ende des Millionenmordens, noch nicht mal sprengen ließen? Hier und dort ragen heute noch glatte Betonwände empor, sonst verbergen Berge aus begrünten Trümmern die Schauerlichkeiten. Manche, heißt es, kommen durch verborgene Eingänge noch hinab. Drunten, schrieb seinerzeit die taz, spuken Runen- und Hakenkreuzgeister.
Die Mord- und Verfolgungswut war in Deutschland viel zu massenhaft, als dass sie ganz vergessen sein könnte. Wir merken es manchem an, der sich keineswegs in Bunkern versteckt. Wer hier auf den Sonnentüchern des Vergessens lagert, der … ach, was denn, was? Aus der Vergangenheit eine düstere Drohnung für die Gegenwart machen: das nützt uns gar nichts. Die Geister der Vergangenheit sind überall. Aber übermächtig sind sie nicht. Gesundbrunnen – heißt wie eine Verheißung die U-Bahn-Station, an der ich meine Park-Avenue beende, mit einem schönen Blick zurück.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Schneeglöckchen im Tiergarten

Gegen Mittag sind wir in die Akademie gefahren. Meine Freundin und ich; Akademiker sind wir nicht. Wir können mit Stolz sagen: Wir gehören keiner Akademie an.
Aber gelegentlich gehen wir in den Tiergarten, wenn es dort was Akademisches zu sehen gibt. Kamen mit der U-Bahn, Hansaplatz; die Akademie vom Typus-Architekten Düttmann, der die Hände vielfach im Westberliner Spiel hatte, gehört ganz in den Interbau-Stil der 50er Jahre, auch nicht gerade ein Stil, der viel Rücksicht nahm auf die Gewesenheit der Orte.
Die Akademie am Hanseatenweg hat etwas Erdiges, Gedrücktes, weiß nicht, ob sie nicht doch ein Unterstand, ein Bunker sein möchte, sein muss; der Weg dorthin geht abwärts, wenn auch nicht dramatisch. Am liebsten sitze ich auf den Stufen, draußen. Dafür ist es heute zu kalt.

Viel los ist in der Akademie meistens nicht, meist sind die Akademiker unter sich; heuer im Februar, gar um den zehnten, ist es anders. Brecht wird 100. Ganz passend ist es ja nicht, dass das gerade hier geschieht. Die Ostakademie, deren Vize Brecht war, ist zwar hierhin vereinigt, aber Brecht im Interbau-Ambiente…
“Warum nicht?” sagt meine kluge Freundin. “Brecht ist doch typisch 50er Jahre.” Naja, wenn man die 50er Jahre erlebt hat, dann hieße es, Brecht auf seine Irrtümer festlegen, wenn man ihn bei Adenauer und Heinrich Brentano einordnet.
Erst sitzen wir im Vestebül. Es ist gut bewirtschaftet. Für uns ist gerade noch ein Plätzchen. Überall Jugend. Neben uns die Gruppe spielt Skat. Die Mädchen lachen, laut und leise. Die Lehrerin ist jung und hübsch, nur schwer von den Schülerinnen zu unterscheiden. Sie scheint auch nicht übermäßig viel Lust auf Brecht zu haben. Zwangsbesucher.
In Deutschland wird die Pädagogik aufgeboten, um aus gewissen Wörtermachern Klassiker zu machen. Brecht – ein Muss. Als wir in den halbdunklen Ausstellungssaal über die Rampe gehen, auf die man zuerst hingeführt wird, und die Fotos betrachten, sagt meine Freundin: “So ein kleines Männchen. Sieht ängstlich aus und schüchtern.” Ja, so sieht er aus. Früher ist mir das nicht so aufgefallen wie hier unter den lustigen und vorzüglich am eigenen Leben interessierten Schülerinnen. Sie werden mit ihm fertig: “Ich habe gehört, dass 90 Prozent von Brecht gar nicht von Brecht ist, stimmt das?”. “Ja und nein”, sagt die Führerin, “90 Prozent ist aber keine passende Zahl.” Die Stücke von Shakespeare sind gar nicht von Shakespeare, sondern von einem anderen Mann gleichen Namens. Tucholsky? Für heute sagen wir: von b.b. selbst.
Diese Ausstellungshalle ist ein Halbgrab. Ikea-Vitrinen schräg aneinander. Bücher, Schriftstücke, Unanschaulichkeiten. Aber als ich den kleinen Zettel sehe mit: “Als ich in weißem Krankenzimmer der Charité / Aufwachte gegen Morgen zu / und die Amsel hörte…” packt mich die Rührung und ich möchte nicht weiterlesen, weil ich – auf die ungewissen Schläge meines Herzens lauschend – es auch besser wissen müsste. Ich will aber nichts wissen.

Ich dränge hinaus, aus dem Dunkel ins Licht. Wir bleiben noch ein bisschen unter den Kindern (“Jugendlichen”, sagt meine Freundin), denen Brecht gleichgültig ist, das freut uns, obwohl die Hoffnung gering ist, dass der arme b.b. vor der Klassizität der Schulbücher und Rahmenpläne gerettet werden kann. Dann gehen wir zu den beiden Alten.
Wir sagen: “zu den beiden Alten” in Erinnerung an die beiden alten Schwestern, die das Cafe an der Ecke zum Holsteiner Ufer so sorgfältig betrieben vor Jahren, den guten Baumkuchen gibt’s noch immer bei freundlicher Bedienung, bestellen muss man an der Theke, bitte.
“Wenn gegenüber erst das Innenministerium eingezogen ist”, sagt meine Freundin, “werden die großen Lauschangriffs-Schüler hierüber hören müssen und mit uns ihre Übungen machen.”
Dann gehen wir, Arm in Arm, links an der Spree und rechts an Herzogs Mauer entlang. Heute kommen keine Grenzschützer, um uns zu kontrollieren; Herzog ist wohl nicht da, der hohe Staatsgefangene. Meine Freundin hat keine genaue Vorstellung über das künftige Kanzleramt, ich versuche, ihr zu erklären, was hier in der Nähe, mehr drüben, jenseits des Spreeweges, entsteht und was die Kräne bedeuten, die sich langsam und würdevoll vor dem blau-grauen Himmel bewegen.
“Wäre Bonn nicht doch eine ganz gute Hauptstadt geblieben?” sagt sie. In Wirklichkeit gab es aber doch diese Alternative gar nicht. Das Parlament ist doch jetzt in Bonn schon fast tot; ein Denkmal des Wahlergebnisses, ein Bunker der Unbeweglichkeit. “Wird dieses Bundeskanzleramt nicht ein bisschen zu groß für X oder Y oder ihn?” fragt sie, ohne wirkliche Lust auf eine Antwort. Vor allem X oder Y, die sie politisch lieber hat als K, findet sie in Bezug aufs Ambiente klein, während wir jetzt durch den Tiergarten gehen und niemanden treffen.

Erst als wir uns am Verkehr der Entlastungsstraße entlang gedrückt haben und drüben auf die Südseite der Allee gelangt sind, die nach dem Tag heißt, über den sich b.b. laut und leise geäußert hat wie viele, die später das Leise, das schlecht hörbar war, lauter wiederholt wünschten als das Laute, das vernommen worden war, erst da treffen wir Menschen, ein Paar auch, sie kommen mir älter vor als wir, aber meine Freundin lacht nur kurz auf, drückt mich dann jedoch in den Arm, vielleicht hätte sie gesagt: Aber unsere Liebe ist doch noch jung, aber wir stehen ja mit den anderen da und betrachten die Schneeglöckchen, die sie plötzlich gesehen und mit einem Ausruf begrüßt haben, der auch uns verhalten ließ.
“Ehe noch andere kommen, die sie abreißen und wegwerfen, nehme ich sie lieber mit”, sagt die andere Frau und bückt sich schon. “Aber hier sind sie doch so schön”, sagt meine Freundin. “Ach ja”, sagt die andere und richtet sich wieder auf. Wir lächeln uns an.
Drüben steht der Sowjetsoldat, der in den Himmel blickt von seinem Staatsdenkmal. Die T34 sehen richtig niedlich aus gegen die Kriegsmaschinen von heute, denke ich. Die jeweils vergangenen Kriege waren immer harmloser als die, die kamen.
“Sie werden doch nicht wirklich Bomben auf Bagdad werfen”, sagt meine Freundin. Nein denke ich, nicht wirklich: sie werden im TV zuschauen, da sieht es aus wie Hollywood. Wir gehen durchs Brandenburger Tor, betrachten die Speer-Nachfolge links und rechts.

Im Rest der Akademie spielt ein Stück über Speer. Hitlers Architekt ist doch ziemlich siegreich, sagen wir, sagen wir nicht. Siegreich, das klingt akademisch.
Warten wir ab, welche Widerlegungen die Glasfassade vor der neuen alten Akademie vortragen wird. Im Adlon hier hinten hatte Brecht seinen ersten Nachkriegs-Wohnsitz in Berlin. “In diesem Adlon hier aber nicht”, sagt meine Freundin, während wir zur S-Bahn hinunter steigen, die Oberwelt über uns lassend, die uns schon keine Erinnerung mehr gestattet an gestern, den Juli/August 1961 zum Beispiel, als wir ankamen in Berlin, in dem wir nun alt geworden sind. Ein anderes Ordnen als Unterdrücken gibt es nicht.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Schöne Aussicht. Schöne Aussichten.

Beschreiben, was man sieht, nicht, was man weiß. Die Örtlichkeiten haben keine Erinnerungen. Jedenfalls die meisten nicht. Sondern nur die, deren Leben angehalten wird und die aus der Gegenwart entlassen sind.
Allerdings ließen sich aus der Bellevuestraße, die zwischen Potsdamer und Kemplerplatz verläuft und früher als Straße direkt auf das königliche Bellevue hinführte, wie jetzt nur noch als Tiergarten-Allee, Geschichten erzählen. Manche davon sind exemplarisch; zum Beispiel die Erzählung über den Weg von Hugo Stinnes, dem zweifelhaften, am 23. Juni 1922, abends, nachts, gegen zehn Uhr, in die amerikanische Botschaft, wo Walther Rathenau auf ihn wartete, zu einem wirtschaftspolitischen Streitgespräch, das sie zurückkehrend im Hotel Esplanade am Potsdamer Platz fortsetzten bis vier Uhr morgens. Da hatte Rathenau nur noch knappe sieben Stunden zu leben.
Nun ist er schon lange tot. Auch das Haus ist weg, in dem hinten in der Victoriastraße, unter der Staatsbibliothek vielleicht, seine Mutter gewohnt hatte, der er zunächst gar nicht hatte sagen wollen, dass er Außenminister geworden war. Sie wusste, dass auf einen reichen jüdischen deutschen Außenminister in Deutschland der Tod stand. Die ganze AEG ist weg, die ganze Bellevuehaftigkeit. Was davon erinnerungswürdig ist, gehört in einen anderen Zusammenhang als einen örtlichen.

Ich komme mit dem 129er, um vom Anhalter Bahnhof auf die Bellevuestraße zuzugehen, also von Kreuzberg; in der Schnelle hat man hier drei Bezirke betreten, die vielleicht irgendwann ein einziger sein werden.
Das ältere Berliner Ehepaar, das vor mir auf dem Oberdeck des Busses sitzt, ist vom An- und Ausblick begeistert:
“Ham se nicht hier ooch son Zeichen raufgesetzt?”
“Wo?”
“Auf die Filharmonie” (meint aber die Stabi).
“Wat fürn Zeichen?”
“Na, wie auf Mercedes” (meint aber debis).
“Nee, is bloß’n Kran!”
“Mehr als bloß einer! Sinn allet Kräne hier!”
Als ich am Anhalter Bahnhof ausgestiegen und die Stresemannstraße nordwärts gegangen bin, zähle ich 29 Kräne, links und rechts und geradezu. Am Anhalter Bahnhof überfallen mich Kindheitserinnerungen. Ich lag in einer Zinkbadewanne, auf einer dichten roten Bettdecke, ganz oben im Gang des Zuges, der keine Ausfahrt erhielt, als die Bomben fielen. Nichts für ungut, denke ich heute manchmal, was haben die Väter gedacht, die diese Bomben auf Kinder geworfen haben? Auch wenn es Kinder im Reich Adolf Hitlers waren, so waren es doch Kinder.
Die Welt der Erwachsenen taugt nichts, spreche ich zu mir, während ich am Beginn der Bellevuestraße nicht nur längst ein Erwachsener, sondern auch einer bin, der das Leben schon ab- und auszustoßen beginnt.
Hier entsteht gewaltig Neues, nachdem das Alte zusammengeschmissen war. Aber es gibt immer noch Soldaten, immer noch Männer, die erzogen werden, um befehlsmäßig auch Kinder umzubringen, Orden dafür bekommen, Ehrenzeichen. Die Moral funktioniert nicht. Auch in der Welt nicht, für die ich mitverantwortlich bin.
Wohin bietet die Bellevuestraße ihre schöne Aussicht? Wir haben 1944, 1945 gute Aussichten gehabt, als wir dachten, wir hätten gar keine. Der Bahnhof, der unter den Bomben lag, die schönen Villen in der Victoriastraße, die Victoriastraße selbst; weg, in Asche gesunken; die Ruinen sind abgerissen, wir sind noch da. Haben nicht Soldaten sein müssen, weiße Jahrgänge, haben nirgendwo Bomben geworfen, nirgendwo Kinder umgebracht. Außer dadurch, dass wir gut gelebt haben vom Hunger der Kinder in Afrika (sagt Manfred Jagusch, der für mich hier fotografiert und mit dem ich vor fast 50 Jahren auf derselbern Schulbank gesessen habe). Beschreiben, was man sieht, nicht das, was man weiß, den Erinnerungen das Eindringen in die Gegenwart verweisen, so leicht ist das nicht. Hier geht es aber gut.

Als ich am Beginn der Bellevuestraße stehe, einer donnernden Autostraße, im Staub und eisigen Wind, sehe ich – wie gesagt – 29 Kräne, gelbe, blaue, einige rote. Die Straße ist eigentlich zur Zeit gar nicht vollständig. Zum Leipziger Platz, der als Platz derzeit nur schwer zu erkennen ist, spannt sie sich über eine breite Betonbrücke, die für die Fußgänger ein zitternder Holzsteg ist, von dem man hinunter einen atemberaubend steilen Blick in den werdenen Bahntunnel hat. Die Arbeiter unter ihren bunten Helmen ganz klein, direkt unterm Betrachter; die Senkrechtigkeit des Blickes erlaubt es kaum, sich selbst und die unten durch den Maschinenlärm Rufenden als Teile der selben Wirklichkeit zu begreifen.
Hier besteht das Gelände nur aus Technik, das Grün des Adlon hinten, das Goldgelb der Philharmonie vorne sind Illustration einer vibrierenden Baustelle, in der das breite Plakat für die Comedian Harmonists die ganze Vergeblichkeit von Imitationsversuchen vermittelt. Was war, kommt nicht wieder. Es ist überhaupt keine Erinnerung an das Gewesene mehr möglich. Selbst fertige Bauten, sogar Mies van der Rohes Neue Nationalgalerie und die geschwungenen Formen von Scharouns Philharmonie und Staatsbibliothek wirken wie Baustellenzutaten. Nur Stülers Matthäuskirche, letztes Zeugnis des verschwundenen Prominenten-Viertels aus der Mitte des [vor]vorigen Jahrhunderts, unterscheidet sich. Was die Stiftung Preußischer Kulturbesitz der Bellevuestraße gegenüber gebaut hat, vertritt den Baustellenstil, wirkt unfertig, aber aufwärtsweisend. Nachdem ich das die Bellevuestraße beendende Biegungs-S durcheilt habe und aufblicke, wirkt der grüne debis-Würfel auf der Abzugsesse, als ob er auch für die Staatsbibliothek gelte.
Die Brüder Grimm und ihre internationale Ausstrahlung heißt eine Ausstellung, die die Stabi ankündigt. Eine Straße weiter hinten, Linkstraße, sozusagen unter debis haben sie gewohnt, weil sie Ruhe haben wollten vor der lärmenden Stadt. Namen erhalten Orte nicht.
Die Bellevuestraße ist eine der aufregendsten Straßen Berlins. Viel Stoff für einen, der sagen will: Ogottogott. Noch mehr für einen der sagen will: Vergangenheit ade, die Zukunft Berlins hat begonnen.
Durch die enge Straßenschlucht weht ein kalter Wind. Jetzt, im Dezember. Aber der Frühling kommt und der Sommer.

Aus: Spaziergänge in Berlin (1990er Jahre)




Der Tiergarten

Der Tiergarten ist der Central Park Berlins. Seine Entstehungs­geschichte geht auf das Jahr 1530 zurück. Kurfürst Joachim I. erwarb dafür Ackerland von Bürgern der Stadt Cölln, insgesamt umfasste das Gelände ca. 250 Hektar und diente vor allem dem Adel zur Jagd. Es war komplett umzäunt, damit das Wild nicht auf die umliegenden Äcker laufen konnte. Drei sogenannte “Stakensetzer” waren dafür zuständig, den Zaun stets in Ordnung zu halten. 1655 wurde das Gelände durch Zukäufe im Norden bis über die heutige Straße Alt-Moabit hinaus vergrößert. Diese Gegend gehörte damals noch zur Jungfernheide.

In den 1690er Jahren änderte sich das Erscheinungsbild: Als Verlängerung der Straße Unter den Linden wurde der alte Feldweg nach Lietzow ausgebaut, 1697 wurde die Straße zur Lietzenburg (heute Schloss Charlottenburg) fertiggestellt. Zu dieser Zeit entstand auch der Große Stern. Friedrich II. ließ die Umzäunung entfernen und den Wald von Georg Wenzeslaus von Knobelsdorffumgestalten, 1784 wurde zusätzlich das Schloss Bellevue errichtet. Wesentliche Umgestaltungen fanden von 1832 bis 1840 statt, Gartenbaudirektor Peter Josef Lenné schuf einen Landschaftspark, Sümpfe wurden trockengelegt, Spazier- und Reitwege angelegt.

Der Tiergarten entwickelte sich zum Ausflugsort. Südlich der Spree, rund um die heutige John-Foster-Dulles-Allee entstanden Biergärten für mehrere zehntausend Besucher. Die Straße selber wurde “In den Zelten” genannt, da viele der Gaststätten in großen Zelten untergebracht waren.
Im Jahr 1881 ging der Tiergarten vom königlichen Besitz in das Eigentum der Stadt Berlin über. In diesen Jahren wurde vor allem der nördliche Teil des Parks immer mehr verkleinert, parzelliert und die Grundstücke an Investoren verkauft. Vom einstigen Tiergarten nördlich der Spree blieb nur noch ein Grünstreifen mit dem Namen “Kleiner Tiergarten” übrig.

Im extrem kalten Winter 1948 sägten die Berliner einen Großteil des Baumbestandes ab, weil Heizmaterial knapp war. Auf den einstigen Rasenflächen wurden Kartoffeln und Gemüse angepflanzt, weil die katastrophale Versorgungssituation eine Selbstversorgung der Menschen nötig machte.
Erst Anfang der 50er Jahre konnte mit dem Wiederaufbau des Tiergartens begonnen werden. Unter der Leitung des Gartenbaudirektors Willy Alverdes kam es zu einer Wiederaufforstung, die Wege wurden erneuert sowie einige der Denkmäler wieder aufgestellt.
Jahre später ankerten am westlichen Ende des Parks, in einem Seitenarm des Landwehrkanals, mehrere Hausboote, die bis heute dort liegen.

Durch den Mauerbau war die westlich des Parks verlaufende Ebertstraße für den Nord-Süd-Verkehr auf der West-Berliner Seite unterbrochen. Innerhalb von sechs Wochen wurde eine Entlastungsstraße gebaut, vom Kemperplatz aus quer durch den Tiergarten über die Straße des 17. Juni bis zum Platz der Republik. Seit 1995 entstand parallel der Tiergartentunnel, der 2006 öffnete. Gleichzeitig wurde die Entlastungsstraße geschlossen.
Danach konnte der gesamte östliche Teil des Tiergartens neu gestaltet werden. Dabei ist auch der Schneckenberg an der Ecke Ebert-/Lennéstraße teilweise abgetragen worden, der Jahrzehnte lang im Dickicht des Parks verborgen lag und den meisten nur von Theodor Fontane bekannt war.

Heute ist der Park ein unverzichtbarer Ort der Erholung mitten in der Stadt. Einige Areale werden für besondere Aktivitäten genutzt, es gibt den Fitness-Parcour, einen großen Spielplatz, das Café am Neuen See und das Gay Cruising Area. Im wasserreichen westlichen Teil des Park existiert zudem eine Insel, die bis in die 90er Jahre hinein begehbar war. Aus Gründen des Naturschutzes wurde die Brücke dorthin jedoch gekappt.




Die Siegessäule

In den 90er Jahren des 20. Jahr­hunderts gelangte die Siegessäule im Tiergarten zu internationaler Berühmtheit: Jährlich stand sie im Zentrum der Love Parade, zeitweise zogen über eine Million junger Menschen an ihr vorbei. Der goldene Engel machte sich auch gut für die Fernsehkameras, so ist sie heute weltbekannt. Doch so friedlich wie die Love Parade ist die Geschichte der Siegessäule nicht, das zeigt auch schon ihr Name.
Tatsächlich erinnert sie an gewonnene Kriege und an einen, der zwar gewonnen werden sollte, dann aber doch verloren wurde. Aber der Reihe nach:
1873 wurde sie als erstes Nationaldenkmal des noch jungen Reichs nach Plänen von Johann Heinrich Strack errichtet. Damals fehlte noch die obere, vierte Reihe. Die monumentalen Mosaiken in der Säulenhalle und die Reliefs entstanden nach Zeichnungen berühmter Bildhauerkünstler und Akademiemitglieder wie Anton von Werner, Alexander Calandrelli und Karl Keil. Die Säule, die vorläufig noch auf dem damaligen Königsplatz vor dem Reichstagsgebäude stand, erinnerte an die Siege im deutsch-dänischen, preußisch-österreichischen und im deutsch-französischen Krieg. Dazu wurden in drei Reihen übereinander vergoldete erbeutete Kanonenrohre angebracht, die auch heute noch gut zu erkennen sind. Angeblich auf direkte Anordnung Hitlers kam 65 Jahre später oben eine zusätzliche Reihe dazu, deren Kanonenrohre jedoch nicht echt sind. Die vierte Reihe sollte vielleicht an den erneuten Krieg gegen Frankreich erinnern, den Hitler zu gewinnen dachte. Möglicherweise diente sie aber auch nur der Korrektur, denn die kleinere Säule machte doch einen recht gedrungenen Eindruck.

Bis 1938 stand die Siegessäule also auf dem Platz vor dem Reichstag und damit Albert Speers Plänen für das monumentale Germania-Projekt im Wege: Gleich daneben war nämlich der Bau der “Großen Halle” vorgesehen und so wurde sie an die geplante Siegessallee umgesetzt – Stein für Stein abgebaut und am Großen Stern wieder neu errichtet. Die Standbilder von Bismarck, Moltke und Roon begleiteten sie vom Königsplatz. Der Große Stern war zu diesem Zeitpunkt schon das Zentrum des Tiergartens. Speer ließ ihn von 80 auf 200 Meter Durchmesser vergrößern, in die Mitte kam die neue alte Siegessäule, nun mit 69 statt der vorher 61 Metern Höhe. Der quadratische Sockel wurde um einige Meter verbreitert.

Auch nach dem 2. Weltkrieg kam die Siegessäule nicht zur Ruhe. 1945 sollte sie gesprengt werden, wie alle kriegsverherrlichenden deutschen Denkmäler. Doch als die Franzosen im Konkrollrat der Abriss beantragten, lehnten Briten und Amerikaner ab, die Sowjets enthielten sich. Die formaljuristische Begründung: Bei der Siegessäule handelte es sich um ein Bauwerk, das vor dem 1. August 1918 errichtet worden sei. Dieses Datum, der Beginn des 1. Weltkriegs, war der Stichtag, der über Erhalt oder Sprengung solcher Denkmäler entschied. Dass die Franzosen die Säule gerne zerstört sähen, ist verständlich: Immerhin waren sie die Verlierer der preußisch-deutschen Einigungskriege des 19. Jahrhunderts. Und das Bauwerk, mit denen die Deutschen ihren Sieg dokumentierten, war die Siegessäule, mit ihren Reliefs, Mosaiken und dem goldenen Siegesengel.
Dabei sprach sich sogar der Magistrat für einen Abriss aus, jedoch vergeblich. Lediglich die Bronzetafeln, die an die Kriege gegen die Frankreich und Dänemark erinnerten, wurden nach Paris und Kopenhagen abtransportiert. Erst zum 750. Stadtgeburtstag im Jahr 1987 kamen sie wieder zurück.
1951 begann der West-Berliner Senat mit der Wiederaufforstung des Tiergartens auch die Instandsetzung der Siegessäule. 2010 folgte eine Grundsanierung, bei der auch die Kanonen sowie der Engel neu vergoldet wurden.

Heute ist die Säule einer der beliebtesten Aussichtstürme der Stadt und der einzige, dessen Plattform man nur zu Fuß erreichen kann. Seit vielen Jahren hat sie eine weitere Funktion: Sie ist Namensgeberin eines kostenlosen schwulen Stadtmagazins, dessen Klientel ganz nahe seine sexuelle Befriedigung sucht. Nur wenige Meter südwestlich des Großen Stern ist das größte Gay Cruising Area der Stadt. Und somit hat sie ihren Makel des Kriegerischen wohl endgültig abgelegt.




Tempodrom

Das Tempodrom ist ein Stück Berliner Geschichte. Kulturgeschichte, Szenegeschichte, West-Berliner Geschichte. 20 Jahre lang entwickelte es sich, meist weitab von den finanziellen Fleischtöpfen der Hochkultur, doch immer auch als Aushängeschild des Berliner Senats, erst west- dann gesamtdeutsch.
Dabei hatte Irene Moessinger im Mai 1980 sicher nicht beabsichtigt, in die höheren Sphären der Berliner Kulturpolitik aufzusteigen, eher das Gegenteil war angesagt. Denn sie gehörte damals zu alternativen Szene, die sich gerade in der Blüte befand. Wortwörtlich im Schatten der Mauer am Potsdamer Platz stellte sie mit ihren Freunden ein ehemaliges Zirkuszelt auf, 3.000 Personen fanden hier Platz, in einem kleineren Zelt nochmal 500. Dafür hatte sie ihre Erbschaft geopfert. Mit dem Zelt erfüllte sie sich einen Traum: Ein eigener Veranstaltungsort für Konzerte, Theater, Tanzveranstaltungen, Partys, Festivals. Und hier fand in der Folgezeit tatsächlich ein Regenbogen von Veranstaltungen statt. Politische Diskussionen und klassische Konzerte wechselten mit Tango-Abenden und internationalen Theatergruppen.

Vor allem die Rock- und Pop-Konzerte machten das Tempodrom berühmt. Ob Gianna Nanini oder die Politrocker Ton Steine Scherben, Wolf Biermann, die Toten Hosen oder die Künstler der damals noch Neuen Deutschen Welle, bis 1983 zeigte sich die gute Nase, die Irene Moessinger mit dem Tempodrom hatte.

Nach vier Jahren musste das Zelt erstmals seinen Standort am Potsdamer Platz verlassen, es wechselte in den Tiergarten, auf einen Teil des Parkplatzes der damaligen Kongresshalle, heute Haus der Kulturen der Welt. Im selben Jahr 1984 erfüllte sich die Kulturzirkus-Direktorin einen weiteren Wunsch: Sie ging mit dem Tempodrom auf Tournee.
Dann begannen die Vorstellungen am neuen Standort, viele Konzerte und Gay-Events folgten, bis der Fall der Mauer Ende 1989 und dessen Auswirkungen das Ende für den Standort Tiergarten bedeutete: Die Bundesregierung wollte nach Berlin umziehen, das Tempodrom stand plötzlich dem neuen Kanzleramt im Wege, ein neuer Umzug würde nötig.

In dieser Situation fiel die Entscheidung für einen endgültiges Standort, diesmal nicht mehr mit Zelt und Zirkuswagen, sondern in einem richtigen Haus. Aus den eigenen Einnahmen war das nicht zu finanzieren, so gaben auch der Senat und die Bundesregierung Gelder dazu, zudem konnte Jeder einen Stein den neuen Tempodroms finanzieren, das immerhin 50 Millionen Mark (25 Mio Euro) kostete.
Doch bis es soweit war, folgte ein weiterer Umzug, in ein Ausweichquartier nahe des Ostbahnhofs in Friedrichshain. Seit dem 1. Dezember 2001 aber befindet sich das “Neue Tempodrom” am Anhalter Bahnhof in Kreuzberg. Der Neubau lehnt sich optisch an einen Zeltbau an, diese besondere Architektur schlug sich natürlich auch in den Kosten nieder. Ein “tanzendes Zelt” nannte es der Sänger Klaus Hoffmann, der dem Tempodrom wie viele andere schon von Anfang an verbunden ist.
Für Irene Moessinger endete der Traum allerdings als Debakel. Das neue Projekt war zu groß, es folgte die Insolvenz und noch Jahre danach Gerichtsverfahren. Heute hat sie nichts mehr mit dem Tempodrom zu tun.